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Band XI (1996)Spalten 1425-1427 Autor: Arend Quak

THOMASIN von Zerclaere. - Th. ist der geistliche Verfasser eines Werkes mit dem Titel `Der Wälsche Gast'. Th. war italienischer Herkunft und wurde um 1186 in Friaul geboren. Wahrscheinlich gehörte er dem Ministerialengeschlecht de Circlaria (heute: Cerchiara) an. Man nimmt an, daß er die Domschule (in Cividale?) besuchte und an einer Universität Theologie studierte. Er war wohl seit etwa 1206 als Sekretär und Dolmetscher am Hofe von Wolfger von Ellenbrechtskirchen tätig, der seit 1204 Patriarch von Aquileja war. Im Jahre 1216 schloß Th. seine einzige Dichtung, den `Wälschen Gast', ab, die er in deutscher Sprache verfaßte und die in 23 Handschriften und Handschriftfragmenten erhalten ist. Ein früheres in `welhscher' Sprache geschriebenes Werk ist nur als Auszug im `Wälschen Gast' erhalten. Über sein weiteres Leben und sein Todesjahr ist nichts bekannt. `Der wälsche Gast' ist eine Morallehre in zehn Büchern. Es ist nicht ausgeschlossen, daß eine Prosavorrede, die in den meisten Hss. vorkommt, auch von Th. stammt. Th. richtet sich zunächst an die jungen weiblichen und männlichen Adligen und zählt die Vorzüge auf, durch die sie sich auszeichnen sollten. Als Vorbilder für richtiges Verhalten werden Gestalten aus der (deutschen) Literatur genannt, u.a. Erec, Iwein, Artus, Parzival, Enide. Darauf folgt eine Minnelehre, die Th. früher schon »in welhscher zunge« (V. 1684) beschrieben habe. Nach der Lehre für die Jugend folgt eine allgemeine Tugendlehre. Zentral steht darin ein Begriff wie »staete« `Beständigkeit'. Die Tugenden führen zum »oberste[nl guot« `höchsten Gut', »summum bonum«, dem Herrgott, hin. Dabei lenken Reichtum, Macht und Ruhm vom richtigen Weg ab. Der echte Ritter soll mit den Untugenden kämpfen. Als Stützen und Waffen in diesem Kampf dienen ihm u.a. »sin« `Verstand' (7470), »reht« `Rechtsdenken' (7473), »bescheidenheit« `Urteilskraft' (7475), »geloube« `Glaubcn' (7479), »geding« `Hoffnung' (7483), »vrümkeit« `Tapferkeit' (7487), »kiusche« `Keuschheit' (7491), »staetekeit« (7495) und »diumuot« `Demut' (7498). Ritter und Kleriker sollen mit gutem Vorbild vorangehen. Der Mensch soll mit Hilfe seiner Urteilsfähigkeit - die ihn ja mit den Engeln und mit Gott verbindet - Tugend und gute Sitte suchen. Die Schwester der »unstaete« sei die »unmâze« `Maßlosigkeit', und diese habe schon manchen zu einem schlimmen Ende gebracht. In einer Betrachtung über die eigene Zeit stellt Th. den Papst als »meister« (11091) dar, dem man ehren müsse. Ohne den Namen zu nennen, kritisiert er hier die Unmutssprüche Walthers von der Vogelweide, die Tausende irregeführt hätten. Man solle keine Lieder dichten, die davon ablenken, Gott zu dienen. Ein Aufruf zum Kreuzzug schließt sich hieran. Im IX. Buch schildert der Autor sich selbst bei der Niederschrift des `Wälschen Gastes'. Er schreibe nicht aus Zeitvertrieb, sondern weil er sich gezwungen fühle. Er wolle zum Nutzen der Ritter und Damen dichten. Weltliches und geistliches Gericht sollten einander beistehen, um die Ketzer zu bekämpfen. Am Schluß erwähnt Th. die Bedeutung der »milte« `Freigebigkeit'. - Th. hat, wie er selbst sagt, sein Werk wie ein »guot zimberman« aus Stein und Holz zusammengezimmert (105-126). Als Quellen findet man die theologische Literatur des 12. Jahrhunderts, u.a. das `Moralium Dogma philosophorum' und die `Epistula morales' des Seneca. Auffällig ist dabei, daß sich Th. an die Vemunft seiner Leser bzw. Zuhörer wendet. Die Schule ist - auch für die Laien - der Weg zur Bildung. Sein Ideal ist weiter die geordnete Lebensführung des Menschen. Ordnung in der Gesellschaft und in der Zweiteilung zwischen geistlicher und weltlicher Macht sind für ihn Ausgangspunkt. Th. stellt sich in seinem Werk als konservativer Anhänger der alten Dreiteilung der Gesellschaft heraus. Für ihn zählen nur Geistlichkeit und Ritterschaft, der dritte Stand tritt kaum ins Blickfeld.

Werke: Th.v.Z.. Der wälsche Gast. [Hrsg. v. Heinrich Rückert. 1852, Neudruck mit einer Einleitung und einem Register von Friedrich Neumann (Dt. Neudrucke: Texte des Mittelalters), Berlin 1965; Th.v.Z., Der welsche Gast. Faksimile (Facsimilia Heidelbergensia 4), Wiesbaden 1977-1980 (Reproduktion des Cod. Pal. Germ. 389); Th.v.Z. Der welsche Gast. Hrsg. v. Friedrich Wilhelm von Kries. Bd. 1-4 (GAG 425), Göppingen 1984-85.

Lit.: Konrad Burdach, Wandlungen der dt. Bildung im Spiegel der Handschriftenkunde, II.2. Die illustrierten Handschriften des Welschen Gasts, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 8 (1891), auch in: Vorspiel 1. Bd., 2. Teil (Buchreihe der Dt. Vierteljahresschr. Bd. 2), Halle 1925, 108-121; - A. Schönbach. Die Anfänge des Gesangs, 1898; - Friedrich Ranke, Sprache und Stil im `Welschen Gast' des Th.v.Z. (Pal. 68), 1908; - H. Teske, Th.v.Z. Der Mann und sein Werk. 1933; - Jürgen Müller, Studien zur Ethik und Metaphysik des Th.v.Z. (Königsberger dt. Forschungen 12), 1935; - Ernst Peter Siegert. Der Wälsche Gast des Th.v.Z. Didaktischer Gehalt und künstlerischer Aufbau. Frankfurt/Main 1954 (Masch.); - Friedrich Wilhelm von Kries, Textkritische Studien zum Welschen Gast Th.s v.Z. (QF N.F. 23), Berlin 1967; - Manfred Günter Scholz, Die »hûsvrouwe« und ihr Gast. Zu Th.v.Z. und seinem Publikum, in: Fs. f. Kurt Herbert Halbach ... Arbeiten aus seinem Schülerkreis (GAG 70), Göppingen 1972; - Daniel Rocher, Th.v.Z., Innocent III et Latran IV ou la véritable influence de l'actualité sur le Wälscher Gast, in: Le Moyen Age 79 (1973), 35-55; - F. Neumann, Der welsche Gast des Th.v.Z., Wiesbaden 1974; - Daniel Rocher, Th.v.Z. Der Wälsche Gast (1215-1216). Paris 1977; - Zucht und schöne Sitte. Eine Tugendlehre der Stauferzeit mit 36 Bildern... aus der Heidelberger Hs. Cod. Pal. Germ. 389 »Der welsche Gast« von Th.v.Z., Wiesbaden 1977; - Werner Röcke, Feudale Anarchie und Landesherrschaft. Wirkungsmöglichkeiten didaktischer Literatur: Th.v.Z. »Der Wälsche Gast« (Europ. Hochschulschriften. Reihe 1: Dt. Lit. und Germ. 224), Bern usw. 1978; - Christoph Cormeau. Tradierte Verhaltensnormen und Realitätserfahrung. Überlegungen zu Thomasins `Wälschem Gast', in: Dt. Lit. im MA. Kontakte imd Perspektiven. Hugo Kuhn zum Gedenken, Stuttgart 1979; - Ernst Johann Friedrich Ruff. Der Wälsche Gast des Th.v.Z. Untersuchungen zu Gehalt und Bedeutung einer mhd. Morallehre (Erlanger Studien 35), Erlangen 1982; - Friedrich Wilhelm von Kries. Zur Überlieferung des `Welschen Gasts' Th.s v.Z., in: ZfdA 113 (1984), 111-131; - Christoph Huber, Höfischer Roman als Integumentum? Das Votwn Th.s v.Z., in: ZfdA 115 (1986), 79-100; - Fritz Peter Knapp. Integumentum und âventiure. Nochmals zur Literaturtheorie bei Bernardus (Silvestris?) und Th.v.Z., in: Literaturwissensch. Jahrbuch 28 (1987), 299-307; - Karl-Heinz Göttert. Th.v.Z. und die Tradition der Moralistik, in: Urich Ernst/Bernhard Sowinski (Hrsgg.). Architectura poetica. Fs. f. Johannes Rathofer zum 65. Geburtstag (Kölner Germanist. Stud. 30), Köln etc. 1990; - Klaus Düwel. Lesestoff für junge Adlige. Lektüreempfehlungen in einer Tugendlehre des 13. Jahrhunderts, in: Fabula 32 (1991), 67-93.

Arend Quak

Literaturergänzung:

Raffaele Disanto, La parole e l'immagine nel cielo illustrativo del Welscher Gast di T.v.Z. Trieste 2003 (=Hesperides : Serie Gold; 1).

Letzte Änderung: 23.12.2005