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Band XIX (2001)Spalten 1446-1454 Christoph Schmitt

TRIT(H)EMIUS, Johannes - Benediktiner-Abt, humanistischer Gelehrter, Geschichtsschreiber, Kryptograph. - Geb. am 1. Februar 1462 in Trittenheim, gestorben am 13. Dezember 1516 in Würzburg (Grabmal im Neumünster). Als Kind einer bescheidenen Winzerfamilie geboren, verlor er früh seinen Vater; die Mutter heiratet erst Jahre später seinen Stiefvater Hans Zell, gegen dessen Widerstand der Heimatpfarrer die Sehnsucht und Begabung des jugendlichen Johannes nach Wissen und Bildung förderte. Der junge Mann verläßt seinen Heimatort, nennt sich aber in Erinnerung an seinen Geburtsort seit 1486 "Joannes Tritemius". Seine grundlegende Bildung erwirbt er an Schulen in Trier, Köln, den Niederlanden und in Heidelberg; eine akademische Ausbildung im engeren Sinn läßt sich für ihn nicht nachweisen. Ende Januar 1482 überrascht ihn auf der Heimreise ein Unwetter und bei der Zuflucht in das Sponheimer Benediktinerkloster entscheidet sich der nicht ganz Zwanzigjährige für den Eintritt in den Orden. Mitte November legt er seine Gelübde ab und widmet sich fortan theologischen Studien. Schon 18 Monate später wird Tr. am 29. Juli 1483 trotz seines jugendlichen Alters und als jüngstes Mitglied des Konvents zum 25. Abt des Sponheimer Klosters gewählt (Abtsweihe am 9. November in Mainz). Damit übernimmt er die Verantwortung für ein wirtschaftlich desolates Kloster, dessen monastische Zucht von seinen eigenen Idealen weit entfernt war. Tr. sollte es gelingen, in zäher Arbeit und auf absehbare Zeit solide Verhältnisse herauf zu führen. Neben der Sorge für das Kloster widmet er sich einem erstaunlich intensiven Studium und der Schriftstellerei (seit 1484). Mit ihm wird das Kloster zu einer Heimstatt humanistischer Gelehrsamkeit. Als Abt eines der Bursfelder Kongregation angehörigen Klosters wird Tr. zunehmend in Aufgaben für diese benediktinische Reformbewegung eingebunden. Sowohl als Kapitelsredner als auch als Visitator reist er deutschlandweit zwischen den Reformklöstern hin und her. Tr. erweist sich als begabter Redner, belesener Schriftsteller und von tiefer Frömmigkeit geprägt. Als Mönch visitiert und predigt er und verfaßt monastische Schriften, Heiligenviten und Bibelauslegungen; darin sieht er seine wesentliche seelsorgliche Aufgabe. Tr., der nie ein Universitätsstudium abgeschloßen hat, entwickelt eine ungeahnte Bibliophilie und vermehrt die Bibliothek des abgelegenen Hunsrückklosters von 48 auf mehr als 2000 Bände. Hierin offenbart sich ein monastischer Bildungshumanismus, der ihn auch in Kontakt mit Personen wie Konrad Celtis und Johannes Reuchlin bringt, die ihn in Griechisch bzw. Hebräisch unterrichten. Er zählt zum Kreis der sodalitas litteraria Rhenana und mit ihm wird sein Kloster zum Magneten für Bildungshungrige und Neugierige. Literarischen Ruhm brachte ihm das noch heute anerkannte Nachschlagewerk über die kirchlichen Schriftsteller (de scriptoribus ecclesiasticis von 1494). Ambivalenter erscheinen seine Geschichtsschreibungen (z. B. zu den Klöstern Sponheim und Hirsau oder zum Ursprung der Franken), in denen er mit (gut gemeinten) historischen Fälschungen hantiert (z. B. der fingierte Zeuge Meginfrid). Die häufige Abwesenheit im Dienst des Ordens bringt es mit sich, daß eine oppositionelle Gruppe im Konvent seine Vertreibung aus dem Kloster betreiben kann. Monatelang reist er umher, hält sich u.a. am Brandenburger Hof auf, bevor er 1506 in der Abtei St. Jakob in Würzburg, dem ehemaligen Schottenkloster, ein Refugium findet. Unter schwierigen Bedingungen setzt er hier sein literarisches Schaffen fort. Zu seinem Oeuvre zählen auch jene Werke, die ihm bis in die Gegenwart eine mitunter dubiose, aber bleibende Erinnerung gewähren: seine arkanen Schriften zur Polygraphie und zur Steganographie, in denen er sich mit Geheimschriften und krypotgraphischen Theorien befaßt. Die Hexengläubigkeit seiner Zeit schlägt sich in vereinzelten Schriften des Benediktiners nieder. Sein Opus läßt erkennen, das er häufig größeren Wert auf die Wissensansammlung als auf die tiefe und kritische Durchdringung der Materie legte. 54jährig stirbt der Abt in seinem Würzburger Kloster; sein Grabdenkmal, eine Arbeit aus der Riemenschneider-Werkstatt, hat heute ihren Platz in der Neumünsterkirche.

Werke (Auswahl: angegeben wird das Entstehungsjahr, in Klammern die Jahre, aus denen Drucke stammen): De regimine claustralium, 1486 (Dr. 1608); Exhortationes ad monachos, 1486 (Dr. 1516, 1549, 1574, 1575, 1577, 1644, 1898, 1902, ital. ÜS 1927); De institutione vitae sacerdotalis, 1486 (Dr. 1494, 1503, 1575, 1577, 1655, 1830; dt. ÜS 1780); De visitatione monachorum, um 1490 (Dr. 1493); Catalogus illustrium virorum Germaniae, 1491-1495 (Dr. nach 1495); In laudem et commendatione Ruperti quondam abbatis Tuitiensis, 1492 (1577, 1631, 1748); De viris illustribus ordinis sancti Benedicti, 1492 (Dr. 1575); De laude scriptorum manualium, 1492 (Dr. 1494, dt. ÜS 1973, engl. ÜS 1974 u. 1977); De origine, progressu et laudibus ordinis fratrum Carmelitarum, 1492 (Dr. ca. 1494, 1570, 1593, 1604, 1639, 11680, dt. ÜS 1746 u. 1747); Liber penthicus seu lugubris de statu et ruina ordinis monastici, 1493 (Dr. 1493, 1577, 1739, 1644, 1898); De vanitate et miseria humanae vitae, vor 1494 (Dr. 1495, engl. ÜS 1633 u. Ndr. 1975); De laudibus sanctissimae matris Annae, 1494 (1494, 1497, um 1500); De proprietate monachorum, vor 1494 (Dr. 1495, 1608; frz. ÜS 1619); De scriptoribus ecclesiasticis, 1494 (Dr. 1494, 1497, 1531, 1718); Chronicon Hirsaugiense, 1495-1503 (Dr. 1559); Chronicon Sponheimense, ca. 1495-1509 (dt. ÜS 1969); De cura pastorali, 1496 (Dr. 1496); De duodecim excidiis oberservantiae regularis, 1496 (Dr. nach 1496, 1969; frz. ÜS 1604); De triplici regione claustralium et spirituali exercitio monachorum, 1497 (Dr. 1498, 1507, 1516, 1649, 1731, 1739); Steganographia, ca. 1500 (Dr. 1606, 1608, 1621, 1635, 1637, 1676 [mit Biographie von T. durch Heidel], 1721, engl. ÜS 1982); Chronicon successionis ducum Bavariae et comitum Palatinorum, ca. 1500-1506 (Dr. 1544, dt. ÜS 1616); Nepiachus 1507 (Dr. 1723 in: J. G. Eccardus, Corpus historicum Medii aevi, t. II); Liber octo quaestionum (1515, 1518, 1534, 1560, 1601, 1621, 1624; dt. ÜS 1555, Auszüge in dt. 1985); Annales Hirsaugienses, 1509-1514 (Dr. 1690); Antipalus maleficiorum, 1508; Polygraphia, 1508 (Dr. 1518, 1550, 1564, 1571, 1600, 1613, frz. ÜS 1561, 1625, 1620); De septem secundeis id est intelligentiis sive spiritibus orbes post deum moventibus, ca. 1508 (Dr. 1522, 1545, 1567, 1777, 1600, 1613, dt. ÜS 1522, 1529, niederl. ÜS 1532, frz. ÜS 1867, 1898); Compendium sive breviarium primi voluminis chronicarum sive annalium de origine regum et gentis Francorum, ca. 1514 (Dr. 1515, 1539); De origine gentis Francorum compendium, 1514 (Dr. 1574, 1673 in Simon Schardius, Historicum opus I; dt. ÜS 1522, 1563, 1605, engl. ÜS 1987); Clavis Steganographiae, Dr. 1606. - Gesammelte Werke: Opera historica quotquot hactenus reperiri potuerunt, omnia ... ed. Marquard Freher, 2 Bde., 1601 (Ndr. 1966); Opera pia et spiritualia, quotquot vel olim typis expressa vel Mss. reperiri potuerunt ... ed. Johannes Busaeus, 1604 u. 1605; Paralipomena opuscolorum P. Blesenis et J. Tr. aliorumque ...., ed. Johannes Busaeus, 1605 u. 1624.

Lit.: Johannes Caramuel, Steganographie nec non claviculae Salomonis germani J. Tr., 1635; - W. Schneegans, Abt J. Tr. und Kloster Sponheim, 1822; - Ph. Fr. Horn, J. Tr., Abt des vormaligen Klosters St. Jakob in Würzburg. Eine biographische Skizze, als Beitrag zur vaterländischen Gelehrtengeschichte, 1843; - E. G. Vogel, Unbekanntes Zeugnis eines Zeitgenossen über J. Tritheim und dessen Schriften. In: Serapeum 15 (1854) 273-284; - A. Ruland, Der Briefwechsel des J. Tr. mit Dr. Hartmann Schedel. In: Serapeum 16 (1855) 268-272; - A. Ruland, Über das verbrannt geglaubte Original der Annales Hirsaugiensis des J. Tr. In: Serapeum 16 (1855) 296-298.314-316; - E. G. Vogel, Ein merkwürdiges Doppelplagiat. In: Serapeum 17 (1856) 343-347; - K. E. H. Müller, De Trithemii abbatis vita et ingenio, 1863 (Diss.); - C. J. Wolff, J. Tr. und die älteste Geschichte des Klosters Hirsau. In: Württembergische Jahrbücher für Statistik und Landeskunde 1863 (1865) 229-282; - K. E. H. Müller, Quellen, welche der Abt Tr. im ersten Theile seiner Hirsauen Annalen benützt hat, 1871; - K. E. H. Müller, Ueber das Verhältnis des Abtes Tr. zu Joachim I. von Brandenburg. In: Programm des Gymnasiums Crossen 1868, 1873; - M. Marcuse, Ueber den Abt J. Tr., 1874 (Diss.); - Fr. Falk, Aus dem gelehrten Freundeskreis des Abtes Trithemius. In: HPBl 77 (1876) 923ff.; - J. E. Bailey, John Dee and the "Steganographia" of Trithemius, 1879; - K. E. H. Müller, Quellen, welche der Abt Tr. im zweiten Theile seiner Hirsauen Annalen benützt hat, 1879; - A. Goldmann, Zwei unedierte Briefe des J. Tr. In: StMGBO 4 (1883) 187ff.; - I. Silbernagl, J. Tr. Eine Monographie, 1868 (18852); - J. B. Stamminger [Art.] J. Tr. In: Wetzer und Weltes Kirchenlexikon VI (18892) Sp. 1770-1780; - U. Berliere, Les falsification de Trithéme. In: RevBen 9 (1892) 418-420; - Fr. X. Wegele, [Art.] J. Tr. In: ADB 38 (1894) 626-630; - Th. Henner, Der Grabstein des Schottenabtes J. Tr. im Neumènster zu Würzburg. 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Christoph Schmitt

Literaturergänzung:

1999

Uta Goerlitz, Wissen und Repräsentation. Zur Auseinandersetzung des Hermannus Piscator mit Johannes Trithemius um die Rekonstruktion der Vergangenheit. In: Artes im Mittelalter. Hrsg. von Ursula Schaefer, 1999, 197-212; -

2000

Roland Behrendt, The library of abbot T., in: ABR 51.2000, S. 3-23; -

2001

Paola Zambelli, Magia bianca, magia nera nel Rinascimento, 2004; - Thomas Ernst, Anatomie einer Fälschung. In: Daphnis - Zeitschrift für Mittlere Deutsche Literatur, 30 (2001) 513-595; -

2003

Noel L. Brann, Trithemius, Cusanus, and the will to the infinite. A pre-faustian paradigm. In: Aries 2 (2002) 153-172; - Harald Müller, Graecus et fabulator. J. Tr. als Leitfigur und Zerrbild des spätmittelalterlichen ‚Klosterhumanisten'. In: Inquirens subtilia diversa. D. Lohmann zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Horst Kranz u. Ludwig Falkenstein, 2002, 201 -223; - Frank Baron, Richard Auernheimer, War Dr. Faustus in Kreuznach? Realität und Fiktion im Faust-Bild des Abtes Johannes Trithemius, 2003, [=Bad Kreuznacher Symposien; 3]; - Julia Mickley, Das Kloster Sponheim und sein Abt Trithemius. 2000 Jahre Christentum im Naheraum, 2003, [=Sponheim-Hefte; 28]; - Michael Embach, Die Schriften Hildegards von Bingen. Studien zu ihrer Überlieferung im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, 2003, [=Erudiri Sapientia. Studien zum Mittelalter und zu seiner Rezeptionsgeschichte 4]; -

2004

Harald Müller, Bericht aus Berlin. Abt Johannes Trithemius im Jahre 1505 über die Mark Brandenburg, Mönchtum und Wissenschaft. In: Archiv für Kulturgeschichte AKG 86 (2004) 315-339; - Susann El Kholi, Ein Besuch bei Johannes Trithemius. Der Brief des Mathäus Herbenus an Jodokus Beissel vom 14. August 1495. In: Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 56 (2004) 143-157; - Frank Borchardt, [Artikel] Johannes Trithemius. in: New Westminster Dictionary of Church History, 2004, s.v.; -

2009

Michael Embach, Johannes Trithemius OSB (1462 –1516) und die Bibliothek von Kloster Sponheim. In: Zur Erforschung mittelalterlicher Bibliotheken. Chancen – Entwicklungen – Perspektiven. Hrsg. von Andrea Rapp und Michael Embach, 2009, 101-136.

Letzte Änderung: 13.12.2009