VADIAN (von WATT), Joachim, Schweizer Humanist und Reformator der Stadt St. Gallen, * 1484 in St. Gallen † 1551 in St. Gallen. - Joachim von Watt wurde 1484 in der Reichsstadt St. Gallen. Seine Vorfahren stammen aus dem Geschlecht von Watt, daß durch den Handel mit Leinwand einen Reichtum und Bedeutung gewann. Im Alter von 17 Jahren bezog er im Winter 1501/02 die Universität Wien. Dort wirkte er, als Student und Lehrender mit Unterbrechungen, bis zum Jahre 1518. Während einer Pestepidemie 1506/07 in Wien ging er nach Villach, wo er als Lehrer wirkte. Daneben nahm er dort Musikunterricht und besuchte das Benediktinerkloster Ossiach. Von Villach aus unternahm er auch eine Studienreise nach Nordostitalien, die ihn nach Trient, Venedig und Padua führte. In Padua lernte er den berühmten irischen Universitätslehrer Mauritus Hibernicus kennen, der ihn stark beeinflußte. Sein erster und wichtigster Wiener Lehrer war der Humanist Conrad Celtis, an den er sich auch in späteren Jahren immer dankbar erinnerte. Im Jahre 1509 bestand er das Magisterexamen und kehrte für kurze Zeit nach St. Gallen zurück. Ganz dem Motto des Humanismus folgend, beschäftigte er sich mit der Bibliothek der Abtei St. Gallen. So edierte er nach seiner Rückkehr in Wien bald das Lehrgedicht »Hortulus« Vom Gartenbau des Reichener Abtes Walafried Strabo. Seit 1512 war Vadian Inhaber des Lehrstuhls für Poetik an der Universität. Vadian wurde in Wien vor allem durch seine Prosaschriften, seine Editionen und durch seine lateinischen Dichtungen bekannt. 1513 hielt er sich in der ungarischen Residenzstadt Buda (Ofen) auf und brachte von dort wertvolle Manuskripte nach Wien. 1514 erreichte er das große Ziel der neulateinischen Dichter. Am 12. März wurde er durch Kaiser Maximilian I. in Linz zum poeta laureatus gekrönt. In den folgenden Jahren widmete er sich zuerst medizinischen und geographisch-naturwissenschaftlichen Studien. Später kamen auch historische Studien hinzu. Einer seiner Hauptlehrer wurde der Mathematiker und Astronom Georg Tannstetter, genannt Collimitius. Vadian schloß sein Medizinstudium mit dem Erwerb des Doktorgrades ab. Im Jahre 1518 kehrte er in seine Heimatstadt St. Gallen zurück. Im Winter 1518/19 ritt er noch einmal nach Wien, um persönliche Angelegenheiten zu klären und kehrte über Leipzig, Posen, Breslau, Krakau und Olmütz nach St. Gallen zurück. In fast allen Städten besuchte er seine zahlreichen humanistischen Freunde. Für die zweite Hälfte seines Lebens fand Vadian in St. Gallen ein neues Betätigungsfeld. Mit der Rückkehr in seine Heimatstadt wollte er die humanistischen Studien in seiner Heimat fördern. Seine Rückkehr fiel in zeitlich die Anfänge der Reformation in Zürich, wo einer seiner humanistischen Freunde, der Leutpriester am Grossmünster Huldrych Zwingli, der Wegbereiter der Reformation in Zürich und in der gesamten Schweiz werden sollte. Die Humanisten spaltete die Reformation bald in zwei Lager. Ab 1522 finden sich auch in Vadians Schriften kritische Töne über die römische Kirche. Dieses wird vor allem in seinem umfangreichen Briefwechsel mit Zwingli dokumentiert. Der Reformation in St. Gallen förderlich wurde es, daß Vadian seit 1521 Mitglied des Stadtrates war und er eine immer einflußreichere Stellung einnahm. Er machte sich für die Verbreitung reformatorischer Schriften in der Stadt stark und richtete Collegia biblia ein. Dabei legte er den Theologen St. Gallens die altchristlichen Symbole und die Apostelgeschichte aus. Spätestens seit seinen Vorträgen war er deutlicher Anhänger der Reformation geworden und wurde als solcher bekannt. Er unterstützung auch die Bemühungen des Theologen Johannes Kessler, der ab Januar 1524 private Bibelauslegungen im reformatorischen Sinne abhielt. Zwar mußte Kessler diese auf Druck der Eidgenössischen Tagsatzung im August aussetzen, aber bereits im Oktober nahm er sie wieder auf und im Februar 1525 wurden sie wegen des großen Erfolgs in die St. Laurenzenkirche verlegt. Kessler wurde der wichtigste Mitarbeiter Vadians bei der Durchführung der Reformation. Anfang 1525 gab es auch in St. Gallen große Konflikte mit den Täufern. Der Schwager Vadians, der Zürcher Täuferführer Konrad Grebel, kam Palmarum 1525 nach St. Gallen und taufte seine Anhänger in der Sitter. Vadian schützte auch die Nonnen des Klosters St. Leonhard vor Übergriffen des Täufer und anderer radikalen Anhänger der Reformation und sorgte für die Bevogtung durch den Stadtrat. Als Gegenpol zu den Täufern begann er an der Spitze der Zensurkommission für schriftgemäße Predigt, die Umgestaltung der kirchlichen Verhältnisse nach Zürcher Vorbild. Als Vadian Neujahr 1526 zum Bürgermeister gewählt war die Durchführung der Reformation vorhersehbar. Im Dezember 1526 wurden die Bilder aus der Kirche St. Laurenzen entfernt. Außerdem wurde eine neue Satzung der Feiertage und eine neue Eheordnung eingeführt. Auch in der der Stadt benachbarten Abtei wurden im Februar 1529 die Bilder entfernt. Die zum Herrschaftsgebiet der Abtei gehörenden Landschaften versagten dem neuen Abt den Treueeid. Zwar war Vadian kein Anhänger der Kriegspolitik Zwinglis, aber theologisch stand er auf dessen Seite. Nach der Niederlage der Reformierten in der Schlacht von Kappel 1531 und dem Tode Zwinglis erhielt zwar die Abtei ihre Rechte zurück, aber durch das umseitige Handeln Vadians blieb die Stadt St. Gallen reformiert. - Der Laie Vadian war auch das theologischer Schriftsteller tätig. In seiner Schrift Aphorismorum de consideratione eucharistiae libri VI von 1535 vertrat er die Auffassung, daß das Abendmahl ein Gedächtnismahl sei. Christus habe uns durch die Einsetzung beim Scheiden eine Erinnerung an sich zurückgelassen. Auch in der Christologie vertrat er die Ansichten der Zürcher Theologen Zwingli und Bullinger. In seinen letzten Lebensjahren verfaßte er vor allem historische Schriften, wobei die »Große Chronik der Äbte des Klosters St. Gallen« besondere Bedeutung hat. Vadian genoß unter den Reformierten in der Schweiz und darüber hinaus großes Ansehen. Auch sein diplomatisches Geschick wurde geschätzt. So fungierte er sowohl bei der 2. Zürcher Disputation, als auch beim Berner Religionsgespräch als Präsident.
Werke: Homeri Betrachomyomachia Ianne Capnione Phorcensi metaphraste. Capnionis ad Erhartum confessorem epigramma modestissimum, Wien 1510; Strabi Falli poetae et theologi doctissimi ad Grimaldum coenobii S. Galli abbatem Hortulus, Wien 1510; V. de undecim milibus virginum oratio, 1510; I. V. oratio de Iesu Christi die natali, 1511; Arbogasti Strub Glaronesii orationes duae quas dum in humanis fuit habuit, deinde non nulla mortuo ab doctis viris eulogis epitaphiaque pie posita. Carmen item de morte per I. V., Wien 1511; C. Crispi Sallustii de coniuratione Catilinae et bello Iugurthino historiae, nuper ad archetypon Aldi Manutii quam vigilantissime emendatae ac impressae, Wien 1511; M. T. Cicerone de officiis libri tres, dein Laelius et Cato maior et Somnium Scipionis cum Paradoxis, castigate impressi, adiecto indice copiosissimo doctoris Iannis Camertis, Wien 1512; Ad Divum Maximilianum Caesa. Aug. F. P. bello in Venetos euntem Ulrici Hutteni equitis exhortatio, Wien 1512; Strabi Fuldensis monachi, poetae suavissimi, quondam Rabani Mauri auditoris, Hortulus, nuper apud Helvetios in S. Galli monasterio repertus, qui carminis elegantia tam est delectabilis quam doctrinae cognoscendarum quarundam herbarum varietate utilis. Ad Grymaldum abbatem, Nürnberg 1512; P. Ovidii Nasonis artis amandi libri tres, remedii amoris duo, castigate impressi, Wien 1512; C. Plinii Secundi praefatio in historiam mundi, ad Vespasianum, Wien 1513; Donati grammatici sive, ut alii volunt, Lactantii argumenta compendiaria in fabulas potiores Ovidianae metamorphosis diligenter et castigate impressa. Sy,va item Camilli Paleotti Bononiensis, cui titulus Amor, mire amoena et im primum in lucem aedita, Wien 1513; I. V. Helvetii mythicum syntagma, cui titulus Gallus pugnans, Wien 1514; I. V. Helvetii carmen maximorum caesarum Friderici tertii patris et Maximiliani filii laudes continens, anno M.D.XIII. in secundaria Friderici sepultura et parentatione emissum, ad Maximil. Caes. Aug, in: In hoc libello, amico lector, iam primum in lucem edita continentur, Wien 1514; Dionisii Afri ambitus orbis, Rufo Festo Avieno paraphraste, castigatissime impressus, pellegente et conferente proba exemplaria I. V. Helvetio, qui partim aliorum iudicio, partim suo studio et diligentia pleraque loca, quae, antehac viciossime impressa erant in communem studiosorum utilitatem restituit, Wien 1515; C. Plinii Secundi liber septimus naturalis historiae seorsum impressus et emendatus perquam diligenter, Wien 1515; Habes lector hoc libello Rudolphi Agricolae Iunioris Rhaeti ad I. V. Helvetium poetam laureatum epistolam, qua de locorum non nullorum obscuritate quaestio sit et percontatio, J. V. Helvetii poetae laureati ad eundem epistolam, quae eorum qua priori epistola quaesita sunt, ratio explicatur, Wien 1515; Divo Maximiliano Caes. Augusto principi magnanimo et invicto oratio, nomine gymnasii Viennensis per I. V. Helveticum, oratorem et poetam ab eodem laureatum, XI. Kalen. Augusti anno M.D.XV. in clebri summae nobilitatis praesentia exhibita, Wien 1515; Oratio coram invictissimo Sigismundo Rege Poloniae etc. in conventu caesaris et trium regum, nomine universitatis Viennae Austriae per I. V. poetam laureatum habita, cum carmine in laudem eiusdem regis annexo, in quo quaedam de isto conventu continentur, Wien 1515; Laurentii Vallae dialogus de libero arbitrio plenus erutitionis ad Garsam episcopum Illerdensem. Apologia pro se et contra calumniatores ad Eugenium IIII. Pont. Max., in qua aliquot quaestionum disertissimae enucleationes continentur. Ad Candidum contra Bartoli libellum, quem de insigniis et armis scripsit. Quae omnia candidi lectores ita accipient, ut Laurentii esse meminerint. Hoc enim modo et aegre ferent minus, quae molesta videbuntur, et parcent facilius homini maledicere frequentissime assolito, Wien 1516; I. V. poetae a caesare laureati aegloga cui titulus Faustus. I. V. Helvetii poetae laureati di Vadianorum insignibus, a Sigismundo primo Romanorum rege donatis, ad Melchiorem Vadianum fratrem elegia, Wien 1517; Ioannis Ioviani Pontani poetae divini ad L. Franciscum filium meteororum liber cum epistolio Vadiani, quo docetur quam pulchrum sit bonis literis bonas artes coniungere, Wien 1517; De nuptiis serenissimi ac invictissimi Poloniae regis, D. Sigismundi, et illustrissimae virginis D. Bonae Sfortiae, Mediolanensium ducis Ioannis Galeatii filiae I: V. Helvetii poetae laureati carmen elegiacum, Wien 1518; In hoc volumine haec continentur: M. T. Ciceronis officiorum libri tres. Cato Maior, sive de senectute. Laelius, sive de amicitia. Somnium Scipionis ex VI. de rep. excerptum. Paradoxa. Ex archetypo Aldino nuper emendatissime impressa, adiecto indice copiosissimo doctoris Ioannis Cmaertis, Wien 1518; Pomponii Melae Hispani libri de situ orbis tres, adiectus I. V. Helvetii in eosdem scholiis, addita quoque in geographiam catechesi et epistola V. ad Agricolam digga lectu, Wien 1518; De poetica et carminis ratione liber, Wien 1518 (Nachdr.: Kritische Ausgabe m. deutscher Übers. u. Kommentar v. Peter Schäffer, 3 Bd., München 1973-77); De magnanimo ac invictissimo Sarmatiae Poloniaeque rege Sigismundo eius nominis primo, sacratissimi et inclytissimi ordinis aurei velleris socio ascito, ad ornatissimum virum Istum Ludovicum Decium, regiae eiusdem maiestatis a secretis elegia, Wien 1519; Loca aliquot ex Pomponianis commentariis repetita indicataque, in quibus censendis et aestimandis Ioanni Camerti theologo Minoritano, viro doctissimo, suis in Solinum enarrationisbus cum I. V. non admodum convenot, Basel 1522; Io. Camertis ordinis Moniroum theologiae professoris Antilogia, idest locorum quorundam apud Iulium Solinum a I. V. Helvetio confutatorum, amica defensio, Wien 1522; Epitome trium terrae partium, Asiae, Africae et Europae compendiariam locorum descriptionem continens, praecipue autem quorum in Actis Lucas, passim autem Evangelistae et Apostoli meminere. Cum addito in fronte libri elencho regionum, urbium, amnium, insularum, quorum Novo testamento fit mentio, quo espeditius pius Lector quae velit, invenire queat, Zürich 1534; Aphorismorum libri ses de consideratione Eucharistiae, de sentensii videlicet super hac re contraversis, de Sacramentis antiquis et novis, deque verbo, symbolis et rebus, item de vero viri corporis Domino esu, de Transubstantiationis dogmate et veritate corporis Christi humani, praeterea qualis fuerit ritus moniarum accessione auctus atque immutatus sit, Zürich 1536; Orthodoxa et erudita D. I. V., viri clariss., epistola, qua janc explicat quaestionem, An corpus Christi propter coniunctionem cum verbo inseparabilem, alienas a corpore conditiones sibi sumat, nostro saeculo perquam utilis et necessaria. Accesserunt huic D. Vigilii martyris et episcopi Tridentini libri V pii et elegantes, quos ille ante milli annos contra Eutychen et alios haereticos, parum pie de natutarum Christi proprietate et personae unitate sentientes, conscripsit, Zürich 1539; Pro veritate carnis triumphantis Christi, quod ea ipsa, quia facta est et manet in gloria, creatura, hoc est nostra caro, esse son desierit, avakejalaiwsis sive recapitulatio. Ad clarissimum viorum D. D. Ioannem Zviccium, urbis Constantiensis ecclesiasten, Zürich 1541; Theodoreto episcopi Cyri, vetustissimi scriptoris, De providentia sermones X., Zürich 1546; Deutsche Historische Schriften, 3 Bde., hrsg. v. Ernst Götzinger, St. Gallen 1875-1879; Die Vadianische Briefsammlung der Stadtbibliothek St,. Gallen, hrsg. v. Emil Arbenz u. 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Erich Wenneker
Literaturnachtrag
Franz Graf-Stuhlhofer: Humanismus zwischen Hof und Universität. Georg
Tannstetter (Collimitius) und sein wissenschaftliches Umfeld im Wien des
frühen 16. Jahrhunderts (= Schriftenreihe des Universitätsarchivs 8; Wien
1996) . - Franz Graf-Stuhlhofer: Vadian als Lehrer am Wiener Poetenkolleg,
in: Zwingliana. Beiträge zur Geschichte Zwinglis, der Reformation und des
Protestantismus in der Schweiz 26 (1999) 93-98; - V. als Geschichtsschreiber. Hrsg. von Rudolf Gamper. St. Gallen 2006.