THIESS, Frank, 13. März 1896 Eluisenstein/Uexküll in Livland,, + 22. Dezember 1977 Darmstadt, deutscher Schriftsteller und Essayist. - F.T. war der Sohn eines Baumeisters und studierte nach dem Schulbesuch Germanistik, Geschichte und Philosophie an den Universitäten Berlin und Tübingen. 1913 promovierte er. Nach dem Ersten Weltkrieg, ana dem er als aktiver Soldat teilnahm, war er Schauspielschüler am Berliner Lessing-Theater. Dann arbeitete er als Redakteur beim »Berliner Tageblatt«, schließlich als Dramaturg und Regisseur in Stuttgart. Er siedelte danach als Theaterkritiker nach Hannover über, ehe er sich als freier Schriftsteller betätigte. Seit 1923 lebte er in Berlin und Steinhude, dann auch in Wien und Rom. Am Ende seines Lebens wohnte er in Darmstadt, wo e auch verstarb. Der junge F.T. wurde stark von Frank Wedekind beeinflußt. In seinem frühen Roman »Die Verdammten« (1923) ließ er das Thema der Geschwisterliebe in seiner baltischen Heimat spielen. Die deutsche Minderheit verübelte es ihm, daß er eine derartige Problematik bei den Volksdeutschen spielen ließ und sie damit, wie man meinte, herabsetzte. Stark expressionistische Züge trug sein wichtiges Werk, der kleine Roman »Angelika ten Swaart« (1923). Wegweisend für den Dichter selbst wurde dann die große Tetralogie »Jugend«, die sich mit den Verhältnissen nach dem Weltkrieg, besonders mit den sozialen und familiären Beziehungen, auseinandersetzte: Die Einzeltitel lauten entwicklungsmäßig »Abschied vom Paradies« (1927), »Das Tor zur Welt« (1926), »Der Leibhaftige« (1924) und »Der Zentaur« (1931). Im letzten Buch wird der Umbruch durch die Technik und deren Einwirkung auf die Gesellschaft gezeigt. Die Fliegerei in ihren Anfängen wird meisterhaft skizziert. Mit dem »Zentauren« öffnete F.T. sich den Weg für den historischen Roman. 1936 schrieb er seinen bekanntesten »Roman eines Seekrieges«: »Tsushima«. Dieses Buch greift auf den unglücklichen Verlauf der Seekriegsschlacht 1905 für die russische kaiserliche Marine zurück. Das Fiasko für Rußland war das Ergebnis politischen Leichtsinns und völliger Gedankenlosigkeit kaiserlich-russischer Beamter und Geschäftsleute. Japan war zur jungen Großmacht herangewachsen. Man unterschätzte auf russischer Seite desssen Kraftpotential. Der Roman basiert auf Tatsachen, die im Sinne der »neuen Sachlichkeit« vom Autor getreu geschildert werden. Der Seekrieg begann mit der erfolgreichen Versenkung eines Teils des russischen 1. Geschwaders durch die japanische Flotte unter Admiral Togo. Die Japaner belagerten nun die damalige russische Festung Port Arthur. In großer Eile wurde in der Ostsee eine zweite Flotte ausgerüstet. Fatal wirkten sich die Intrigen und die Geschäftemacherei der russsischen Beamten aus. Dennoch konnte der russische Admiral Rojestwenski von Libau bis in die Koreastraße eine neue, zweite, allerdings schlecht ausgerüstete Flotte führen. Dieser folgte ein weiteres Geschwader aus der Ostsee. Trotz großer Tapferkeit wurde Rojestwenski von den Japanern vernichtend geschlagen. Drei ganze Schiffe der russischen Flotte konnten entkommen. Die anderen Boote wurden gestellt, die Besatzungen ergaben sich. Einige der eigenen Schiffe versenkten die russischen Matrosen selbst. Großartig sind die einzelnen Szenen, auch Dialoge aufgebaut. Deutlich wird im Roman der Niedergang des Zarenreiches durch innere Aushöhlung und der gleichzeitige Aufstieg der Großmacht im fernen Osten. Hinter der Beschreibung dieses Seekrieges steht die Absicht von F.T., die Geschichte philosophisch im Sinne des Wirkens des göttlichen Willens zu deuten: Gott benutzt große Persönlichkeit, um sein Ziel zu verwirklichen. Aber über allem steht das (furchtbare) Schicksal, dem man nicht entrinnen kann. Die beiden Hauptfiguren, der japanische und russische Admiral, werden in ihrer Gegensätzlichkeit klar herausgearbeitet: Auf der einen Seite der Siegeswille des Japaners, sein schicksalhaftes Glück, auf der anderen Seite der Todeswille des Russen. Hinter Rojestwenski stand keine Nation. Er war einsam. Er mußte unterliegen. Der erfolgreiche Roman wurde in sechzehn Sprachen übersetzt. Das »Moira«-Problem wurde weiter verarbeitet in dem essayistischen Roman »Das Reich der Dämonen« (1941). Das Werk stellt eine Schau von drei Staatsbildungen dar. F.T. wollte die schicksalshafte Entwicklung auch mit den historischen Persönlichkeiten aus der hellenischen, römischen und byzantischen Zeit darstellen. Daher ist der Untertitel »Roman eines Jahrtausends« gerechtfertigt. Das Vorhaben war schwierig genug, nämlich auf achthundert Seiten einen Zeitraum politischer und geistiger Geschichte begreiflich zu machen! Immerhin mußten Figuren wie Sokrates, Appolonius von Tyana, Bewegungen wie die der Gnosis verarbeitet werden. Das Essayhafte bleibt bei diesem Roman bestehen. Oft kommen die starken Figuren nicht in das rechte Licht. Zu groß ist der Anspruch im Roman, eine solche Zeitspanne zu durchdringen. Immerhin gibt es Glanzpunkte wie die Charakterisierung der Kaiserin Theodora. Indirekt spürten die Machthaber des Dritten Reiches den inneren Bezug zu ihrem Staat. Daher wurde das Buch verboten. Da es aber vergriffen war, wurde ein Besprechungsverbot ausgesprochen. 1946 konnte dann F.T. eine erweiterte Fassung herausbringen. Klar konnte nun die Kritik an totalitären Systemen ausgesprochen werden. Die Thematik wurde in »Die griechischen Kaiser« (1959) fortgesetzt. Berühmt machten ihn auch seine beiden Caruso-Romane von 1942 und 1946. Mit tiefem Einfühlungsvermögen werden in diesen beiden Büchern musikalische Ausdrucksformen beschrieben. Mit seinen Essays und seinen autobiographischen Büchern (s. Werke!) mischte er sich immer wieder in Problemdiskussionen über das 20. Jahrhundert ein. Wesentlich war ihm die Verteidigung des Dichters in der »Inneren Emigration« (sein eigenes Schlüsselwort) gegenüber Thomas Mann. Von seiner letzten Wirkungsstätte Darmstadt wurde ihm die »Johann-Heinrich-Merck-Ehrenurkunde der Stadt Darmstadt« wie die »Silberne Verdienstplakette« überreicht. Er war Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz wie Mitglied des Österreichischen Pen-Clubs. Verdienstorden erhielt er durch die Bundesrepublik Deutschland und durch die Republik Österreich. Er starb 1977 in Darmstadt.
Werke:
Der Tod von Falern (Roman), 1921; Angelika ten Swaart (Roman), 1923; Die Verdammten (Roman), 1923, auch rororo-TB Nr. 519/520; Das Gesicht des Jahrhunderts (Essays), 1923; Der Leibhaftige (Roman), 1924; Der Kampf mit dem Engel (Erz.), 1925; Narren (Erz.), 1926; Das Tor zur Welt (Roman), 1926; Abschied vom Paradies - Ein Roman unter Kindern, 1927, 19492 (bestimmt als erster Band des Zyklus »Jugend«, s.o.lfd. Text!); Frauenraub (Roman), 1927, 19492, 19593 als »Katharina Winter«), auch rororo-TB 628-629, 1964; Eine sonderbare Ehe (Erz.), 1929; Der Zentaur (Roman), 1931 (bestimmt als letzter Band des Zyklus »Jugend«, s.o.); Die Zeit ist reif (Essays), 1932; Die Geschichte eines unruhigen Sommers (Erz.), 1932; Johanna und Esther (Roman), 1933, 19572 (erweitert als »Gäa«); Der Weg zu Isabelle (Roman), 1934, auch als rororo-TB Nr. 148; Tsushima. Der Roman eines Seekriegs, 1936, 19512, 19733 (dtv), 19874 - auch als rororo-TB 114/115 (Übersetzung in sechzehn Sprachen); Stürmischer Frühling (Roman), 1937; auch als rororo-TB Nr. 62; Das Reich der Dämonen. Der Roman eines Jahrtausends, 1941, 19462 (erw. Auflage fünf Jahre nach dem Verbot), 3. Aufl. o.J.; Caruso-Neapolitanische Legende, 1942, Neudruck 1955; Der Tenor von Trapani (Erz.), 1942; Caruso in Sorrent (Roman), 1946; Zeitwende. Drei Vorträge, 1947; Despotie des Intellekts - eine Streitschrift, 1947; Puccini (hist. Essay), 1948; Ideen zur Natur- und Leidensgeschichte der Völker, 1949 (Fortführung von »Das Reich der Dämonen«, s.o.); Vulkanische Zeit (Essays), 1949; Die Strßen des Labyrinths (Roman), 1951; Shakespeare und die Idee der Unsterblichkeit. Vortrag, 1952; Dichtung und Wirklichkeit (Essays), 1952; Geister werfen keine Schatten (Roman), 1955; Die Wirklichkeit des Unwirklichen (Essays), 1955; Die griechischen Kaiser. Die Geburt Europas. Mit Farbfront, zahlr. Tafelabb. und 14 Ktn. (essayistische Romanhandlung), 1959; Die Schlange lauert im Grase, 1960;; Sturz nach oben (Roman), 1961; Verbrannte Erde (Autobiographisches), 1963; Das Gesicht unseres Jahrhunderts heute, 1962/63; Freiheit bis Mitternacht (Autobiographisches), 1965; Der schwarze Engel (Erz.), 1966; Plädoyer für Peking (Essay), 1966; Zauber und Schrecken (Erz.), 1969; Dostowjewski (Essay), 1971; Jahre des Unheils (Autobiographisches), 1972; Der Zauberlehrling (Roman), 1975; Der Mops von Edelstein (Erz.), 1977; Das Streitgespräch über die äußere und innere Emigration, o.J.; (Hrsg.) W. Furtwängler: Briefe, o.J.
Werkausgaben und Gesammeltes:
Die Blüten welken, aber der Baum wächst, 1950; Ges. Werke in Einzelausgaben, 1956 ff.; Theater ohne Rampe, 1956; Tod und Verklärung, 1958; Theater ohne Vorhang, 1963; Die Jugenddramen, o.J.
Lit.:
L. Langheinrich, F.T., Bild eines deutschen Dichters, 1933; - F.T., Werk und Dichter, 32 Beiträge zur Problematik unserer Zeit, hrsg. von R. Italiaander, 1950; - E. Sander, Tempo rubato. F.T. und die Sprache, 1950; - F.T. zum 75. Geburtstag. Mit Beiträgen von E. Alker, W. Hessen und H. Zand, 1965; - R. Grunar (Hrsg.) Exil und innere Emigration, 1972; - Gisela Berglund, Einige Anmerkungen zum Begriff der »Inneren Emigration«, (Stockh.) 1974; - Kunisch II, 242-243; - Fechner II, 104-107; - RGG2 V 1147 f.; - KLL XI, 9625 f.; - KNLL XVI, 499-500; - Autoren Lex. Dt-sprach. Lit. d. 20.Jahr.s (Rowohlt), 641 (Lit.); - Autoren Lex. Weltlit. im 20. Jahrh. (Rowohlt), 1255 f.; - Knauers Lex. Weltlit., 552; - Lit. Lex. dtspr. Autoren (W. Killy) Bd. 11, 332-333; - Harenberg Bd. V, 2835 f.