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Band XXII (2003) Spalten 1359-1361 Autor: Bruno W. Häuptli

TRDAT IV. [III.] (Tiridates), der Große oder der Heilige, armenischer König 298-330, Gründer der armenischen Kirche, Heiliger, * um 280, † 330 (um 317 ?). - Urenkel des arsakidischen Königs Chosrau I. (Chosroes, 216/217-252), Enkel Trdats II., Sohn Chosraus II. (279/280-287), Neffe Trdats III. (287-298). Chronologie und Genealogie der armenischen Könige des 3. Jhs. waren lange umstritten. Die Verwirrung wurde vor allem durch die in drei unterschiedlichen Fassungen (armenisch, griechisch/arabisch, syrisch) überlieferte, romanhafte Geschichte Armeniens verursacht, die ein Autor des 5. Jhs. unter dem Namen des Agathangelos, des Sekretärs Trdats III. (richtig: Trdats IV., s.u.) verfaßte und aus der der historische Kern schwer herauszuschälen war, und durch ein weiteres phantasievoll ausgeschmücktes, dem armenischen Historiker Moses von Choren (5. Jh.) im 8. Jh. unterschobenes Geschichtswerk. Nach der Legende, die je zwei Könige namens Chosrau und Tiridates zu je einer einzigen Person verquickt, flieht der junge T. vor den Persern, die unter dem Sassaniden Sapor I. (Schapur) Armenien überfallen (historisch: im Jahr 252) und T.s "Vater" Chosrau umbringen, und begibt sich zu den Römern nach Kappadokien oder Pontus, wo er auf Gregor trifft, den Sohn des an der Verschwörung gegen Chosrau beteiligten kappadokischen Adligen Anak. Der mit übermenschlichen Kräften ausgestattete Prinz dient unter Diokletian (Kaiser 284-305), nimmt für den Kaiser einen Zweikampf mit einem Gotenfürsten auf sich, erhält dafür Armenien zurück, verehrt die heidnischen Götter und verfolgt die Christen. Gregor "der Erleuchter" wird im Palast von Artaschat für 15 Jahre in eine Schlangengrube geworfen, da er sich weigert, der Göttin Anahit-Artemis zu opfern, eine Gruppe von christlichen Mädchen, darunter Hripsime und Gayaneh, werden zu Tode gefoltert, T. und sein Hofstaat zur Strafe in Eber verwandelt. Dank dem Eintreten der bereits gläubigen Schwester Chosrowiducht wird Gregor begnadigt, T. geheilt, bekehrt sich mit seiner Gattin Arschken und der ganzen Familie, erklärt das Christentum zur Staatsreligion, womit Armenien zum ersten christlichen Staat wird, und ermuntert Kaiser Konstantin zur Nachahmung. Gregor erbaut nach einer Vision eine Kathedrale in der Stadt Vagarschapat, die er in Etschmiadsin ("Erscheinungsort Christi") umbenennt, nachdem er den heidnischen Tempel zerstört hat. Um 330 wird T. angeblich bei einer Verschwörung von christenfeindlichen Adligen vergiftet. T. und seine Familie, Gregor der Erleuchter sowie die Märtyrerinnen werden in der armenischen Kirche als Gründerpatrone verehrt (Fest: 29. November). - Die legendäre Chronologie, die an die Silvesterlegende der wunderbaren Heilung Konstantins anknüpft und die Christianisierung Armeniens an den Beginn der diokletianischen Verfolgung von 303 verlegt, dient dem Prioritätsanspruch der armenischen Kirche. Nach heutigem Forschungsstand dürfte die Christianisierung erst 316/317 erfolgt sein, nachdem Gregor der Erleuchter 314 Bischof von Neocaesarea in Pontus (legendär: Caesarea in Kappadokien) geworden ist. Während der für die Jahre von 288 bis 303 angenommenen Gefangenschaft Gregors erfolgt sowohl in Armenien wie in Persien ein weiterer Thronwechsel. Seit 293 herrscht in Persien Narses, Sohn Sapors I. Narses überfällt 296 Armenien und vertreibt (oder tötet?) Trdat III., der 287 seinen Bruder Chosrau II., den Vater des jungen T., erschlagen und danach den armenischen Thron usurpiert hat. Das römische Heer, das unter dem Caesar Galerius Maximianus den Armeniern zu Hilfe kommt, wird 297 von den Persern zwar bei Carrhae geschlagen (Ammianus Marcellinus, De rebus gestis 23,5,11), aber im folgenden Jahr unterliegt Narses. Doch nicht Trdat III., über dessen weiteres Schicksal nichts bekannt ist, sondern sein Neffe Trdat IV. übernimmt unter römischem Schutz die Herrschaft. Im Frieden, den die Römer 298 in Nisibis mit Narses schließen, werden einige Gebiete von Armenien abgetrennt und T. mit Teilen von Aserbeidschan entschädigt, doch um den Preis der Anerkennung der römischen Oberherrschaft.

Quellen: Ps.-Agathangelos (2. H. 5. Jh.): G. Garitte, Documents pour l'étude du livre d'Agathange (Studi e Testi 127), Città del Vaticano 1946; Lat. Vita (BHL 3664), AASS Sept. VIII, 402-413; R. W. Thomson, Agathangelos: history of the Armenians, Albany 1976 (engl., Komm.); Ps.-Moses von Choren (8. Jh.): M. Lauer (Hrsg.), Des Moses von Chorene Geschichte Gross-Armeniens, Regensburg 1869 (dt.); A. et J.-P. Mahé (Hrsg.), Moïse de Khorène, Histoire de l'Arménie, Paris 1993 (frz.); R. W. Thomson (Hrsg.), Moses Khorenats'i, History of the Armenians (Harvard Armenian texts and studies, 4), Cambridge (Mass.) 1978 (Repr. 1980; engl., Komm.).

Lit.: Trdat IV. [III.]: C. Toumanoff, The third-century Armenian Arsacids: a chronological and genealogical commentary, in: Revue des Études Arméniennes, N.S. 6, 1969, 239-281 (grundlegend); - R. H. Hewsen, The successors of Tiridates the Great, in: Revue des Études Arméniennes, N.S. 13, 1978/79, 99-126; - Ders., In search of Tiridates the Great, in: Journal of the Society of Armenian Studies 2, 1985/86, 11-49; - M. Schottky, Dunkle Punkte in der armenischen Königsliste, in: Archäologische Mitteilungen aus Iran 27, 1994, 223-235; - E. Kettenhofen, Tirdãd und die Inschrift von Paikuli: Kritik der Quellen zur Geschichte Armeniens im späten 3. und frühen 4. Jh. n. Chr., Wiesbaden 1995; - Ders., Die Arsakiden in den armenischen Quellen, in: J. Wiesehöfer (Hrsg.), Das Partherreich und seine Zeugnisse (Historia, Einzelschriften 122), Stuttgart 1998, 325-353; - J. R. Russell, The scepter of Tiridates, in: Le Muséon, revue d'études orientales 114, 2001, 187-286; - Pauly, RE II, 6/2, 2246-2250 (W. Ensslin); - Der Kleine Pauly V, 931; - Der Neue Pauly XII, 613f (M. Schottky); - (Ps.-) Agathangelos: P. de Lagarde, Agathangelus, in: Abhandlungen der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen 35, 1889, 3-164; - RAC Suppl. 1/2, 239-248 (M. van Esbroeck); - LMA 1,202f (H. Kraft); - Gregor der Erleuchter: P. Ananian, La vita e le circostanze della consecrazione di S. Gregorio Illuminatore, in: Le Muséon, revue d'études orientales 74, 1961, 336-344; - M. van Esbroeck, St-Grégoire d'Arménie et sa didascalie, in: Le Muséon, revue d'études orientales 102, 1989, 131-145; - BiblSS XII, 499f (P. Ananian); - LThK3 IV, 1000f (G. Winkler); - LMA IV, 1676 (M. van Esbroeck).

Bruno W. Häuptli

Letzte Änderung: 21.09.2003