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Verlag Traugott Bautz
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THEINER, Johann Anton, Theologe, * 5.12. (nach einigen Quellen 15.12.) 1799 in Breslau, † 15.5. 1860 ebd. - Th., Sohn eines Schuhmachers, wurde in eine arme, fromme Familie hineingeboren. Nachdem er die Domschule in Breslau absolviert hatte, ermöglichte ihm ein kirchliches Stipendium den Besuch des Matthiasgymnasiums (1811-1818) sowie das Studium der Katholischen Theologie an der Universität seiner Heimatstadt (1818-1822). Aber schon in den ersten Semestern kamen Th. Zweifel an der Richtigkeit seiner Berufswahl, denn er stieß sich an einzelnen Dogmen und Mißständen in der Kirche. Schließlich ließ er sich vom Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät zur Fortsetzung seines Studiums bewegen. In dem rationalistisch und kirchenkritisch denkenden Professor Anton Dereser fand Th. einen Ansprechpartner und Förderer. 1822 empfing er die niederen Weihen, am 15.3. 1823 die Priesterweihe. Danach absolvierte er eine kurze Kaplanszeit in Zobten am Bober (1823-1824) und Liegnitz (1824). 1823 wurde er mit einer Abhandlung über die arabische Übersetzung des Pentateuch zum Doktor der Theologie promoviert, ein Jahr später habilitierte er sich mit einer in der Fachwelt heftig umstrittenen Arbeit über das Recht zur Aufstellung von Ehehindernissen, das er, entgegen der katholischen Rechtsauffassung, allein dem Staat zuerkannte. Aufgrund des akuten Mangels an Hochschullehrern erhielt der junge Th. bereits 1824 einen Ruf als außerordentlicher Professor für Kirchenrecht und Pastoraltheologie an die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Breslau. In der Folgezeit mußte er auch Vorlesungen in Exegese, Alter Kirchengeschichte und den Praktisch-Theologischen Fächern halten. 1826 versuchte Th., mit einer Arbeit über die Pseudo-Isidorischen Dekretalen an der Juristischen Fakultät in Breslau zum Doctor iuris canonici zu promovieren, doch wurde ihm dieser Titel aberkannt, weil das eingereichte Werk überwiegend aus Plagiaten bestand. Etwa zu derselben Zeit erschien eine anonyme Schrift mit dem Titel »Die Katholische Kirche Schlesiens, dargestellt von einem katholischen Geistlichen«, welche in übelstem Stil die Mißstände in der katholischen Kirche anprangerte und unter anderem folgende Reformen forderte: Abschaffung des Zölibats, des Breviergebetes, der Wallfahrten, der Heiligenverehrung und »abergläubischer« Gebetbücher, Umwidmung der Meßstiftungen zu sozialen Zwecken sowie Gebrauch der deutschen Sprache im Gottesdienst. Diese Reformen sollten mit Hilfe des Staates durchgeführt werden, da vom Papst und den ultramontan gesinnten Bischöfen keine Hilfe zu erwarten sei. Zu Recht wurde in Th. der Verfasser dieser radikalen Schmähschrift, auch »Liber Gomorrhianus« genannt, vermutet, hatte er doch aus seiner Kirchenkritik kein Hehl gemacht (ein 1830 in Altenburg erschienenes Werk mit dem Titel »Der `Katholischen Kirche' zweiter Teil oder Paragraphen zu einer neuen Verfassungsurkunde derselben mit Begründungen aus Geschichte, Christentum und Vernunft« ist zwar im Geiste Th.s verfaßt, geht aber nicht auf ihn als Autor zurück). Das Buch erregte Aufsehen und veranlaßte elf schlesische Priester zu einer Eingabe (»Erster Sieg des Lichtes über die Finsternis in der katholischen Kirche Schlesiens«) an Fürstbischof Emanuel von Schimonsky-Schimoni, die im wesentlichen die dort erhobenen Reformforderungen aufgriff. Als der Ordinarius dem Diözesanklerus jede eigenmächtige Neuerung im Gottesdienst verbot, antwortete Th. auf das »Merkwürdige Umlaufschreiben des Fürstbischofs von Breslau« wiederum mit einem anonymen Pamphlet. Sowohl Th. als auch die übrigen schlesischen Reformer setzten ihre Hoffnung auf König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, an den sich vier Pfarrer zusammen mit Gutsbesitzern am 2.11. 1826 sogar direkt mit der Bitte wandten, gegen die kirchlichen Mißstände einzuschreiten. Obwohl der Oberpräsident der Provinz Schlesien, Friedrich Theodor von Merckel, ihr Anliegen unterstützte, ging der König nicht darauf ein. Zwar sympathisierte die protestantische Staatsführung mit den Forderungen der schlesischen Neuerer, betrachtete aber deren Auflehnung gegen die überkommene Verfassung der katholischen Kirche als revolutionär und staatsgefährdend. Somit waren auch die Bestrebungen Th.s, der für den Aufruhr verantwortlich gemacht wurde, zum Scheitern verurteilt. Als er zusammen mit seinem Bruder Augustin Theiner (s. d.) 1828 die Schrift »Die Einführung der erzwungenen Ehelosigkeit bei den christlichen Geistlichen und ihre Folgen« veröffentlichte, worin der Zölibat scharf verurteilt und die Moral des Klerus kritisiert wird, mußte er 1830 seine Professur an der Universität Breslau aufgeben. Einen Ruf der als reformfreudig geltenden Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Freiburg als Ordinarius für Biblische Sprachen hatte Th., obwohl auf philologischem Gebiet spezialisiert, 1829 abgelehnt. Nach dem Verlust seiner Professur übernahm er zunächst die Pfarrstelle in Polsnitz, 1836 die Pfarrei Grüssau und im Jahr darauf die Pfarrei in Hundsfeld. Trotz seiner kritischen Haltung zur Amtskirche war Th. den ihm anvertrauten Gläubigen ein eifriger Seelsorger. Seine Reformbestrebungen, die er noch immer nicht aufgegeben hatte, trafen sich mit den Zielen der von Johannes Ronge und Johannes Czerski gegründeten deutschkatholischen Kirche. Im Sommer 1845 trat Th. aus der katholischen Kirche aus und schloß sich dem Deutschkatholizismus an, worauf ihn der Fürstbischof von Breslau, Melchior von Diepenbrock, im Oktober 1845 exkommunizierte. Sowohl die deutschkatholische Gemeinde in Berlin, für die Th. eine Gottesdienstordnung ausgearbeitet hatte, als auch die Deutschkatholiken in Breslau trugen Th. die Gemeindeleitung an. Er entschied sich für Breslau, legte seine Predigerstelle aber bereits am 13.2. 1846 wieder nieder wegen persönlicher Differenzen mit Johannes Ronge, in dem Th. den Nutznießer der von ihm seit Jahren verfochtenen Kirchenkritik sah. In der 1845/46 erschienenen Schrift »Die reformatorischen Bestrebungen in der katholischen Kirche« griff er Ronge massiv an und rechtfertigte in einem autobiographischen Teil zugleich seinen Austritt aus der katholischen Kirche. Obwohl sich Th. dadurch den Zorn der Deutschkatholiken zugezogen hatte, die ihn, wie z. B. Ottomar Behnsch, in Gegenschriften bekämpften, hielt er in der Folgezeit noch verschiedene Gottesdienste in deutschkatholischen Gemeinden ab. Finanziell unterstützte ihn der Breslauer evangelische Stadtrat Wilhelm Wittig. In einem Brief vom 3.3. 1855 erwähnte Th., daß von katholischer Seite, unter anderem von seinem Bruder Augustin in Rom, Bemühungen im Gange seien, ihn zur katholischen Kirche zurückzuführen, doch sei er bereits zur evangelischen Kirche übergetreten. Ob diese Mitteilung der Wahrheit entsprach, läßt sich nicht ermitteln; Ort und Zeit des Übertritts sind jedenfalls nicht nachweisbar. 1855 erhielt Th. auf Fürsprache König Friedrich Wilhelms IV. eine Stelle als Kustos an der Universitätsbibliothek Breslau; 1857 stieg er zum Sekretär auf, wodurch sich seine dürftigen Lebensverhältnisse verbesserten. Am 15.5. 1860 starb Th. an Typhus in seiner Heimatstadt. - Th. zählt zu den Hauptvertretern der spätaufklärerischen sogenannten neologischen Theologie in Schlesien, die sich schließlich in der deutschkatholischen Bewegung radikalisierte. Angesichts der politischen Restauration im Vormärz und der ultramontanen Ausrichtung der katholischen Amtskirche waren ihre Reformbestrebungen jedoch zum Scheitern verurteilt. Unabhängig von den historischen Gegebenheiten ist Th. allerdings in Stil und Ausmaß seiner Kirchenkritik zu weit gegangen, auch wenn einige seiner Anliegen berechtigt waren.
Werke: Descriptio codicis manuscripti, qui versionem Pentateuchi Arabicam continet, asservati in bibliotheca universitatis Vratislaviensis ac nondum editi, cum speciminibus versionis Arabicae. Commentatio bibliographica (Diss. theol.), Breslau 1823 (zuerst erschienen 1822 als Festschr. des Alumnats zum goldenen Priesterjubiläum seines Rektors Simon Sobiech, ergänzt um eine Würdigung des Jubilars: Brevis narratio de vita et meritis sacerdotis jubilaris); Variae doctorum catholicorum opiniones de jure statuendi impedimenta matrimonium dirimentia (Habil. theol., Breslau 1824), Breslau 1825; Die Katholische Kirche Schlesiens, dargestellt von einem katholischen Geistlichen, Altenburg 1826 (anonym; 2. Aufl. u. d. T. Die Katholische Kirche, besonders in Schlesien in ihren Gebrechen dargestellt von einem katholischen Geistlichen, Altenburg 1827); Erster Sieg des Lichtes über die Finsternis in der katholischen Kirche Schlesiens. Ein interessantes Aktenstück, Hannover 1826 (anonym); De Pseudo-Isidoriana canonum collectione (Diss. iur. can., Breslau 1826), Breslau 1827; Merkwürdiges Umlaufschreiben des Fürstbischofs von Breslau an die gesamte Diöcesangeistlichkeit, begleitet mit einer Vorerinnerung und mit Anmerkungen. Nebst einer Zugabe, enthaltend Beiträge zu einer Parallele zwischen dem jetzigen Fürstbischof von Breslau und seinem Vorgänger, Hannover 1827 (anonym); Die zwölf kleinen Propheten in der Art und Weise des von Brentano-Dereserschen Bibelwerkes übersetzt und erklärt, Leipzig 1828; Die Einführung der erzwungenen Ehelosigkeit bei den christlichen Geistlichen und ihre Folgen. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte, 2 Bde./3 Abt., Altenburg 1828-1830 (zus. mit seinem Bruder Augustin Theiner; 2. Aufl. Altenburg 1845; neu hrsg. v. Friedrich Nippold, Barmen 1892-1898; verkürzt hrsg. v. Wally Mehnert, 1932); Zur Berichtigung der Ansichten über die Aufhebung der Ehelosigkeit bei den katholischen Gemeinden. Ein Zuruf mehrerer katholischer Seelsorger Schlesiens an ihre Gemeinden, Weimar 1828 (anonym); Die fünf Bücher Mosis in der Art und Weise des von Brentano-Dereserschen Bibelwerkes übersetzt und erklärt (auch u. d. T. Die heilige Schrift des Alten Testaments. Des ersten Teiles letzte Abteilung, das fünfte Buch Mosis enthaltend), Leipzig 1831; Die Meßfeier der deutschkatholischen Gemeinde zu Berlin. Nebst einem Vorbericht, Berlin 1845 (anonym; abgedruckt auch in: Gesänge für den katholischen Gottesdienst der christkatholischen Gemeinden, in Verbindung mit der von Dr. Theiner verfaßten Liturgie, Königsberg 1845); Liturgie der christkatholischen Gemeinden in Schlesien, Breslau 1845 (anonym; abgedruckt auch in: Gesänge für die gottesdienstliche Feier der christkatholischen Gemeinde zu Breslau, Breslau 1845; 2. Aufl. u. d. T. Gesänge für den Gottesdienst der christkatholischen Gemeinde zu Breslau, Breslau 1845); Die vom römischen Pabstthum befreite Deutsch-katholische Kirche, Leipzig 1845; Die reformatorischen Bestrebungen in der katholischen Kirche. Ein Sendschreiben zunächst an die Gemeinden zu Polsnitz, Grüssau und Hundsfeld, dann zugleich an alle katholischen Christen, denen die Offenbarung Jesu Christi als ewige und heilige Wahrheit gilt, 1. Heft, Altenburg 1845; Die reformatorischen Bestrebungen in der katholischen Kirche, 2. Heft: Mein Austritt aus der römisch-katholischen Kirche und die von Herrn Melchior, Fürstbischof von Breslau, über mich verhängte Exkommunikation. Nebst einigen Bemerkungen über des Herrn Fürstbischofs Melchior Hirtenbrief bei seinem Bistumsantritte, Altenburg 1846; Das Seligkeits-Dogma der römisch-katholischen Kirche geschichtlich dargestellt, Breslau 1847; Die verderbte Sittlichkeit der Theologen, in: Enthüllungen über Lehren und Leben der katholischen Geistlichkeit, Sondershausen 1862, 1-15; Die Sittlichkeit der Geistlichen, in: Ebd., 16-39.
Lit.: Johann Wilhelm Joseph Braun, Ueber die schriftstellerischen Leistungen des Herrn D. A. Th. Ein Beitrag zur richtigeren Beurtheilung der Begebenheiten in der katholischen Kirche Schlesiens, 1829; - F. A. Franke, Schattenriß eines großen Reformators oder Dr. A. Th. nach seiner Stellung in der Wissenschaft und im Leben, 1846; - Ottomar Behnsch, Dr. A. Th. als Widersacher von Johannes Ronge, 1846; - Hermann Gisinger, P. Th. und die Jesuiten, 1875; - J. Schlachcikowski, A. Th., ein Vorläufer des heutigen Modernismus. Studie zur Erinnerung an seinen 50jährigen Todestag, 1910; - Felix Haase, Leben und Schriften der katholisch-theologischen Dozenten an der Universität Breslau, 1913, 138 ff.; - Hanns Christiani, Ist A. Th. zur evangelischen Kirche übergetreten?, in: Evangelisches Kirchenblatt für Schlesien 30, 1927, 202 ff.; - Ernst Laslowski, J. A. Th., in: Schlesische Lebensbilder, Bd. IV, 19852, 347-353; - Hermann Hoffmann, A. Th. Ein Beitrag zur schlesischen Kirchengeschichte in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, in: ASKG 9, 1951, 74-143; 10, 1952, 226-278; 11, 1953, 169-209; 12, 1954, 199-232; 13, 1955, 228-267 (ausführlichste Biogr.); - ADB XXXVII, 677; - Wetzer-Welte XI, 1488 f.; - RGG VI, 732; - LThK X, 15.
Barbara Wolf-Dahm
Literaturergänzung:
1995
Rainer Bendel, Reformen d. Seelsorge im Zeichen d. Aufklärung, in: ASKG 53.1995, S. 191-208.
Letzte Änderung: 19.12.2008