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Verlag Traugott Bautz
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THOREAU, Henry David (eigentlich David Henry), Essayist, Philosoph, Transzendentalist, * 12.7. 1817 in Concord, Massachussetts (USA); † 6.5. 1862 in Concord, Massachussetts (USA). - H.D.T. war das dritte Kind eines kleinen Geschäftsmanns, John Thoreau, und dessen Ehefrau Cynthia Dunbar Thoreau. Er besuchte nacheinander das Gymnasium Concord Academy (1828-1833) und die Harvard University (1833-1837), wo er mit dem führenden Transzendentalisten Ralph Waldo Emerson zusammentraf. Eine Stelle als Lehrer an seinem einstigen Gymnasium kündigte er nach nur zwei Wochen, da er die Methoden der Disziplinierung für absurd und unangemessen streng hielt. Im Juni 1838 gründete H.D.T. zusammen mit seinem Bruder John eine kleine Privatschule, in der er u.a. progressive pädagogische Ideen zu realisieren versuchte. Wegen der schweren Krankheit Johns mußte die Schule aber schon nach drei Jahren geschlossen werden. Eine Kanufahrt im September 1839 entlang der Flüsse Concord und Merrimack, die den Stoff für sein erstes Buch lieferte (A Week on the Concord and Merrimack Rivers, 1849), bekräftigte H.D.T. in der Einsicht, daß er nicht zum Schulmeister, sondern zum Naturpoeten geboren sei, und eine Reihe von Zufällen erleichterte ihm den Einstieg in die Schriftstellerei. Bereits zu Anfang von H.D.Ts. Studium in Harvard, war Ralph Waldo Emerson nach Concord gezogen. Der (fast gleichzeitige) Tod von Thoreaus Bruder John und Emersons Sohn Waldo brachte die beiden »Philosophen« nah zusammen. Im Hause seines väterlichen Freundes und Ratgebers Emersons, wo H.D.T. zwischen 1841 und 1843 sowie zwischen 1847 und 1848 lebte, machte er Bekanntschaft mit einer Gruppe herausragender Transzendentalisten - von A. Bronson Alcott, James Freeman Clarke, Margaret Fuller, F.H. Hedge, George Ripley bis zu Palmer Peabody - die im Rückblick als Exponenten der wohl bedeutendsten literarischen amerikanischen Bewegung des 19.Jahrhunderts, des Transzendentalismus, anzusehen sind. Die Denker dieser geistigen Erneuerungsbewegung, die sich um Emerson gruppierte, standen einerseits dem »kalten Intellektualismus« (Emerson) der dogmatischen Orthodoxie kritisch gegenüber und räumten andererseits - unter Rückgriff auf Traditionen der Romantik - dem menschlichen Gewissen und der Intuition einen größeren Raum ein, was, vor allem bei H.D.T., zu einem verstärkten sozialen und politischen Engagement führte, da er an die Pflicht des einzelnen, zur freien, von keiner gesellschaftlichen Konvention eingeschränkten Entscheidung glaubte und in erster Linie die Natur als Orientierungsinstanz anerkannte. - Auf Veranlassung Emersons verfaßte H.D.T. ab 1837 bis zwei Monate vor seinem Tod ein Tagebuch (»Journal«) und veröffentlichte in »The Dial«, dem Publikationsorgan der Transzendentalisten, eine Fülle von Essays, Rezensionen und Gedichten. Nach dem gescheiterten Versuch, in New York Fuß zu fassen - 1842 lebte er als Tutor im Haushalt von Emersons Bruder - zog sich H.D.T. mit Abscheu vor dem Großstadtleben, ab Ende 1843, nach Concord zurück und arbeitete in der Bleistiftmanufaktur seines Vaters. Inspiriert durch seine Freunde Stearns Wheeler und Ellery Channing, begann H.D.T. am Unabhängigkeitstag 1845 ein über zwei Jahre andauerndes Daseinsexperiment, bei dem er sich in einer selbstgezimmerten Hütte am Waldensee in der Nähe von Concord niederließ, um sich »nur noch dem Wesentlichen des Lebens zu stellen«. Der Protestcharakter der Aktion, die sich gegen den »rastlosen, nervösen, geschäftigen« Charakter des »trivialen Neunzehnten Jahrhunderts« richtete, wurde vollends deutlich, als sich H.D.T. in einer Aktion zivilen Ungehorsams weigerte, seine Kopfsteuer zu zahlen. Der Protest H.D.Ts, der zu seiner Verhaftung führte - durch die Intervention (vermutlich) einer Verwandten kam er aber schon nach einer Nacht frei - implizierte die Kritik an den seiner Meinung nach imperialistischen Zielen des Mexikanischen Krieges (1845) und an der Haltung der Vereinigten Staaten in der Sklavenfrage. Die Verarbeitung dieser Erfahrung und das Mißtrauen gegen den Staat (»die beste Regierung ist diejenige, die überhaupt nicht regiert«) fand 1849 ihren Niederschlag in einer Prosaschrift mit dem Titel Civil Disobedience (»Ziviler Ungehorsam«; später veröffentlicht als »Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat«), die bis heute als eines der klassischen Manifeste des passiven Widerstandes gilt. Nach der Zeit in Walden wandte sich Thoreau zunehmend vom Transzendentalismus ab; er übernahm das Geschäft seines Vaters, begann Pflanzen (für sich) und Reptilien (für Harvard University) zu sammeln und unternahm Exkursionen nach Cape Cod, Maine und Kanada, die er in bis heute lesenswerten Essays literarisch verarbeitete. Zugleich engagierte sich H.D.T. immer stärker auf dem Gebiet des Politischen, vor allem als Propagator des Abolitionismus. Dabei nahm der religöse Fanatiker John Brown zunehmend jene Leitbildfunktion ein, die anfangs Emerson zugekommen war. Als Brown im Oktober 1859 mit seinen Söhnen in Harpers Ferry, Virginia, das Signal für einen Sklavenaufstand gab, hatte er die ganze Sympathie H.D.Ts.; das Scheitern des Aufstands und die Hinrichtung John Browns, der für viele Nordstaatler zur Symbolfigur des Widerstands wurde, war für H.D.T. ein schwerer Schlag. 1862 starb H.D.T., vermutlich an Tuberkulose. - Den meisten seiner Zeitgenossen galt H.D.T. als erfolgloser Außenseiter. Seine Publikationen verkauften sich allenfalls schleppend; bei seinem ersten Buch war H.D.T. für die Drucklegung selbst aufgekommen; in seinem Beruf als Lehrer hatte er keinen anhaltenden Erfolg, und eine Verlobung mit Ellen Sewall ging in die Brüche, da die Eltern der Verlobten sich heftig gegen die Heirat aussprachen. Ganz im Gegensatz zum zeitgenössischen Urteil, gilt H.D.T. heute als klassischer amerikanischer Schriftsteller, als herausragender Kulturphilosph und moderner Geist: »Seine Einsichten in die Yankee-Society des 19.Jahrhunderts« sind, im Urteil einiger Kritiker, »ebenso eindringlich wie Marx' Einsichten in den europäischen Kapitalismus, aber relevanter für die amerikanische Kultur« (Max Oelschlaeger). Im Gegensatz zu Thomas Carlyle, den er rezipiert, geht es H.D.T. nicht primär um eine Reform der Gesellschaft per se, sondern um die Erneuerung des Individuums, das seine Entscheidungen - ganz im Sinne der Transzendentalisten - nicht an den gesellschaftlichen oder religiösen Konventionen, sondern an der Natur als Norm auszurichten habe. Dabei bewahrt H.D.T. sein Wirklichkeitssinn vor der mystischen Schwärmerei eines A.B. Alcott und vor der philosophischen Abstraktheit R.W. Emersons. Im Zentrum von Thoreaus Naturbetrachtungen steht die visionäre (u.a. ökozentrische) Einsicht, daß der durch die moderne Zivilisation übersättigte und manipulierte Mensch in der Wildnis und »der Unschuld und Güte der Natur« neue Werte entdecken könne und mit gleichsam »indianischer Weisheit« das Leben besser verstehen lerne. - Die beiden symbolischen Aktionen - der Rückzug an den Waldensee und der »zivile Ungehorsam« gegenüber den Finanzbehörden - waren für H.D.T. die Umsetzung seiner transzendentalistischen Einsichten in die Praxis, und verbinden sich bis heute aufs engste mit der Erinnerung an den Philosophen aus Concord. Die Aktualität von H.D.Ts. Gedanken liegt zum einen darin, daß er Werte wie »Freizeit«, »Kontemplation« und »Würdigung der Natur« propagierte, und daß er Formen des gewaltlosen Widerstandes praktizierte, die u.a. Martin Luther King und Gandhi entscheidend beeinflußten. H.D.T. begründete darüber hinaus eine Tradition des Naturschrifttums in den USA, die auf John Burroughs und John Muir wirkte, und er beeinflußte - u.a. als einer der ersten Propagatoren von Natur- und Kommunalparks - Landschaftsschützer und Städteplaner wie Benton MacKaye und Lewis Mumford. Daß H.D.T. bis heute gefeiert wird (etwa als zentrale Figur in Peter Weirs Spielfilm »Club der toten Dichter«) hängt nicht nur an der Prägnanz seiner literarischen Bilder und den dichterischen Besonderheiten, sondern vor allem am moralischen Ethos seiner Schriften, das den Menschen daran erinnert, seine Umwelt zu verstehen und sich auf die permanente Suche nach der Dynamik und Wirksamkeit der geistigen Dimensionen der modernen Gesellschaft zu machen.
Christof Mauch
Werke: A week on the Concord and Merrimack Rivers, Boston 1868 u. Princeton 1980; Life without principle; with a short biography of Ralph Waldo Emerson, Kent (Engl.) 1902; Life without principle: three essays, Norwood 1978; Journal, Boston 1906 u. New York 1962; Walden - or, life in the woods, Boston 1909; Walden, Oxford 1997; Cape Cod, New York 19511 u. Princeton 1993; Civil Disobedience, Boston 1969 (Erstausgabe 1849 als `Resistance to civil government'); Letters to various persons, Folcroft 1971; The correspondence of HDT, Westport 1974; Remembrances of Concord and the Thoreaus: letters of Horace Hosmer to Dr. S. A. Jones, Urbana 1977; Toward the making of HDT's modern reputation: selected correspondence of S. A. Jones, A. W. Hosmer, H. S. Salt, H. G. O. Blake, and D. Ricketson, Urbana 1979; Some unpublished letters of HDT and Sophia E. Thoreau, New York 1985; The Thoreau log: a documentary life of HDT 1817-1862, New York 1992; Walden oder Leben in den Wäldern. Essay, 1971; Leben ohne Grundsätze, 1979; Ausgewählte Schriften in dt. Erstausgaben, 1983ff; Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, 1996; Leben aus den Wurzeln. Die Inspiration der Stille, Neuausgabe 1997. - The writings of HDT, 20 Bd., Boston 1906; Walden and other writings of HDT, New York 1937; Collected Poems of HDT, Chicago 1943; Walden and other writings, 1965; The writings of HDT, New York 19822; Civil disobedience and other essays, Amhurst 1998; Joseph Sanford Wade, A contribution to a bibliography from 1909 to 1936 of HDT, 1936; Francis H. Allen, A bibliography of HDT, 1968; Jean Cameron Advena, A bibliography of the HDT Society Bulletin bibliographies 1941-1969, 1971; Raymond Adams, The HDT library of Raymond Adams. A catalogue, 1973; Raymond R. Borst, HDT: a descriptive bibliography, 1982; Raymond R. Borst, HDT: a reference guide, 1987; Kenneth Walter Cameron, Toward a HDT tertiary bibliography, 1833-1899, 1988; Gary Scharnhorst, HDT: an annotated bibliography of comment and criticism before 1900, 1992; Kenneth Walter Cameron, The HDT secondary bibliography: supplement one (1830-1900): with an appendix of commentary and documents, 1997.
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Kathrin Klein
Werkeergänzung:
2008
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Literaturergänzung:
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2006
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2007
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2008
Mark S. Cladis, Stone-throwers with excellent aim. Waking-up to an environmental democratic vision, in: RL 40.2008, S. 81-108; - Jannika Bock, Concord in Massachusetts, discord in the world. the writings of H.T. and John Cage. Frankfurt/M. 2008.
Letzte Änderung: 14.04.2009