WEITLING, Wilhelm (richtiger: Wilhelm Christian Weidling),
Sozialist und Schriftsteller; * 5. Oktober 1808 Magdeburg, + 22.
Januar 1871 New York. - Als uneheliches Kind eines Dienstmädchens
und eines später in Rußland vermißten französischen Offiziers geboren,
wuchs W. unter ärmlichen Verhältnissen auf. Trotz großer Not und unter
enormen Opfern ermöglichte es ihm seine Mutter, die mittlere Bürgerschule
in Magdeburg zu besuchen. Zehnjährig fand er Freude an der Lektüre
von Romanen, historischen Erzählungen und Berichten. Der Heranwachsende
erfuhr eine intensive religiöse Erziehung, katholisch geprägt durch
die Großmutter und protestantisch durch das soziale Umfeld. Auch wenn
er später die geistige Enge dieser Erziehung kritisierte, verdankte
er ihr gleichwohl seine umfassende Kenntnis der Bibel, die ihn befähigte,
Stellen aus dem Gedächtnis zu zitieren. Nach der Schneiderlehre in
seinem Geburtsort begab sich Weitling 1826 auf die traditionelle Wanderschaft
mit Hamburg, Leipzig, Dresden, Wien, Paris und wieder Wien als wichtigsten
Stationen, um die handwerklichen Fähigkeiten zu vervollkommnen. Aufgeschlossen
und sensibel nahm er die gesellschaftlichen Zustände wahr; diese reflektierte
er kritisch und agitierte gelegentlich politisch. - Für die politische
Prägung bedeutsam wurde jedoch sein erster Paris-Aufenthalt 1835/36.
Die Seinemetropole war damals Sammelplatz und Refugium für politische
Flüchtlinge aus ganz Europa, außerdem Umschlagplatz radikaler sozial-politischer
Ideen für eine beachtliche Zahl deutscher Handwerker wie auch für
französische und deutsche Geheimbünde. 1835 wurde W. Kommunist und
schloß sich dem »Bund der Geächteten« an, der als erklärtes Ziel erstrebte
die »Befreiung und Erneuerung Deutschlands, Begründung und Erhaltung
der sozialen und politischen Freiheit, Gleichheit und Einheit«, verbunden
mit dem religiösen Element der Bruderliebe. Zu den programmatischen
Aufgaben des Bundes gehörten auch die Diskussion und Propagierung
der Theorien der dem französischen Frühsozialismus zugerechneten Personen
wie Babeuf, Lamennais, Saint-Simon und Fourier. Ihnen war bei allen
konzeptionellen Unterschieden gemeinsam die scharfe Mißbilligung der
sozialen Ungleichheiten sowie die religiöse Komponente dieser Kritik.
Die überzogene soziale Interpretation des Evangeliums durch den dem
Adel angehörenden katholischen Priester Lamennais beeinflußte die
deutschen Arbeiterbünde in Paris und Weitling nachhaltig. Sie erleichterte
ihnen oder begründete für sie sogar die Hinwendung zum politischen
Radikalismus. - Nach einem erneuten, unpolitischen Aufenthalt
von etwa achtzehn Monaten in Wien kehrte W. im September 1837 nach
Paris zurück. Die nun folgenden Jahre bis zu seiner Verhaftung in
Zürich am 8. Juni 1843 stellen den Höhepunkt seiner Wirksamkeit dar
und markieren die Phase seines unmittelbaren Einflusses auf die europäische
Arbeiterbewegung. Er schloß sich dem aus einer Spaltung des »Bundes
der Geächteten« hervorgegangenen »Bund der Gerechten« an. Bereits
1838 avancierte er in die Zentralleitung des Bundes. Man beauftragte
ihn, für den Bund ein Programm zu erarbeiten, das die Möglichkeit
der »Gütergemeinschaft« illustrieren sollte. Es ist W. s prophetische,
unter extremen Bedingungen entstandene Erstlingsschrift »Die Menschheit,
wie sie ist und wie sie sein sollte« (1838). In ihr bekannte er sich
zur sozialen Revolution und rief dazu auf. Die an den herrschenden
gesellschaftlichen Verhältnissen harsche Kritik übende Schrift enthält
den Entwurf einer Gesellschaftsordnung, die auf den Prinzipien der
Gütergemeinschaft und der Nächstenliebe basiert. Ihre Realisation
bringt den Erlösungszustand der Menschheit. Verwirklicht wird sie
über das Mittel der Gewalt. Das Leitungsgremium des Bundes billigte
die Schrift als ihr Programm. Sie wurde in zweitausend Exemplaren
geheim gedruckt und in größerer Zahl privat vervielfältigt. Die wandernden
Handwerksburschen verbreiteten sie über ganz Frankreich, Deutschland
und in der Schweiz. Man erteilte dem als Theoretiker und Agitator
hohes Ansehen genießenden W. den Auftrag, in der Schweiz den »Bund
der Gerechten« zu etablieren. Er organisierte die Neugründungen, die
ihrerseits Modell und Keimzelle der neuen Gesellschaft zugleich sein
sollten. Von ihnen ging bald eine starke Ausstrahlung in die Öffentlichkeit
aus. - Im Juli 1842 nahm W. die Arbeit auf an seinem Hauptwerk
»Garantien der Harmonie und Freiheit«, das ihn dann rasch einem breiten
Publikum bekannt machte. Bei diesem, ebenfalls in zweitausend Exemplaren
gedruckten »Systemwerk«, handelt es sich um die Fortführung der in
seiner Erstlingsschrift enthaltenen Gedanken. Neu ist der Versuch,
das Entstehen der gesellschaftlichen Übel geschichtsphilosophisch
zu begründen. W. entwirft das Bild einer repressionslosen, konfliktfreien
Gesellschaft, in der abweichendes Verhalten nicht mehr Objekt der
Gerichtsbarkeit ist, sondern der »philosophischen Heilkunde«. In diesem
Opus besitzt das religiöse Element keine Relevanz mehr. - Um die Jahreswende 1842/43 trat zwischen
W. und den beiden Zentralen in Paris und London eine Entfremdung ein.
Mit Cabets Emporkommen in Paris und dem zunehmenden Einfluß Owens
in London verlor sein Wort an Bedeutung. Außerdem trugen dazu sein
arrogantes und autokratisches Verhalten bei sowie seine immer abstruser
werdenden Revolutionspläne, mittels deren die neue Gesellschaft herbeizuführen
sei. Angesichts mangelnder Akzeptanz wie auch infolge schwerer Zerwürfnisse
mit seinen engsten Vertrauten und der ständigen Repressalien von seiten
der Schweizer Behörden verließ er im März 1843 enttäuscht und völlig
entnervt Vevey, um trotz wohlmeinender Warnungen im konservativen
Zürich Wohnung zu nehmen. Nach Vollendung der Arbeit an den »Garantien«
hatte er ein neues Sujet in Angriff genommen. Er wollte den Nachweis
der Vereinbarkeit von Kommunismus und Christentum erbringen. Hierbei
handelt es sich um das Manuskript »Das Evangelium des armen Sünders«,
in dem sich eine Vielzahl von Zitaten und Verweisen aus der Bibel
findet. Durch den provokanten und subversiven Inhalt des Subskriptionsprospekts
alarmiert, wandte sich der Zürcher Kirchenrat Ende Mai 1843 an die
Staatsanwaltschaft mit dem Ersuchen, die Veröffentlichung dieser Schrift
aus religiösem Interesse zu verhindern. Daraufhin wurde W. verhaftet
und der Großteil seiner Manuskripte beschlagnahmt. Seine zehnmonatige
Einzelhaft und die folgende Deportation müssen für ihn persönlich
als tragisch bezeichnet werden; darüber hinaus stellten sie auch in
der Arbeiterbewegung der Schweiz eine Zäsur dar. Ohne ihre charismatische
Führergestalt und eifrigen Propagandisten verkam das kommunistische
Element in den deutschen Vereinen. Gleichwohl wirkten W. s Lehren
in der Schweiz noch längere Zeit nach. - Mitte 1844 aus der Haft
entlassen, wurde W. zuerst aus der Schweiz und dann aus Preußen ausgewiesen.
Im März 1846 kam es in Brüssel zu einer heftigen Auseinandersetzung
mit dem jungen Karl Marx, der damals erst wenig bekannt war. Dieser
und das von ihm gegründete »Kommunistische Korrespondenz-Komitee«
hielten W. »religiöse Tändeleien« vor, die im krassen Gegensatz zum
Kommunismus stünden. Ende 1846 nutzte er deshalb die Gelegenheit,
in die Vereinigten Staaten von Amerika zu reisen, wo er ganz von vorn
mit seiner Propaganda- und Organisationstätigkeit anfangen wollte.
Bis zu seinem Tod, von einer längeren Europareise abgesehen, blieb
Nordamerika sein Betätigungsfeld. Hier gründete er einen »Befreiungsbund«,
die Wochenzeitung »Republik der Arbeiter« und arbeitete mit am Aufbau
einer kommunistischen Kolonie. Alle Projekte scheiterten schließlich
kläglich, was großenteils seiner revolutionären Ungeduld und seinem
persönlichen Ungestüm anzulasten war. 1855 ging W. auf vollständige
Distanz zur Arbeiterbewegung. Im Jahr zuvor hatte er im Alter von
46 Jahren die junge Caroline Toedt geheiratet. Bis Ende der sechziger
Jahre wuchs die Familie auf acht Personen an. W. beschäftigte sich
vornehmlich mit Problemen der Kinderpsychologie. Wichtigstes Erziehungsziel
war ihm die charakterlich integere, emanzipierte Persönlichkeit. In
den letzten Lebensjahren galt sein Interesse außerdem astronomischen
Studien und der Beschäftigung mit Erfindungen auf dem Gebiet seines
Handwerks, etwa seiner bedeutendsten technischen Erfindung einer Knopflochnähmaschine,
die sein Leben in tragischer Weise beeinflußte.
Werke: Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte,
Paris 1838/39, in: Eduard Fuchs (Hrsg.), Sammlung gesellschaftswissenschaftlicher
Aufsätze (Heft 9), München 1895 (Neudruck der 2. Aufl., Bern 1845,
nebst einem Anhang mit den Vorreden zur 2. und 3. Aufl. des Evangeliums
eines armen Sünders sowie einem Nachtrag der Teile der 3. Aufl. des
Evangeliums, New York 1847, die über die 1. Aufl. hinausgehen); Das
Evangelium des armen Sünders; Die Menschheit, wie sie ist und wie
sie sein sollte, mit einem Essay neu hrsg. von Wolf Schäfer (Neuausgabe
der 3. Aufl., Bern 1847) Reinbek 1971; Zwölf Lieder, in: Volksklänge.
Eine Sammlung patriotischer Lieder, Paris 1841; Der Hülferuf der deutschen
Jugend, Bern 1841; Die junge Generation, Genf 1842/43 (Beide reprographischer
Nachdruck mit einer Einleitung von Werner Kowalski), Glashütten i.
T. 1973; Die junge Generation, Vevey 1841; Garantien der Harmonie
und Freiheit, Vivis 1842. Mit einer Einleitung und Anmerkungen neu
hrsg. von Bernhard Kaufhold, Berlin (Ost) 1955 (Mit einem Anhang:
Vorrede Weitlings zur 3. Aufl. 1849 sowie Zusammenstellung der Veränderungen);
Garantien der Harmonie und Freiheit, Vivis 1982 (Ungekürzter Nachdruck
der 1. Aufl., mit einem Nachwort hrsg. von Ahlrich Meyer), Stuttgart
1974;Kerkerpoesien, Hamburg 1844, in: Ernst Barnikol (Hrsg.), Christentum
und Sozialismus. Bd 1, Kiel 1929, 149-184; Gerechtigkeit. Ein Studium
in 500 Tagen (Entstanden 1844/45), in: ebd. Bd 2, Kiel 1929; Klassifikation
des Universums (Entstanden 1844/49). Eine frühsozialistische Weltanschauung,
nebst Anhängen (Weitlings Adreßbuch 1849. Hamburger Versammlungsreden
1848/49. Campe und Weitling. Weitling und die sozialdemokratische
Republik), in: ebd. Bd 3, Kiel 1931; Der Urwähler. Organ des Befreiungsbundes,
Berlin 1848 (Unvollständiger reprographischer Nachdruck mit einer
Einleitung von Theodor Mohl, Glashütten i. T. 1972; Die Republik der
Arbeiter (Untertitel ab Ausgabe vom 3. Mai 1851: Centralblatt der
Propaganda für die Verbrüderung der Arbeiter! Gründer und Redaktion:
Wilhelm Weitling), New York 1850-55; Theorie des Weltsystems (1859),
in: E. Barnikol (Hrsg.), Christentum und Sozialismus. Bd 4, Kiel 1931;
Der bewegende Urstoff (1856), in: ebd. Bd 5, Kiel 1931.
Lit.: Johann Caspar Bluntschli, Die Kommunisten in der
Schweiz nach den bei Weitling vorgefundenen Papieren. Wörtlicher Abdruck
des Kommissionalberichtes an die Hohe Regierung des Standes Zürich,
Zürich 1843; Nachdruck der Ausgabe Zürich 1843 und Bern 1843, Glashütten
i. T. 1973; - Sebastian Seiler, Der Schriftsteller Wilhelm Weitling
und der Kommunistenlärm in Zürich. Eine Vertheidigungsschrift, die
- bereits gesetzt -, aber vom Walliser Staatsrath unterdrückt, jetzt
hier dem Publikum geboten wird, Bern 1843; - Anonymus, Über den
Kommunismus in der Schweiz. Eine Beleuchtung des Kommissionalberichtes
des Herrn Dr. Bluntschli über die Kommunisten in der Schweiz angeblich!
nach den bei Weitling gefundenen Papieren, Bern 1843; Nachdruck: Hildesheim
1976; - Wilhelm Marr, Das junge Deutschland in der Schweiz. Ein
Beitrag zur Geschichte der geheimen Verbindungen unserer Tage, Leipzig
1846, (Nachdruck) Glashütten i. T. 1976; - Emil Kaler, Wilhelm
Weitling. Seine Agitation und Lehre im geschichtlichen Zusammenhange
dargestellt, Hottingen-Zürich 1885; - E. Barnikol, Weitling der
Gefangene und seine »Gerechtigkeit«. Eine kritische Untersuchung über
Werk und Wesen des frühsozialistischen Messias, Kiel 1929; - Karl
Mielcke, Deutscher Frühsozialismus. Gesellschaft und Geschichte in
den Schriften von Weitling und Hess, Stuttgart-Berlin 1931; -
Otto Brugger, Geschichte der deutschen Handwerkervereine in der Schweiz
1836-1843. Die Wirksamkeit Weitlings (1841-1843), Bern-Leipzig 1932;
- Hermann Buddensieg, Wilhelm Weitling und der frühe deutsche
Sozialismus, Heidelberg 1934; - Carl Wittke, The Utopian Communist.
A Biography of Wilhelm Weitling Nineteenth-Century Reformer, Baton
Rouge 1950; - Wolfgang Schieder, Wilhelm Weitling und die deutsche
politische Handwerkerlyrik im Vormärz. Vergessene politische Lieder
aus der Frühzeit des deutschen Frühsozialismus, in: International
Review of Social History 5 (Assen 1960) 265-290; - Waltraud Seidel-Höppner,
Wilhelm Weitling. Der erste deutsche Theoretiker und Agitator des
Kommunismus, Berlin (Ost) 1961; dies., Wilhelm Weitlings Vorstellungen
von der kommunistischen Zukunft der Menschheit, in: Jahrbuch für Geschichte
7 (1972) 53-96; - dies., WilhelmWeitling über Auswanderung und
Kolonisation 1842-1854, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft
37 (1989) 1000-1011; - Marc Vuilleumier, Frankreich und die Tätigkeit
Weitlings und seiner Schüler in der Schweiz (1841-1845), in: Archiv
für Sozialgeschichte 5 (1965) 247-271; - Ernst Theodor Mohl, Utopie
und Wissenschaft. Wilhelm Weitling und Karl Marx im Vormärz und in
der 48er Revolution (Einleitung zum Nachdruck von Wilhelm Weitling,
»Der Urwähler. Organ des Befreiungsbundes«), Glashütten i. T. 1972;
- Wolfram von Moritz, Wilhelm Weitling. Religiöse Problematik
und literarische Form, Frankfurt a. M. - Bern 1981 (Lit!); - ders.,
Wilhelm Weitling, in: Gestalten der Kirchengeschichte. Bd 9/2: Die
neueste Zeit, hrsg. von Martin Greschat, Stuttgart u. a. 1985; -
Karl Josef Rivinius, Die Vision einer neuen Menschheit in der Sicht
deutscher Frühsozialisten, in: Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften
22 (1981) 217-247.