WAGENSEIL, Johann Christoph, * 26.11. 1633 in Nürnberg, † 9.11.
1705 in Altdorf. Rechtsgelehrter, Orientalist, Wegbereiter eines neuen
Verhältnisses zwischen Christen und Juden. - W. studierte an der
1580 als Akademie begründeten und 1622 kaiserlich anerkannten Universität
der Reichsstadt Nürnberg in Altdorf. Von 1654 bis 1667 war er Hauslehrer
in verschiedenen Familien des bayerischen und österreichischen Adels;
mit seinen Zöglingen unternahm er ausgedehnte Bildungsreisen durch
Europa bis in das nördliche Afrika. In Italien und Frankreich wählte
man ihn zum Mitglied akademischer Gesellschaften. Die Universität
Orleans promovierte ihn zum Doktor der Rechte. 1667 wurde er als ordentlicher
Professor für öffentliches Recht und Geschichte an die Altdorfer Universität
und gleichzeitig zum Mitglied des Größeren Rates von Nürnberg berufen.
1674 übernahm er zusätzlich den Lehrstuhl für Orientalistik in Altdorf.
Für die Vielfalt seiner Gaben zeugt die Erfindung des »Hydraspis«,
eines Gerätes zur Rettung aus Seenot; ihretwegen wurde er zum Vortrag
am kaiserlichen Hof in Wien empfangen. 1697 übertrug man ihm den Lehrstuhl
für Kanonisches Recht in Altdorf. Zweimal war er Rektor der Universität.
Seine umfangreiche Bibliothek mit judaistischen und ethnographischen
Kostbarkeiten vermachte er der Universität Altdorf (seine Bücher sind
heute in die Erlanger Universitätsbibliothek integriert) und der Rathsbibliothek
der Stadt Leipzig (wo nur noch Reste vorhanden sind). - W. hat
zeitlebens versucht, unter verschiedenen Gesichtspunkten (linguistischen,
historischen, traditionell-lutherischen, rechtlichen und vor allem
aufgeklärt-humanen) die Christenheit seiner Zeit darauf hinzuweisen,
daß sie um Gottes und der Menschlichkeit willen endlich ein neues
Verhältnis zu Israel und den Juden suchen sollte. W. tat dies zwar
immer noch unter gewohnt-missionarischen Vorzeichen, aber in einer
Dialogbereitschaft, die ihrer Offenheit wegen zu den seltenen Ausnahmen
in Kirche und Theologie seiner Zeit gehört. Es ist nicht zufällig,
daß W. in der Literatur zur protestantischen Kirchen- und Missionsgeschichte
bis heute kaum erwähnt wird.
Werke: Sotah (Lateinische Übersetzung des Talmudtraktats
»Sotah«), Altdorf 1675; Tela Ignea Satanae (Sammelwerk mit verschiedenen
Arbeiten zum Gespräch zwischen Christen und Juden), 2 Bände, Altdorf
1681, Nachdruck (fotomechanisch) Farnborough/England 1970; De civitate
Noribergensi Commentati, Altdorf 1697 (darin »Buch von der Meistersinger
Holdseligen Kunst«), Altdorf 1697, Nachdruck (fotomechanisch) Göppingen
1975; Belehrung der Jüdisch-Teutschen Red- und Schreibart, Königsberg
1699; An alle hohen Regenten und Obrigkeiten, welche Juden unter ihrer
Botmäßigkeit haben, 2. Aufl. Berlin 1704; Benachrichtigung wegen einigen
die Juden angehenden wichtigen Sachen, Leipzig 1705; Hoffnung der
Erlösung Israels oder Klarer Beweis der bevorstehenden Judenbekehrung,
Leipzig (posthum) 1707.
Lit.: Jüdisches Lexikon, Berlin 1927, Band IV/2, 1275;
- Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971, Band 16, 239 f. (Lit.);
- H. Graetz, Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis
auf die Gegenwart, Band 10, Leipzig 1868, 302 ff.; - H.J. Schoeps,
Philosemitismus im Barock, Tübingen 1952; - O.Rankin, Jewish Religious
Polemic of Early Later Centuries, Edinburgh 1956; - G.A. Will,
Nürnbergisches Gelehrten-Lexicon, Band 4, Nürnberg/Altdorf 1758, 142 ff.;
- P.G. Aring, Wage du zu irren und zu träumen. Juden und Christen
unterwegs, Leipzig / Köln 1992, 12 ff. (Lit.).
Paul Gerhard Aring
Literaturergänzung:
Hartmut Bobzin, D. Altdorfer Gelehrte J.C.W. u. seine Bibliothek, in: Reuchlin u. seine Erben. Hrsg. von Peter Schäfer u. Irina Wandrey. Ostfildern 2005, S. 77-95; - Peter Blastenbrei, J.C.W. u. seine Stellung zum Judentum. Erlangen 2004.