WEISSE, Christian Hermann, evangelischer Theologe und spätidealistischer
Philosoph, W.s * 10.8. 1801 in Leipzig, + 19.9. 1866 in Leipzig.
- W. studierte Rechtswissenschaften, Philosophie, Kunst und Literatur.
Seit 1823 ist W. Privatdozent, 1828 außerordentlicher Professor, 1845
Ordinarius in Leipzig. W. gilt als spätidealistischer Epigone und
Hauptvertreter der semihegelianischen Theistenschule. - Gegen
die radikale Evangelienkritik von David Friedrich Strauß (s.d.) und
dessen Traditionshypothese sowie die Apologeten der vollen Glaubwürdigkeit
der Evangelienüberlieferung unternahm W. die Rekonstruktion des historischen
Jesus und entfaltet in seiner »Evangelischen Geschichte« (1838, s.u.)
im Anschluß an Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (s.d.,s.u.) aufgrund
der Papias-Notizen die Zwei-Quellen-Theorie, sie gegenüber Schleiermacher
allerdings modifizierend. Aus der hebräischen Redensammlung wird bei
W. die Spruchquelle des Matthäusevangeliums; den Schleiermacherschen
Ur-Markus substituierte W. durch das Markusevangelium als erster,
auf authentischer Erinnerung beruhenden Darstellung des Lebens Jesu,
dem Petrusbegleiter Johannes Markus zugeschrieben; beide stellen originäre
literarische Erzeugnisse dar, aus denen sich das kanonische Matthäus-
und Lukasevangelium entwickelt haben. Damit grenzt sich W. deutlich
von den Synoptiker-Theorien Johann Gottfried Herders (s.d.) sowie
der Tübinger Schule mit ihrer Favorisierung der Griesbach-Hypothese
ab. W. gehört so neben (s.d.) Karl Lachmann, Georg Christian Storr
und Christian Gottlob Wilke zu den Begründern der Markus-Priorität,
die er in Auseinandersetzung mit Heinrich Ewald (s.d.) 1856 dahingehend
modifiziert, daß vor dem kanonischen Markus- doch noch ein Ur-Markusevangelium
stünde, das matthäisches und lukanisches Sondergut kenne. Gleichzeitig
greift W. die von Karl Georg Bretschneider (s.d.) formulierten Vorbehalte
gegen die Apostolizität des Johannesevangeliums auf und konzediert
ihm aufgrund der beobachteten Zusammenhanglosigkeit einzelner Erzählungen
und des qualitativen Unterschiedes zwischen Johannes und den Synoptikern
allenfalls eine apostolische Grundschrift (Christusreden; vgl. Evangelische
Geschichte [s.u.], I 102ff., II 183ff.). Später ergänzt W. diese Hypothese
durch die Entdeckung einer Redequelle, in der der Apostel Johannes
spreche (Joh 1,1-5.9-14.16; 3,13-21.31-36; 5,19-23.25-27; 14-17 in
Ausw.; vgl. »Die Evangelienfrage« [s.u.]). Auch äußert W. ernstmals
schwere Bedenken gegen die Authentizität von Mt 16,18f. (Ev. Gesch.
II 93ff. 101ff.) und streicht auf dem Wege der Konjekturalkritik Gal
4,4 (ab ).5a.6a als nichtpaulinisch. - Gleichwie manche exegetische
Detailfragen bei W. in der Retrospektive modern und innovativ gelöst
scheinen, so fehlen auch nicht restriktive Ansichten. Die Rückführung
der Menschensohn-Prädikation auf Dan 7 faßte W. als Attentat auf die
Originalität Jesu auf. - W.s posthum von seinem Schüler Emil Sulze
(s.d.) veröffentlichte Monographie über die paulinischen Briefe knüpft
an die radikale Kritik von Bruno Bauer (s.d.); ausgehend von stilkritischen
Beobachtungen am 1Kor hält W. lediglich noch 2Kor (drei Briefe!),
1Thess und Phlm für authentisch, hingegen Röm, Gal, Phil und Kol für
korrupt. W.s Theorien, zumal nur formal literarkritisch fundiert,
sind kaum rezipiert worden. Wiederholt las W. über griechische Mythologie
und entwickelte eine eigene Theorie der Mytheninterpretation: der
Mythos entfalte sich in freier, unrhythmischer Improvisation bei Hintanstellung
historischer Momente. - W.s idealistischer Persönlichkeitsbegriff
ist kosmologisch-universalistisch ausgedehnt und verarbeitet eklektizistisch
alle zeitgenössischen Strömungen. Die aus Gott geschaffene Welt ist
von sich aus nicht sündig; das Böse als positive Willensmacht läßt
W. den Sündenfall als Fortschritt, als verschuldete Abweichung begreifen.
In Gott lebt das Mögliche als ewige Natur virtuell. W.s Theismus hinderte
ihn aber nicht, an einen persönlichen Gott, die Gottessohnschaft Christi
und die himmlische Vollendung der Seligen zu glauben. - W. distanziert
sich um 1838 deutlich vom Hegelianismus, dem er unterstellt, daß es
ihm »nicht um Denkfreiheit, sondern um Herrschaft im preußischen Staat
zu tun« ist (W. an Arnold Ruge, 25. 12. 1838), da sein metaphysischer
Pantheismus Freiheit und Individualität verdränge. Bei der Kritik
der Logik Hegels ansetzend postuliert W., daß über Hegel hinausgegangen
werden müsse. - Zusammen mit Fichte gab W. seit 1837 die »Zeitschrift
für Philosophie und spekulative Theologie« heraus. - W. starb
an der Cholera.
Werke: Ueber das Studium des Homer u. seine Bedeutung
f. unser Zeitalter. Nebst einem Anhange mythologischen Inhalts, Leipzig
1826; Ueber den Begriff, die Behandlung u. die Qu. der Mythologie.
Als Einl. in der Darst. der griech. Mythologie, Leipzig 1828; System
der Ästhetik als Wiss. v. der Schönheit, Leipzig 1830; Die Idee der
Gottheit. Eine philos. Abh. Als wiss. Grundlegung z. Philos. der Rel.,
Dresden 1833; Zur Vertheidigung des Begriffs der immanenten Wesenstrinität:
ThStKr 7 (1834), 345ff.; Ueber die philos. Bedeutung der christlichen
Lehre v. den letzten Dingen: ThStKr 9 (1836), 271ff.; Ueber die philos.
Grundlagen v. Strauß' Leben Jesu. Sendschreiben an den Hrsg. des litterarischen
Anzeigers f. christliche Theol. u. Wiss.: Litterarischer Anzeiger
f. christliche Theol. u. Wiss. 7 (1836), 145-160; Die drei Grundfragen
der gegenwärtigen Philos. Mit Bezug auf die Schr.: Die Philos. unserer
Zeit. Zur Apologie u. Erl. des Hegelschen Systemes. v. Dr. Julius
Schaller. Leipzig 1837: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. 1
(1837), 67-114.161-201; Recension. Die Glaubwürdigkeit der ev. Gesch.
Zugl. eine Kritik des Lebens Jesu v. Strauß f. theol. u. nicht theol.
Leser dargest. v. A. Tholuck. Hamburg 1837: Zschr. f. Philos. u. speculative
Theol. 1 (1837), 255-300; Die ev. Gesch. krit. u. philos. bearb.,
2 Bde. Leipzig 1838; Zur Gesch. des Unsterblichkeitsglaubens unter
den Völkern des Alterthums: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol.
2 (1838), 109-137; Ueber den wiss. Anfang der Philos. Senschreiben
an den hrsg. der Zschr. f. Philos. u. speculative Theol.: Zschr. f.
Philos. u. speculative Theol. 2 (1838), 181-195; Ueber das Problem
der Erkenntniß: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. 2 (1838),
196-229; Ueber die philos. Bedeutung des logischen Grundsatzes der
Identität: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. 4 (1839), 1-29;
Ueber den Begriff des Mythus u. seine Anwendung auf die nt. Gesch.:
Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. 4 (1839), 74-102.211-254;
NF 1 [5] (1840), 114-141; Noch ein Wort über die Persönlichkeit Gottes:
Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. 4 (1839), 332-362; Ueber »Werner
Hahn: Geschichtliche Begründung u. Ankündigung der wahren Religionswiss.
Leipzig 1839« als Nachschr. z. vorigen Abh.: Zschr. f. Philos. u.
speculative Theol. NF 1 [5] (1840), 142-154; Ueber die geschichtliche
Entwicklung der Philos. als Wiss. Mit Bezug auf die Ggw.: Zschr. f.
Philos. u. speculative Theol. NF 1 [5] (1840), 235-255; Die philos.
Lit. der Ggw.: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 2 [6] (1840),
267-309; 3 [7] (1841), 103-150.255-304; 4 [8] (1842), 95-130.231-270;
5 [9] (1842), 264-320; Ueber die metaphysische Begründung des Raumbegriffes.
Antowrt an Herrn Dr. Lotze: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol.
NF 4 [8] (1841), 25-70; Das philos. Problem der Ggw. Sendschreiben
an J. H. Fichte, Leipzig 1842; Die geschichtlichen Voraussetzung der
Straussischen Glaubenslehre: ZHTh NF 6 [12] H. 3 (1842), 101-181;
Strauß u. Bruno Bauer. Eine krit. Parallele: Zschr. f. Philos. u.
speculative Theol. NF 6 [13] (1843), 40-82; Ueber den Begriff u. die
Qu. der christlichen Glaubenslehre: Zschr. f. Philos. u. speculative
Theol. NF 6 [13] (1843), 161-188; Ueber den Begriff der göttlichen
Dreieinigkeit: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 7 [11] (1843),
1-23; Ueber das Verhältniß der Metaphysik z. der Ethik: Zschr. f.
Philos. u. speculative Theol. NF 8 [12] (1844), 1-65; Hegel u. das
Newtonsche Gesetz der Kraftwirkung: Zschr. f. Philos. u. speculative
Theol. NF 9 [13] (1844), 1-36; Die Hegelsche Psychologie u. die Exnersche
Kritik: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol. NF 9 [13] (1844),
258-297; Jacob Böhme u. seine Bedeutung f. unsere Zeit: Zschr. f.
Philos. u. speculative Theol. NF 10 [13] (1845), 136-160; 12 [16]
(1846), 182-218; Ueber das Verhältniß der Glaubenslehre z. Philos.
Mit Beziehung auf Schleiermacher u. andere Zeiterscheinungen: Zschr.
f. Philos. u. speculative Theol. NF 12 [16] (1846), 1-38; Rez. Friedrich
Theodor Visher, Aesthetik, Bd. 1: Jbb. f. wiss. Kritik 1846/2, 417-456;
In welchem Sinn die dt. Philos. jetzt wieder an kant sich z. orintiren
hat. Eine akadem. Antrittsrede, Leipzig 1847; Ueber die Zukunft der
ev. Kirche. Reden an die gebildeten dt. Nation, Leipzig 1849; Ueber
den Rechtsgrund des Eigenthums: Zschr. f. Philos. u. philos. Kritik
NF 21 (1852), 101-139; Ueber den Unterschied der Begriffe v. Rechtsges.
u. Staat: Zschr. f. Philos. u. philos. Kritik NF 22 (1853), 210-254;
Philos. Dogmatik oder Philos. des Christentums, 3 Bde. Leipzig 1855-1862;
Die Evangelienfrage in ihrem gegenwärtigen Stadium, Leipzig 1856;
Der philos. Gottesglaube u. der supernaturalistische Wunderglaube:
Prot. Kirchenztg. f. das ev. Dtld. 5 (1858), 601-15.25-39.73-86; Btrr.
z. Kritik der paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper
u. Kolosser. Hrsg. v. Emil Sulze, Leipzig 1867.
Lit.: Friedrich Schleiermacher, Ueber die Zeugnisse des
Papias v. unseren beiden ersten Evv.: ThStKr 5 (1832), 735-768; -
Julius Müller, W.'s, Göschel's u. Fichte's Abhh. u. Recensionen, die
Lehre v. der Unsterblichkeit betreffend: ThStKr 8 (1835), 703-794;
- Friedrich August Gottreu Tholuck, Erkl. in Bezug auf das Sendschreiben
v. Prof. W. in No. 19 des litterarischen Anzeigers: Litterarischer
Anzeiger f. christliche Theol. u. Wiss. 7 (1836), 249-251; - Ferdinand
Christian Baur, Ueber den Begriff der christlichen Rel.-Philos., ihren
Ursprung u. ihre ersten Formen: Zschr. f. Philos. u. spekulative Theol.
2 (1837), 354-402; - Ders., Rez. Die ev. Gesch. (... [s.o.]):
Jbb. f. wiss. Kritik 1 (1839), 161-182.185-199.585-599.601-621; -
Carl Immanuel Nitzsch an Herrn D. W., Ueber hl. Schr. u. Wort Gottes;
über das Moment der Ausschließlichkeit am Heilsbegriffe; über das
Verhältniß der Christologie z. Ethizismus u. z. A.T. u. über die Art
der Auferstehung Jesu; mit durchgängiger Beziehung auf die »Krit.
u. philos. Bearb. der Ev. Gesch.«, Leipzig 1838: Zschr. f. Philos.
u. speculative Theol. NF 1 [5] (1840), 5-59; - David Friedrich
Strauß, Die christliche Glaubenslehre in ihrer geschichtlichen Entwicklung
u. im Kampfe mit der modernen Wiss. dargest., Tübingen/Stuttgart 1840
(= Nachdr. Darmstadt 1973), I 495-501.571ff.639 u.ö.; - Immanuel
Hermann Fichte, Ueber das Princip der philos. Methode, mit Bezug auf
die Erkenntnißlehre. Antwortschreiben an Herrn Prof. W. auf sein an
ihn gerichtetes Sendschreiben: Zschr. f. Philos. u. speculative Theol.
4 (1839), 30-73; - Ders., Der Begriff des negativ Absoluten u.
der negativen Philos. An Herrn Dr. theol. W.: Zschr. f. Philos. u.
speculative Theol. NF 6 [13] (1843), 255-290; - Ders., Die Rel.
u. Kirche als wiederherstellende Macht der Ggw.: Zschr. f. Philos.
u. philos. Kritik NF 21 (1852), 139-153; - Hermann Lotze, Bem.
über den Begriff des Raumes. Sendschreiben an Dr. Ch. H. W.: Zschr.
f. Philos. u. speculative Theol. NF 4 [8] (1841), 1-24; - Johann
Heinrich Fichte, Chr. H. W.s Lehre u. mein philos. Verhältnis z. ihm:
Zschr. f. Philos. u. philos. Kritik NF 50 (1867), 304ff.; - Rudolf
Seydel, in: Zschr. f. Philos. u. philos. Kritik NF 50 (1867), 154-168;
- Adolf Hilgenfeld, Die Evangelienfrage u. ihre neuesten Behandlungen
v. W., Volkmar u. Meyer: Theol. Jbb. [Tübingen] 16 (1857), 381-440.498-532;
- Ders., Die Evangelienforsch. nach ihrem Verlaufe u. gegenwärtigen
Stande: ZWTh 4 (1861), 1-71.137-204, 148ff.; - Ders., Die neueste
Evangelienforsch. II. Bernhard Weiss u. die synopt. Evv.: ZWTh 20
(1877), 34-48; - Ders., Ein conservatives »Leben Jesu« beleuchtet:
ZWTh 26 (1883), 385-455; - Anonym (= J. T. Tobler), Die Evangelienfrage
im Allg. u. die Johannisfrage insbes. Eine Denkschr. z. Erinnerung
an den 25j. Bestand der Univ. Zürich. Der hochwürdigen theol. Facultät
an der Univ. Zürich gewidmet v. einem dankbaren Schüler, Zürich 1858;
- Gustav Volkmar, Die geschichtstreue Theol. u. ihre Gegner oder
neues Licht u. neues Leben, Zürich 1858, 49-70; - Ders., Die Evv.
oder Marcus u. die Synopsis der kanonischen u. außerkanonischen Evv.
nach dem ältesten Text mit hist.-krit. Commentar, Leipzig 1870. Marcus
u. die Synopse der Evv. nach dem urkundlichen Text u. das Geschichtliche
v. Leben Jesu. Neue mit einem Anh. erw. Ausg., Zürich 1876. Die kanonischen
Synop. in Übersicht mit Randglossen u. Reg. u. das Geschichtliche
v. Leben Jesu. Separat-Abdruck aus der neuen erw. Ausg. der »Evv.«,
Zürich 1876; - G. A. Freytag, Die hl. Schrr. des NT, mit Bezugnahme
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