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Band XII (1997)Spalten 817-820 Autor: Harry Beyer

UHLAND, Ludwig, Dichter, Germanist und Politiker, * 26.4. 1787 in Tübingen, † 13.11. 1862 ebd. - U. studierte von 1802/08 Jura, bestand auch das Advokatenexamen und promovierte 1810 zum Dr. jur., doch seine Neigung galt von Anfang an der Poesie, insbes. der Lyrik und den mittelalterl. Epen. Schon während der Studienzeit veröffentlichte er seine ersten Gedichte, darunter einige seiner schönsten Lieder: »Schäfers Sonntagslied«, »Des Knaben Berglied«, »Die Kapelle« u.a. Sie und der Aufsatz »Über das Romantische« (1807) bezeugen, daß der Dichter zunächst dieser Literaturepoche anhing: »Nun so laßt uns Schwärmer heißen und gläubig eingehn in das große romantische Wunderreich, wo das Göttliche in tausend verklärten Gestalten umherwandelt!« Dennoch ging er 1810/11 zur weiteren juristischen Ausbildung nach Paris; er wollte vor allem das französische Rechtswesen kennenlernen, studierte aber in der Nationalbibliothek intensiv auch mittelalterliche französische und deutsche Manuskripte. Nach seiner Rückkehr schrieb er 1812 den Aufsatz »Über das altfranzösische Epos«, durch den er zum Mitbegründer der Romanistik in Deutschland wurde; im gleichen Jahr erschienen weitere Gedichte im »Poetischen Almanach für 1812«, darunter das zum Volkslied gewordene »Ich hatt' einen Kameraden« und Übersetzungen aus dem Altfranzösischen und Spanischen. Beruflich hatte sich U. als Rechtsanwalt in Stuttgart niedergelassen, nachdem ein Versuch, in den Staatsdienst einzutreten, mißlungen war, weil er es ablehnte, dem König, der 1806 widerrechtlich den Landtag aufgelöst hatte, den Eid zu schwören. Im Kampf um das »alte Recht« der Württemberger, das durch die Verfassungsvorlage von 1815 gefährdet schien, veröffentlichte er seine »Vaterländischen Gedichte« und schrieb das Trauerspiel »Ernst, Herzog von Schwaben« (1817), worin sich in historischer Verkleidung der württemberg. Verfassungskonflikt von 1815-19 widerspiegelt. 1819 wurde U. als Vertreter von Tübingen in den neu gegründeten Landtag gewählt, dem er bis 1826 angehörte. Die Advokatur hatte er aufgegeben; neben seiner politischen Tätigkeit beschäftigte er sich vor allem mit germanistischen Studien, z.B. den Heldenepen (Nibelungenlied) und dem Minnesang. 1822 erschien die Monographie »Walther von der Vogelweide«, die wesentlich dazu beitrug, daß die Universität Tübingen ihn 1829 als Professor für deutsche Sprache und Literatur berief. Neben der Lehrtätigkeit entstanden seine bekanntesten Balladen, z.B. die »Schwäbische Kunde«, »Des Sängers Fluch«, »Das Glück von Edenhall« u.a. Diese 2. poet. Schaffensperiode endete bald mit der Niederlegung seiner Professur 1833, denn ein Jahr zuvor war U. wiederum - diesmal als Vertreter von Stuttgart - in den Landtag gewählt worden, wozu ihm die Regierung jedoch die Beurlaubung verweigerte. Nach sechs Jahren kompromißloser nationalliberaler Opposition schied er 1838 abermals aus der aktiven Politik aus, wurde allerdings zehn Jahre später für den Wahlbezirk Tübingen-Rottenburg in die Frankfurter Nationalversammlung entsandt. Aus einer seiner Reden stammen die Worte: »Es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem vollen Tropfen demokratischen Öls gesalbt ist.« Nach dem Scheitern seiner auf die Einigung Deutschlands gerichteten Hoffnungen entsagte U. jeder weiteren politischen Tätigkeit und lebte zurückgezogen als Privatgelehrter ausschließlich seinen germanistischen Studien; insbesondere beschäftigte er sich mit der nordischen Mythologie (Thor, Odin), den alten deutschen Volksliedern und der schwäbischen Sagenkunde (s.u.). - »U.s Bedeutung als Pionier der Germanistik ist von der Fachwissenschaft erst im 20. Jh. richtig erkannt worden, doch sein Ruhm als - auch häufig vertonter - Lyriker war über 100 Jahre lang phänomenal. Die Verbindung des romantisch-volkstümlichen Dichters mit dem idealistischen Demokraten ließ U. im 19. Jh. zu einem deutschen Mythos werden.« (H. Fröschle)

Werke: Gedichte, 1815-186243 (z.T. erw. Aufl.); Vaterländische Gedichte, 1817; Ernst, Herzog von Schwaben, 1818; Ludwig der Baier, 1819; Über das altfranz. Epos, 1812; Monographie Walther von der Vogelweide, 1822; Der Mythus von Thor, 1836; Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder (2 Bde.), 1844/45; Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage (8 Bde.), posthum zus. gest. und hrsg. A. v. Keller u.a., 1865-73. - Ausgaben: Gesammelte Werke (6 Bde.), hrsg. H. Fischer, 1892; Sämtl. Werke (8 Bde.), hrsg. W. Reinöhl, 1914; Werke (4 Bde.), hrsg. H. Fröschle u. W. Scheffler, 1980-84; U.s Tagebuch, hrsg. J. Hartmann, 18982; ders. U.s Briefwechsel (4 Bde.), 1911-16; Gedichte. Vollst. krit. Ausg. (2 Bde.), hrsg. E. Schmidt u. J. Hartmann, 1898; Poet. Werke/Gedichte und Dramen (2 Bde.), hrsg. R. Pissin, 19292; Gedichte, hrsg. H.R. Schwab, 1987 (Insel Tb); ders. in Werke (2 Bde.), 1983; Ausgew. Werke, hrsg. H. Bausinger, 1987; Gedichte, Ausw. u. Nachw. P. v. Matt, 1990 (RUB).

Lit.: H. Fröschle, L.U.-Bibliogr. 1945-80, in: Beitr. zur schwäb. Lit.- u. Geistesgesch. 2, 177-191, 1982; - K. Baker, L.U.-Bibliogr. 1900-44, in: Suevica 4, 149-184, 1987; - K. Mayer, L.U., seine Freunde und Zeitgenossen (2 Bde.), 1867; - L.U.s Leben, aus dessen Nachlaß und aus eigener Erinnerung zusammengestellt von seiner Witwe (Hrsg. E. Uhland), 1874; - H. Haag, L.U. Die Entwicklung des Lyrikers, (Diss. Tübingen), 1907; - W. Reinöhl, U. als Politiker, 1911; - H. Schneider, U. und die dt. Heldensage, 1918; - ders., U.s Gedichte und das dt. Mittelalter, 1920; - ders., U.s Leben, Dichtung, Forschung, 1920; - H.O. Burger, Schwäbische Romantik. Studien zur Charakteristik des U.-Kreises, 1928; - W. Heiske, L.U.s Volksliedersammlung, 1929; - O.W. Pansch, U.s mythologische Studien (Diss. Bonn), 1934; - H. Moser, U.s Schwäbische Sagenkunde und die germanistisch-volkskundliche Forschung der Romantik, 1950; H.A. Korff, Geist der Goethezeit, Bd. 4, 250-261, 1953; - H. Niethammer, Des jungen U. Umwelt, 1953; - H. Thomke, Zeitbewußtsein und Geschichtsauffassung im Werke U.s, 1962; - H. Moser, L.U., in: Deutsche Dichter der Romantik. Ihr Leben und Werk, Hrsg. B.v. Wiese, 1971; - H. Fröschle, L.U. und die Romantik, 1973; - ders., Bemerkungen zu L.U.s Wirkungsgeschichte, in: Beitr. zur schwäb. Lit.- u. Geistesgesch., 44-74, 1981; - F. Martini, Ohnmacht und Macht des Gesangs. Zu L.U.s Ballade »Des Sängers Fluch«, in: Gedichte und Interpretationen, Bd. 3, Hrsg. W. Segebrecht, 1984; - P.H. Neumann, Kein Lied vom Heldentod »Der gute Kamerad«, in: Frankfurter Anthologie, Bd. 10, 115-118, 1986; - W. Scheffler u.a. Bearb., L.U. 1787-1862. Dichter, Germanist, Politiker, in: Marbacher Magazin, 1987; - W. Jens, Unser U. Nachdenken über einen vergessenen Klassiker, 1987; - H. Bausinger (Hrsg.), L.U. Dichter, Politiker, Gelehrter (darin 11-37: G. Korff, »Droben steht die Kapelle«. Zur U. Rezeption in den Bildkünsten des 19. und 20. Jh.s, 1988; - G. Ueding, Die Zerstörung des Paradieses. Zu L.U.s »Das Glück von Edenhall«, in: Deutsche Balladen, Hrsg. E. Grimm, 212-225, 1988; - Gesamtdarstellung der Lit. über L.U. vgl. ADB Bd. 39, 118-163 (Neudruck der 1. Aufl. v. 1895), 1971; - Gesamtverzeichnis d. deutschsprachigen Schrifttums (GV) 1700-1910, Bd. 148 (Bearb. H. Schmuck u. W. Gorzny), 255-260, 1986; - Kindlers Neues Literatur Lexikon, Hrsg. W. Jens, Bd. 16, 895-898, 1991; - Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache, Hrsg. W. Killy, Bd. 11, 464-466 (Bertelsmann-Verlag), 1988-1992.

Harry Beyer

Literaturergänzung:

2005

Michael Fischer ; Rebecca Schmidt, "Mein Testament soll seyn am End". Sterbe- u. Begräbnislieder zwischen 1500 u. 2000. Münster 2005, S. 203-227 (zu: "Ich hatt einen Kameraden"); -

2007

Heinz Krämer, L.U. am Neckar, an d. Seine - u. am Feuerbach. Leinfeld-Echterdingen 2007; -

2009

Ilonka Zimmer, U. im Kanon. Studien zur Praxis literar. Kanonisierung im 19. u. 20. Jhr. Frankfurt/M. 2009.

Letzte Änderung: 07.10.2009