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Band XII (1997)Spalten 1339-1342 Autor: Ernst Pulsfort

VICTOR III., Papst (1086-1087). Victor III. hieß ursprünglich Daufer oder Daufari und wurde um 1027 als Verwandter der Langobardenfürsten von Benevent geboren. Bereits früh führte er das Leben eines Eremiten, bevor er als Mönch unter dem Namen Desiderius in Benevent lebte und schließlich Abt von Monte Cassino wurde (19.4. 1058). Unter seiner Amtszeit wurde die Abtei völlig umgebaut, die Klosterbibliothek erweitert sowie Künste und Literatur gefördert. Er selbst schrieb eine Abhandlung über die Wunder des hl. Benedikt (1076-1079). Papst Nikolaus II. ernannte ihn im März 1059 zum Kardinalpriester und päpstl. Vikar bei den süditalienischen Klöstern. Im Sommer 1059 handelte V. das Bündnis zwischen dem Papst und den Normannen aus, zu denen er gute Beziehungen unterhalten hatte. Im Juni 1080 söhnte er Gregor VII. und den Normannen Robert Guiscard (1015-1085), Herzog von Apulien, miteinander aus. Zwei Jahre später zog V. sich den Zorn des Papstes zu, als er sich um eine Vermittlung zwischen ihm und Heinrich bemühte. V. hatte Heinrich versprochen, sich mit allen ehrenhaften Mitteln dafür einzusetzen, daß ihm die Kaiserkrone verliehen würde. Trotz des Zorns Gregors VII. nahm V. den Papst in Monte Cassino auf, als dieser im Frühjahr 1084 aus Rom fliehen mußte, und war an dessen Sterbebett. Ein ganzes Jahr verging, bis V. nach langen Auseinandersetzungen rivalisierender Parteien unter Druck des Normannenfürsten Jordan von Capua gegen seinen Willen zum Papst gewählt wurde. Mit V. wurde ein Mann Papst, der sowohl Einfluß bei den Normannen besaß als auch eine Annäherung an Heinrich IV. (1056-1106) erwarten ließ. Als Versöhnungsgeste kann darum auch die Annahme des Namens Victor, des letzten deutschen Papstes, gedeutet werden. Bereits vier Tage nach seiner Wahl mußte V. aufgrund von Krawallen Rom verlassen und legte entmutigt die päpstlichen Insignien nieder. In Monte Cassino nahm er stattdessen wieder sein Amt als Abt auf. Im März 1087 berief V. in seiner Eigenschaft als päpstlicher Vikar in Süditalien und nicht als Papst auf Drängen Jordans von Capua im Kloster eine Synode ein, auf der seine Wahl zum Papst bestätigt wurde. Trotz heftiger Gegenwehr der Partei um den Erzbischof Hugo von Lyon (um 1040-1106) konnte V. schließlich dazu bewegt werden, sein Amt als Papst anzutreten. Am 9.5. 1087 konnte V. in St. Peter geweiht werden, nachdem normannische Truppen dem Gegenpapst Klemens III. die Leoninische Stadt entrissen hatten. Bereits nach einer Woche kehrte V. jedoch nach Monte Cassino zurück, denn er konnte sich trotz der Unterstützung Jordans von Capua und der Gräfin Mathilde von Tuscien nicht in Rom behaupten, das noch großteils von den Truppen Klemens III. besetzt war. Auf das massive Drängen Mathildes hin kehrte der kranke V. im Juni 1087 auf dem Seeweg nach Rom zurück, und es gelang ihm, am 1.7. die vollständige Kontrolle über Rom zu gewinnen. Mitte Juli kehrte er jedoch wieder nach Monte Cassino zurück, da Gerüchten zufolge Heinrich IV. auf dem Weg nach Italien war. Ende August hielt V. in Benevent ein bedeutendes Konzil ab, auf dem mit aller Wahrscheinlichkeit das Verbot der Laieninvestitur, das durch Gregor VII. erlassen worden war, bekräftigt wurde; weiterhin wurden simonistische Priesterweihen für ungültig erklärt und Klemens III. sowie die gregorianischen Radikalen wie z.B. Hugo von Lyon mit dem Bann belegt. Daß der Bannfluch auch gegen Heinrich IV. erneuert wurde, scheint dagegen unwahrscheinlich zu sein. In das Pontifikat V.s fällt auch ein bedeutender Seesieg gegen die Sarazenen bei Mahdia (Osttunesien). Die Stadt wurde geplündert (August 1087) und St. Peter erhielt reiche Geschenke aus der Beute. V. war ein umsichtiger und kluger Papst, der jedoch von den Parteigängern des Gegenpapstes als Usurpator des Hl. Stuhls angesehen wurde, weil er sich selbst nicht als Treuhänder der gregorianischen Sache betrachtete. Während des Konzils von Benevent verschlechterte sich sein Gesundheitszustand so sehr, daß V. nach Monte Cassino zurückkehrte, wo er am 16.9. 1087 nach nur knapp viermonatigem Pontifikat starb. Bereits kurz nach seinem Tode setzte seine Verehrung ein, und Papst Leo XIII. sprach ihn 1887 selig. V.s Festtag ist der 16. September.

Quellen: Dialogi et miraculis s. Benedicti, in: MG SS 30/2, 1111-1152. - Viten: Chronica Cassin., in: MG SS 7, 698-754; AS Sept. V (1755) 400-434; Mansi Bd. 20, 629-638; Watterich Bd. 1, 549-571; LibPont Bd. 2, 292.

Lit.: Jaffé, Bd. 1, 655 f., Bd. 2, 713; - F. Hirsch, Desiderius von Monte Cassino als Papst V. III., in: Forschungen zur deutschen Geschichte 7 (1867) 1-112; - A. Fliche, in: RHE 20 (1924) 387-412; - ders., La réforme grégorienne III (1937) 195-160; - C. Erdmann, Die Entstehung des Kreuzzugsgedankens, Stuttgart 21955; - Haller, Bd. 2, 430-433; - Seppelt, Bd. 3, 95-100, 115-118; - H.-G. Krause, Das Papstwahldekret von 1059 und seine Rolle im Investiturstreit, in: StGreg 7 (1960); - F. Bock, Bemerkungen zu den ältesten Papstregistern und zum Liber diurnus Romanorum Pontificium, in: Archivalische Zeitschrift 57 (1961) 11-51; - H.E.J. Cowdrey, The Age of Abbot Desiderius, Oxford 1983; - A. Franzen/R. Bäumer, Papstgeschichte, Freiburg aktualisierte Neuausgabe 1988, 158; - LThK X, 769-770; - EC XII, 1543; - NewCathEnc XIV, 667; - H. Kühner, Lexikon der Päpste, Zürich 1977, 149-150; - J.N.D. Kelly, Reclams Lexikon der Päpste, Stuttgart 1988, 174-175.

Ernst Pulsfort

Literaturergänzung:

William D. MacCready, The incomplete "Dialogues" of Desiderius of Montecassino, in: AnBoll 116.1998, S. 115-146.

Letzte Änderung: 11.06.2008