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Band XIII (1998) Spalten 699-705 Autor: Karl Josef Rivinius

WEITLING, Wilhelm (richtiger: Wilhelm Christian Weidling), Sozialist und Schriftsteller; * 5. Oktober 1808 Magdeburg, + 22. Januar 1871 New York. - Als uneheliches Kind eines Dienstmädchens und eines später in Rußland vermißten französischen Offiziers geboren, wuchs W. unter ärmlichen Verhältnissen auf. Trotz großer Not und unter enormen Opfern ermöglichte es ihm seine Mutter, die mittlere Bürgerschule in Magdeburg zu besuchen. Zehnjährig fand er Freude an der Lektüre von Romanen, historischen Erzählungen und Berichten. Der Heranwachsende erfuhr eine intensive religiöse Erziehung, katholisch geprägt durch die Großmutter und protestantisch durch das soziale Umfeld. Auch wenn er später die geistige Enge dieser Erziehung kritisierte, verdankte er ihr gleichwohl seine umfassende Kenntnis der Bibel, die ihn befähigte, Stellen aus dem Gedächtnis zu zitieren. Nach der Schneiderlehre in seinem Geburtsort begab sich Weitling 1826 auf die traditionelle Wanderschaft mit Hamburg, Leipzig, Dresden, Wien, Paris und wieder Wien als wichtigsten Stationen, um die handwerklichen Fähigkeiten zu vervollkommnen. Aufgeschlossen und sensibel nahm er die gesellschaftlichen Zustände wahr; diese reflektierte er kritisch und agitierte gelegentlich politisch. - Für die politische Prägung bedeutsam wurde jedoch sein erster Paris-Aufenthalt 1835/36. Die Seinemetropole war damals Sammelplatz und Refugium für politische Flüchtlinge aus ganz Europa, außerdem Umschlagplatz radikaler sozial-politischer Ideen für eine beachtliche Zahl deutscher Handwerker wie auch für französische und deutsche Geheimbünde. 1835 wurde W. Kommunist und schloß sich dem »Bund der Geächteten« an, der als erklärtes Ziel erstrebte die »Befreiung und Erneuerung Deutschlands, Begründung und Erhaltung der sozialen und politischen Freiheit, Gleichheit und Einheit«, verbunden mit dem religiösen Element der Bruderliebe. Zu den programmatischen Aufgaben des Bundes gehörten auch die Diskussion und Propagierung der Theorien der dem französischen Frühsozialismus zugerechneten Personen wie Babeuf, Lamennais, Saint-Simon und Fourier. Ihnen war bei allen konzeptionellen Unterschieden gemeinsam die scharfe Mißbilligung der sozialen Ungleichheiten sowie die religiöse Komponente dieser Kritik. Die überzogene soziale Interpretation des Evangeliums durch den dem Adel angehörenden katholischen Priester Lamennais beeinflußte die deutschen Arbeiterbünde in Paris und Weitling nachhaltig. Sie erleichterte ihnen oder begründete für sie sogar die Hinwendung zum politischen Radikalismus. - Nach einem erneuten, unpolitischen Aufenthalt von etwa achtzehn Monaten in Wien kehrte W. im September 1837 nach Paris zurück. Die nun folgenden Jahre bis zu seiner Verhaftung in Zürich am 8. Juni 1843 stellen den Höhepunkt seiner Wirksamkeit dar und markieren die Phase seines unmittelbaren Einflusses auf die europäische Arbeiterbewegung. Er schloß sich dem aus einer Spaltung des »Bundes der Geächteten« hervorgegangenen »Bund der Gerechten« an. Bereits 1838 avancierte er in die Zentralleitung des Bundes. Man beauftragte ihn, für den Bund ein Programm zu erarbeiten, das die Möglichkeit der »Gütergemeinschaft« illustrieren sollte. Es ist W. s prophetische, unter extremen Bedingungen entstandene Erstlingsschrift »Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte« (1838). In ihr bekannte er sich zur sozialen Revolution und rief dazu auf. Die an den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen harsche Kritik übende Schrift enthält den Entwurf einer Gesellschaftsordnung, die auf den Prinzipien der Gütergemeinschaft und der Nächstenliebe basiert. Ihre Realisation bringt den Erlösungszustand der Menschheit. Verwirklicht wird sie über das Mittel der Gewalt. Das Leitungsgremium des Bundes billigte die Schrift als ihr Programm. Sie wurde in zweitausend Exemplaren geheim gedruckt und in größerer Zahl privat vervielfältigt. Die wandernden Handwerksburschen verbreiteten sie über ganz Frankreich, Deutschland und in der Schweiz. Man erteilte dem als Theoretiker und Agitator hohes Ansehen genießenden W. den Auftrag, in der Schweiz den »Bund der Gerechten« zu etablieren. Er organisierte die Neugründungen, die ihrerseits Modell und Keimzelle der neuen Gesellschaft zugleich sein sollten. Von ihnen ging bald eine starke Ausstrahlung in die Öffentlichkeit aus. - Im Juli 1842 nahm W. die Arbeit auf an seinem Hauptwerk »Garantien der Harmonie und Freiheit«, das ihn dann rasch einem breiten Publikum bekannt machte. Bei diesem, ebenfalls in zweitausend Exemplaren gedruckten »Systemwerk«, handelt es sich um die Fortführung der in seiner Erstlingsschrift enthaltenen Gedanken. Neu ist der Versuch, das Entstehen der gesellschaftlichen Übel geschichtsphilosophisch zu begründen. W. entwirft das Bild einer repressionslosen, konfliktfreien Gesellschaft, in der abweichendes Verhalten nicht mehr Objekt der Gerichtsbarkeit ist, sondern der »philosophischen Heilkunde«. In diesem Opus besitzt das religiöse Element keine Relevanz mehr. - Um die Jahreswende 1842/43 trat zwischen W. und den beiden Zentralen in Paris und London eine Entfremdung ein. Mit Cabets Emporkommen in Paris und dem zunehmenden Einfluß Owens in London verlor sein Wort an Bedeutung. Außerdem trugen dazu sein arrogantes und autokratisches Verhalten bei sowie seine immer abstruser werdenden Revolutionspläne, mittels deren die neue Gesellschaft herbeizuführen sei. Angesichts mangelnder Akzeptanz wie auch infolge schwerer Zerwürfnisse mit seinen engsten Vertrauten und der ständigen Repressalien von seiten der Schweizer Behörden verließ er im März 1843 enttäuscht und völlig entnervt Vevey, um trotz wohlmeinender Warnungen im konservativen Zürich Wohnung zu nehmen. Nach Vollendung der Arbeit an den »Garantien« hatte er ein neues Sujet in Angriff genommen. Er wollte den Nachweis der Vereinbarkeit von Kommunismus und Christentum erbringen. Hierbei handelt es sich um das Manuskript »Das Evangelium des armen Sünders«, in dem sich eine Vielzahl von Zitaten und Verweisen aus der Bibel findet. Durch den provokanten und subversiven Inhalt des Subskriptionsprospekts alarmiert, wandte sich der Zürcher Kirchenrat Ende Mai 1843 an die Staatsanwaltschaft mit dem Ersuchen, die Veröffentlichung dieser Schrift aus religiösem Interesse zu verhindern. Daraufhin wurde W. verhaftet und der Großteil seiner Manuskripte beschlagnahmt. Seine zehnmonatige Einzelhaft und die folgende Deportation müssen für ihn persönlich als tragisch bezeichnet werden; darüber hinaus stellten sie auch in der Arbeiterbewegung der Schweiz eine Zäsur dar. Ohne ihre charismatische Führergestalt und eifrigen Propagandisten verkam das kommunistische Element in den deutschen Vereinen. Gleichwohl wirkten W. s Lehren in der Schweiz noch längere Zeit nach. - Mitte 1844 aus der Haft entlassen, wurde W. zuerst aus der Schweiz und dann aus Preußen ausgewiesen. Im März 1846 kam es in Brüssel zu einer heftigen Auseinandersetzung mit dem jungen Karl Marx, der damals erst wenig bekannt war. Dieser und das von ihm gegründete »Kommunistische Korrespondenz-Komitee« hielten W. »religiöse Tändeleien« vor, die im krassen Gegensatz zum Kommunismus stünden. Ende 1846 nutzte er deshalb die Gelegenheit, in die Vereinigten Staaten von Amerika zu reisen, wo er ganz von vorn mit seiner Propaganda- und Organisationstätigkeit anfangen wollte. Bis zu seinem Tod, von einer längeren Europareise abgesehen, blieb Nordamerika sein Betätigungsfeld. Hier gründete er einen »Befreiungsbund«, die Wochenzeitung »Republik der Arbeiter« und arbeitete mit am Aufbau einer kommunistischen Kolonie. Alle Projekte scheiterten schließlich kläglich, was großenteils seiner revolutionären Ungeduld und seinem persönlichen Ungestüm anzulasten war. 1855 ging W. auf vollständige Distanz zur Arbeiterbewegung. Im Jahr zuvor hatte er im Alter von 46 Jahren die junge Caroline Toedt geheiratet. Bis Ende der sechziger Jahre wuchs die Familie auf acht Personen an. W. beschäftigte sich vornehmlich mit Problemen der Kinderpsychologie. Wichtigstes Erziehungsziel war ihm die charakterlich integere, emanzipierte Persönlichkeit. In den letzten Lebensjahren galt sein Interesse außerdem astronomischen Studien und der Beschäftigung mit Erfindungen auf dem Gebiet seines Handwerks, etwa seiner bedeutendsten technischen Erfindung einer Knopflochnähmaschine, die sein Leben in tragischer Weise beeinflußte.

Werke: Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte, Paris 1838/39, in: Eduard Fuchs (Hrsg.), Sammlung gesellschaftswissenschaftlicher Aufsätze (Heft 9), München 1895 (Neudruck der 2. Aufl., Bern 1845, nebst einem Anhang mit den Vorreden zur 2. und 3. Aufl. des Evangeliums eines armen Sünders sowie einem Nachtrag der Teile der 3. Aufl. des Evangeliums, New York 1847, die über die 1. Aufl. hinausgehen); Das Evangelium des armen Sünders; Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte, mit einem Essay neu hrsg. von Wolf Schäfer (Neuausgabe der 3. Aufl., Bern 1847) Reinbek 1971; Zwölf Lieder, in: Volksklänge. Eine Sammlung patriotischer Lieder, Paris 1841; Der Hülferuf der deutschen Jugend, Bern 1841; Die junge Generation, Genf 1842/43 (Beide reprographischer Nachdruck mit einer Einleitung von Werner Kowalski), Glashütten i. T. 1973; Die junge Generation, Vevey 1841; Garantien der Harmonie und Freiheit, Vivis 1842. Mit einer Einleitung und Anmerkungen neu hrsg. von Bernhard Kaufhold, Berlin (Ost) 1955 (Mit einem Anhang: Vorrede Weitlings zur 3. Aufl. 1849 sowie Zusammenstellung der Veränderungen); Garantien der Harmonie und Freiheit, Vivis 1982 (Ungekürzter Nachdruck der 1. Aufl., mit einem Nachwort hrsg. von Ahlrich Meyer), Stuttgart 1974;Kerkerpoesien, Hamburg 1844, in: Ernst Barnikol (Hrsg.), Christentum und Sozialismus. Bd 1, Kiel 1929, 149-184; Gerechtigkeit. Ein Studium in 500 Tagen (Entstanden 1844/45), in: ebd. Bd 2, Kiel 1929; Klassifikation des Universums (Entstanden 1844/49). Eine frühsozialistische Weltanschauung, nebst Anhängen (Weitlings Adreßbuch 1849. Hamburger Versammlungsreden 1848/49. Campe und Weitling. Weitling und die sozialdemokratische Republik), in: ebd. Bd 3, Kiel 1931; Der Urwähler. Organ des Befreiungsbundes, Berlin 1848 (Unvollständiger reprographischer Nachdruck mit einer Einleitung von Theodor Mohl, Glashütten i. T. 1972; Die Republik der Arbeiter (Untertitel ab Ausgabe vom 3. Mai 1851: Centralblatt der Propaganda für die Verbrüderung der Arbeiter! Gründer und Redaktion: Wilhelm Weitling), New York 1850-55; Theorie des Weltsystems (1859), in: E. Barnikol (Hrsg.), Christentum und Sozialismus. Bd 4, Kiel 1931; Der bewegende Urstoff (1856), in: ebd. Bd 5, Kiel 1931.

Lit.: Johann Caspar Bluntschli, Die Kommunisten in der Schweiz nach den bei Weitling vorgefundenen Papieren. Wörtlicher Abdruck des Kommissionalberichtes an die Hohe Regierung des Standes Zürich, Zürich 1843; Nachdruck der Ausgabe Zürich 1843 und Bern 1843, Glashütten i. T. 1973; - Sebastian Seiler, Der Schriftsteller Wilhelm Weitling und der Kommunistenlärm in Zürich. Eine Vertheidigungsschrift, die - bereits gesetzt -, aber vom Walliser Staatsrath unterdrückt, jetzt hier dem Publikum geboten wird, Bern 1843; - Anonymus, Über den Kommunismus in der Schweiz. Eine Beleuchtung des Kommissionalberichtes des Herrn Dr. Bluntschli über die Kommunisten in der Schweiz angeblich! nach den bei Weitling gefundenen Papieren, Bern 1843; Nachdruck: Hildesheim 1976; - Wilhelm Marr, Das junge Deutschland in der Schweiz. Ein Beitrag zur Geschichte der geheimen Verbindungen unserer Tage, Leipzig 1846, (Nachdruck) Glashütten i. T. 1976; - Emil Kaler, Wilhelm Weitling. Seine Agitation und Lehre im geschichtlichen Zusammenhange dargestellt, Hottingen-Zürich 1885; - E. Barnikol, Weitling der Gefangene und seine »Gerechtigkeit«. Eine kritische Untersuchung über Werk und Wesen des frühsozialistischen Messias, Kiel 1929; - Karl Mielcke, Deutscher Frühsozialismus. Gesellschaft und Geschichte in den Schriften von Weitling und Hess, Stuttgart-Berlin 1931; - Otto Brugger, Geschichte der deutschen Handwerkervereine in der Schweiz 1836-1843. Die Wirksamkeit Weitlings (1841-1843), Bern-Leipzig 1932; - Hermann Buddensieg, Wilhelm Weitling und der frühe deutsche Sozialismus, Heidelberg 1934; - Carl Wittke, The Utopian Communist. A Biography of Wilhelm Weitling Nineteenth-Century Reformer, Baton Rouge 1950; - Wolfgang Schieder, Wilhelm Weitling und die deutsche politische Handwerkerlyrik im Vormärz. Vergessene politische Lieder aus der Frühzeit des deutschen Frühsozialismus, in: International Review of Social History 5 (Assen 1960) 265-290; - Waltraud Seidel-Höppner, Wilhelm Weitling. Der erste deutsche Theoretiker und Agitator des Kommunismus, Berlin (Ost) 1961; dies., Wilhelm Weitlings Vorstellungen von der kommunistischen Zukunft der Menschheit, in: Jahrbuch für Geschichte 7 (1972) 53-96; - dies., WilhelmWeitling über Auswanderung und Kolonisation 1842-1854, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 37 (1989) 1000-1011; - Marc Vuilleumier, Frankreich und die Tätigkeit Weitlings und seiner Schüler in der Schweiz (1841-1845), in: Archiv für Sozialgeschichte 5 (1965) 247-271; - Ernst Theodor Mohl, Utopie und Wissenschaft. Wilhelm Weitling und Karl Marx im Vormärz und in der 48er Revolution (Einleitung zum Nachdruck von Wilhelm Weitling, »Der Urwähler. Organ des Befreiungsbundes«), Glashütten i. T. 1972; - Wolfram von Moritz, Wilhelm Weitling. Religiöse Problematik und literarische Form, Frankfurt a. M. - Bern 1981 (Lit!); - ders., Wilhelm Weitling, in: Gestalten der Kirchengeschichte. Bd 9/2: Die neueste Zeit, hrsg. von Martin Greschat, Stuttgart u. a. 1985; - Karl Josef Rivinius, Die Vision einer neuen Menschheit in der Sicht deutscher Frühsozialisten, in: Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften 22 (1981) 217-247.

Karl Josef Rivinius

Letzte Änderung: 13.06.1998