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Verlag Traugott Bautz
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VICTOR I., Röm. Bischof (189 bis ca. 199); * in Afrika(?); + 28.7. 199 (?) in Rom. - Nach den Angaben des Liber pontificalis war V. afrikanischer Abstammung (ed. Duchesne, LP 137: natione Afer). Seine Regierungszeit bleibt unklar, da er nach den meisten Qu. 10 Jahre sein Amt ausübte, während der Liberianische Katalog sich für ein nur 9jähriges Pontifikat ausspricht. Eusebius (h.e. V 22,1) setzt - wohl korrekt - dessen Beginn in das 10. Jahr des Kaisers Commodus (189) an. Besondere Bedeutung für die KG erhält V. durch seine Rolle im sog. Passahstreit. Dabei greift der röm. Bisch. aufgrund von Kontroversen in der Ortsgemeinde und auswärtigen Anfragen in den Streit um den angemessenen Osterfesttermin ein. Seit langem wurde in vielen Teilen der Kirche die Feier des Osterfestes an verschiedenen Terminen als höchst unbefriedigend empfunden. Damit setzt erstmals ein röm. Bisch. seine auf den petrinischen Apostelsitz Rom gründende Autorität in einer die regionalen Grenzen überschreitenden diszplinären Frage ein. Die wichtigste Qu. für den sich nun entwickelnden Osterfeststreit bildet die KG des Eusebius (h.e. V, 23-25). Im Bestreben nach einer einheitlichen Lösung für die gesamte Kirche tritt V. für die Durchführung der röm., von der Mehrzahl der Ortsgemeinden geteilten Ordnung - Ostern soll auf den Sonntag nach dem 14. Nisan fallen - gegenüber dem besonders im Orient geübten quartodecimanischen Brauch (Osterfest am 14. Nisan, ohne Beachtung des Wochentages) ein. Über diese Frage beruft V. nach Eusebius die italischen Bisch. zu einer Synode nach Rom ein und legt die Streitfrage auch anderen Ortskirchen zur Begutachtung vor. So kommt es unter V. zum ersten bekannten Kontakt zw. einem röm. Bisch. und lokalen Synoden.Weitere Synoden werden in der gesamten Kirche abgehalten. Die kleinasiatischen Bisch. unter Führung des Polykrates von Ephesus halten jedoch trotz der ihnen entgegentretenden Mehrheit an ihrer quartodecimanischen Praxis fest. In ihrem Namen richtet Polykrates ein bewegendes Verteidigungsschreiben an V., in welchem er sich auch von dessen Drohung mit dem Ausschluß aus der Kirchengemeinschaft nicht beeindrucken läßt. Von der zunächst von ihm angestrebten Exkommunikation der Kleinasiaten nimmt der röm. Bisch. schließlich Abstand, nachdem sich verschiedene Bisch., darunter Irenäus von Lyon, gegen einen solchen Schritt ausgesprochen haben (vgl. Euseb., h.e. V, 24, 9-17). Mit dem kaiserlichen Haushalt hält V. über den Presbyter Hyacinth Verbindung. Letzterer lebt am kaiserlichen Hof und stellt so den Kontakt zu Marcia, der christlichen Konkubine des Commodus her. Dank ihrer Vermittlung gelingt es mehrfach, verurteilte Christen aus den Straflagern Sardiniens zu befreien. Im Rahmen der trinitarischen Auseinandersetzungen schließt V. den aus Byzanz um 190 nach Rom gekommenen Theodot, der den Beinamen der Gerber trägt, aus der kirchlichen Gemeinschaft aus. Die literarische Tätigkeit des V. ist schwer zu fassen. Hieronymus berichtet, daß V. ein Werk über den Osterfeststreit verfasst habe (Hier., de vir. ill. 34: super quaestione paschae et alia quaedam scribens opuscula) und damit der erste in Latein schreibende kirchliche Autor gewesen sei. Letztere Angabe muß jedoch ebenso zweifelhaft bleiben wie die Identifizierung einer bei Photios (Bibl. cod. 115: ed. R. Henry II, 86) genannten, anonymen Schrift mit diesem Werk des röm. Bisch. (vgl. Strobel, Ursprung 1977, 221. Anm. 1). Weitere ihm vorliegende Schriften des V., die uns sämtlich verloren sind, seien - so Hieronymus - nicht sonderlich bemerkenswert gewesen (vgl. Hier., Chron. ad. ann. 2209: cuius mediocria de religione exstant volumina). Zwei unter dem Namen des V. überlieferte sog. Passahbriefe (vgl. A. Strobel, Texte 1984, 121 f.), gerichtet an zwei vorgebliche Bisch. von Vienne, sind als unecht (wohl erst 4./5. Jh.) anzusehen. - Unter V., der wohl als bedeutendster röm. Bisch. des 2. Jh. anzusehen ist, macht die Durchsetzung des Latein als offizieller Sprache der röm.Ortskirche gegenüber dem bislang dominierenden Griechisch große Fortschritte. Nach dem Liber Pontificalis war V. der letzte Bisch., der in St. Peter neben Petrus begraben wurde. Im MartRom ist er unter dem 28.7. verzeichnet.
Lit.: A. Hilgenfeld, Der Paschastreit der alten Kirche nach seiner Bedeutung für die KG und für die Evangelienforschung, Halle 1860; - E. Schürer, Die Passastreitigkeiten des 2. Jh. In: Zeitschrift für Theologie 40 (1870) 182-284; - L. Duchesne, La question pascale au concile de Nicée. In: RQH 28 (1880) 1-42; - J. Schmid, Die Osterfestfrage auf dem ersten allgemeinen Konzil von Nicäa, Wien 1905; - C. Schmidt, Gespräche Jesu mit seinen Jüngern, Leipzig 1919. Exkurs III: Die Passahfeier in der kleinasiatischen Kirche, 577-725; - H. Koch, Petrus und Paulus im zweiten Osterfeststreit. In: ZNW 19 (1919/20) 174-179; - F. E. Brightman, The quartodeciman Question. In: JThS 25 (1923/24) 254-270; - G. La Piana, The Roman Church at the End of the Second Century. In: HThR 18 (1925) 201-277; - N. Zernov, Eusebius and the Paschal Controversy at the End of the Second Century. In: Church Quarterly Review 116 (1933) 24-41; - B. Lohse, Das Passafest der Quartodecimaner, Gütersloh 1953, 58, 113 f.; - P. Nautin, Lettres et écrivains chrétiens de IIe et IIIe siècles, Paris 1961, 65-85; - M. Richard, La question pascale au IIe siècle. In: L'Orient Syrien 6 (1961) 179-212; - Ch. Mohrmann, Le conflit pascal au IIe siècle. Note philologique. In: VigChr 16 (1962) 154-171.; - M. Richard, La lettre de Sainte Irénée au Pape Victor. In: ZNW 56 (1965) 260-282; - W. Huber, Passah und Ostern. Untersuchungen zur Osterfeier der alten Kirche, Berlin 1969; - N. Brox, Tendenzen und Parteilichkeiten im Osterfeststreit des zweiten Jh. In: ZKG 83 (1972) 289-324; - C. C. Richardson, A New Solution of the Quartodeciman Riddle. In: JThSt 24 (1973) 74-84; - H. von Campenhausen, Ostertermin oder Osterfasten? Zum Verständnis des Irenäusbriefes an Victor (Eusebius, Hist. eccl. V 24,12-17). In: VigChr 28 (1974) 114-138 (= ders., Urchristliches und Altkirchliches, Tübingen 1979, 300-330); - V. Grossi, La pasqua quartodecimana e il significato della croce nel II secolo. In: Augustinianum 16 (1976) 557-571; - V. Peri, La data della Pasqua. Nota sull'origine e lo sviluppo della questione pasquale tra le chiese cristiane. In: Vetera Christianorum 13 (1976) 319-348; - A. Strobel, Ursprung und Gesch. des frühchristlichen Osterkalenders, Berlin 1977 (TU 121); - R. Cantalamessa, La Pasqua nella chiesa antica, Turin 1978 (dt.: Bern 1981); - M. Wojtowytsch, Papsttum und Konzilien von den Anfängen bis zu Leo I. (440-461), Stuttgart 1981 (Stud. zur Entstehung der Überordnung des Papstes über die Konzilien 17) 19-24; - F. Blanchetière, Le christianisme asiate au IIème et au IIIème siècles, Diss. Lille 1981; - A. Strobel, Texte zur Gesch. des frühchristlichen Osterkalenders, Münster 1984; - B. Lemoine, La controverse pascale du deuxième siècle: desaccords autour d'une date. In: Questions Liturgiques 73 (1992) 223-231; - W. H. C. Frend, The Rise of Christianity, Philadelphia 1985; - P. Lampe, Die stadtröm. Christen in den beiden ersten Jh., Tübingen2 1989; - R. Cacitti, Grande Sabato. Il contesto pasquale quartodecimano nella formazione della teologia del martirio, Mailand 1994 (Studia Patristica Medievalia 19); - AA. SS. Iulii VI (1868) 534-542; - Bardenhewer I2, 437-439, 494-497; - Caspar 19-22, 628 s.v. Victor I.; - DCB IV, 1118 f.; - DPAC II, 3608; - DThC XV, 2862 f.; XI, 1948-1951; - EC XII, 1541 f.; - E. Ferguson u.a. (Hrsg.), Encyclopedia of the Early Church, New York-London 1990, 926; - Fliche-Martin II, 90-93; - H. Grisar, Gesch. Roms und der Päpste im Mittelalter. I, Freiburg 1901, Nr. 195; - Haller I, 24 f.; - HdKG I, 233 f., 242, 311, 411; - J. N. D. Kelly, Reclams Lexikon der Päpste, Stuttgart 1988, 24 f.; - LThK1 X, 615 f.; - LThK2 X, 768 f.; - NewCathEnc XIV, 646; - ODCC 1437; - RGG3 VI, 1398; - Seppelt I, 29-33; - Tillemont III, 100-113.
Josef Rist
Textanmerkungen:
Mehrfach ist in der kirchengeschichtlichen Forschung die Frage aufgeworfen worden, inwieweit Viktor I. durch sein scharfes Vorgehen gegen die quartodezimanischen Bischöfe und Gemeinden vor dem Hintergrund der Beanspruchung eines römischen Lehrprimates als eigentlicher ,erster Papstī angesehen werden kann. Obwohl Viktors Verhalten im Osterstreit zwar jenen Anspruch erkennen läßt, muß berücksichtigt werden, daß seinerzeit noch nicht die Voraussetzungen einer zentralistischen Kirchenverfassung geschaffen waren, die ihm die Durchsetzung ermöglicht hätten. Vielmehr war es insbesondere die kontinuierliche Ausprägung des Monepiskopats in Rom bis zur Mitte des zweiten Jahrhunderts beziehungsweise die damit verbundene gefestigte Stellung des Bischofsamtes zur Zeit Viktors I., die begünstigend dazu beigetragen hat, daß der Osterstreit eskalieren konnte. Aller Wahrscheinlichkeit nach ausgelöst durch die innerrömische Auseinandersetzung mit dem (vermutlichen)Quartodezimaner Blastus, gestützt auf eine römische Lokalsynode und möglicherweise auch durchaus auf die doppelte Apostolizität Roms, sah sich Viktor dazu veranlaßt, selbst eine gesamtkirchliche Entscheidung in der Osterfrage herbeizuführen. Das sachliche Problem des Osterstreites scheint dabei von diesen Faktoren überlagert worden zu sein, so daß letztlich mit der Exkommunikation die autoritativste Maßnahme zum Tragen kam.
Literaturergänzung:
Marasovic, Darko. War Viktor I. von Rom der erste Papst? Viktors Rolle im Osterstreit, Universität Hamburg: unveröffentlichte Diplomarbeit, Hamburg 2004.
Letzte Änderung: 31.03.2005