VERSCHAFFELT, Peter Anton (v.), Bildhauer, Architekt, * 8.5. 1710 in Gent als ältester Sohn des Frédéric Étienne Van der Schaffele (ältere Schreibweise des Familiennamens) und seiner 2. Frau Livine de Sutter, + 5.7. 1793 in Mannheim. - Die spätere berufliche Ausbildung V.s ist schon in seiner Kindheit und Jugend durch den unmittelbaren Kontakt zur Bilhauerwerkstatt seines Großvaters, Pieter de Sutter, eingeleitet worden, unter dessen Ägide denn auch die ersten Unterweisungen zur Bildhauerei erfolgten. Noch während der Lehrzeit zog P. de Sutter den begabten Enkel zur Mitarbeit an dem zwischen 1725 und 30 mit seinem Berufskollegen Jean Boeksent gemeinsam ausgeführten Auftrag der plastischen Ausschmückung (4 Evangelisten) der Kuppelpendentifs von St. Pierre in Gent mit heran. Ob V. darüberhinaus auch an dem 1730 wiederum als Gemeinschaftsarbeit errichteten Grabmal für den Bischof Ph. van der Noot in St. Bavo in Gent beteiligt war, ist bisher nicht sicher geklärt, zumal die Forschung V.'s Transferierung aus Gent unterschiedlich (1728,29,30) datiert. Der weitere Ausbildungsgang führte ihn - mit Zwischenstation (?) - nach Paris zum »Zierratenschnitzer« Verbreck, bei dem er sich vor allem im Ornamentenschnitzen und Modellieren übte. Weitergehende, nun auch kunsttheoretische Kenntnisse erwarb er sich gleichzeitig als Schüler der Pariser Académie royale de peinture et sculpture, die seine nach ihren künstlerischen Maßstäben angefertigten Arbeiten 1734 und 36 mit Preismedaillen auszeichnete. 1734 wurde V. in die renommierte Bildhauerwerkstatt Edmé Bouchardons aufgenommen, dessen während eines mehrjährigen Romaufenthaltes an der(n) Antike(n) geschulten Kunstauffassung großen Einfluß auf V.'s plastischen Stil gewann. Einziges bekanntes Werk aus der Zeit seiner Zugehörigkeit zur Bouchardon Werkstatt ist eine der Apostelfiguren (Johannes?) des 1734 an Bouchardon in Auftrag gegebenen Statuenzyklus für St. Sulpice in Paris. 1737 verließ V. Paris und wandte sich - zur Vervollkommnung seiner Ausbildung - nach Rom. Nach schwierigen Anfangsjahren besserten sich seine äußeren Verhältnisse, vor allem als ihm mit der - frühest datiertenund signierten - 1740 gearbeiteten, handwerkliche Virtuosität mit sensibel erfaßter veristischer Physiognomie verbindenden Porträtbüste eines Engländers ein höchst aufmerksam machender Beweis seines Könnens gelang, der ihm u.a. das Interesse des päpstlichen Staatssekretärs Kardinal Valenti eintrug. Dieser vermittelte V. in der Folgezeit 2 Porträtaufträge für Papst Benedikt XIV. und - folgenreicher - gewann ihn als ständigen Mitarbeiter in einem Künstlerkollektiv, das mit der Realisierung verschiedener, von Benedikt XIV. gewünschter sakraler Neuausstattungsprogramme betraut war. V.'s Arbeitsanteil umfaßte dabei Heiligen (Johannes, Paulus)-, Engel- und Puttenfiguren, Puttenreliefs und Medaillons für Kirchen in und außerhalb (Ancona, Bologna, Lissabon) Roms. Neben diesen kunsthandwerklichen Tätigkeiten widmete er sich aber auch wieder den kunsttheoretischen Studien, zu denen er ab 1742 durch den Besuch der Académie de France vermehrt angeregt wurde. 1745 wurde er in die röm. Accademia di S. Lucca aufgenommen, Indiz für seine nun künstlerisch konsolidierte, anerkannte Stellung. 1748 ging ihm der ehrenvolle Auftrag zu, die durch Witterungseinflüsse schwer beeinträchtigte Kolossalstatue des Erzengels Michael auf der Engelsburg - ein Werk Raffaele da Montelupos aus dem 16. Jh. - durch eine Neuschöpfung zu ersetzen. Die nach seinem Modell in Bronze gegossene Statue des Erzengels wurde 1752 feierlich auf der Engelsburg aufgestellt und eingeweiht, allerdings ohne V.'s Anwesenheit, da er Rom schon 1751 nach dem Tod seiner ersten Frau Giovanna Chicchiniere verlassen hatte. Ein kurzer Englandaufenthalt schloß sich an, der 1752 mit seiner Berufung zum Nachfolger des früh verstorbenen pfälzischen Hofbildhauers Paul Egell nach Mannheim endete. Vordringlichste Aufgabe des neuen Hofbildhauers V. war die Fertigstellung der noch fehlenden skulpturalen Ausstattungsteile der Mannheimer Jesuitenkirche. In rascher Folge entstanden bis zur Kirchenweihe 1760: die Fassadenfiguren, die Engel des Kreuzaltares, die Reliefs in den Auszügen der Seitenaltäre, Weihwasserbecken, Hochaltar mit Altarfiguren, wobei sich V. zwar an vorgegebene Entwürfe Egells zu halten hatte, in der stilistischen Umsetzung aber andere Wege ging und sich am zeitgenössisch-römischen Formengut orientierte. Durch die von Kurfürst Karl Theodor initiierten Bauunternehmungen erweiterte sich V.'s Aufgabenbereich ständig. Noch während er an den Skulpturen für die Jesuitenkirche arbeitete, wurde er 1755 zur Ausschmückung des Fassadengiebels am Bibliotheksbau des Mannheimer Schlosses herangezogen. Hier begann seine Zusammenarbeit mit dem seit 1749 in kurpfälzischen Diensten stehenden Hofarchitekten Nicolas de Pigage, der bei den gemeinsamen Projekten die künstlerische Gesamtkonzeption erstellte, V. deren bildliche Realisierung zu leisten hatte. Das Arbeitsverhältnis beider zueinander gestaltete sich auf Dauer künstlerisch wie menschlich zu einer scharfen Konkurrenzsituation, die schließlich zum Beziehungsbruch führte. 1756 begann Pigage mit dem Neubau des Schlosses Benrath b. Düsseldorf, für den V. parallel dazu den plastischen Bildschmuck der 4 Giebelreliefs/-bekrönungen an den Schloßfassaden sowie der Löwenfiguren des Gartens meißelte. Alte Verbundenheit zur Geburtsstadt wie auch sein gestiegenes Renommé trugen ihm 1754 aus Gent den Auftrag zu, Pläne zur Umgestaltung des Chorinneren von St. Bavo auszuarbeiten. Die Fertigstellung dieses Projektes zog sich bis 1772 hin, immer wieder unterbrochen durch andere dringliche Aktivitäten, wie z.B. die im Auftrage des Kfst. unternommenen Reisen nach Italien, Paris und England. Die Bewältigung eines derart umfangreichen Arbeitspensums konnte nur durch eine straffe Werkstattorganisation mit einem gut ausgebildeten Mitarbeiterstab erreicht werden. Daß gerade auf diesem Sektor ein offenkundiges Defizit bestand, mag mit einer der Gründe gewesen sein, die V. bewogen, 1756 eine zunächst private Zeichenakademie zu eröffnen, die schon 1758 ein eigenes Gebäude beziehen konnte und 1769 offiziell von Kfst. Karl Theodor zur »Académie de peinture« erhoben wurde, als eine nun mit Statuten versehene, vom Fürsten auch finanziell unterhaltene Lehrinstitution. V. blieb bis zu seinem Tode deren Direktor und bildete in dieser Zeit eine ganze Künstlergeneration in seinem Sinne heran. Mit dem 1767 eingerichteten Antikensaal wurde die Zeichenakademie um eine bewunderte Studienstätte antiker Kunst für Malerschüler bereichert und damit gleichzeitig eine städtische Attraktion gewonnen, die zahlreiche Besuche von auswärtigen Kunstfreunden auslöste. Ab der 2. Hälfte der 50er Jahre entstand eine Reihe von Porträts, in denen V.'s Formensprache ihren charakteristischen, qualitätvollsten Ausdruck fand: so etwa die Büsten des Kurfürstenpaares, die beiden Voltaire-Versionen, sein eigenes Selbstbildnis. In gleichen Zusammenhang gehören, mehr oder weniger idealisiert, die Porträtstatuen des Kurfürstenpaares, die ehemals für Brüssel gefertigte, 1794 von frz. Revolutionstruppen demolierte Bronzestatue des Prinzen Karl Alexanders v. Lothringen, das Grabmal des Bischofs M.A. van der Noot in St. Bavo, Gent sowie das Grabrelief für seine 1780 verstorbene ältere Tochter Ursula Gräfin St. Martin in Mannheim. Den breitesten Raum seiner Produktivität füllten seit Erweiterung des Schloßgartens von Schwetzingen die dafür von Pigage vorgesehenen Gartenplastiken. Bis ca. 1777 hatte V. eine große Anzahl an Stein-/Tonvasen, Obelisken, Tierfiguren (Hirschgruppen, Sphingen), Statuen (Apollo, Flußgottheiten) und Büsten nach antiken Vorbildern (Alexander, Titus) fertiggestellt. Ein letztes großes Arbeitsfeld erschloß sich dem vielseitigen Talent V.'s mit der Übernahme des von der Kurfürstin Elisabeth Auguste gewünschten Umbaus der kleinen Loreto-Kapelle in Oggersheim zu einer größeren Schloß- und Wallfahrtskirche. Für die 1775-77 errichtete Kirche zeichnete V. nicht nur als entwerfender Architekt verantwortlich, er entwickelte auch das gesamte bildliche Dekorations- und Ausstattungsprogramm, das er z.T. selbst mitgestaltete. Anläßlich der feierlichen Kircheneinweihung 1777 wurde V. wegen seines Verdienstes um diesen Bau der ihm verliehene päpstliche Christusorden von Kfst. Karl Theodor persönlich überreicht. 1777/8 erfolgte als nächste Bauunternehmung das Zeughaus und 1782/87 Palais Bretzenheim mit seiner reichen qualitätvollen (1945 fast vollständig vernichtet) Innendekoration, bei der das Ornament von V. einmal anmutig verspielt in Szene gesetzt wurde. Ab 1785 beschäftigten ihn weitere Baupläne für die Nürnberger Deutschherrenkirche, deren Vollendung nach fremden Entwürfen er nicht mehr erlebte. Beredte Zeugnisse seines unermüdlichen Arbeitseinsatzes und Fleißes sind darüberhinaus auch die vielen Entwurfszeichnungen für Medaillen, Fest-/Dekorationen, Einrichtungsgegenstände, die er sowohl für den Hof wie für private Auftraggeber erstellte. Er war ein überaus gefragter Bildhauer, dessen überragende Stellung sich durch seine Erhebung in den Adelsstand 1779 deutlich manifestierte. Seiner mitmenschlichen Umwelt gegenüber oft abweisend und schroff, wandte er seine volle Gefühlsaufmerksamkeit seinen 4 Kindern zu, denen er durch ein beträchtliches Vermögen zu einer guten Ausbildung bzw. adäquaten Heirat verhalf. V.'s Werke weisen ihn als einen Künstler aus, der, wie es die Forschung formuliert, »zwischen den Stilen« steht, in einer Phase des Übergangs vom Spätbarock zum Frühklassizismus. Sein zeichnerischer Nachlaß wird im Kurpfälzischen Museum Heidelberg und im Reiß-Museum Mannheim aufbewahrt.
Werke: (Außen-) Bauplastik: Evangelist Johannes, 1744 (Rom, S. Croce in Gerusalemme); Apostel Paulus, 1746 (Bologna, S. Pietro); Bronzener Erzengel Michael, 1748/52 (Rom, Castell' S. Angelo); Fassadenskulpturen, 1752/57 (Mannheim, Jesuitenkirche); Giebelrelief Bibliotheksbau 1755/56 (Mannheim, Schloß); 4 Giebelreliefs und -bekrönungen, 1758/75 (Schloß Benrath b. Düsseldorf); Hauptportal- und Torpfeilerbekrönungen, Seitenfassadenreliefs, 1777/8 (Mannheim, Zeughaus). - plastischer Innenraumdekor: Statuen von Venus und Mars, Wandreliefs, Supraporten, Kamine, 1784/88 (Mannheim, Palais Bretzenheim); Supraporten, 1785/90 (Heidelberg, Haus Karlstr. 8). - Altäre und Altarplastik: Adorierende Engel, 1747 (Lissabon, Kapelle Johannes des Täufers in S. Rochus); Seitenaltarreliefs, 1756/7 sowie Hochaltar und -figuren, 1758/60, 1945 zerstört (Mannheim, Jesuitenkirche); Hochaltar, 1763/65, 1945 zerstört (Speyer, Dom); Hoch- und Seitenaltäre, 1775/7 (Oggersheim, Schloß- und Wallfahrtskirche); Seitenaltar Hl. Theodor, 1778 (Mannheim, Pfarrkirche St. Sebastian). - Porträtplastik: Männliche Büste »englischer Lord«, 1740 (New York, Metropolitan Museum); Büste Papst Benedikts XIV, 1749 (Rom, Museo Capitolino); Büsten des Kurfürstenpaares Karl Theodor und Elisabeth Auguste von der Pfalz, 1758/59 (München, Residenzmuseum); Büste des Pfalzgrafen Friedrich Michael v. Zweibrücken, 1758/59 (München, Bayer. Nat. Museum); Standbilder des Kurfürstenpaares Karl Theodor und Elisabeth Auguste, 1756/60 (Mannheim, Rittersaal im Schloß); Büste Voltaires »coiffé à l'antique«, 1760 (Paris, Louvre); Bronzestandbild des Prinzen Karl Alexanders v. Lothringen, 1769/74, 1794 zerstört (Ehem. Brüssel, Place Lorrain); Selbstbildnis, 1780/85 (Speyer, Hist. Museum der Pfalz). - Grabdenkmäler: Grabmal des Bischofs M.A. van der Noot, 1759/78 (Gent, Kathedrale St. Bavo); Grabrelief der Gräfin Ursula v. St. Martin, nach 1780 (Mannheim, Heiliggeistkirche). - Gartenplastik: zahlreiche diverse Einzelfiguren, Büsten, Tiergruppen, Steinvasen, Obelisken für die Gartenanlage von Schwetzingen, 1762/79 und den Schloßpark von Ehreshoven. - Bauten: Schloß- und Wallfahrtskirche Oggersheim, 1775/77; Zeughaus Mannheim, 1777/8; Palais Bretzenheim Mannheim, 1782/87.
Lit.: Anneliese Stemper, Medaillenentwürfe P.A.V.'s in: Das Werk des Künstlers. Studien zur Ikonographie und Formgeschichte. Hubert Schrade zum 60. Geburtstag, Stuttgart 1960, 270-285; - Hans Huth, Die Entwürfe V.'s für den Westbau des Speyerer Doms, in: Pfälzer Heimat 12, 1961, 99-102; - Gerhard Krämer, Die römisch-barocke Stilkomponente im Werk P.A.v.V.'s. Dargestellt anhand der Entwürfe für die Nürnberger Deutschordenskirche, (Diss. Heidelberg) 1973; - Peter Volk, P.A.V.'s Bildnisbüsten des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz, in: Pantheon 31, 1973, 412-419; - Peter Anton Verschaffelt, Zeichnungen im Reiß-Museum. Ausst. Kat. Städtisches Reiß-Museum Mannheim 1976 (Bearb. v. Inga Gesche); - Eva Hofmann, P.A.v.V., Hofbildhauer des Kurfürsten Carl Theodor in Mannheim, (Diss. Heidelberg) 1982; - L. de Ren, Het standbeeld van Karel Alexander van Lotharingen te Brussel. Een verloren werk van P.A. V. (1710-1793), in: Antiek 17, 1982, 73-83; - Barbara Grotkamp Schepers, Die Mannheimer Zeichnungsakademie (1756/69-1803) und die Werke der ihr angeschlossenen Maler und Stecher, Frankfurt/M. 1980, 44-76; - Hatto Zeidler, Die Mannheimer Jesuitenkirche, (Diss. Heidelberg) 1981, 178-193 (P.A.v.V. und die Mannheimer Jesuitenkirche); - Charles-Alexandre de Lorraine. Gouverneur général des Pays-Bas autrichiens. Ausst. Kat. Brüssel 1987, s.v. Verschaffelt; - ADB XXXIV, 632 ff.; - Thieme-Becker XXXIV, 299 f.; - Wasmuth IV, 651; - LThK X, 731; - Bénézit X, 475.