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Band XII (1997)Spalten 1459-1462 Autor: Ingrid Münch

VISCHER der Ältere, Peter, Erzgießer (nach der zeitgenössischen Überlieferung »Rotschmied« bzw. »Rotgießer«), geboren um 1460 in Nürnberg als Sohn des »Rotschmiedes« Hermann Vischer des Älteren, gestorben 7.1. 1529 ebenda, begraben auf dem St.Rochuskirchhof. - Die persönlichen Lebensumstände P.Vs.d.Ä. sind nur spärlich dokumentiert. 1488, im Todesjahr des Vaters, erhielt er vom Rat der Stadt Nürnberg die Erlaubnis, sein Meisterstück als Rotschmied anzufertigen. Es gilt als sicher, daß ihm die dafür vorauszusetzende Ausbildung in der väterlichen Gießhütte zuteil wurde. Der als Probearbeit abgelieferte zwölfarmige Hängeleuchter aus Messing qualifizierte ihn 1489 für die Meisterwürde, womit die Übernahme der vom Vater 1453 begründeten Gießerei verbunden war. P.Vs.d.Ä. außerordentliche Fachkompetenz sowie der unter seiner Leitung schon früh erreichte hohe Qualitätsstandard der in der Hütte vorwiegend aus Messing hergestellten Gußarbeiten bildeten die Grundlagen für das Renommee und den Aufstieg der Gießerei zu einem der auch überregional leistungsstärksten Branchenunternehmen der Zeit mit weitreichenden Geschäftsbeziehungen. Die große stilistische Heterogenität der Werkstattproduktion deutet auf einen entsprechend umfangreichen Mitarbeiterstab von (Holz-) Bildhauern und Drechslern, die die Modelle für die diversen Gußformen lieferten. Bis heute ist in der Forschung die Frage umstritten, inwieweit P.V.d.Ä. außer der ihm dabei eindeutig zuerkannten technischen Autorschaft möglicherweise auch für die künstlerische Komponente mit zu berücksichtigen wäre. Sein Interesse an Kunst ist durch seine 1505 erwähnte Sammlung von 300 »altfränkisch pild« überzeugend belegt. 1493 wurde er mit dem ersten Großauftrag, dem Guß einer formenreichen Grabtumba für Erzbischof Ernst v. Sachsen betraut (1495 vollendet), für deren Einzelteile ihm wahrscheinlich der Bildhauer Simon Lainberger die (Holz-) Modelle fertigte. Von der dabei verwandten Nischenfigur des hl. Mauritius am Tumbapostament nahm P.V.d.Ä. später (ca.1507) noch einen zweiten Guß - als Einzelskulptur - vor. Für 1494/96 ist die Zusammenarbeit mit S. Lainberger gesichert, da beide Kunsthandwerker von Pfalzgraf Philipp kurzfristig an seinen Hof nach Heidelberg berufen wurden (als Gutachter?). Abgesehen von wenigen plastischen Einzelwerken, wie dem sog. »Astbrecher« von 1490 - als dessen Modelleur u.a. auch der Bildhauer Adam Kraft vermutet wird - gingen aus der Vischerschen Gießerei in der Folgezeit hauptsächlich Grabmäler und Epitaphien hervor, die im Auftrag einer hochgestellten geistlichen und weltlichen Klientel entstanden: so z.B. die Grabplatten des Bischofs Heinrich III. v. Bamberg, 1492; des Bischofs Johann IV. Roth v. Breslau, 1496; des ital. Humanisten und Erziehers der polnischen Königssöhne Philippus Kallimachus, 1496, nach einem Bronzemodell des Bildhauers Veit Stoß; das Grabmal für Graf Hermann VIII. v. Henneberg und seine Frau, 1510 in Römhild. Zu P.Vs.d.Ä. Hauptwerk zählt das vom Rat der Stadt Nürnberg bei ihm bestellte monumentale Grabgehäuse (1508 begonnen, 1519 vollendet und aufgestellt) für den Reliquienschrein des hl. Sebald in der Titelkirche des Heiligen in Nürnberg, an dessen Herstellung in großem Maße seine beiden begabten Söhne Hermann der Jüngere und Peter der Jüngere (s.d.) beteiligt waren. Unter ihrer Mitarbeit veränderte sich der ursprünglich in der Visierung von 1488 noch geplante rein spätgotische Formenkanon des Gesamtprojektes zu einer frühen und entschiedenen Demonstration von Stilelementen der Renaissance, die zugleich aber auch eine Veränderung des geistigen Konzeptes signalisierten. Soweit bislang erkennbar beziehen sich die Arbeitsanteile der Söhne auf die Modellierung der »modernen« Renaissanceas-pekt annehmenden Architektur-, Ornament- und Figuralteile des Gehäuses, dessen zumindest handwerklich-technische Ausführung dem versierten Vater oblag. Mit dem Sebaldusgrab, den 1512/13 nach Entwürfen A. Dürers geschaffenen Rundplastiken der Könige Artus und Theoderich für das Prunkgrabmal Kaiser Maximilians I. in der Innsbrucker Hofkirche und dem heute nurmehr in Fragmenten vorhandenen »Fuggergitter« hatte P.V.d.Ä. Dimensionen aufgezeigt und künstlerische Maßstäbe für die Werkstattproduktion gesetzt, die lange vorbildlich blieben, von den Nachfolgern aber letztlich nicht gehalten werden konnten . In der Enkelgeneration gegen Ende des 16. Jhs. wurde das traditionsreiche Familienunternehmen schließlich aufgegeben. Die wirtschaftliche Prosperität der Gießerei ermöglichte P.V.d.Ä. ein respektables, auf soliden Finanzen gegründetes Privatleben. Er verfügte über ansehnlichen Grundbesitz und stieg 1516 zum Genannten des großen Rates auf. Von den 5 Söhnen aus 3 Ehen zeichneten sich die beiden ältesten, Hermann und Peter, durch ungewöhnliche schöpferische Kreativität aus, deren volle Entfaltungsmöglichkeit allerdings ihr frühzeitiger Tod verhinderte.

Werke: Hängeleuchter, 1488/89 (Nürnberg, St.Lorenz); Statuette eines knienden Mannes, sog. »Astbrecher«, 1490 (München, Bayer.Nat.Museum); Grabplatte für Bischof Heinrich III. v.Bamberg, 1492 (Bamberg, Dom); Grabtumba des Erzbischofs Ernst v.Sachsen, 1495 (Magdeburg, Dom); Grabplatte für Bischof Johann IV.Roth, 1496 (Breslau, Dom); Grabplatte für Philippus Kallimachus, 1496 (Krakau, Dominikanerkirche); Statuette des hl.Mauritius, vermutlich 1507 (Nürnberg, German.Nat.Museum); Sebaldusgrab, 1508/19 (Nürnberg, St.Sebald); Grabmal für Graf Hermann VIII v.Henneberg und seine Frau Elisabeth, 1510 (Römhild, Stadtkirche); Bronzefiguren der Könige Artus und Theoderich am Grabmal Kaiser Maximilians I., 1512/13 (Innsbruck, Hofkirche); Abschlußgitter für die Fuggerkapelle in St.Anna, Augsburg, ab 1512- ca. 1540 (Fragmente in Schloß Montrottier b.Annecy).

Lit.: Peter Vischer, Dresden 1961 (Text von Fritz Kämpfer); - Heinz Stafski, Der jüngere Peter Vischer, Nürnberg 1962, bes. 63-72; - Klaus Pechstein, Die Erzgießerfamilie Vischer in Nürnberg, in: Fränkische Lebensbilder 7, 1977, 49-61; - Nürnberg 1300-1550. Kunst der Gotik und Renaissance. Ausst.Kat.German.Nat.Museum Nürnberg 1986, s.v. Vischer Familie; - Berühmte Nürnberger aus neun Jahrhunderten (Hrsg. Christoph v.Imhoff), Nürnberg 19892, 74-76; - ADB XL, 16-30; - Thieme-Becker XXXIV, 404-409; - LTHK X, 807 f.; - EItal XXXV, 438 f.; - Bénézit X, 534.

Ingrid Münch

Literaturergänzung:

Sven Hauschke, Die Grabdenkmäler d. Nürnberger V.-Werkstatt. 1453-1544. Petersberg 2006.

Letzte Änderung: 11.02.2007