WEISS, Karl Philipp Bernhard, protestantischer Neutestamentler, Wirklicher
Geheimer Oberkonsistorialrat (1893), * 20.6. 1827 in Königsberg,
† 14.1. 1918 in Berlin. - Der Sohn von Friederike geb. Fischer
(† 1829) und des Pfarrers und späteren Oberkonsistorialrates
Georg Bernhard Weiß besucht ab 1834 das Gymnasium seiner Heimatstadt,
wo er auch nach abgelegtem Abitur Theologie und Philosophie (bei Karl
Rosenkranz [s.d.]) studiert. Unter seinen theologischen Lehrern regt
ihn nur Isaak August Dorner (s.d.) an. Nach dem Triennium hört W.
im Sommersemester 1849 noch Friedrich August Tholuck (s.d.) in Halle
und August Neander (s.d.) in Berlin (Wintersemester 1847/1848). Am
5.5. 1848 besteht W. in Königsberg das 1. theologische Examen, dem
1849 das 2. folgt. W. unterstützt nun tatkräftig den Aufbau der Inneren
Mission in seiner Heimatstadt und gibt Privatunterricht. Im Anschluß
an eine Reise 1850 entscheidet sich W. für die akademische Laufbahn;
am 26.5. 1852 habilitiert sich W. mit einer Untersuchung des 1. Petrusbriefes
in seinem Verhältnis zu Paulus, nachdem er in absentia am 10.4. in
Jena promoviert worden war. Im gleichen Jahr nimmt er als Privatdozent
in Königsberg den Vorlesungsbetrieb, wenngleich mit anfänglich nur
mäßigem Erfolg, auf. An der materiellen Not, die W. durch Religionsunterricht
zu lindern sucht, ändert die 1857 erfolgte Beförderung in das Extraordinariat
wenig, da erst 1860, im Jahr seiner Heirat mit der Generalstochter
Hermine von Woyna († 21.4. 1893), eine nennenswerte Gehaltsaufbesserung
erfolgt. Am 26.11. 1861 wird W. als Königsberger Divisionsprediger
ordiniert, 1862 erhält er die theologische Doktorwürde der Universität
Königsberg. 1863 schließlich folgt die lang ersehnte Berufung auf
einen Lehrstuhl. Zum Sommersemester nimmt W. seine Arbeit in Kiel
auf; neben dem Orientalisten August Dillmann (s.d.) hat W. auch das
Alte Testament zu vertreten. 1874 tritt W. in das Konsistorium ein,
und 1875/1876 bekleidet er das Rektorat. Nach eigenen Angaben nur
zögernd nimmt W. die 1876 ausgesprochene Berufung nach Berlin an;
zum 1.4. 1877 tritt er seine Stelle an, die dort erstmals ein auf
das Neue Testament zugeschnittener Lehrstuhl ist (Otto Pfleiderer
[s.d.] war nach dem Tod August Twestens [s.d.] zur Systematik übergegangen),
den W. bis zum Sommersemester 1910 innehält. Im gleichen Jahr noch
wird W. als Mitglied in das brandenburgische Konsistorium berufen,
der 1880 die Beförderung zum Oberkonsistorialrat folgt. W.' Berliner
Tätigkeit wirkt sich fruchtbar für den Aufschwung der Fakultät aus;
neben Adolf von Harnack (s.d.) zog W. die meisten Zuhörer (bisweilen
um die 400) an. Die 1893 erfolgte Berufung Adolf Schlatters (s.d.)
auf die zur Eindämmung des Einflusses Harnacks eigens geschaffene
»Strafprofessur« empfand W. als unerwünschte Konkurrenz auf neutestamentlichem
Gebiet, so daß die Spannungen zwischen beiden Schlatter 1898 bewogen,
nach Tübingen zu wechseln. Zu seinem Nachfolger wurde nach W.' Emeritierung
(1908) Adolf Deißmann (s.d.) berufen. Vereinsamt und infolge der Lebensmittelknappheit
fast verhungert starb W. fast 91jährig. - Zu W.' zahlreichen Nebenaufgaben
tritt von 1880 bis Mitte 1899 (W. scheidet auf eigenen Wunsch aus)
das Amt des Dezernenten für die Angelegenheiten der theologischen
Fakultäten im Range eines Vortragenden Rats im Preußod. Bezae Cantabrigiensis
(D[05]) steht W. in der Apostelgeschichte sehr reserviert wegen dessen
Neigung zu willkürlicher Gestaltung gegenüber. Zur synoptischen Frage
nimmt W. mit (s.d.) Heinrich Ewald und Heinrich Julius Holtzmann und
in Verlängerung der älteren sog. Kombinationshypothese zwei Grundschriften
an, die matthäische Redenquelle und eine markinische Petrustradition
(Petruserinnerungen), aus denen Matthäus und dann Lukas unter Benutzung
einer weiteren Quelle (Lk 2,32 widerspricht Mt 2) entwickelt wurden.
Die aramäische Grundschrift des Matthäusevangeliums mit größtenteils
narrativem Charakter und Prototyp der Gattung »Evangelium« kannte
allerdings noch keine Geburts-, Passions- und Auferstehungsüberlieferung,
denn mit der angenommenen Entstehung um 66/67 wären den Tradentenkreisen
die Ereignisse aus eigenem Erleben noch so gegenwärtig, daß sich ihre
Aufzeichnung erübrigt habe. Nun argumentiert W. aber nicht konsequent.
Denn neben der partiellen Anerkennung der Markuspriorität hält W.
die Reden im Matthäusevangelium gegenüber dem Markusevangelium für
älter und kehrt somit tendenziell zur hebräischen Ur-Matthäus (Papias)
bzw. der Annahme eines Urevangeliums (wie schon Johann Gottfried Eichhorn
[s.d.]) zurück: das kanonische Markusevangelium hängt vom aramäischen
Ur-Matthäus ab, ist im Jahre 69 in einer z.T. wörtlichen Rezeption
erstmals verfaßt (= [Proto]Markus des Papias) und etwas später (70
in Rom) von einem hellenistisch-judenchristlichen Redaktor zur jetzigen
Fassung überarbeitet worden. Daß im Markusevangelium chronologische
Brüche begegnen konzediert W. durchaus, hält sie aber mit dem markinischen
Desinteresse an einer historisch-pragmatischen Überlieferung für erklärbar:
die mk Intention ist die Stärkung des Glaubens an Jesus, und der innere
Zusammenhang ergebe sich aus dem Seitenreferat des Johannesevangeliums.
- Aus einer erneuten Kombination des Ur-Matthäus mit dem kanonischen
Markusevangelium ist dann laut W. kurz nach der Tempelzerstörung das
vorliegende pseudonyme Matthäusevangelium (vgl. 22,7) entstanden.
Das Lukasevangelium dagegen verarbeitet die protoevangelische Tradition
derart komprimiert, daß die Vorlagen aus ihm kaum noch rekonstruiert
werden können. Sicher ist für W. lediglich, daß das Lukas- nicht vom
Matthäusevangelium abhängt. Im Johannesevangelium identifiziert W.
authentische Herrenworte; einer Spätdatierung entgeht W. durch Aufweis
der Verarbeitung von Jüngererinnerungen. In seinem Spätwerk wiederholt
und präzisiert W. seine Position gegen die kritischen Thesen von (s.d.)
Friedrich Spitta und Julius Wellhausen (Das Joh als einheitliches
Werk, s.u.): der Zebedaide Johannes ist der Lieblingsjünger und Verfasser
von Joh 1-20; Markus und allenfalls die Quelle des Lukas (vgl. Lk
5,8) wurden als Vorlagen benutzt. Kap. 21 ist nach dessen Tode hinzugefügt
worden, allerdings ohne andere Eingriffe in das ganze Evangelium.
Historische Exaktheit ist nicht das Anliegen des Johannesevangeliums,
sondern Erbauung der Gemeinde. - Der Jakobus- und 1. Petrusbrief
werden von W. früh datiert (1Petr im 1. Regierungsjahr Neros [54]
entstanden und teilweise von Paulus benutzt); den 2. Petrusbrief hält
W. zunächst auch für authentisch. Apk 11 versteht W. als Reflex der
Tempelzerstörung und ist älter als Mt 24. Das Tier Apk 13 deute auf
Vespasian und wird in 2Thess 2 rezipiert. Den liberalen Positionen
begegnet W. in Forschung und Kirchenpolitik reserviert. Überhaupt
fällt bei W. die Zurückhaltung gegenüber den Positionen der Tübinger
Tendenzkritik auf. Sein vermittelnder theologischer Standpunkt wird
deutlich bei seiner Beschreibung des Christentums der Gemeinde in
Rom, das schon vor dem Römerbrief weitgehend paulinisch sei; eine
kleine Fraktion Judenchristen (Röm 15,7-9) wäre über eine Minorität
niemals hinausgekommen, wie die Grußliste (Kap. 16) ausweist. Der
Röm ist nach W. die Bilanz der paulinischen Theologie im Rückblick
auf die zurückliegenden Auseinandersetzungen in den galatischen und
der korinthischen Gemeinde.
Werke: Jakobus u. Paulus. Biblisch-theol. Stud.: DZCW
5,51.52 (1854), 407-415; Der Petrinische Lehrbegriff. Btrr. z. biblischen
Theol., sowie z. Kritik u. Exegese des ersten Briefes Petri u. der
petrinischen Reden, Berlin 1855; : ThStKr (1857), ; Der Phil ausgelegt
u. die Gesch. seiner Ausl. krit. dargest., Berlin 1859; Ueber das
Bildliche im NT: DZCW NF 4 (1861), 309-321; Zur Entstehungsgesch.
der drei synopt. Evv.: ThStKr 34 (1861), 29-100.646-713; Der johanneische
Lehrbegriff in seinen Grundzügen dargest., Berlin 1862; Rez. Carl
August Credner, Gesch. des nt., Canon, hrsg. v. Dr. Gustav Volkmar.
Berlin 1859: ThStKr 26 (1863), 571-607; Die Redestücke des apost.
Matthäus: JDTh 9 (1864), 49-; Die Erzählungsstücke des apost. Matthäus:
JDTh 10 (1865), 319-; Die petrinische Frage. Krit. Unterss.: ThStKr
38 (1865), 619-657; 39 (1866), 255-308; Lehrb. der Biblischen Theol.
des NT, Berlin 1868. Zweite vollst. umgearbeitete Aufl., Berlin 1873
18803, 18844, 18956, Stuttgart/Berlin 19037;
Apokalypt. Stud.: ThStKr 43 (1869), 1-59; Das Marcusev. u. seine synopt.
Parallelen unters., Berlin 1872; Randglossen: ThStKr 46 (1873), 539-546;
Das Mt u. seine Lucasparallelen, Halle 1876; Das Leben Jesu, 2 Bde.
Berlin 1882, 18842, 18883, Stuttgart 19034; Krit.
exegetisches Hdb. über das Ev. des Matthäus (Meyer,KNT 1,1), Göttingen
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Lukas (Meyer,KNT 1,2), Göttingen 18857, 19019; Krit.
exegetisches Hdb. über den Hebr. (Meyer,KNT 13), Göttingen 1888, 18976;
Lehrb. der Einl. in das NT, Berlin 1886, 18892, 18973
(engl. A Manual of Introduction to the New Testament, London 1888);
Die Johannes-Apk. Textkrit. Unterss. u. Textherstellung (TU 7,1),
Leipzig 1891; Die Kath. Briefe. Textkrit. Unterss. u. Textherstellung
(TU 8,3), Leipzig 1892; Das NT. Textkrit. Unterss. u. Textherstellung,
Leipzig 1893-1900; Textkrit. Stud.: ZWTh NF 2 [37] (1894), 424-451;
Die paulinischen Briefe im berichtigten Text. Mit kurzer Erl. z. Handgebrauch
bei der Schriftlectüre, Leipzig 1896, 19022 (Das NT. Handausg.
2); Der Kod. D in der Apg. Textkrit. Unterss. (TU NF 2,1 [17,1]),
Leipzig 1897; Der Brief an die Römer (Meyer,KNT 4), Göttingen 18999;
Die drei Briefe des Apostels Johannes (Meyer,KNT 14), Göttingen 18996;
Textkritik des vierten Ev. (TU NF 4,2), Leipzig 1899; Textkritik der
vier Evv., Leipzig 1899; Die vier Evv. im berichtigten Text. Mit kurzer
Erl. z. Handgebrauch bei der Schriftlektüre, Leipzig 1900; Die innere
Mission an der Wende des Jh., Königsberg 1900; Die Apg, kath. Briefe,
Apk im berichtigten Text. Mit kurzer Erl. z. Handgebrauch bei der
Schriftlektüre. 2. neu bearb. Aufl., Leipzig 1901; Die Briefe Pauli
an Timotheus u. Titus (Meyer, KNT 11), Göttingen 19025; Das
NT (griech.), im berichtigten Text mit kurzer Erl. z. Handgebrauch
bei der Schriftlektüre. Das NT. Handausg., 3 Bde. Leipzig 1902-19052;
Der Jak u. die neuere Kritik: NKZ 15 (1904), 391-439 (auch separat
Leipzig 1904); Die Geschichtlichkeit des Mk. (Biblische Zeit- u. Streitfragen
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Groß-Lichterfelde/Berlin 1906; Das NT (dt.), nach D. Martin Luthers
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