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Band XII (1997)Spalten 442-444 Autor: Ansgar Frenken

TREITSCHKE, Heinrich von, Historiker, * 15. September 1834 in Dresden, + 28. April 1896 in Berlin. - T. entstammte einer sächsischen Beamten- und Offiziersfamilie. Studium der Geschichte und Nationalökonomie in Bonn (u.a. bei Dahlmann), Leipzig, Tübingen und Freiburg. Nach Promotion zum dr.iur. und Habilitation (1858: »Die Gesellschaftswissenschaft«) wurde er 1863 zum ao. Professor für Staatswissenschaften in Freiburg ernannt; später o. Prof. für Geschichte in Kiel (1866), Heidelberg (1867) und schließlich - als Nachfolger Rankes - in Berlin (1874). Diesem folgte er auch als Historiograph des preußischen Staates nach (1886). - Seine Popularität als akademischer Lehrer verdankte der unter Kollegen nicht unumstrittene T. seinen rhetorischen Fähigkeiten und seiner Gabe, historische Ereignisse zu aktualisieren und darüber zu Streitfragen seiner Zeit dezidiert Stellung zu nehmen. Sein historisches Hauptwerk, eine allerdings nur bis zur Revolution von 1848 reichende »Dt. Geschichte im 19. Jh.«, liest sich als eine brillant geschriebene Legitimationsschrift der Politik Preußens und dessen Aufstieg zur deutschen Vormacht. Als Vertreter einer kleindeutschen Lösung unter preußischer Führung unterstützte er propagandistisch die Reichsgründung Bismarcks und die Etablierung eines starken Königtums. Überhaupt galt für T. als Gradmesser seiner Beurteilung von historischen Persönlichkeiten und Politikern, wie diese zu Preußen und seiner Bestimmung als (kommende) deutsche Führungsmacht standen. Persönlich schroff, mitunter provokativ - wohl auch Folge seiner fortschreitenden Taubheit - ging er keinem Streit aus dem Weg. Als Forum dienten ihm insbesondere die einflußreichen konservativen »Preußischen Jahrbücher«, deren langjähriger Mitarbeiter und -herausgeber er war. Von 1871 bis 1884 gehörte er dem Reichstag an, zunächst als nationalliberaler Abgeordneter, seit 1879 ohne Parteizugehörigkeit. In seinen politischen und historischen Schriften trat er leidenschaftlich für das protestantische Preußen (und gegen die katholischen Habsburger) ein und prägte damit das Geschichtsbild des nationalen Bürgertums bis weit über seinen Tode hinaus. - Obwohl er selbst keine historische Schule gründete, hatte T. enormen Einfluß auf das Denken seiner und der nachfolgenden Generation. Sein Deutschlandbild (T. war ein Propagandist deutscher Überlegenheit), die Verherrlichung des Krieges, ebenso wie sein latenter Antisemitismus - darüber kam es zu einer öffentlichen Kontroverse, u.a. mit dem liberalen Althistoriker Theodor Mommsen - wurden von ihm in weiten Kreisen des Bürgertums und des Adels hoffähig gemacht. Gleichfalls in hohem Maße meinungs- wie bewußtseinsbildend wirkten die von ihm vertretenen reaktionären Ansichten zur Rolle der Frau, zur sozialen Gleichheit und Gerechtigkeit.

Werke: Vaterländische Gedichte (1856, 21859); Die Gesellschaftswissenschaft (1859); Historische und politische Aufsätze (1865, NF: I-II 1870, 7./8. Aufl.: I-III 1915-1921); Zehn Jahre deutscher Kämpfe, 1865-1874. Schriften zur Tagespolitik (1874, I-II 31897); Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert I-V (1879-94, ND zuletzt 1988); Reden im deutschen Reichstag, 1871-1884 (1896); Biographische und historische Abhandlungen, vornehmlich aus der neueren Geschichte (1897); Politik. Vorlesungen ... I-II, hrsg. v. M. Cornicelius (1897/98, 31899/1900); Briefe I-III, hrsg. v. M. Cornicelius (1912-20); Aufsätze, Reden und Briefe, hrsg. v. M. Schiller (1929).

Lit.: (Auswahl): Hans Herzfeld, Staat und Persönlichkeit bei H.v.T., in: Preußische Jahrbücher 194, 1923, 267-294; - Fritz Kaphahn, Jacob Burckhardt und die Besetzung von Rankes Geschichtsprofessur an der Universität Berlin, in: HZ 168, 1943, 127-130; - George W.F. Hallgarten, H.v.T., The Role of the `Outsider' in German Historical Thought, in: History 36, 1951, 227-243; - Walter Bußmann, H.v.T. Sein Welt- und Geschichtsbild, 1952 (ND: Göttingen/Zürich 1981); - Ders., Treitschke als Politiker, in: HZ 177, 1954, 249-277; - Ders., H.v.T. 1834-1896, in: Die großen Deutschen 5, 1957, 368-379; - Andreas Dorpalen, H.v.T., New Haven 1957; - Walter Boehlich (Hrsg.), Der Berliner Antisemitismusstreit, Frankfurt/M. 1965; - Hans Schleier, Sybel und T., Berlin/DDR 1965; - Georg Iggers, H.v.T., in: Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.), Deutsche Historiker II, Göttingen 1971, 66-80 (ND: Göttingen 1973, 174-188); - Ders., H.v.T., in: Lucian Boia (Ed.), Great Historians of the Modern Age, New York a.o. 1991, 318 f.; - Karl Heinz Metz, Grundformen historiographischen Denkens, München 1979, 237-423; - Marianne Awerbuch, H.v.T., in: Berlinische Lebensbilder 4: Geisteswissenschaftler, Berlin 1989, 209-230; - Edwin Dillmann, Österreich und die Österreicher im Werk T.s, in: Österreich in Geschichte und Literatur 36, 1992, 13-23; - Stefan Fisch, Erzählweisen des Historikers, H.v.T. und Thomas Nipperdey, in: Gedenkschrift T. Nipperdey, München 1993, 54-62; - Dieter Hertz-Eichenrode, H.v.T. und das deutsch-polnische Verhältnis. Einige Bemerkungen, ausgehend von dem Aufsatz »Das deutsche Ordensland Preußen« (1862), in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 41, 1993, 45-90; - Utz Haltern, Droysen - Sybel - T., in: HZ 259, 1994, 89-102; - Andreas Biefang, Der Streit um T.s »Deutsche Geschichte« 1882/83. Zur Spaltung des Nationalliberalismus und der Etablierung eines national-konservativen Geschichtsbildes, in: HZ 262, 1996, 391-422; - ADB 55, 1910, 263-326; - Wolfgang Weber, Biograph. Lexikon zur Geschichtswissenschaft, Frankfurt-Bern u.a. 1984 21987, 606 f.; - Blackwells Dictionary of Historians, ed. J. Cannon, Manchester 1988, 417 f.; - Historikerlexikon, hrsg. v. Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller, München 1991, 319 f.; - Kindlers Neues Lit. Lex. 16, 1991, 758 f. [zu `Dt. Geschichte im 19. Jh.' mit Speziallit.].

Ansgar Frenken

Letzte Änderung: 16.11.1999