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Band XI (1996)Spalten 1392-1396 Autor: Thomas Berger

THOMAS de Jorz (Georce; auch Ang[e]licus) OP * um 1230 (?), stammte aus der Grafschaft Nottinghamshire, + 13.12. 1310 in Grenoble. Wie fünf seiner leiblichen Brüder, von denen namentlich Walter, Roland, beide nacheinander Erzbischöfe von Armagh/Nordirland, Wilhelm und Oliver bekannt sind, trat er in den Dominikanerorden ein. Seine Studien soll er u.a. in Paris bei Thomas von Aquin absolviert haben; er erwarb das Doktorat in Theologie. Als Magister wirkte er nachweislich von 1292 bis 1297 an der Universität von Oxford; hier hatte er am 4.2. und 16.12. 1291 bereits als Bakkalaureus Universitätspredigten gehalten und am 30.11. 1292 (1. Advent) kam ihm die nur dreimal im Jahr vom Kanzler oder einem anderen wichtigen Universitätslehrer gehaltene Predigt zu, der »sermo communis«. Seit 1292/94 stand T. dem Konvent in Oxford als Prior vor. Von 1296/97 bis 1303 war er Provinzial der englischen Dominikanerprovinz, die er auf den Generalkapiteln des Ordens in Straßburg 1297, Marseille 1300 und Köln 1301 vertrat; in dieser Eigenschaft setzte er bei Bischof Dalderby von Lincoln die weitere Gewährung von Vollmachten zur Spendung des Bußsakramentes durch Mitglieder seiner Provinz durch, obwohl Dalderby aufgrund der Bestimmungen der Verfügung »Super cathedram« Bonifatius' VIII. (18.2. 1300) zunächst starke Einschränkungen beabsichtigte. Ebenso wehrte er in diesem Zusammenhang 1297 gegen die Dominikaner erhobene Vorwürfe des Amtsmißbrauchs ab, die Erzbischof Robert Winchelsea von Canterbury erhoben hatte, nicht ohne zugleich für entsprechende Reformen in der Provinz gesorgt zu haben. 1302 entschied T. gemeinsam mit John Cesterlade in Exeter einen Disput zwischen dem dortigen Dominikanerkonvent und dem Domkapitel. Außerhalb des Ordens nahm T. ebenfalls wichtige Funktionen wahr. 1295 wurde er als Mitglied des kgl. Rates vereidigt und war Beichtvater (confessarius) König Eduards I. Nach seiner Akkreditierung am 27.10. 1305 begab er sich in dessen Auftrag zu Papst Clemens V. nach Lyon, wo er am 15.12. 1305 auf Eduards Vorschlag zum Kardinalpriester mit der Titelkirche St. Sabina erhoben wurde. Auf Wunsch des Königs setzte sich T. für die Kanonisation des Bischofs Robert von Grosseteste ein und unterrichtete ihn über die politische Entwicklung an der Kurie. König Eduard II. forderte T. am 24.12. 1307 auf, in einer von ihm wohl unzulässig beeinflußten Kanonikatsvergabe die kgl. Position bei der Kurie zu verteidigen. Ebenso verlangte Eduard am 20.1. 1308 von ihm, im Streit mit der Kurie um den Bischof von Worcester, Walter Reynolds, seinen durch eine unwürdige Amts- und Lebensführung Anstoß erregenden Günstling, für die kgl. Rechte einzutreten. Am 17.4. 1308 wies er T. an, die Heiligsprechung des kgl. Kanzlers Thomas von Cantilupe voranzutreiben. Sein Aufenthalt an der Kurie wurde durch den König finanziell unterstützt, wodurch später der Eindruck entstand, T. habe seine kirchl. Würde an der Kurie erkauft (Baleus). Seitens Clemens' V. wurden T.' Dienste 1310 in mehreren Kommissionen beansprucht. Dazu gehörte, nachdem König Philipp IV. von Frankreich schwere Vorwürfe gegen Bonifatius VIII. erhoben hatte, die Vernehmung von Zeugen, die Beurteilung der Streitfrage, die im Minoritenorden um das richtige Verständnis von der »Armut« Christi aufgekommen war, und die Prüfung der Lehren des Minoriten Petrus Johannes Olivi, besonders in dessen Schrift zur Apokalypse. Am 8. Oktober 1310 war er von Clemens V. als Legat für Italien bestellt worden mit dem Auftrag, den deutschen König Heinrich VII. auf seiner Reise zu geleiten. Auf seinem Weg erkrankte T. und verstarb in Grenoble. Sein Leichnam wurde nach England übertragen und im Konvent von Oxford beigesetzt. T. soll bei seinem Tode die Präbende von Graham South der Bischofskirche von Licoln innegehabt haben. Die Beurteilung seiner literarischen Tätigkeit bereitet große Schwierigkeiten, da sie aufgrund verschiedener Unsicherheiten und Verwechslungsmöglichkeiten mit Zeitgnossen auch aus dem Orden (Thomas von Aquin, Thomas Waleys, Thomas de Sutton, Thomas Anglicus, Thomas de Theobaldis Anglicus) und wegen der oft gleichlautenden Titel der Werke nur sehr schwer zu fassen ist. Außer bei einigen Manuskripten ist eine sichere Zuweisung an T. nicht möglich.

Werke: Predigten: Johann Baptist Schneyer, Repertorium der lateinischen Sermones des Mittelalters (= BGPhMa 43,5) Münster 1974, 630-31; Thomas Kaeppeli, Scriptores Ordinis Praedicatorum Medii Aevi, IV, Rom 1993, 371-72. - Briefe: an die Kge. Eduard I. u. Eduard II. in: Calendar of the Patent Rolls preserved in the Public Record Office, 1216-1509, London 1891 ff.; Brief an Erzbischof Robert Winchelsea in: William A. Hinnebusch, The early English firars preachers (= Dissertationes Historicae, fasc. 14) Rom 1951, 509. - Übersichten zu den T. zugeschriebenen Werken (teilweise mit Kritik der Zuweisung): Joannes Baleus, Scriptorum illustrium Maioris Brytannie catalogus, Basel 1557, 635; Antonius Possevinus, Apparatus sacer, II, Köln 1608, 488; Joannes Pitseus, De illustribus Angliae Scriptoribus = Relationum historicarum de rebus Anglicis, Paris 1619, 401-02; Ambrosius de Altamura, Bibliothecae Dominicanae, Rom 1677, 88-89; William Cave, Scriptorum Ecclesiasticorum historia literaria a Christo nato usque ad saeculum XIV facili methodo digesta, II,2, London 1689, 11; Jacques Le Long, Bibliothèque historique de la France, Paris 1719, 800, 988; Ders., Bibliotheca sacra, Paris 1723, 799-800; Quétif-Échard, I, 508-10; Antoine Touron, Histoire des hommes illustres de l'ordre de Saint Dominique, etc., II, Paris 1745, 567; Th. Tanner, Bibliotheca Britannico-Hibernica etc., London 1748, 709, 749; HN, II, 462; Joshia Cox Russel, Dictionary of writers of Thirteenth Century England, London 1936, 163-64; Friedrich Stegmüller, Repertorium biblicum medii aevi, V, Madrid 1954, 367-68. - Für die Zuweisung einzelner Werke: Pierre Mandonnet, Premiers travaux de polémique thomiste, in: RSPhTh 7, 1913, 65 (Hinweis auf einen Sentenzenkommentar); Friedrich Pelster, Thomas von Sutton, ein Oxforder Verteidiger der thomistischen Lehre, in: ZKTh 46, 1922, 212-53, 361-401, hier bes. 223-27, 230-33; Michael Schmaus, Der Liber propugnatiorius des Thomas Anglicus und die Lehrunterschiede zwischen Thomas von Aquin und Duns Scotus. II.: Die trinitarischen Lehrdifferenzen (= BGPhMa 29,2) Münster 1930, 2; Ch.H. Lohr, Medieval Latin Aristotle commentaries, in: Traditio 29, 1973, 93-197.

Lit.: Stephanus de Salaniaco et Bernardus Guidonis, De Quatuor in quibus Deus Praedicatorum Ordinem insignivit, ed. Thomas Kaeppeli in: MOP 22, 1949, 52-53; - Nikolaus Trivet, De ordinis fratrum Praedicatorum annales sex regum Angliae qui a comitibus Andegavensibus originem traxerunt (A.D. 1136-1307), ed. T. Hog, London 1845, 406; - Joannes Baleus, Acta romanorum pontificum, Lyon 1615, centur. IV. cap. LXXXIX, XC; - Lucas Wadding, Annales Minorum seu Trium Ordinum a S. Francisco institutorum, VI 3 Quarrachi 1931, 187 f.; - Antony Wood, Historia Universitatis Oxoniensis, Oxford 1674, 64-65; - Alphonsus Ciaconius - Augustinus Oldonius, Vitae et regestae pontificum Romanorum et S.R.E. cardinalium, II, Rom 1677, 374, 376, 377; - Guillaume Mollat (Ed.), Vitae Paparum Avenionensium. Hoc est historia pontiicum Romanorum qui in Gallia sederunt ab anno Christi 1305 usque ad annum 1394 Stephanus Baluzius edidit Parsiis 1693, II, Paris 21927, 43-44, 109; - Giovanni Michele Cavalierei, Galleria de' Sommi Pontefici, Patriarchi, Archivescovi, e Vescovi dell' Ordine de' Predicatori divista con cinque cronologie, Benevent 1696, I, 70, II, 192-93; - Thomas Rymer (Ed.), Foedera, conventiones, literae et cuiuscunque generis acta publica inter reges Angliae et alios quosvis imperatores, reges, pontifices ... exscripta, London, II, 1705, 971, 1024, 1031, 154, 1058, III, 1706, 45-46, 56, 77; - Georg J. Eggs, Purpura docta, München 1714, II, 284-85; - Bullarium Ordinis Fratrum Praedicatorum, ed. Thomas Ripoll, VIII, Rom 1740, 698; - Franciscus Godwinus, De praesulibus Angliae commentarius, Cambridge 1743, 791; - Jacques-Paul Migne, Dictionnaire des Cardinaux, Paris 1857, 1105; - Thomas Walsinghamus, Historia anglicana, ed. H. Th. Riley, I, London 1867, 108; - Th. Williams, Lives of the English Cardinals, London 1868, 368-83; - Charles Ferres Raymund Palmer, The Provincials of the Friar Preachers or Black Friars of England, in: Archeological Journal 35, 1878, 134-165 bes. 144-47; - Acta capitolorum generalium Ordinis Praedicatorum, rec. B. M. Reichert, in: MOP 4, 1899, 19-20; - D. Chevalier, Répertoire des sources du moyen âge. Bibliographie, Paris 1905, 2652; - Charles-Victor Langlois, Mélanges et Documents relatifs à l'histoire du XXXe siècle, in: RevHist 87, 1905, 68-71, hier 69; - J.J. Berthier, Le chapitre de S. Nicolo à Trevise, Rom 1912, 71-73; - Ders., Le couvent de Sainte-Sabine à Rome, Rom 1912, 348; - Antoine Mortier, Histoire des maîtres généraux de l'ordre des Frères Prêcheurs. Paris 1920, VIII, 78; - Bullarium Franciscanum hrsg. v. Konrad Eubel, Quaracchi, V, Rom 1898, 66 Nr. 158; - Martin Grabmann, Neu aufgefundene lateinische Werke deutscher Mystiker, (= SAM, Abhh. 3) München 1922, 16; - Walter Gumbley - Angelus Walz, Elenchus bio-bibliographicus S.R.E. Cardinales ex ordine Praedicatorum assumpti, in: AOP 33,4, 1925/26, 331-51, hier 336, Nr. 11; - Andrew George Little - Friedrich Pelster, Oxford theology and theologicans c.a.D. 1282-1302 (= Oxford Historical Society 96) Oxford 1934, 162, 181, 187-88, 372b; - William A. Hinnebusch, The early English firars preachers (= Dissertationes Historicae, fasc. 14) Rom 1951 bes. 324, 329, 410, 413, 484-85; - Alfred B. Emden, A biographical Register of the University of Oxford, II, Oxford 1958, 1023; - Ders., Dominican confessors and preachers licensed by medieval english bishops, in: Archivum Fratrum Praedicatorum 32, 1962, 180-210 bes. 193-94; - Charles Burns, Sources of British and Irish History in the Instrumenta Miscellanea of the Vatican Archives, in: AHP 9, 1971, 32-34; - J. I. Catto, The History of the University of Oxford, I, Oxford 1984, 581, 643; - Hierarchia catholica medii aevi, hrsg. v. Konrad Eubel, I, Münster 1913, 14, 46; - DNB X, 3Oxford 1937/38, 1091-92; - DThC XV,1, 779; - LThK X, 1965, 143.

Thomas Berger

Letzte Änderung: 27.09.1999