ULRICH (Uodalricus), hl. (Fest 4. Juli), 923-973 Bischof von Augsburg, Patron von Stadt und Bistum Augsburg, * wohl 890 in Augsburg, möglicherweise auch in Dillingen, Wittislingen oder Sulmetingen als Sproß des alemannischen Edelgeschlechts der Hupaldinger. Über seine Mutter Dietpirch (Thietpirc) dürfte U. dem Verwandtenkreis des schwäbischen Herzogs Burchard I. (917-926) und der Kaiserin Adelheid († 999) angehört haben. † 4.7. 973 in Augsburg. - Um 900-908 in der Abtei St.Gallen in benediktinischem Geist herangebildet, stand U. 908-909 als Kämmerer in den Diensten des Augsburger Bischofs Adalbero (887-909). Bei dessen Nachfolge nicht berücksichtigt, zog sich der Hochadelige auf die elterlichen Güter zurück, weil, wie die Ulrichsvita vermerkt, der neue Bischof von niedrigerer Herkunft war. In der Zeit zwischen 919 und 921 kam es in St.Gallen zur Begegnung mit der Reklusin Wiborada († 926), die ihm abgeraten haben soll, die Abtswürde von St.Gallen zu übernehmen. Nach dem Tod Bischof Hiltines (909-923) wurde U. 923 von König Heinrich I. (919-936) auf Bitten des Herzogs Burchard I. von Schwaben zum Bischof von Augsburg ernannt. Die Bischofsweihe empfing er am 28.12. 923 vermutlich aus den Händen des zuständigen Mainzer Metropoliten. Als Bischof verkörperte U. den »Idealtyp« eines Reichsbischofs ottonischer Prägung. Seinen Verpflichtungen gegenüber Reich und Königshaus kam er in unbedingter Königstreue nach. Während der Regierungszeit des Königs und Kaisers Otto des Großen (936-973), mit dem er eng verbunden war, ist er fünfzehnmal in königlicher Umgebung nachweisbar, leistete er Heeresfolge und nahm er an wichtigen Reichssynoden und Hoftagen teil. Beim sogenannten Liudolf-Aufstand 953/54, in dessen Verlauf Schwaben, Franken und Bayern vom König abfielen, stand U. treu auf der Seite des Herrschers und vermittelte 954 zusammen mit Bischof Hartbert von Chur (951-um 970) einen Waffenstillstand zwischen König Otto I. und dessen aufständischem Sohn Liudolf (930-957). Seine von den Ungarn wiederholt heimgesuchte Bischofsstadt Augsburg sicherte er durch einen Mauerring. Beim Angriff der Ungarn auf Augsburg im August 955 leitete er selber die erfolgreiche Verteidigung der Stadt, die für den epochalen Sieg Ottos I. am 10.8. 955 auf dem Lechfeld von nicht unerheblicher Bedeutung war. Wohl im Zusammenhang damit verlieh Otto I. Bischof U. 955 das Privileg, Münzen zu prägen. Um 963 erbat er sich von Otto I. die Gunst, mit dem Heeres- und Hofdienst seinen Neffen Adalbero († 973) betrauen zu dürfen, um selber sich ungeteilt seinen bischöflichen Aufgaben widmen zu können. In dem ihm anvertrauten Bistum Augsburg leistete der Bischof vielfältige Aufbauarbeit. Er förderte die innere Missionsarbeit bei Klerus und Volk, predigte selbst und feierte die Liturgie, spendete in allen Teilen seines Bistums die Firmung und hielt alle vier Jahre an den Hauptorten der Pfarrsprengel Sendgericht. Zur Heranbildung des Klerus förderte er den Ausbau der Augsburger Domschule. Regelmäßig visitierte er den Klerus seines Bistums, zweimal jährlich hielt er eine Diözesansynode ab. Dem monastischen Ideal zugetan, überwachte er persönlich die seiner Leitung unterstehenden bischöflichen Eigenklöster Feuchtwangen, Staffelsee, Füssen, Habach und Wiesensteig. Sein Leben und seine Frömmigkeitshaltung waren von vorbildlicher Wirkung auf Klerus und Volk. Um den Reliquienschatz seiner Kirche zu mehren, brachte er aus Rom Reliquien des heiligen Abundus und aus Saint-Maurice Reliquien der thebäischen Märtyrer nach Augsburg. Viermal pilgerte er nach Rom. 971 entsprach der Kaiser seiner Bitte, die Verwaltung seines Bistums und alle den Bischof betreffenden weltlichen Geschäfte seinem Neffen Adalbero zu übertragen. Im September 972 versuchte er vergeblich, in Gegenwart der beiden Kaiser Otto I. und Otto II. die Reichssynode zu Ingelheim für seine Ziele zu gewinnen, nämlich zugunsten seines Neffen Adalbero auf sein Bistum zu verzichten und sich in ein Kloster zurückzuziehen. Nach seinem Tode wurde er von Bischof Wolfgang von Regensburg (972-994) am 7. 7. 973 in der Kirche St.Afra in Augsburg beigesetzt, wo sich U. eine Grablege bereitet hatte. Vom Volk schon bald als Heiliger verehrt, verbreitete sich sein Kult über weite Teile Europas. Nur zwanzig Jahre nach seinem Tod erfolgte am 3.2. 993 auf einer römischen Lateransynode unter dem Vorsitz Papst Johannes XV. (985-996) in erstmaliger päpstlicher Kanonisation die Bestätigung seines Kults.
Quellen: Gerhard von Augsburg, Vita Sancti Uodalrici. Die älteste Lebensbeschreibung des heiligen Ulrich, lateinisch-deutsch. Mit der Kanonisationsurkunde von 993. Einleitung, kritische Edition und Übersetzung besorgt von Walter Berschin und Angelika Häse (EdHd 24), Heidelberg 1993 (Vita: 70-331, Wunder: 332-405, Kanonisationsurkunde: 420-427). - Gerhardi Vita Sancti Oudalrici Episcopi, ed. G. Waitz, in: MGH SS IV, Hannover 1841, 377-425 (Vita: 383-419, Miracula 419-425); Gerhard von Augsburg, Vita Sancti Uodalrici episcopi Augustani, in: Vitae quorundam episcoporum saeculorum X, XI, XII. Auf Vorlage der kritischen Edition der Monumenta Germaniae Historica lateinisch-deutsch herausgegeben von Hatto Kallfelz (Ausgewählte Quellen zur Deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe 22), Darmstadt 21986, 35-167 (nur Vita); - Wilhelm Volkert (Bearb.), Die Regesten der Bischöfe und des Domkapitels von Augsburg I (Veröffentlichungen der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft bei der Kommission für Bayerische Landesgeschichte. Reihe II b), Augsburg 1985.
Bibliographie: Adolf Layer, Neueres Schrifttum über den heiligen Ulrich, in: Bischof Ulrich von Augsburg und seine Verehrung. Festgabe zur 1000. Wiederkehr seines Todestages (JVABG 7), Augsburg 1973, 361-371; Veröffentlichungen zur Geschichte des hl. Ulrich im Jubiläumsjahr 1973, in: JVABG 8 (1974) 173-176; Helmut Gier, Neues Schrifttum zum heiligen Ulrich seit 1973, in: Manfred Weitlauff (Hrsg.), Bischof Ulrich von Augsburg 890-973. Seine Zeit - sein Leben - seine Verehrung. Festschrift aus Anlaß des tausendjährigen Jubiläums seiner Kanonisation im Jahre 993 (JVABG 26/27), Weißenhorn 1993, 783-790.
Lit.: Friedrich Zoepfl, Das Bistum Augsburg und seine Bischöfe im Mittelalter, München-Augsburg 1955, 61-77; - Lore Sprandel-Krafft, Eigenkirchenwesen, Königsdienst und Liturgie bei Bischof Ulrich von Augsburg, in: ZHVS 67 (1973) 9-38; - Manfred Weitlauff, Der heilige Bischof Udalrich von Augsburg (890-4. Juli 973), in: Bischof Ulrich und seine Verehrung. Festgabe zur 1000. Wiederkehr seines Todestages (JVABG 7), Augsburg 1973, 1-48; - Wolfram Baer, Der hl. Ulrich - Bischof und Reichsfürst. Zur Geschichte des Verhältnisses von Kirche und Staat im Frühmittelalter, in: ZBLG 39 (1976) 251-263; - Friedrich Prinz, Der hl. Ulrich von Augsburg: Adliger, Bischof, Reichspolitiker, in: Ders., Gestalten und Wege bayerischer Geschichte, München 1982, 35-48; - Albrecht Graf Finck von Finckenstein, Ulrich von Augsburg und die ottonische Kirchenpolitik in der Alemannia, in: Immo Eberl (Hrsg.), Früh- und hochmittelalterlicher Adel in Schwaben und Bayern, Sigmaringen 1988, 261-269; - Johannes Duft, Bischof Ulrich und St.Gallen, in: Ders., Die Abtei St.Gallen II, Sigmaringen 1991, 189-200; - Peter Rummel, Ulrich von Augsburg. Bischof, Reichsfürst, Heiliger, Augsburg 1992; - Rolf Schmidt, Legitimum ius totius familiae. Recht und Verwaltung bei Bischof Ulrich von Augsburg, in: Hubert Mordek (Hrsg.), Aus Archiven und Bibliotheken. Festschrift für Raymund Kottje zum 65. Geburtstag (Freiburger Beiträge zur mittelalterlichen Geschichte 3), Frankfurt/Main-Bern-NewYork 1992, 207-222; - Vita Sancti Vdalrici. Erlesene Handschriften und wertvolle Drucke aus zehn Jahrhunderten. Katalog zur Ausstellung der Universitätsbibliothek Augsburg anläßlich der 1000-Jahr-Feier der Kanonisation des hl. Ulrich, bearbeitet von Günter Hägele und Anton Schneider, hrsg. von Rudolf Frankenberger, Augsburg 1993; - Manfred Weitlauff, Bischof Ulrich von Augsburg (923-973). Leben und Wirken eines Reichsbischofs der ottonischen Zeit, in: Ders. (Hrsg.), Bischof Ulrich von Augsburg 890-973. Seine Zeit - sein Leben - seine Verehrung. Festschrift aus Anlaß des tausendjährigen Jubiläums seiner Kanonisation im Jahre 993 (JVABG 26/27), Weißenhorn 1993, 69-142; - Franz Xaver Bischof, Die Kanonisation Bischof Ulrichs auf der Lateransynode des Jahres 993, in: Ebd. 197-222; - Joachim Seiler, Von der Ulrichs-Vita zur Ulrichs-Legende, in: Ebd. 223-265; - Bernhard Schimmelpfennig, Afra und Ulrich. Oder: Wie wird man heilig?, in: ZHVS 86 (1993) 23-44; - Gunther Wolf, Die Kanonisationsbulle von 993 für den Hl. Oudalrich von Augsburg und Vergleichbares, in: ADipl 40 (1994) 85-104; - Ernst-Dieter Hehl, Lucia/Lucina - Die Echtheit von JL 3848. Zu den Anfängen der Heiligenverehrung Ulrichs von Augsburg, in: DA 51 (1995) 195-211; - Werner Goez, Bischof Ulrich von Augsburg (923-973), in: Ders., Lebensbilder aus dem Mittelalter. Die Zeit der Ottonen, Salier und Staufer, Darmstadt 1998, 28-40, 500f.; - LThK2 10 (1965) 454-456; - VerLex 9 (1995) 1240-1245; - LMA 8 (1997) 1173-1174.