VITONUS, Hl., Bisch. von Verdun (nach 500 - ca. 529/530); + an einem 9.11.; Festtage: 9.11. (Hauptfest Todestag), 15.7. (Translation), in neuerer Zeit auch 14.11. und 10.11. - V. (in der frz. Literatur: Vanne), in der durchaus zuverlässigen Verduner Bisch.sliste an achter Stelle genannt, ist für den Beginn des 6. Jh. zwar belegt. Nähere historische Informationen sind jedoch kaum faßbar, zumal eine ältere Vita, deren Existenz außerdem angezweifelt werden kann, verlorengegangen ist. Ihr Kern, den Berthar in seinen Verduner Bisch.sgesten (verfaßt [nach] 916; s.u., hier c.4) wiedergibt, wirft gewisse Schwierigkeiten insbes. in der Chronologie auf und wird in der Forschung zurecht angezweifelt, während die von dem berühmten Abt Richard von Saint-Vanne zu Beginn des 11. Jh. verfaßten Vita et Miracula (v.a. Heilwunder, insbes. an Leprosen) des V., nicht zuletzt aufgrund ihrer programmatischen Zielsetzung und Zweckbestimmung, historisch sogar (nahezu) wertlos sind. - Schon die Schilderungen des Berthar zu den Umständen der Bisch.serhebung des V., die der Frankenkg. Chlodwig auf Betreiben des Verduner Priesters Euspicius initiiert haben soll, sind sehr problembehaftet. Dieser Euspicius soll Onkel des V. gewesen sein und nach der Erhebung zusammen mit einem weiteren seiner Neffen und Bruder des V., Maximin, nach Orléans gegangen sein, wo er nach anderen Berichten von Chlodwig ein Gut im nahegelegenen Micy erhalten haben soll - die Traditionen von Micy, die u.a. als ersten Abt Maximin nennen, sind für Verdun ebenfalls als historisch wertlos aufgezeigt worden (A. Poncelet); Maximin und V. waren wohl kaum Brüder. So bleiben für die Herkunft und die verwandtschaftlichen Verbindungen des V. keine gesicherten Anhaltspunkte. Chronologisch ist sein Pontifikat, als dessen Hauptleistung die Integration des Bist.s Verdun in die fränkische Kirche zu nennen ist, auf die Zeit von etwa bzw. nach dem Jahr 500 (viell. 502 ?) bis 529(/530) festzumachen, als V., am 9. November, starb. Begraben wurde er, wie bereits einige seiner Vorgänger, in St. Peter, das schon früh - der Erstbeleg findet sich für 634 - das V.-Patrozinium annahm und dessen Glanzzeit, nach der Ablösung einer Klerikergemeinschaft durch Mönche, in den lotharingischen Klosterreformen des 10. und 11. Jh. lag (z.B. (s. d.) Richard von Saint-Vanne). - Das frühe (Mit)patrozinium, von den späteren Hagiographen als Folge der Wunder am Grab des V. verklärt, deutet auf eine schon bald nach dem Tod des V. zumindest in Verdun ausgeprägte kultische Verehrung hin, die v.a. von Bisch. Atto (846-870) durch eine Erhebung der V.-Gebeine intensiviert wurde. So erreichte die Verehrung des V. als Hl. überdiözesane Verbreitung, ja sie griff sogar über den übergeordneten Rahmen der Kirchenprovinz Trier, zu der das Bist. Verdun gehörte, hinaus (v.a. nach Norden, in die später niederlothringischen Gebiete; darüber hinaus weitere Belegorte im Westen und Süden, bspw. Arras, Reims, Dijon, Flavigny, und auch im Osten, auf der Reichenau). Weitere Reliquienbewegungen sind für den Beginn des 11. Jh. und für das Jahr 1147 bezeugt. Auch die Frz. Rev. überstanden die V.-Reliquien, die noch heute in der Kathedrale von Verdun aufbewahrt und gezeigt werden. - Als erster Verduner Bisch. des 6. Jh. steht V., über den nur schwer historisch beglaubigte Kenntnisse zu gewinnen sind, für die Integration des Bist.s an der oberen Maas in das sich konsolidierende Frankenreich und damit gleichsam für den Übergang in das frühe MA.
Lit.: Der V. betreffende Abschnitt der Verduner Bisch.sgesten: Berthar, Gesta episcoporum Virdunensium: Georg Waitz MG SS 4, 1841 (Nachdr. 1968), hier c.4, 41; eine vollständige Ed. der von Abt Richard verfaßten Vita et Miracula des V. findet sich im Anh. der Arbeit von H. Dauphin, Le bienheureux Richard, abbé de Saint-Vanne de Verdun, 1946 (361-378), nur Teile (Praefatio und zweiter Teil) bei Mabillon AS OSB VI,1, 565-569. - Nicolas Roussel, Histoire ecclésiastique et civile de Verdun, 2 Bde., 1863/18642 (passim); - Louis Clouët (Abbé), Histoire de Verdun et du pays verdunois, Bd. I, 1867 (Nachdr. 1977) (118-121); - Albert Poncelet, Les saints de Micy, In: AnBoll 24, 1905, 5-97; - Louis Duchesne, Fastes épiscopaux de l'ancienne Gaule, Bd. III, 1915 (68; 70); - M. Souplet, Saint Vanne, 1958; - Joseph van der Straeten, Les manuscrits hagiographiques de Charleville, Verdun et Saint-Mihiel, avec plusieurs textes inédits (Subsidia Hagiographica 56), 1974 (152-160); - Rudolf Schieffer, Die Entstehung von Domkapiteln in Deutschland (Bonner Historische Forschungen 43), 1976 (147); - Nancy Gauthier, L'évangélisation des pays de la Moselle. La province romaine de Première Belgique entre Antiquité et Moyen-Age (IIIe-VIIIe siècles), 1980 (150 f.; 221 f.); - Jean-Pol Evrard/ Michel Parisse, Les premiers millénaires, In: Alain Girardot (Hrsg.), Histoire de Verdun (Pays et villes de France), 1982, 9-29 (17-19); - Frank G. Hirschmann, Verdun im hohen Mittelalter. Eine lothringische Kathedralstadt und ihr Umland im Spiegel der geistlichen Institutionen (Trierer Historische Forschungen 27), 1996 (passim, bes. Bd. I, 144-149; 318-321); - Thomas Bauer, Lotharingien als historischer Raum. Verfassungsgeschichtliche, kultische und ideelle Faktoren der Raumbildung und des Raumbewußtseins im frühen und hohen Mittelalter, Diss. (Trier) 1995 (599-601; 607) (im Druck; erscheint 1997 in der R. `Rheinisches Archiv'); - VSB XI, 296-299; - LThK X, 822 f.; - BS XII, 1248 f.; - Lexikon der christlichen Ikonographie VIII, 578.