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Band XII (1997)Spalten 1549-1554 Autor: Erich Wenneker

VOETIUS, Gisbert (1589-1676), ref. Pfarrer und Theologe, * 1589 in Heusden/Niederlande, † 1676 in Leiden. - Voetius war der Sohn des Ritters Paulus Voet und wurde 1589 in der niederländischen Grenzstadt Heusden geboren. Mit acht Jahren verlor er seinen Vater. Mit der finanziellen Unterstützung von Freunden der Familie, des Magistrats von Heusden und den niederländischen Staaten konnte er die Lateinschule besuchen und in Leiden Theologie studieren. Vor allem Francismus Gomarus hatte auf ihn einen bestimmenden Einfluß. 1611 wurde er Pfarrer der reformierten Gemeinde in Vlijmen, einem Dorf bei 's-Hertogenbosch, wo er jedoch den Großteil der Bevölkerung erst für den Protestantismus gewinnen mußte. 1617 kehrte er in seine Heimatstadt Heusden zurück, wo er die zweite Pfarrstelle bekam. Hier geriet er bald in die romonstrantischen Streitigkeiten, da sein Kollege und eine einflußreiche Gruppe der Gemeinde Heusden zu den Remonstranten gehörten. 1618/19 nahm er als jüngstes Mitglied an den Beratungen der für die weitere Entwicklung der reformierten Kirche wichtigen Dordrechter Synode teil. Die dort beschlossene Exkommunikation der Remonstranten und die anderen Beschlüsse hat Voetius bis zu seinem Tode immer verteidigt. Nach der Eroberung 's-Hertogenboschs 1629 durch die Niederländer wurde er mit anderen Pfarrern beauftragt, die Reformation in der Stadt durchzuführen. In dieser Zeit begann auch die lange Kontroverse zwischen ihm und dem katholischen Theologen Cornelius Jansenius in Löwen. Voetius trat in dieser Zeit als Verfasser von theologischen Streitschriften auf. Sein Name wurde dadurch so bekannt, daß er 1634 von der Stadt Utrecht auf die theologische Professur an der neugegründeten Universität berufen. Diese Professur hat er bis zu seinem Tode im Jahre 1674 inne gehabt. Aber auch als Professor legte er großen Wert auf die Verbindung von Pfarramt und Wissenschaft. So war er über längere Zeit mit Kollegen auch Pfarrer der reformierten Gemeinde Utrecht. Die Verbindung von praktischer Theologie und Wissenschaft war Zeit seines Lebens, die für Voetius entscheidende Frage seiner Theologie. Sein dogmatisches Hauptwerk, die Selectae disputantiones theologicae, die in fünf Bänden ab 1648 erschienen, enthalten zwei Bände (3 und 4), die ganz der praktischen Theologie, vor allem der Ethik, gewidmet sind. Seine Studenten ließ er über Fragen der praktischen Theologie im wissenschaftlichen Stil disputieren. Daneben beschäftigte er sich immer stärker mit der Frömmigkeit des Individuums und gab 1664 mit den Ta Asketika sive exercitia pietatis in usum juventiutis academicae ein Handbuch zur religiösen Praxis heraus. Die Politica ecclesiastica, die ab 1663 erschienen behandeln in umfassender Weise das gesamte kirchliche Leben und sind bis heute eine Fundgrube für die Erforschung der kirchlichen Verhältnisse im 17. Jahrhundert. Das Hauptthema seiner Theologie war die pietas. Es ging ihm, nach seinen eigenen Aussagen, nicht allein darum, die orthodoxe Theologie aus der Heiligen Schrift zu erklären und zu verteidigen, sondern auch ihre Nützlichkeit aufzuzeigen und die Gläubigen so zu Praxis und Kraft der Gottseligkeit zu führen. Beeinflußt wurde er dabei vor allem durch den Puritanismus. Geistliche Nahrung fand er auch in den Schriften des Thomas a Kempis. Er verteidigte die scholastisch-orthodoxe Methode in der reformierten Philosophie gegen den Cartesianismus. Im Jahre 1658 geriet Voetius mit den Leidener reformierten Theologen Johannes Coccejus und Abraham Heidanus in einen Streit über die Interpretation des vierten Gebots und die Sonntagsheiligung. Theologisch ist Voetius den puritanischen Theologen und dem Vorpietismus zuzuordnen. Mit seiner Tätigkeit als akademischer Lehrer und Prediger, sowie mit seinem Schriften hat er die wichtigste Frömmigkeitsbewegung des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden, die »Nadere Reformatie« entscheidend mitbeprägt.

Werke: Lacrymae crocodului abstersae, 1627; Proeve va de cracht d. godtsalicheyt, Amsterdam 1628; Meditatie van de oprechte Practycke der goede wercken, 1628; Desperata Causa Patus; Amsterdam 1635; Oratio inauguralis de pietate cum scientia conjugenda, in: Illustris Gymnasii Ultraiectinoi inauguratio una cum orationibus inauguralibus, Utrecht 1636 (niederländische Übers.: Inaugurele rede poder godzaligheid te verbinden met de wetenschap, hrsg. v. Aart de Groot, Kampen 1978); Exercitia et bibliotheca studiosi theologiae, Utrecht 1644; Selecarum disputationum theologicarum partes I-V, Utrecht 1648-1669 (Teilnachdr. in: Reformed Dogmatics. J: Wollebius-G. V.-F. Turretin, ed. by John W.Beardslee III, New York 1965, 263 ff.); Staat des Geschils, Over de Cartesiaansche Philosophie, Utrecht 1656; - Nader Openinge, Van eenige stucken in de Cartesiaensche Philosophie Raeckende de H. Theologie, Leiden 1656; Verdedichde oprechticheyt van Suetonius Tranquillus gestelt tegen de Overtuyghde quaetwilligheyt van Irrenaeus Philalethius, Leiden 1956; Politicae ecclesiasticae partens I-III, Amsterdam 1663-1676; Ta Asketika sive exercitia pietatis, Gorinchem 1664; Catechechisatie over den Heidelbergschen Catechismus, opnieuw uitgegeven door A. Kuyper, Rotterdam 1891; Tractaat over de Planting en de Planters van Kerken, Groningen 1910.

Lit.: Alexander Schweizer, D. Glaubenslehre d. ev.-ref. Kirche. Dargestellt u. aus d. Quellen belegt, 2 Bde., Zürich 1844-1847; - Philip Schaff, Creeds of Christendom, 1877 (Nachr. Grand Rapids 1977),-Th. Jorissen, Het verleden van de Universiteit van Amsterdam, Amsterdam 1882; - Arnoldus C. Duker, G. V., 3 Bd., 1897-1914; - Wilhelm Goeters, D. Vorbereitung d. Pietismus in d. ref. Kirche d. Niederlande bis zur Labadistischen Krise, Leipzig 1911; - H. A: van Andel, De zendingsleer van G. V., 1912; - M. Galm, D. Erwachen d. Missionsgedankens im Protestantismus d. Niederlande, St. Ottilien 1915; - Gottlob Schrenk, Gottesreich u. Bund im älteren Protrestantismus vornehmlich bei Johannes Coccejus, Gütersloh 1923; - J. A: Cramer, De theologische faculteit te Utrecht ten tijde van V., Utrecht 1932; - G. W. Kernkamp, De utrechtsche academie 1636-1815, Utrecht 1936; - M. Bouwman, V. over het gezag der synoden, 1937; - Douglas Nobbs, Theocracy and Toleration. A Study of the Disputes in Dutch Calvinism fromn 1600 to 1650, Cambridge 1938; - Hugo B: Visser, De geschiedenis van den Sabbatsstrijd onder de Gereformeerden in de zeventiende eeuw, Utrecht 1939; - Cornelis Steenblok, V. en de Sabbat, 1941; - C. L. Thijsen-Schoute, Nederlands Cartesianisme, 1954; - Simon van der Linde, Het Gereformeerd Protestantisme, Nijkerk 1957; - Ders., D. ref. »Pietismus« in den Niederlanden, in: Pietismus u. Reveil, hrsg. v. J. van den Berg u. J. van Dooren, Leiden 1978, 102-117; - Ernst Bizer, D. ref. Orthodoxie u. d. Cartesianismus, in: ZThK 55, 1958, 306-372; - H. Kraemer, Godsdienst, Godsdiensten en het Christelijke Geloof, Nijkerk 1958; - Jürgen Moltmann,m Prädestination u. Perseveranz. Geschichte u. Bedeutung d. ref. Lehre »de perseverantia sanctorum«, Neukirchen 1961; - Enno Conring, Kirche u. Staat nach d. Lehre d. niederländischen Calvinisten in d. ersten Hälfte des 17. Jh.s, Neukirchen 1965; - Johannes Wallmann, Pietismus u. Orthodoxie. Überlegungen u. Fragen z. Pietismusforschung, in: Geist u. Geschichte d. Reformation. Festschr. Hans Rückert, Berlin 1966; - Ders., D. Anfänge d. Pietismus, in: Pietismus u. Neuzeit 4, 1977/78, 11-53; Ders. Labadismus u. Pietismus. D: Einflüsse d. niederländischen Pietismus auf d. Entstehung d. Pietismus in Deutschland, in: Pietismus u. Reveil, hrsg. v. J. van den Berg u. J. van Dooren, Leiden 1978, 141-168 (Nachd. in: Ders., Theologie u. Frömmigkeit im Zeitalter d. Barock, Tübingen 1995, 171-196); - Ders., D Pietismus, KiG 4, O 1, Göttingen 1990; - Simon van d. Linde, De Dordtse synode 1619-1969, in: Nederlandse Theol. Tijdschrift 23, 1969; - I. Bott, De allegorische uitlegging van het Hooglied voornamenlijk in Nederland, Woerden 1971; - Heiner Faulenbach, Weg u. Ziel d. Erkenntnis Christi. Eine Untersuchung zur Theologie d. Johannes Coccejus, Neukirchen-Vluyn 1973; - J. C: H. Lebram, Ein Streit um die hebräische Bibel u. d. 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Rezeption d. cartesianischen Gottesgedankens bei Abraham Heidanus, in: NZSTH 38, 1996, 166-197; - Jöcher IV, 1687 f.; - Biographisch lexicon voor de geschiedenis van het Nederlandse protestantisme II, 443-449; - RE XX, 717-725; - RGG VI, 1432 f.

Erich Wenneker

Literaturergänzung:

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Mühling, Andreas. "Zwischen Puritanismus, Orthodoxie und frühem Pietismus - Gisbert Voetius und die "Nadere Reformatie". Monatshefte für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes 52 (2003): 243-254; -

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Beck, Andreas J. "Zur Rezeption Melanchthons bei Gisbertus Voetius (1589-1676), namentlich in seiner Gotteslehre". In Günter Frank und Herman Selderhuis (Hrsg.). Melanchthon und der Calvinismus. Melanchthon-Schriften der Stadt Bretten, 9. Stuttgart-Bad Cannstatt: Formmann-Holzboog, 2004; -

2006

F.G.M. Broeyer, Theological education at the Dutch universities in the seventeenth century: four professors on their ideal of the curriculum, in: The formation of clerical and confessional identities in early modern Europe. Ed. by Wim Janse and Barbara Pitkin. Leiden 2006, S. 115-132; - Goudriaan, Aza. Reformed Orthodoxy and Philosophy, 1625-1750. Gisbertus Voetius, Petrus Van Mastricht, and Anthonius Driessen. Brill's Series in Church History, 26. Leiden: Brill, 2006; -

2007

Beck, Andreas J. Gisbertus Voetius (1589-1676). Sein Theologieverständnis und seine Gotteslehre. FKDG 92. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2007; - Willem J. van Asselt, V. Kampen 2007; - Andreas J. Beck, G.V. (1589-1676). Sein Theologieverständnis u. seine Gotteslehre. Göttingen 2007; - Aza Goudriaan, De betekenis van de kerkvaders volgens G.V., in: DNR 31.2007, S. 173-181;- Cornelis A. de Niet ; Aza Goudriaan, V. over de negende muze. Anna Maria van Schurman en V.' opdracht in "Selectae disputationes theologicae", II (1655), in: ebd. S. 182-185; -

2008

Jan Hoek, V. voor het voetlicht, in: ThRef 51.2008, S. 165-170; -

2009

Andreas J. Beck, De verhouding van geloof en wetenschap volgens G.V. (1589-1676), in: DNR 33.2009, S. 71-83;- Arie Th. van Deursen, De grenzen van de Nadere Reformatie, in: ebd. S. 84-87.

Letzte Änderung: 15.01.2010