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Band XIII (1998) Spalten 146-147 Autor: Paul Gerhard Aring

WAGENSEIL, Johann Christoph, * 26.11. 1633 in Nürnberg, † 9.11. 1705 in Altdorf. Rechtsgelehrter, Orientalist, Wegbereiter eines neuen Verhältnisses zwischen Christen und Juden. - W. studierte an der 1580 als Akademie begründeten und 1622 kaiserlich anerkannten Universität der Reichsstadt Nürnberg in Altdorf. Von 1654 bis 1667 war er Hauslehrer in verschiedenen Familien des bayerischen und österreichischen Adels; mit seinen Zöglingen unternahm er ausgedehnte Bildungsreisen durch Europa bis in das nördliche Afrika. In Italien und Frankreich wählte man ihn zum Mitglied akademischer Gesellschaften. Die Universität Orleans promovierte ihn zum Doktor der Rechte. 1667 wurde er als ordentlicher Professor für öffentliches Recht und Geschichte an die Altdorfer Universität und gleichzeitig zum Mitglied des Größeren Rates von Nürnberg berufen. 1674 übernahm er zusätzlich den Lehrstuhl für Orientalistik in Altdorf. Für die Vielfalt seiner Gaben zeugt die Erfindung des »Hydraspis«, eines Gerätes zur Rettung aus Seenot; ihretwegen wurde er zum Vortrag am kaiserlichen Hof in Wien empfangen. 1697 übertrug man ihm den Lehrstuhl für Kanonisches Recht in Altdorf. Zweimal war er Rektor der Universität. Seine umfangreiche Bibliothek mit judaistischen und ethnographischen Kostbarkeiten vermachte er der Universität Altdorf (seine Bücher sind heute in die Erlanger Universitätsbibliothek integriert) und der Rathsbibliothek der Stadt Leipzig (wo nur noch Reste vorhanden sind). - W. hat zeitlebens versucht, unter verschiedenen Gesichtspunkten (linguistischen, historischen, traditionell-lutherischen, rechtlichen und vor allem aufgeklärt-humanen) die Christenheit seiner Zeit darauf hinzuweisen, daß sie um Gottes und der Menschlichkeit willen endlich ein neues Verhältnis zu Israel und den Juden suchen sollte. W. tat dies zwar immer noch unter gewohnt-missionarischen Vorzeichen, aber in einer Dialogbereitschaft, die ihrer Offenheit wegen zu den seltenen Ausnahmen in Kirche und Theologie seiner Zeit gehört. Es ist nicht zufällig, daß W. in der Literatur zur protestantischen Kirchen- und Missionsgeschichte bis heute kaum erwähnt wird.

Werke: Sotah (Lateinische Übersetzung des Talmudtraktats »Sotah«), Altdorf 1675; Tela Ignea Satanae (Sammelwerk mit verschiedenen Arbeiten zum Gespräch zwischen Christen und Juden), 2 Bände, Altdorf 1681, Nachdruck (fotomechanisch) Farnborough/England 1970; De civitate Noribergensi Commentati, Altdorf 1697 (darin »Buch von der Meistersinger Holdseligen Kunst«), Altdorf 1697, Nachdruck (fotomechanisch) Göppingen 1975; Belehrung der Jüdisch-Teutschen Red- und Schreibart, Königsberg 1699; An alle hohen Regenten und Obrigkeiten, welche Juden unter ihrer Botmäßigkeit haben, 2. Aufl. Berlin 1704; Benachrichtigung wegen einigen die Juden angehenden wichtigen Sachen, Leipzig 1705; Hoffnung der Erlösung Israels oder Klarer Beweis der bevorstehenden Judenbekehrung, Leipzig (posthum) 1707.

Lit.: Jüdisches Lexikon, Berlin 1927, Band IV/2, 1275; - Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971, Band 16, 239 f. (Lit.); - H. Graetz, Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, Band 10, Leipzig 1868, 302 ff.; - H.J. Schoeps, Philosemitismus im Barock, Tübingen 1952; - O.Rankin, Jewish Religious Polemic of Early Later Centuries, Edinburgh 1956; - G.A. Will, Nürnbergisches Gelehrten-Lexicon, Band 4, Nürnberg/Altdorf 1758, 142 ff.; - P.G. Aring, Wage du zu irren und zu träumen. Juden und Christen unterwegs, Leipzig / Köln 1992, 12 ff. (Lit.).

Paul Gerhard Aring

Literaturergänzung:

Hartmut Bobzin, D. Altdorfer Gelehrte J.C.W. u. seine Bibliothek, in: Reuchlin u. seine Erben. Hrsg. von Peter Schäfer u. Irina Wandrey. Ostfildern 2005, S. 77-95; - Peter Blastenbrei, J.C.W. u. seine Stellung zum Judentum. Erlangen 2004.

Letzte Änderung: 05.10.2006