|
Verlag Traugott Bautz
|
![]() |
|
|
||||
|
|
||||
|
|
||||
|
|
UNDSET, Sigrid, norwegische Schriftstellerin, * 20.5. 1882 in Kalundberg (Dänemark) als ältestes von drei Geschwistern, + 10.6. 1949 in Lillehammer (Norwegen). - U.s Vater war der bekannte Archäologe Ingvald Matin U. Ihre Mutter Charlotte Gryth entstammte einer vornehmen dänischen Juristenfamilie. 1884 zog die Familie nach Oslo. Der frühe Tod des Vaters brachte die Hinterbliebenen in finanzielle Nöte. Deshalb konnte S.U. ihren Wunsch, sich als Malerin ausbilden zu lassen, nicht verwirklichen. Seit 1898 arbeitete sie als Kontoristin in einer Osloer Firma. Daneben entstanden ihre ersten schriftstellerischen Werke. Nach anfänglichen Schwierigkeiten verhalf ihr der 1907 erschienene Eheroman »Frau Martha Oulie« zum Durchbruch. U. erhielt ein Staatsstipendium, unternahm erste Auslandsreisen und konnte sich nun ganz ihrer Lebensaufgabe, der Schriftstellerei, widmen. Durch den Vater einst kenntnisreich vermittelt, war sie seit ihrer Kindheit fasziniert von der Welt des katholischen Mittelalters, was sich in ihren Werken widerspiegelt. Für die 1920-1922 erschienene Trilogie »Kristin Lavranstochter« erhielt U. im Jahre 1928 den Literaturnobelpreis. Beinahe ebensoviel Aufsehen erregte 1925 ihre Konversion zur katholischen Kirche. Kurz zuvor hatte sie sich von ihrem Mann, dem Kunstmaler Anders Carus Svarsted, getrennt. Ihre Romane »Gymnadenia« (1929) und »Der brennende Busch« (1930) sind von ihrem katholischen Glauben geprägt. - Bereits 1919, in »Et Kvindesynspunkt« (deutsch: Gesichtspunkt einer Frau) hatte sich U. kritisch mit politischen und kulturellen Strömungen ihrer Zeit auseinandergesetzt. Scharf polemisierte sie gegen die imperialistische Politik Deutschlands, gegen Hegels Staatsvergötzung und Nietzsches Übermenschen. In den dreißiger Jahren attackierte sie die nationalsozialistische Rassenideologie und den Mythos vom »nordischen Menschen«. Ihre letzten Lebensjahre waren von harten Schicksalsschlägen überschattet. Eine Tochter starb 1937, der älteste Sohn fiel im April 1940 im Kampf gegen die deutsche Besatzungsmacht. Als entschiedene Gegnerin der Nationalsozialisten mußte U. nach Amerika fliehen. 1945 kehrte sie in ihre Heimat zurück. Ihr letztes, posthum veröffentlichtes Werk über Katharina von Siena (1951) ist zugleich ihr persönlichstes Bekenntnis. - U. führte das Bild der modernen berufstätigen Frau in die norwegische Literatur ein. Sie kämpfte für die Freiheit der Frauen, gegen Zwangsehe und gesellschaftliche Konvention. Diese Freiheit bedeutete für sie jedoch nicht das Aufgeben aller Bindungen, sondern die Einordnung in einen größeren - letztlich transzendenten - Zusammenhang. Bereits 1915 hatte sie sich intensiv mit religiöser Literatur und dem Katholizismus befaßt. Der christliche Grundgedanke ihrer großen Romane gründet in der Überzeugung, daß der Mensch als Geschöpf Gottes ein Wesen mit freiem Willen ist. Sein Leben vollzieht sich im Spannungsfeld zwischen eigenem Wollen und dem Willen Gottes. Bestimmend bleibt letztendlich die unstillbare Sehnsucht nach Gott.
Werke: Et kvinde-synspunkt, Kristiania 1919; Etapper, Oslo 1929 Norske helgener, Oslo 1937; Selvportretter og landskapsbilleder, Oslo 1938; Caterina av Siena, Oslo 1951; Kirke og klosterliv. Tre essays fra norsk middelalder, Oslo 1963; Kjaere Dea, hrsg. von Christianne Undset Svarstad, Oslo 1979; »Hvorfor jeg skrev«. In: Samtiden 91 (1982), 54-56; Kritikk og tro. Tekster av S.U., hrsg. von Liv Bliksrud, Oslo 1982; Middelalderverker, 8 Bde., Oslo 1982; Natidsverker, 12 Bde., Oslo 1983.
Übersetzungen: Das glückliche Alter, 1908; Splitter und Zauberspiegel, 1917; Gesichtspunkt einer Frau, 1919; Jenny, 1921; Frühling, 1926; Kristin Lavranstochter, 1926-27; Olav Audunsson, 1928/29; Gymnadenia, 1930; Der feurige Busch, 1931; Ida Elisabeth, 1934; Das getreue Eheweib, 1938; Madame Dorothea, 1948; Katharina Benincasa, 1953; Nordische Heilige, Köln 1964; Jenny: Roman, übersetzt v. Thyra Jackstein-Dohrenburg, Frankfurt-Berlin 1988; Kirstin Lavranstochter: Roman, übersetzt v. J. Sandmeier u. S. Angermann, Freiburg-Heidelberg 5. Aufl. 1994.
Lit. (allgemein): Karl Rahner, Über Konversionen. In: Hochland (1953), 119 ff.; Grundzüge der neueren skandinavischen Literaturen, hrsg. von Fritz Paul, Darmstadt 1982; Wilhelm Friese, Neuere skandinavische Literatur, Bern-Frankfurt-New York, 1986.
Lit. (speziell): EC, Bd. 12 (1954), 762f.; - Louis Chaigne, S.U. In: F. Lelotte (Hrsg.), Convertites du XX. Siècle, Bd. 3, Paris 1957, 55-70; - (Deutsch: Heimkehr zur Kirche. Konvertiten des 20. Jahrhunderts, 2 Bde., 1956/57); - Art. Konvertiten. In: Weltkirchenlexikon, hrsg. v. Franklin H. Littell/ Hans Hermann Walz, Stuttgart 1960, 778-782, bes. 780; - RGG, Bd. 6 (1962), Sp. 1121f.; - LThK, Bd.10 (1965), Sp. 476; - Gisbert Kranz, Europas christliche Literatur von 1500 bis heute, München-Paderborn-Wien 1968, 454-458; - Carl F. Bayerschmidt, S.U., New York 1970; - Wilhelm Friese, Nordische Literaturen im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1971, 159-163; - Helmut Holzapfel, S.U. In: Klerusblatt 62 (1982) Nr. 6, 119f.; - Elisabeth Aasen, S.U., Oslo 1982; - Mogens Brondsted (Hrsg.), Nordische Literaturgeschichte, Bd. 2, München 1984, 360-364; - Elisabeth Solbakken, Redefining integrity: the Portayal of women in the contemporary novels of S.U. (= Eurepean University Studies: series 1, vol. 1314) Frankfurt a. M. u.a. 1992 (Lit.).
Gabriele Lautenschläger
Literaturergänzung:
Ferdinando Castelli, "Indietro verso l'avvenire". S.U., in: CivCatt 158.2007, S. 246-258.
Letzte Änderung: 18.12.2007