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Band XI (1996)Spalten 1435-1440 Autor: Franz Wöhrer

THOMPSON, Francis, Kathol. englischer Dichter mystisch-religiöser Lyrik und Essayist, * 18.12. 1859 in Preston, Lancashire, als Sohn eines zum Katholizismus konvertierten Arztes; + 13.11. 1907 in London. - Th. stammte aus einer tief religiösen Familie: zwei seiner Onkel waren anglikanische Priester, einer von ihnen konvertierte zum Katholizismus; zwei Tanten und eine jüngere Schwester waren Nonnen. Die Familie übersiedelte 1864 nach Manchester. Nach der Pflichtschule besuchte er ab dem elften Lebensjahr das Priesterseminar (Ushaw College), wurde aber wegen seines ängstlichen, depressiven und labilen Wesens für das Priesteramt nicht zugelassen. 1877 mußte er das Priesterseminar verlassen. Er studierte daraufhin auf Drängen des Vaters widerwillig am Owens College (Manchester) Medizin. Th. fand das Studium abstoßend und gab es schließlich 1883, teils aus gesundheitlichen Gründen, teils wegen mangelnden Erfolgs auf. Er versuchte sich danach erfolglos als Zeitungsverkäufer und als Verkäufer von Zündhölzern. Ebenso erfolglos waren seine Bemühungen um Aufnahme in die Armee. Nach dem Tod der Mutter (1880) kam es 1885 wegen seines unsteten Lebenswandels (er war ohne Beruf, führte kein geregeltes Leben und war zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon von Opium abhängig) zum Zerwürfnis mit dem Vater. Th. verließ das Elternhaus mittellos und versuchte in London sein Leben zu fristen. Er lebte als Drogenabhängiger verwahrlost und obdachlos in den Straßen von London ehe ihn John McMaster, ein Priester der »Evangelical Church«, bei sich aufnahm. Nach einem Jahr landete Th. erneut auf der Straße. Das Leben äußerster Entbehrung und Einsamkeit war aber auch gezeichnet von erstaunlicher Innerlichkeit, Empfindsamkeit und tiefer religiöser Erlebniskraft. Er gewann Rückhalt und Hoffnung im Glauben und fand in der Dichtung eine schöpferische Antwort auf die seelischen Nöte. Th. sandte einige Gedichte an Wilfrid Meynell, den katholischen Herausgeber der Zeitschrift »Merry England«, von denen eines 1888 veröffentlicht wurde. Wilfrid Meynell und dessen Frau, die Dichterin Alice Meynell, nahmen sich des an Tuberkulose und Drogensucht leidenden, todkranken Dichters an und brachten ihn in ein Privatsanatorium. Nach einjähriger Entziehungskur wurde Th. entlassen und lebte danach zurückgezogen bei den Dominikanern des Klosters von Storrington, Sussex, sowie bei den Kapuzinern in Crawley. 1890 kehrte er nach London zurück und mietete sich in der Nähe der Meynells eine Wohnung. Die Jahre bitterer Enttäuschungen und extremen Leidens waren für Th. aber auch fruchtbringende Jahre der Läuterung und Jahre intensiven Literaturstudiums (vor allem Blake, Shelley und klassische Literatur), sowie beachtlicher literarischer Produktivität. 1889 veröffentlichte er die »Ode to the Setting Sun« und 1890, sein berühmtestes Gedicht, »The Hound of Heaven«. 1892 zog er sich erneut in die Einsamkeit zurück und lebte bis 1897 in der Nähe des Franziskanerklosters von Pantasaph in Wales. Dort bereitete er den ersten Gedichtband zur Veröffentlichung vor (1893). Der Besuch von Coventry Patmore (1894), einem einflußreichen, zum Katholizismus konvertierten Schriftsteller, war der Beginn einer mehrjährigen Freundschaft. 1895 erschien »Sister Songs«, 1897 der Lyrikband »New Poems«. Neben Gedichten verfaßte Th. in den letzten zehn Jahren seines Lebens auch literaturkritische Essays (am bekanntesten ein Essay über den romantischen Dichter Percy B. Shelley), weiters mehr als 500 Buchrezensionen, sowie Heiligenviten (u. a. über Ignatius v. Loyola, posthum 1909 veröffentlicht; und Johannes de la Salle, posthum 1911 veröffentlicht). In den letzten Lebensjahren verfiel Th. erneut dem Opium. Er starb, kaum 48-jährig, am 13.11. 1907 in London an Schwindsucht und Tuberkulose. Sein Grab befindet sich am kathol. Friedhof von Kensal Green, London. Die Grabinschrift ist ein Zitat aus einem seiner Gedichte: »Look for me in the nurseries of Heaven.« - Th. wies die Bezeichnung »Mystiker« stets zurück, doch hat seine religiöse Dichtung unbezweifelbar erlebnismystische Züge. Sie zeigt nicht nur nachhaltige Einflüsse der katholischen Mystik des Spätmittelalters (u. a. Thomas v. Kempen, Franz v. Assissi) und des 16. Jhdts. (u. a. Ignatius v. Loyola), sowie Einflüsse der mystischen Dichtung von Crashaw und Blake, sondern ist ohne Zweifel auch getragen von persönlicher mystischer Erfahrung. Sie ist Ausdruck der Erfahrungsgewißheit der Allgegenwart des göttlichen Geistes und der Geborgenheit des gefallenen Menschen in der Liebe Christi. Th.s Gedichte künden von der verwandelnden Kraft der göttlichen Liebe, von unsagbar beseligenden Momenten der erfahrungshaften Erkenntnis des Ewigen im Zeitlichen (z. B. in »No Strange Land«: »O world invisible, we view thee,/ O world intangible, we touch thee,/ O world unknowable, we know thee/ Inapprehensible, we clutch thee«), und von der Ohnmacht des menschlichen Willens gegenüber der Allgewalt des göttlichen Willens. In »The Hound of Heaven« thematisiert Th. - auf der Grundlage persönlicher Erfahrung - den Widerstreit von menschlicher und göttlicher Liebe: die Macht der Liebe Christi - allegorisch als »Jagdhund des Himmels« dargestellt - peinigt unerbittlich die widerstrebende, verängstigte Seele des Dichters und verfolgt den Fliehenden erbarmungslos bis zu dessen Resignation und Umkehr. Der schmerzvolle Widerstreit mit dem Gott der Liebe wird so zu einem heilsamen Prozess der Katharsis und der Heilung. Dieses Gedicht, von Patmore und Robert Browning besonders gewürdigt, zählt zu den bedeutendsten Werken der religiösen Lyrik der englischen Moderne. Die kühne, mit Archaismen und Neologismen versehene, concettoreiche Bildersprache wurde jedoch von vielen Kritikern der viktorianischen Zeit als zu extravagant und obskur abgelehnt. Th.s schwerverständlicher poetischer Stil mit seiner eigenwilligen Idiomatik, seinen schwierigen Anspielungen, ungewöhnlichem Vokabular und weithergeholten Metaphern ist nachhaltig von der Stiltradition der »Metaphysical Poets« des 17. Jhdts. beeinflußt. Th. griff bewußt auf die extravagante Sprache dieser religiösen Dichter (insbesonders Crashaw, Herbert und Donne) zurück und wurde damit - lange vor T. S. Eliot - zum Wegbereiter der Wiederentdeckung der »Metaphysical Poetry« im 20. Jhdt. Neben Gedichten zu christlich-mystischen und metaphysischen Themen schrieb Th. visionäre Naturgedichte, in denen sich Th.s sakramentale Wertschätzung der Schöpfung manifestiert, und Gedichte über Kinder.

Werke: The Life and Labours of Saint John Baptist de la Salle, 1891; Health and Holiness, eingel. v. G. Tyrell, 1905; Ode to English Martyrs, 1906; Selected Poems, hrsg. v. W. Meynell, 1908; Shelley, eingel. v. G. Wyndham, 1909; Saint Ignatius Loyola, hrsg. v. J. Pollen, 1909, m. e. Vw. v. W. Meynell, 1951; A Renegade and Other Essays, 1910; The Works of F. Th., hrsg. v. Wilfrid Meynell, 3 Bde., 1913; Collected Poetry, 1913; Essays of Today and Yesterday: Th., eingel. v. W. Meynell, 1927; Selected Poems and Prose, 1929; Poems, hrsg. v. T. L. Connolly, 1932, überarb. 1941; Poems, hrsg. v. W. Meynell, 1937; Poems. Collected Edition with a Bibliography of First Printings, 1946; Literary Criticisms, hrsg. v. T. L. Connolly, 1948, Neuausg. 1976; The Letters of F. Th., hrsg. v. John Walsh, 1969.

Bibliographie: Myrtle Pope, A Critical Bibliography of Works by and About F. Th., 1959; F. Th. Centenary: 1859-1959: Catalogue of MSS, Letters and Books in the Harris Public Library, Preston 1959.

Lit.: Coventry Patmore, Mr. Th.: A New Poet, in: Fortnightly Review, Jan. 1894; - F. De Lattre, Le Poète Th., Paris 1909; - G. Beacock, Th., Borna-Leipzig 1912; - J. F. X. O'Conor, A Study of Th.s »The Hound of Heaven«, 1912; - J. Thomson, Th.: The Preston-Born Poet, 1912; - M. Armstrong, The Poetry of Th., in: Forum 50, 1913; - E. Meynell, The Life of F. Th., 1913; - A. Jacobson, Tuberculosis and Genius: A Study with Special Reference to Th., in: Interstate Medical Journal 21, 1914; - H. A. Allen, The Poet of the Return to God, in: Catholic World, June 1918; - T. Moore, The Hound of Heaven, in: Psychoanalytic Review 5, 1918; - Francis Le Buffe, The Hound of Heaven: An Interpretation, 1922; - F. Branford, Novissima Verba - An Elegy in Memory of F. Th., in: English Review 36, 1923, 101-105; - John Thomson, F. Th.: Poet and Mystic, 1923; - T. Haecker, Über Th. und Sprachkunst, in: Hochland 22, 1924, 68-80, 206-215; - R. L. Megroz, F. Th.: The Poet of Earth in Heaven, 1927; - T. Wright, Th. and His Poetry, 1927; - A. de la Groce, Th. et les Poètes Catholiques d'Angleterre, 1932; - R. M. Gautrey, This Tremendous Lover: An Exposition of »The Hound of Heaven«, 1932; - A. Marz, Th.s Dichterische Entwicklung, Münster 1932; - F. Olivero, Th., Brescia 1935; - E. D'Alessio, Th., Milan 1937; - Emily Muldoon, The Mysticism of F. Th. (Diss. Pittsburg 1937); - Anna Keenan, The Poetry of F. Th. with Particular Reference to the Influence of the Metaphysical Poets, Shelley and Patmore (Diss. Minnesota 1939); - Frederick Tolles, The Praetorian Cohorts: A Study of the Language of F. Th.'s Poetry, in: English Studies 12, 1940, 49-64; - Terence Connolly, F. Th.: In His Paths. A Visit to Persons and Places Associated with the Poet, 1945; - E. Kawa, Der Jagdhund des Himmels, Berlin 1946; - Giorgio Tansini, L'itinerario Spirituale di F. Th. in »The Hound of Heaven«, in: Humanitas 4, 1949, 978-993; - Kathleen Flesch Torbert, F. 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Franz Wöhrer

Letzte Änderung: 24.02.2003