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Band XIII (1998) Spalten 684-690 Autor: Klaus-Gunther Wesseling

WEISSE, Christian Hermann, evangelischer Theologe und spätidealistischer Philosoph, W.s * 10.8. 1801 in Leipzig, + 19.9. 1866 in Leipzig. - W. studierte Rechtswissenschaften, Philosophie, Kunst und Literatur. Seit 1823 ist W. Privatdozent, 1828 außerordentlicher Professor, 1845 Ordinarius in Leipzig. W. gilt als spätidealistischer Epigone und Hauptvertreter der semihegelianischen Theistenschule. - Gegen die radikale Evangelienkritik von David Friedrich Strauß (s.d.) und dessen Traditionshypothese sowie die Apologeten der vollen Glaubwürdigkeit der Evangelienüberlieferung unternahm W. die Rekonstruktion des historischen Jesus und entfaltet in seiner »Evangelischen Geschichte« (1838, s.u.) im Anschluß an Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (s.d.,s.u.) aufgrund der Papias-Notizen die Zwei-Quellen-Theorie, sie gegenüber Schleiermacher allerdings modifizierend. Aus der hebräischen Redensammlung wird bei W. die Spruchquelle des Matthäusevangeliums; den Schleiermacherschen Ur-Markus substituierte W. durch das Markusevangelium als erster, auf authentischer Erinnerung beruhenden Darstellung des Lebens Jesu, dem Petrusbegleiter Johannes Markus zugeschrieben; beide stellen originäre literarische Erzeugnisse dar, aus denen sich das kanonische Matthäus- und Lukasevangelium entwickelt haben. Damit grenzt sich W. deutlich von den Synoptiker-Theorien Johann Gottfried Herders (s.d.) sowie der Tübinger Schule mit ihrer Favorisierung der Griesbach-Hypothese ab. W. gehört so neben (s.d.) Karl Lachmann, Georg Christian Storr und Christian Gottlob Wilke zu den Begründern der Markus-Priorität, die er in Auseinandersetzung mit Heinrich Ewald (s.d.) 1856 dahingehend modifiziert, daß vor dem kanonischen Markus- doch noch ein Ur-Markusevangelium stünde, das matthäisches und lukanisches Sondergut kenne. Gleichzeitig greift W. die von Karl Georg Bretschneider (s.d.) formulierten Vorbehalte gegen die Apostolizität des Johannesevangeliums auf und konzediert ihm aufgrund der beobachteten Zusammenhanglosigkeit einzelner Erzählungen und des qualitativen Unterschiedes zwischen Johannes und den Synoptikern allenfalls eine apostolische Grundschrift (Christusreden; vgl. Evangelische Geschichte [s.u.], I 102ff., II 183ff.). Später ergänzt W. diese Hypothese durch die Entdeckung einer Redequelle, in der der Apostel Johannes spreche (Joh 1,1-5.9-14.16; 3,13-21.31-36; 5,19-23.25-27; 14-17 in Ausw.; vgl. »Die Evangelienfrage« [s.u.]). Auch äußert W. ernstmals schwere Bedenken gegen die Authentizität von Mt 16,18f. (Ev. Gesch. II 93ff. 101ff.) und streicht auf dem Wege der Konjekturalkritik Gal 4,4 (ab ).5a.6a als nichtpaulinisch. - Gleichwie manche exegetische Detailfragen bei W. in der Retrospektive modern und innovativ gelöst scheinen, so fehlen auch nicht restriktive Ansichten. Die Rückführung der Menschensohn-Prädikation auf Dan 7 faßte W. als Attentat auf die Originalität Jesu auf. - W.s posthum von seinem Schüler Emil Sulze (s.d.) veröffentlichte Monographie über die paulinischen Briefe knüpft an die radikale Kritik von Bruno Bauer (s.d.); ausgehend von stilkritischen Beobachtungen am 1Kor hält W. lediglich noch 2Kor (drei Briefe!), 1Thess und Phlm für authentisch, hingegen Röm, Gal, Phil und Kol für korrupt. W.s Theorien, zumal nur formal literarkritisch fundiert, sind kaum rezipiert worden. Wiederholt las W. über griechische Mythologie und entwickelte eine eigene Theorie der Mytheninterpretation: der Mythos entfalte sich in freier, unrhythmischer Improvisation bei Hintanstellung historischer Momente. - W.s idealistischer Persönlichkeitsbegriff ist kosmologisch-universalistisch ausgedehnt und verarbeitet eklektizistisch alle zeitgenössischen Strömungen. Die aus Gott geschaffene Welt ist von sich aus nicht sündig; das Böse als positive Willensmacht läßt W. den Sündenfall als Fortschritt, als verschuldete Abweichung begreifen. In Gott lebt das Mögliche als ewige Natur virtuell. W.s Theismus hinderte ihn aber nicht, an einen persönlichen Gott, die Gottessohnschaft Christi und die himmlische Vollendung der Seligen zu glauben. - W. distanziert sich um 1838 deutlich vom Hegelianismus, dem er unterstellt, daß es ihm »nicht um Denkfreiheit, sondern um Herrschaft im preußischen Staat zu tun« ist (W. an Arnold Ruge, 25. 12. 1838), da sein metaphysischer Pantheismus Freiheit und Individualität verdränge. Bei der Kritik der Logik Hegels ansetzend postuliert W., daß über Hegel hinausgegangen werden müsse. - Zusammen mit Fichte gab W. seit 1837 die »Zeitschrift für Philosophie und spekulative Theologie« heraus. - W. starb an der Cholera.

Werke: Ueber das Studium des Homer u. seine Bedeutung f. unser Zeitalter. Nebst einem Anhange mythologischen Inhalts, Leipzig 1826; Ueber den Begriff, die Behandlung u. die Qu. der Mythologie. Als Einl. in der Darst. der griech. Mythologie, Leipzig 1828; System der Ästhetik als Wiss. v. der Schönheit, Leipzig 1830; Die Idee der Gottheit. Eine philos. Abh. Als wiss. Grundlegung z. Philos. der Rel., Dresden 1833; Zur Vertheidigung des Begriffs der immanenten Wesenstrinität: ThStKr 7 (1834), 345ff.; Ueber die philos. Bedeutung der christlichen Lehre v. den letzten Dingen: ThStKr 9 (1836), 271ff.; Ueber die philos. Grundlagen v. Strauß' Leben Jesu. Sendschreiben an den Hrsg. des litterarischen Anzeigers f. christliche Theol. u. Wiss.: Litterarischer Anzeiger f. christliche Theol. u. Wiss. 7 (1836), 145-160; Die drei Grundfragen der gegenwärtigen Philos. Mit Bezug auf die Schr.: Die Philos. unserer Zeit. Zur Apologie u. Erl. des Hegelschen Systemes. v. Dr. Julius Schaller. Leipzig 1837: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. 1 (1837), 67-114.161-201; Recension. Die Glaubwürdigkeit der ev. Gesch. Zugl. eine Kritik des Lebens Jesu v. Strauß f. theol. u. nicht theol. Leser dargest. v. A. Tholuck. Hamburg 1837: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. 1 (1837), 255-300; Die ev. Gesch. krit. u. philos. bearb., 2 Bde. Leipzig 1838; Zur Gesch. des Unsterblichkeitsglaubens unter den Völkern des Alterthums: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. 2 (1838), 109-137; Ueber den wiss. Anfang der Philos. Senschreiben an den hrsg. der Zschr. f. Philos. u. speculative Theol.: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. 2 (1838), 181-195; Ueber das Problem der Erkenntniß: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. 2 (1838), 196-229; Ueber die philos. Bedeutung des logischen Grundsatzes der Identität: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. 4 (1839), 1-29; Ueber den Begriff des Mythus u. seine Anwendung auf die nt. Gesch.: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. 4 (1839), 74-102.211-254; NF 1 [5] (1840), 114-141; Noch ein Wort über die Persönlichkeit Gottes: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. 4 (1839), 332-362; Ueber »Werner Hahn: Geschichtliche Begründung u. Ankündigung der wahren Religionswiss. Leipzig 1839« als Nachschr. z. vorigen Abh.: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 1 [5] (1840), 142-154; Ueber die geschichtliche Entwicklung der Philos. als Wiss. Mit Bezug auf die Ggw.: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 1 [5] (1840), 235-255; Die philos. Lit. der Ggw.: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 2 [6] (1840), 267-309; 3 [7] (1841), 103-150.255-304; 4 [8] (1842), 95-130.231-270; 5 [9] (1842), 264-320; Ueber die metaphysische Begründung des Raumbegriffes. Antowrt an Herrn Dr. Lotze: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 4 [8] (1841), 25-70; Das philos. Problem der Ggw. Sendschreiben an J. H. Fichte, Leipzig 1842; Die geschichtlichen Voraussetzung der Straussischen Glaubenslehre: ZHTh NF 6 [12] H. 3 (1842), 101-181; Strauß u. Bruno Bauer. Eine krit. Parallele: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 6 [13] (1843), 40-82; Ueber den Begriff u. die Qu. der christlichen Glaubenslehre: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 6 [13] (1843), 161-188; Ueber den Begriff der göttlichen Dreieinigkeit: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 7 [11] (1843), 1-23; Ueber das Verhältniß der Metaphysik z. der Ethik: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 8 [12] (1844), 1-65; Hegel u. das Newtonsche Gesetz der Kraftwirkung: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 9 [13] (1844), 1-36; Die Hegelsche Psychologie u. die Exnersche Kritik: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 9 [13] (1844), 258-297; Jacob Böhme u. seine Bedeutung f. unsere Zeit: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 10 [13] (1845), 136-160; 12 [16] (1846), 182-218; Ueber das Verhältniß der Glaubenslehre z. Philos. Mit Beziehung auf Schleiermacher u. andere Zeiterscheinungen: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 12 [16] (1846), 1-38; Rez. Friedrich Theodor Visher, Aesthetik, Bd. 1: Jbb. f. wiss. Kritik 1846/2, 417-456; In welchem Sinn die dt. Philos. jetzt wieder an kant sich z. orintiren hat. Eine akadem. Antrittsrede, Leipzig 1847; Ueber die Zukunft der ev. Kirche. Reden an die gebildeten dt. Nation, Leipzig 1849; Ueber den Rechtsgrund des Eigenthums: Zschr. f. Philos. u. philos. Kritik NF 21 (1852), 101-139; Ueber den Unterschied der Begriffe v. Rechtsges. u. Staat: Zschr. f. Philos. u. philos. Kritik NF 22 (1853), 210-254; Philos. Dogmatik oder Philos. des Christentums, 3 Bde. Leipzig 1855-1862; Die Evangelienfrage in ihrem gegenwärtigen Stadium, Leipzig 1856; Der philos. Gottesglaube u. der supernaturalistische Wunderglaube: Prot. Kirchenztg. f. das ev. Dtld. 5 (1858), 601-15.25-39.73-86; Btrr. z. Kritik der paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper u. Kolosser. Hrsg. v. Emil Sulze, Leipzig 1867.

Lit.: Friedrich Schleiermacher, Ueber die Zeugnisse des Papias v. unseren beiden ersten Evv.: ThStKr 5 (1832), 735-768; - Julius Müller, W.'s, Göschel's u. Fichte's Abhh. u. Recensionen, die Lehre v. der Unsterblichkeit betreffend: ThStKr 8 (1835), 703-794; - Friedrich August Gottreu Tholuck, Erkl. in Bezug auf das Sendschreiben v. Prof. W. in No. 19 des litterarischen Anzeigers: Litterarischer Anzeiger f. christliche Theol. u. Wiss. 7 (1836), 249-251; - Ferdinand Christian Baur, Ueber den Begriff der christlichen Rel.-Philos., ihren Ursprung u. ihre ersten Formen: Zschr. f. Philos. u. spekulative Theol. 2 (1837), 354-402; - Ders., Rez. Die ev. Gesch. (... [s.o.]): Jbb. f. wiss. Kritik 1 (1839), 161-182.185-199.585-599.601-621; - Carl Immanuel Nitzsch an Herrn D. W., Ueber hl. Schr. u. Wort Gottes; über das Moment der Ausschließlichkeit am Heilsbegriffe; über das Verhältniß der Christologie z. Ethizismus u. z. A.T. u. über die Art der Auferstehung Jesu; mit durchgängiger Beziehung auf die »Krit. u. philos. Bearb. der Ev. Gesch.«, Leipzig 1838: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 1 [5] (1840), 5-59; - David Friedrich Strauß, Die christliche Glaubenslehre in ihrer geschichtlichen Entwicklung u. im Kampfe mit der modernen Wiss. dargest., Tübingen/Stuttgart 1840 (= Nachdr. Darmstadt 1973), I 495-501.571ff.639 u.ö.; - Immanuel Hermann Fichte, Ueber das Princip der philos. Methode, mit Bezug auf die Erkenntnißlehre. Antwortschreiben an Herrn Prof. W. auf sein an ihn gerichtetes Sendschreiben: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. 4 (1839), 30-73; - Ders., Der Begriff des negativ Absoluten u. der negativen Philos. An Herrn Dr. theol. W.: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 6 [13] (1843), 255-290; - Ders., Die Rel. u. Kirche als wiederherstellende Macht der Ggw.: Zschr. f. Philos. u. philos. Kritik NF 21 (1852), 139-153; - Hermann Lotze, Bem. über den Begriff des Raumes. Sendschreiben an Dr. Ch. H. W.: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 4 [8] (1841), 1-24; - Johann Heinrich Fichte, Chr. H. W.s Lehre u. mein philos. Verhältnis z. ihm: Zschr. f. Philos. u. philos. Kritik NF 50 (1867), 304ff.; - Rudolf Seydel, in: Zschr. f. Philos. u. philos. Kritik NF 50 (1867), 154-168; - Adolf Hilgenfeld, Die Evangelienfrage u. ihre neuesten Behandlungen v. W., Volkmar u. Meyer: Theol. Jbb. [Tübingen] 16 (1857), 381-440.498-532; - Ders., Die Evangelienforsch. nach ihrem Verlaufe u. gegenwärtigen Stande: ZWTh 4 (1861), 1-71.137-204, 148ff.; - Ders., Die neueste Evangelienforsch. II. Bernhard Weiss u. die synopt. Evv.: ZWTh 20 (1877), 34-48; - Ders., Ein conservatives »Leben Jesu« beleuchtet: ZWTh 26 (1883), 385-455; - Anonym (= J. T. Tobler), Die Evangelienfrage im Allg. u. die Johannisfrage insbes. Eine Denkschr. z. Erinnerung an den 25j. Bestand der Univ. Zürich. Der hochwürdigen theol. Facultät an der Univ. Zürich gewidmet v. einem dankbaren Schüler, Zürich 1858; - Gustav Volkmar, Die geschichtstreue Theol. u. ihre Gegner oder neues Licht u. neues Leben, Zürich 1858, 49-70; - Ders., Die Evv. oder Marcus u. die Synopsis der kanonischen u. außerkanonischen Evv. nach dem ältesten Text mit hist.-krit. Commentar, Leipzig 1870. Marcus u. die Synopse der Evv. nach dem urkundlichen Text u. das Geschichtliche v. Leben Jesu. Neue mit einem Anh. erw. Ausg., Zürich 1876. Die kanonischen Synop. in Übersicht mit Randglossen u. Reg. u. das Geschichtliche v. Leben Jesu. Separat-Abdruck aus der neuen erw. Ausg. der »Evv.«, Zürich 1876; - G. A. Freytag, Die hl. Schrr. des NT, mit Bezugnahme auf Lehre u. Cultus krit. beleuchtet f. gebildete Protestanten, Berlin 1861; - H. U. Maijboom, Geschiedenis en Critiek der Marcus-Hypothese, Amsterdam 1866; - Arnold Ruges Briefwechsel u. Tagebuchbll. aus den J. 1825-1880, hrsg. v. 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W.s frühe Hegel-Kritik: PhJ 101 (1994), 277-306; - Günter Kruck, Hegels Religionsphilos. der absoluten Subjektivität u. die Grundzüge des spekulativen Theismus C. H. W.s (Philos. Theol. 4), Wien 1994; - Walter Schmithals, Vom Ursprung der synopt. Tradition: ZThK 94 (1997), 288-316; - ADB LXVI, 590-594.

Klaus-Gunther Wesseling

Letzte Änderung: 11.06.1998