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Band XII (1997)Spalten 260-263 Autor: Bernd Kettern

TÖNNIES, Ferdinand, * 26.7. 1855 in Riep (Kirchspiel Oldenswort bei Eiderstedt), † 11.4. 1936 in Kiel, Soziologe und Philosoph. T.s Vater war Grundbesitzer und Viehzüchter, seine Mutter entstammte einer Pastorenfamilie. Nach dem Studium der Philologie, Archäologie, Geschichte und Philosophie in Jena, Leipzig, Bonn, Berlin und Tübingen, sowie weiteren privaten sozial- und staatswissenschaftlichen Forschungen, habilitierte sich T. 1881 mit Studien über Hobbes und einem Entwurf von »Gemeinschaft und Gesellschaft. Theorien der Kulturphilosophie« bei Benno Erdmann in Kiel. T. ist einer der bedeutendsten Hobbes-Forscher des 19. und 20. Jahrhunderts; er entdeckte wichtige Manuskripte und edierte sie. Nach 1883 begann T. eine ausgedehnte Reise- und Vortragstätigkeit (u.a. in die USA). Seit 1909 lehrte er in Kiel zunächst als außerordentlicher Professor, ab 1913 als Ordinarius wirtschaftliche Staatswissenschaften (Nationalökonomie und Statistik). Auf eigenen Wunsch hin wurde er 1916 von diesen Verpflichtungen entbunden. 1920 nahm er einen Lehrauftrag für Soziologie an. Ein Jahr später erhielt er die juristische Ehrendoktorwürde der Universität Hamburg; Bonn verlieh ihm 1927 den Dr. rer. pol. h.c. Als Mitglied zahlreicher internationaler soziologischer Gesellschaften und Institute erfuhr T. große Wertschätzung. 1933 entließen ihn die Nationalsozialisten, im August dieses Jahres mußte T. zudem nach 22 Jahren den Vorsitz der von ihm mitbegründeten »Deutschen Gesellschaft für Soziologie« niederlegen. Ohne Pension verbrachte T., der seit 1930 Mitglied der SPD war, die letzten Lebensjahre. - T. war der Begründer einer eigenständigen Soziologie in Deutschland. Philosophische Einflüsse lassen sich von Hobbes und Spinoza sowie von Kant und Schopenhauer ausmachen. Auch naturrechtliche Überlegungen finden sich bei T. Er kannte aber auch die Theoretiker und Historiker der Gesellschaft im 19. Jh.: L.H. Morgan, J.J. Bachofen, Fustel de Coulanges, Lorenz von Stein und Henry Maine. Bei Marx lobte er dessen »realistische« Gesellschaftsauffassung und die dialektische Methode; Comte und Spencer beeinflußten ihn durch evolutionistische Überlegungen. In verschiedenen Werken, aber insbesondere durch seinen genialen Erstling »Gemeinschaft und Gesellschaft«, formulierte T. Grundlagen einer einzelwissenschaftlichen Soziologie. So trennte er etwa die allgemeine von der speziellen Soziologie, letztere unterteilte er nochmals in eine reine, angewandte und empirische Soziologie. Nicht immer gelang ihm jedoch hinreichend die Anwendung des von ihm und anderen erarbeiteten Instrumentariums, gleichwohl blieb sein Einfluß prägend. Zunächst wenig beachtet wurde ab der zweiten Auflage 1912 »Gemeinschaft und Gesellschaft« zum Standardwerk der neuen Disziplin. T. entwickelt die Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft als Grundkategorien der reinen Soziologie. In der Gemeinschaft bündeln sich menschliche Beziehungen um ihrer selbst willen (Familie, Nachbarschaft, Freundschaftsbeziehungen). Sie sind geprägt durch Zusammengehörigkeit und Solidarität, gegründet auf den sog. Wesenswillen. Diesen vitalen Prozessen steht die Gesellschaft gegenüber, geprägt durch die Trennung von Zweck und Mittel, beruhend auf Kalkül und Rationalität und letztlich bezogen auf Interesse wie Nutzen des Individuums. Ihr liegt der sog. Kürwille zugrunde. Mit Hilfe dieser idealtypischen Unterscheidung lassen sich vorfindliche Strukturen analysieren. T. untersuchte - entsprechend dem Untertitel der zweiten Auflage - Kommunismus und Sozialismus als empirische Kulturformen. T. wollte die gemeinschaftlichen Elemente stärken, um die Gesellschaft in ihren negativen Auswirkungen eingrenzen oder sogar überwinden zu können; politisch vertrat er aus diesem Grund die Vorstellung eines genossenschaftlichen Sozialismus. Immer wieder bezog er Stellung zu aktuellen Vorgängen (z. B. 1896/97 Hamburger Hafenarbeiterstreik, 1933 Kritik am nationalsozialistischen Begriff der Volksgemeinschaft). Bedeutend bleiben auch T.' Ansätze zur Untersuchung der »öffentlichen Meinung«. In der Gesellschaft übernimmt sie die Funktion, die die Religion für die Gemeinschaft besitzt. Sie zielt ab auf das Vernünftige, in ihr sollen Selbstbestimmung und Vorurteilsfreiheit ihren Ausdruck finden, sie soll gleichsam als »Ethik des sozialen Willens« den öffentlichen Raum gestalten. Ebenso wie andere Elemente des T.schen Denkens wurde diese Auffassung von nachfolgenden Soziologen kritisch weiterentwickelt, zum Teil durch die amerikanische Soziologie, um dann später erneut wieder nach Deutschland zurückzuwirken (vgl. die Chicago-Schule von R.E. Park (säkularisierte Gesellschaft, Stadt-Land-Gegensatz) oder Talcott Parsons).

Werke: R. Fechner, F. T. Werkverzeichnis, Berlin 1992 (enthält 890 zu F. T.s Lebzeiten veröffentlichte Titel, davon 41 anonyme); die F.-T.-Gesellschaft Kiel plant ab 1996 eine auf 24 Bde. angelegte Gesamtausgabe im Verlag de Gruyter, Berlin. Alle von F. T. publizierten Texte sollen chronologisch abgedruckt werden. Gemeinschaft und Gesellschaft, Leipzig 1887 (Berlin 81935, Neudruck Darmstadt 31991); Thomas Hobbes - Leben und Lehre, Stuttgart 1896 (31925, Nachdruck 1971); Philosophische Terminologie in psychologisch-soziologischer Ansicht, Leipzig 1906; Die Entwicklung der sozialen Frage, Leipzig 1907 (Berlin 41926 u.d.T.: Die Entwicklung der sozialen Frage bis zum Weltkriege); Die Sitte, Frankfurt/M. 1909 (Nachdruck 1970); Marx. Leben und Lehre, Berlin 1921; Kritik der öffentlichen Meinung, Leipzig 1922; Soziologische Studien und Kritiken, 3 Bde., Jena 1925-1929; Fortschritt und soziale Entwicklung. Geschichtsphilosophische Ansichten, Karlsruhe 1926; Einführung in die Soziologie, Berlin 1931; Geist der Neuzeit, Leipzig 1935; T. - T.F. Paulsen. Briefwechsel 1876-1908, hrsg. von O. Klose u.a., Kiel 1961.

Lit.: H.L. Stoltenberg, Wegweiser durch T.: »Gemeinschaft und Gesellschaft«, Berlin 1919; - H. Plessner, Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus, Bonn 1924; - L. von Wiese, Der gegenwärtige internationale Entwicklungsstand der Allgemeinen Soziologie, in: Reine und angewandte Soziologie. Festgabe für F. T., Leipzig 1936, 1-20; - T. Parsons, Structure in social action. A study in social theory, with special reference to a group of recent european writers, New York1937; - H. Plessner, Nachwort zu F. T., in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 7 (1955), 341-347; - R. König, Die Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft bei F. T., in: ebd., 348-420; - R. Heberle, Das Theorem »Gemeinschaft und Gesellschaft« in der Soziologie der politischen Parteien, in: ebd., 426-462; - A. Bellebaum, Das soziologische System von F. T. unter besonderer Berücksichtigung seiner soziographischen Untersuchungen, München 1966; - E.G. Jacoby, Die moderne Gesellschaft im sozialwissenschaftlichen Denken von F. T., Stuttgart 1971; - E. Kühne, Historisches Bewußtsein in der deutschen Soziologie, Diss. Marburg 1971; - F. T. - A new evaluation, hrsg. von W. Cahnmann, Leiden 1973; - R. Fechner, Sekundärbibliographie in alphabetischer und chronologischer Folge zum Werk F. T.s, Hamburg 1984 (21986); - R. Fechner, F. T. Bibliographie. Eine Dokumentation seiner Publikationen, Hamburg 1985; - F. T. heute, hrsg. von C. Clausen u.a., Kiel 1985; - K.-P. Markl, Gemeinschaft und Gesellschaft, in: Lexikon der philosophischen Werke, hrsg. von F. Volpi u. J. Nida-Rümelin, Stuttgart 1988, 303; - Staatslexikon V, 489-491.

Bernd Kettern

Textanmerkung:

Tönnies starb am 9. April 1936 in seinem Kieler Haus im Niemannsweg Nr. 61.

Werkeergänzung:

2007

Der Nietzsche-Kult. Repr. Saarbrückem 2007;

2008

Soziolog. Schriften. (1889-1905). Hrsg. von Rolf Fechner. München 2008;

2009

Schriften u. Rezensionen zur Anthropologie. Hrsg. von Rolf Fechner. München 2009; Gesamtausg. TG Hrsg. von Lars Clausen ... Bd. 7: 1905 - 1906 : Schiller als Zeitbürger und Politiker. Strafrechtsreform, philosoph. Terminologie in psycholog.-soziolog. Absicht, Schriften, Rezensionen / hrsg. von Arno Bammé und Rolf Fechner. Berlin 2009;

2010

Gemeinschaft u. Gesellschaft. Grundbegriffe d. reinen Soziologie. Nachdr. d. 8. Aufl. Leipzig, 1935, Sonderausg. Darmstadt 2010; - Schriften u. Rezensionen zur Religion. Hrsg. von Rolf Fechner. München 2010.

Literaturergänzung:

2005

Öffentliche Meinung zwischen neuer Wissenschaft und neuer Religion. F.T' "Kritik der öffentlichen Meinung" in d. internat. Diskussion. Hrsg. von Rolf Fechner. München 2005 (=Tönnies im Gespräch; 3); - Frank Osterkamp, Gemeinschaft u. Gesellschaft: über d. Schwierigkeiten einen Unterschied zu machen. Zur Rekonstruktion d. primären Theorieentwurfs von F.T. Berlin 2005; - Michael Günther, Masse u. Charisma. Soziale Ursachen d. polit. u. religiösen Fanatismus. Frankfurt a.M. 2005; - Peter-Ulrich Merz-Benz, Religiöse Gemeinschaft u. religiöse Vergemeinschaftung. Zur Bestimmung d. Religion in d. Werken d. soziolog. Klassiker - Ferdinand Tönnies, Emile Durkheim u. Max Weber, in: Religionskonflikte - religiöse Identität. Münster 2005, S. 293-303; -

2007

Uwe Carstens, Ferdinand Tönnies. Friese und Weltbürger. Biografie, 372 Seiten; - Tilo Beckers, Integrationspotentiale öffentl. Meinung. Von F.T. zur Debatte um Liberalismus u. Kommunitarismus. Saarbrücken 2007; -

2008

Uwe Carstens, Lieber Freund Ferdinand. Die bemerkenswerte Freundschaft zwischen Theodor Storm und Ferdinand Tönnies, Norderstedt 2008; -

2010

Nele Schneidereit, Die Dialektik von Gemeinschaft u. Gesellschaft. Grundbegriffe e. krit. Sozialphilosophie. Berlin 2010.

Letzte Änderung: 22.07.2010