THELEMANN, Karl Otto August, Theologe, Publizist, Konsistorial- und Schulrat des Fürstentums Lippe, * 8. März 1828 als Sohn des dortigen Apothekers in Hornbach/Pfalz (bei Zweibrücken), † 17. Januar 1898 in Detmold. - Karl Otto August Thelemann wurde am 8. März 1828 in Hornbach (damals bayerische Rheinpfalz) geboren. Nach einer, wie die älteren Lebensbeschreibungen ohne näheren Verweis betonen, "schweren Jugend- und ernsten Studienzeit" (er studierte von 1846 bis 1850 in Erlangen und Halle) wurde er 1854 Pfarrer in Iggelheim, gleichzeitig unterrichtete er am dortigen Lehrerseminar. 1857 wurde er Mitherausgeber der "Evangelischen Blätter", der damaligen pfälzischen Kirchenzeitung. 1860 wurde er Pfarrer in Winnweiler, auch hier mit Unterrichtsdeputaten verbunden. Dabei ist es im Gefolge des pfälzischen Bekenntnis- und Gesangbuchstreites (die Einführung der CA var., der Presbyterialverfassung und eines neuen Gesangbuches mit überwiegend reformatorischen Chorälen führten zu schweren Erschütterungen innerhalb der Landeskirche und u.a. zum Rücktritt von J.H.A. Ebrard (BBKL I, 1449-1450) als Konsistorialrat) zu schweren Zerwürfnissen mit dem Presbyterium gekommen, denn er weigerte sich, den (vom königlichen Dekanat bestätigten!) Beschluß des Winnweiler Presbyteriums zur Wiedereinführung des alten Gesangbuches auszuführen - u.a. mit dem Hinweis darauf, daß diese Beschlüsse auf dem "seit dem 19. April 1529 in der Kirche unberechtigten, Majoritätsprincip" beruhten. - 1861 wechselte er auf die reformierte Pfarrstelle in Erlangen, dort versah er ebenfalls den Religionsunterricht und gleichzeitig die Stelle eines städtischen Schulrates. Hier wurde er wiederum publizistisch tätig, nämlich als Mitbegründer des Neustarts der "Reformierten Kirchenzeitung" (an der Seite von Ebrard, der sich 1861 hatte pensionieren lassen und seitdem in Erlangen als Privatdozent lehrte; die erste Gründung der RKZ von Ebrard 1851 war 1853 schon wieder eingeschlafen); Thelemann war bis 1881 als Herausgeber der RKZ tätig. - Durch den Zufall, daß er 1863 bei der Dreihundertjahrfeier des Heidelberger Katechismus in Detmold den Festvortrag hielt, wurde man in der dortigen Schul- und Konsistorialverwaltung auf ihn aufmerksam. In Detmold war die Stelle des Direktors des Lehrerseminars und die ihr in Personalunion verbundene Schulratsstelle für das kleine Fürstentum vakant. Thelemann übernahm diese Doppelaufgabe, erreichte aber schon 1865, worum sich sein Vorgänger Begemann vergeblich bemüht hatte: daß die beiden Stellen getrennt wurden. Thelemann blieb Schul- und Konsistorialrat bis zu seinem Tode am 17. Januar 1898. Auch in Detmold wurde er zum Gründer einer Zeitung, des "Lippischen Volksblattes". - In Lippe war es Otto Thelemann, der die schon im Schulgesetz von 1849 angekündigte, aber nie ausgeführte Volksschulordnung endlich voranbrachte und 1874 auch einführte. 1876 wurde erstmals eine, an die preußische Ordnung angelehnte, einheitliche Prüfungsordnung für die Volksschullehrer erlassen. Und 1895 gelang ihm schließlich die grundlegende Umarbeitung des Volksschulgesetzes. Auch hier zeigte sich übrigens sein konservativer Geist: Thelemann war sein Leben lang gegen die Zulassung von Frauen zum Volksschullehramt, und so war Lippe der letzte deutsche Staat, der Frauen diesen Berufszweig öffnete (nämlich erst nach Thelemanns Tod). Dazu paßt, daß er in Lippe als Mitbegründer der Konservativen Partei auftrat und in die Politik einstieg. - 1874 war er eine der treibenden Persönlichkeiten zur Gründung der Kinderheilanstalt in Salzuflen, und auch für die Sophienanstalt in Detmold (ursprünglich als Heim für "sittlich gefährdete Mädchen") machte er sich stark. - Thelemann war, vielleicht geprägt durch die ihm in der Pfalz sehr nahen Ereignisse von 1848/49, eine patriarchalische, antidemokratische Persönlichkeit, die einerseits mit reformatorischer Strenge den Calvinismus vertrat und in letzter Konsequenz deswegen auch seine unierte pfälzische Heimat verließ, andererseits in kirchenväterlicher Art eine staatliche Behörde leitete und damit mehr als eine Generation von Lehrern (und so auch deren Schüler!) prägte. Fachlich hielt er sich auf der Höhe der Zeit, und als Vertreter sowohl der Schüler als auch "seiner" Lehrer bemühte er sich nach Kräften um die Förderung der Lehrerausbildung und die Lage der Volksschule, bis hin zur baulichen Ausstattung der Schulen und Lehrerwohnungen. An der endgültigen Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht und allgemeinverbindlicher Lernstoff- und Unterrichtsstandards hatte er für seinen Einflußbereich entscheidenden Anteil.
Werke: Iggelheim. Seine Geschichte und sein Jubelfest. Westheim 1856; Philipp Melanchthon. Westheim 1858; Erzählungen aus der Pfalz. Stuttgart 1862 (enthält: Reiterlud. Die Böhemmerjagd. Ein Vogelleben. Die Sternbuben) - Die Gnadentafel. Ein Communionbuch für Kinder Gottes. Bielefeld, Leipzig 1868; Franz von Sickingen. Stuttgart 1873; Die Sozialdemokratie nach ihrem Ursprung und ihrem Wesen. Detmold 1877; Friedrich III. ( in der Reihe: Evangelische Fürstenbilder) Westheim 1879; Handreichung zum Heidelberger Katechismus. Detmold 1888 (zahlreiche Auflagen).
Lit.: Schiller, Johannes: Pfälzisches Memorabile, 4. Teil. Westheim 1876; - Burre, Wilhelm: Das Lippische Lehrerseminar. Detmold 1925; - Butterweck, W.: Die Geschichte der Lippischen Landeskirche. Schötmar 1926; - Biundo, Georg: Pfälzisches Pfarrer- und Schulmeisterbuch (Geschichte der protestantischen Kirche der Pfalz - Palatina Sacra 1). Kaiserslautern 1930; - Biundo, Georg: Die evangelischen Geistlichen der Pfalz. Neustadt 1968; - Staercke, Max: Menschen vom lippischen Boden. Detmold o.J; - Bergholz, Thomas: Otto Thelemann, der Vater der modernen Volksschule in Lippe. In: Vestigia. Aufsätze zur Kirchen- und Landesgeschichte zwischen Rhein und Mosel. Saarbrücken 2004.
Thomas Bergholz
Werkeergänzung:
2004
Handreichung zum Heidelberger Katechismus. Für Prediger, Lehrer u. Gemeindeglieder. Repr. d. Ausg. Detmold, 1892. 2., durchges. u. erw. Aufl. Hamburg 2004.