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Verlag Traugott Bautz
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TOYNBEE, Arnold Joseph, britischer Universalhistoriker und Geschichtsphilosoph, * 14.4. 1889 in London, + 22.10. 1975 in York. - T., dem einzigen Sohn und ältesten von drei Kindern des Sozialarbeiters Harry Valpy Toynbee und dessen Gattin Sarah Edith Marshall, ermöglichten zwei Stipendien die Schulausbildung am Winchester College und am Oxforder Balliol College (1907). Hervorragende altsprachliche Kenntnisse trugen ihm während des Studiums Förderungspreise und Tutorenstellen ein. Nach einer alleine und zu Fuß durchgeführten Bildungsreise durch Griechenland und Italien wurde T. 1913 Stipendiat der British School of Archeology in Athen. Danach trat T., der aus gesundheitlichen Gründen vom Militärdienst zurückgestellt wurde, in den außenpolitischen Dienst der britischen Regierung ein. 1919 bis 1924 lehrt T. als Inhaber des Koraes Chair Byzantinistik und neugriechische Sprache, Literatur und Geschichte in London, von 1925 bis 1954 Internationale Geschichte; zugleich ist T. seit 1925 Studienleiter am Royal Institute of International Affairs (Chatham House); T.s Oxforder »Foreign Research & Press Service« (F.R. & P.S.) wurde im Frühjahr als »Foreign Office Research Office« (F.O.R.D.) vom Außenministerium übernommen, dessen Leitung T. bis 1946 behielt. 1919 wie auch 1946 nimmt T. in der britischen Delegation als Angehöriger des Political Intelligence Department (P.I.D.) des Außenministeriums an den Pariser Friedensverhandlungen teil. 1924, nach der Berufung Michail Rostowzews (s.d.) nach Yale, versucht die University of Wisconsin (Madison) T. als Lehrstuhlnachfolger zu gewinnen. - Die Religionsfrage ist für T. trotz seines wiederholt bekräftigten Agnostizismus zentrales Thema seiner mikroskopisch-kulturgeschichtlichen Historiographie (A Study of History [s.u.], T.s Hauptwerk, umfaßt CXII und 6137 Seiten!), die neben der stupenden historischen Detailkenntnis das Ensemble (»the study of History in detail and the study of it as a whole«) im Blick behalten will und vom Konzept sowohl der Lebensphilosophie Henri Bergsons (s.d.) als auch als Gegengewicht zu Oswald Spengler (s.d.), dem er vom morphologischen Ansatz her dennoch indirekt verpflichtet ist, gedacht ist: Geschichte als Freiheitsreich läßt Kulturprozesse offen verlaufen, Verfall nicht deterministisch vorprogrammiert erscheinen lassen. Daß T.s Historik nicht immer trennscharf von Heilsgeschichte abgegrenzt wird verdankt sich seiner eigenen tiefen Religiosität. Geschichtsbildend, und das heißt bei T.: kulturelle Enstehungsbedingung und Wachstumsfaktor ist der wechselseitige Prozeß von challenge and response, wobei Strukturelles über Individualität dominiert. Wird Wachstum und Kulturentwicklung durch Rückzug und Wiederkehr (withdrawal and return) geprägt, so erfolgt Niedergang und Kulturverfall infolge Verkettungen falscher »reponses« auf »challenges« in sechs Intervallen, deren Abfolge immer wieder durch Stillstände (»relapse«) und Sammlungsversuche (»rally«) unterbrochen werden. Aufstieg und Niedergang ereignen sich demnach für T. nach einer gesetzmäßigen Rhythmik. Prognostiziert T. für die Zukunft verstärkt Begegnungen und Austausch von Hochreligionen, die zu Amalgamierung, Kultursynthese und letztlich (so zwar von T. nicht ausformuliert, doch gedacht) Synkretismus als sinnstiftender Überindividualität führen, so attestiert T. dem Kulturuntergang im wertunterscheidenden Rückblick (»difference in value«) insofern Geschichtssinn, als sie zur Ausbildung höherer Religionsformen führen; geschichtliche Kulturen werden bei T. trotz einer prinzipiell postulierten Gleichheit vierfach qualitativ differenziert (»Primitive societes, primary civilizations, secondary civilizations, higher religions«). Religion ist »jene Eingebung, die den Historiker zum Endpunkt seiner Reise führt, wenn auch die Wißbegier der geistige Antrieb ist, der ihn ursprünglich auf die Reise schickte« (Der Historiker [s.u.], 19). Religionen sind T. sowohl kulturelle Zerfallsprodukte wie auch das Telos der kulturellen Menschheitsentwicklung, die sich T. universal-synkretistisch vorstellt, »denn Religion ist schließlich die Aufgabe des Menschengeschlechts« (Kultur am Scheidewege [s.u.], 71). Ist das Auftreten der Hochreligionen der Höhepunkt in der Ausformung der Hochkulturen (»civilizations«: T. rechnet zunächst mit 23, später mit 13 ihrer Art), so bleibt religiöse Wahrheit für den Menschen doch unerkennbar, also nicht in einem Absolutheitsanspruch ausdrückbar; T. verifiziert diese Theorie wiederholt an seiner These, daß sich seit dem 13. Jahrhundert das Abendland soziokulturell irreligiös entwickelt und die Gegenwart eine Dekadenzepoche an der Schwelle zur Universalstaatlichkeit ist, die in der Klammer der Hochreligionen . T. redet daher in der Nachfolge des aufklärerischen Deismus' dem konfessionellen Relativismus im Hinblick auf Dogmen das Wort. T.s Diorama der Religion in der Geschichte erinnert an den Ansatz Carl Gustav Jungs (s.d.). Äußerer Anlaß zu T.s kulturvergleichenden Studien war der Ausbruch des Ersten Weltkrieges, in dem T. Parallelen zum Pelopennesischen Krieg entdeckte. - T.s Historiographie ist von der Fachhistorie unterschiedlich aufgenommen worden; dabei reicht die Kritik von Vorwürfen des Evolutionismus und Determinismus über systematische Bedenken bis hin zur Unterstellung von kommunistischer Indoktrination und Unwissenschaftlichkeit, da T. zum einen stärkeren Dirigismus fordert, zum anderen in die Nähe von Tertullians (s.d.) Ausspruch credo quia ineptum, quia absurdum est rückt. T.s methodische Prämissen haben heuristische Funktion. Die deutsche Rezeption T.s setzt über Joseph Vogt (1895-1986, s.u.) ein, der T.s Bild Roms als hellenischem Ableger widerspricht. Gegenüber gängigen historischen Periodisierungsversuchen operiert T. anstelle von Staaten, Mächten und Völkern alternativ mit Kultureinheiten und Kulturkreisen (societies) als intellegiblen fields of study und überwindet damit die der kritischen Historik zunehmend unbefriedigende Gliederung nach Antike, Mitelalter und Neuzeit. - Überlegenswert, wenngleich auch provokant, ist T.s These, daß der Teilung Nachkriegsdeutschlands als gute Seite die Wiederherstellung der abendländischen Grenze zwischen dem westlichen und östlichen Kulturraum abzugewinnen ist. - T.s im Nachkriegsdeutschland rasch bekanntgewordener Entwurf wurde in den fünfziger Jahren stark beachtet und kontrovers diskutiert, ist aber aus der gegenwärtigen Historik weitgehend verschwunden. - T. ließ sich 1946 von Rosalind Murray, der Tochter des Schriftstellers und Altphilologen Gilbert Murray () scheiden (dieser Ehe entstammen T.s drei Söhne Theodore [+ 1939], Philip [+ 1981] und Lawrence), um im gleichen Jahr noch die Pfarrerstochter Veronica Marjorie Boulter (+ 1980) zu heiraten, mit der er seit 1925 in Chatham House zusammenarbeitete und mit der er bis 1946 die jährliche außenpolitische Bibliographie »Survey of International Affairs« redigierte. - T., 1937 als Mitlied (F.B.A.) in die British Academy gewählt und 1957 zum Ehrenmitglied (hohorary fellow) des Balliol College ernannt, erhielt zahlreiche Ehrungen, darunter die Ehrenpromotionen der Universitäten Cambridge, Oxford und Princeton. Anstelle Sir Winston Churchills (1874-1965) berief das Institut de France T. 1968 zum membre associé. Zwischen 1930 und 1939 war T. wöchentlicher Kolumnist des »Economist«, zudem veröffentlichte T. regelmäßig im »Manchester Guardian« und »Observer«. Als Gastdozent hielt er 1952 die Reith, 1953/1954 die Gifford Lectures. T.s literarisches Lebenswerk würdigte 1972 sein Verlagshaus, Oxford University Press, mit einer gutbesuchten Ausstellung (»A Study of T.«). 1974 erlitt einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Er verstarb nach vierzehnmonatigem Siechtum im Yorker Pflegeheim Purey Cust Nursing Home; seine Asche wurde in Terrington beigesetzt.
Werke: A Study of Hist. I-III, London 1934. IV-VI, 1939. VII-X, 1954. I-VI, Oxford 1948-19492 (Gliederung: »Introduction« [1]. »The Genesis of Civilizations« [2: I/II]. »The Growths of Civilizations« [3: III]. »The Breakdowns of Civilizations« [4: IV]. »The Desintegrations of Civilizations« [5: V.VI]. »Universal States. Universal Churches« [6.7: VII]. »Heroic Ages. Contacts between Civilizations in Space« [8.9: VIII]. »Contacts between Civilizations in Time. Law and Freedom in Hist. [urspr.: »Rhythms in the Hist. of Civilizations«]. The Prospects of Western Civilizations« [10.11.12: IX]. »The Inspirations of Historians. A Note of Chronology. Acknowledgements and Thanks« [13: X]). A Study of Hist. Abridgement of voll. I-VI by David C. Somervell, London 1947, London/Toronto/New York 1967 (dt. Stud. z. Weltgesch., 1947. Stud. z. Weltgesch. Wachstum u. Zerfall der Zivilisation. Nach der v. D[avid] C. Somervell besorgten einbd. Ausg., übers. u. hrsg. v. F. W. Pick, Hamburg 1949. Der Gang der Weltgesch. Aufstieg u. Verfall der Kulturen. 2. Aufl. Übers. v. Jürgen v. Kempski, Stuttgart o.J. [1950], 19544). A Study of Hist. Abridgement of voll. VII-X by D[avid] C. Somervell, London/Toronto/New York 1957 (dt. Der Gang der Weltgesch. Kulturen im Übergang. Übers. v. Jürgen v. Kempski, Zürich/Stuttgart/Wien 1958). A Study of Hist. Abridgement of D[avid] C. Somervell. One vol. ed., London 1960 (dt. Der Gang der Weltgesch., Wien/München 19702); James Alexander Kerr Thomson/A. J. T. (Eds.), Essays in Honour of Gilbert Murray, London 1936; The unification ot the world and the change in historical perspective: History 33 (1948), 1-28; Pieter Geyl/A. J. T., Can We Know the Pattern of the Past?, Boston 1949; Pieter Geyl/Pitirim A[lexandrowitsch] Sorokin/A. J. T., The Pattern of the Past. Can We Determine It?, Boston 1949; Deterministische Geschichtsauffassungen: Merkur 3 (1949), 357ff.; Greek Light on World Hist.: Annual of the Brit. School at Athens 45 (1950), 1-15; War and Civilisation. Selected by A. V. Fowler from the six-vol. »A Study of Hist.«, Oxford 1951 (Krieg u. Kultur. Der Militarismus im Leben der Völker. Übers. v. H. Mattutat, Stuttgart 1950); The World and the West, London 1953 (Die Welt u. der Westen. Einzige, berechtigte Übers. aus dem Engl. v. H. J. Alexander, Stuttgart 1953); Weltgesch. in universaler Schau: Universitas. Zschr. f. Wiss., Kunst u. Lit. 8 (1953), 349-359; A Study in Hist.: What the Book is for, How the Book took Shape, London/New York/Toronto 1954; A Study of Hist. What I am trying to do: Internat. Affairs 31 (1955), 1-4; Weltreligionen u. Welteinheit: Merkur 8 (1954), 317ff.; Das Zusammenleben der Völker in einer kleiner werdenden Welt: Universitas. Zschr. f. Wiss., Kunst u. Lit. 10 (1955), 561-573; An Historian's Approach to Rel., London/Toronto/New York 1956 (dt. Wie stehen wir z. Rel.? Die Antwort eines Historikers. Aus dem Engl. übertr. Bearb. v. Jürgen v. Kempski, Zürich/Stuttgart/Wien 1958); The Limitations of Historical Knowledge The Times Litterary Supplement, 6.1. 1956; Was ich z. tun versuche: Diogenes 13 (1956), 7-12; Christianity among the Religions of the World, London 1958 (dt. Das Christentum u. die Rel. der Welt, Gütersloh 1959); Civilization on Trial and The World and the West. Supplemented by the Somervell summation of A Study of Hist., New York 1958; East to West. A Journey round the World, London 1958; Survey of Internat. Affairs 1939-1946. The Eve of War 1939. Ed. by A. J. T. and Veronica M. Toynbee, Oxford 1958; The Initial Triumph of the Axis. Ed. by A. J. T. and Veronica M. Toynbee, Oxford 1958; Kultur am Scheidewege. Aus dem Engl. übertr. v. Ernst Doblhofer, Wien/Zürich 1949, Frankfurt/M. 1958 (Ullstein-Bücher 200); Krieg u. Kultur. Der Militarismus im Leben der Völker, zusammengestellt aus der Study (Fischer-Bücherei 235), Frankfurt/M. 1958; Hist. Atlas and Gazetteer. A Study of Hist., Vol. IX. By A. J. T. and Edward D. Myers, London 1959; Hellenism, The Hist. of a Civilization (The Home University Library of Modern Knowledge 238), Oxford 1959; Der Historiker, seine Vorstellungen u. seine Probleme: Ruperto-Carola 26 (1959); Die Wandlungen der Rolle Amerikas, v. einem Engländer gesehen: Universitas 14 (1959); Was heißt geschichtlich denken? (Veröff. des Inst. f. Europäische Gesch. 28), Wiesbaden 1960; Between Oxus and Jumna, London 1961; A Study of Hist. XII: Reconsiderations, London/New York/Toronto 1961 (Publication for the Royal Institute of Internat. Affairs); Sinn oder Sinnlosigkeit?, in: Leonhard Reinisch (Hrsg.), Der Sinn der Gesch. (München 1961); Die höheren Rel., in: Golo Mann/Alfred Heuß (Hrsg.), Propyläen-Weltgesch. Eine Universalgesch. II.: Hochkulturen des mittleren u. östlichen Asiens (Berlin 1962), 621-637; Hannibal's Legacy. The Hannibalic War's Effects on Roman Life, 2 vol., London 1965; Hans Kohn, Bürger vieler Welten. Ein Leben im Zeitalter der Weltrevv. Mit einem Geleitwort v. A. J. T. Aus dem Engl. v. Anna Katharina Ulrich-Debrunner. Vom Verf. autorisierte u. erg. dt. Fassung, Frauenfeld 1965; Change and Habit. The Challenge of Our Time, London 1966; Acquaintances, London 1967; A. J. T. et al., Man's Concearn with Death, London 1968; The Crucible of Christianity, ed. by A. J. T., London 1969; Die »Alte Gesch.« u. die Universalhistorie. Für Joseph Vogt: Saeculum 21 (1970), 91-105; Die Zukunft der Rel., in: Oskar Schatz (Hrsg.), Hat die Rel. Zukunft? (Graz/ Wien/ Köln 1971), 20-45; Menschheit u. Mutter Erde. Die Gesch. der großen Zivilisationen. Dt. v. Karl Berisch, Lizenzausg. Berlin/Darmstadt/Wien/Gütersloh 1981, Lizenzausg. Düsseldorf 1988; Bertram Newman (Ed.), Engl. Historians. Selected Pages. With a Foreword by Cicely Veronica Wedgwood, London 1957; Christian B. Peper (Ed.), An Historian's Conscience: The Correspondence of A. J. T. and Columba Cary-Elwes, Monk of Ampleford, Boston 1986; S. 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Klaus-Gunther Wesseling
Literaturergänzung:
Frederick Hale, Debating T.'s theory of challenge and response. Christian civilisation or Western imperialism?, in: AcTh 24.2004, S. 23-44.
Letzte Änderung: 30.03.2008