WENDT, Hans Hinrich, evangelisch-lutherischer Theologe (Systematiker
und Neutestamentler), Kirchen- (1896) und Geheimer Kirchenrat (1905),
* 18.6. 1853 in Hamburg, + 19.1. 1928 in Jena. - W. ist
Sohn des Hamburger Hauptpastors an St. Katharinen Hans Hinrich Wendt
(1813-1862) und dessen Gattin Maria Friederike Emilie Weber (1828-1911);
im Sommersemester 1872 nimmt W. in Leipzig das Studium der Theologie
und Philosophie auf, das er in Göttingen und Tübingen fortsetzt. Aus
der Marburger Studienzeit verbindt W. ein freundschaftliches Verhältnis
zu Johannes Weiß (s.d.). In Göttingen wird W. Schüler von (s.d.) Albrecht
Ritschl und Hermann Lotze; hier promoviert W. am 2.12. 1875 zum Dr.
phil. Im Mai 1877 legt W. sein Lizentiatenexamen ab und wird Privatdozent,
bevor er am 20.6. 1881 in das Extraordinariat aufrückt. Zum 1.9. 1883
wird W. auf den neutestamentlichen Lehrstuhl in Kiel berufen, wechselt
aber bereits zum 1.4. 1885 als Nachfolger Daniel Schenkels (s.d.)
nach Heidelberg in das Ordinariat für Systematische Theologie. Zum
Wintersemester 1893/1894 wechselt als Professor für Neues Testament
und Systematische Theologie nach Jena, nachdem Max Reischle (s.d.),
favorisierter Kandidat für die Nachfolge des verstorbenen Richard
Adalbert Lipsius' (s.d.) resigniert hatte; W.s Berufung (die Fakultät
hatte nicht gerade geschickt taktiert) initiierte eine Krise, in deren
Verlauf u.a. Friedrich Nippold (s.d.) aus Protest die Fakultät verließ.
1896 wird W. zum Kirchenrat ernannt, und 1918/1919 engagiert
sich W. als amtierender Dekan an der Neuorganisation des Kirchenwesens
auf dem Gebiet der ehemaligen thüringischen Territorien. Mit Ablauf
des 31.3. 1925 wurde W. emeritiert. W. engagierte sich sozialpolitisch
im Evangelisch-Sozialen Kongreß; auf dessen Leipziger Zusammenkunft
im J. 1897 hielt W. das Grundsatzreferat über »Das Eigentum nach christlicher
Beurteilung«. Zu den johanneischen Schriften vertritt W. die These,
daß das Johannesevangelium eine Redenquelle verarbeite, deren Verfasser
der Zebedaide Johannes war. Dieser schrieb, aus dem zerstörten Jerusalem
nach Ephesus übergesiedelt, 2Joh, 3Joh und schließlich 1Joh an dieselbe
Gemeinde, deren inneren Zustände er gut kannte. Die Briefe reflektieren,
wie schwer sich der Zebedaide in heidenchristlicher Umgebung tat.
- W. war mit Marie Schulze, der Tochter des Heidelberger Rechtswissenschaftlers
Hermann Schulze (1824-1888), verheiratet. 1886/1887 und 1891/1892
gehörte W. dem Heidelberger Universitätssenat an.
Werke: Die Lehre Jesu. I Die ev. Quellenberr. über die
Lehre Jesu, Göttingen 1886. II Der Inhalt der Lehre Jesu, Göttingen
1891. 2., verb. Aufl. 1901; Die Begriff Fleisch u. Geist im biblischen
Sprachgebrauch, Gotha 1887; Die geschichtliche und die christlich-rel.
Betrachtung Jesu Christi: ChW 5 (1891), 563-568. 874-877; Der Kern
der Corneliuserzählung Act. 10,1-11,18: ZThK 1 (1891), 230-254; Eine
Quellenspur in der Apg.: ThStKr 65 (1892), 271-282; Das Verhältniß
der inneren Mission z. kirchlichen Organisation. Vortr., gehalten
im academischen Missionsver. z. Heidelberg am 5. August 1891: ZThK
2 (1892), 146-170; Die Norm des echten Christentums (Hh. z. ChW 5),
Leipzig 1893; Das Reich Gottes in der Lehre Christi: ChW 7 (1893),
338-342.361-365.386-391.410-413; Die Lehre des Paulus verglichen mit
der Lehre Jesus: ZThK 4 (1894), 1-78; Das Eigentum nach christlicher
Beurteilung, in: Die Verhh. des Achten Ev. Soz. Kongresses, abgehalten
z. Leipzig am 10. u. 11. Juni 1897. Nach den stenographischen Protokollen
(Göttingen 1897), 9-34; Das Eigentum nach christlicher Beurteilung:
ZThK 8 (1898), 97-128; Das Johannesevangelium. Unters. seiner Entstehung
u. seines geschichtlichen Wertes, Göttingen 1900; Ignaz v. Döllingers
innere Entwickelung: ZKG 24 (1903), 281-309; The Idea and Reality
of Revelation, London 1904; System der christlichen Lehre. 2 Tle.,
Göttingen 1906-1907; Recht u. Schranken des Individualismus im Christentum:
ZThK 22 (1912), ; Die Schichten im vierten Ev., Göttingen 1911; Die
Apg (Meyer,KNT 3), Göttingen 19134 (=9); Die sittliche Pflicht. Eine
Erörterung der ethischen Grundprobleme, Göttingen 1916; Der »Anfang«
am Beginn des I. Johannesbriefe: ZNW 21 (1922), 38-42; Die Beziehung
unseres ersten Johannesbriefes auf den zweiten: ZNW 21 (1922), 140-145;
Albrecht Ritschls theol. Bedeutung. Zu seinem hundertsten Geb. (25.
März 1922): ZThK NF 3 [30] (1922), 3-48; Zum ersten Johannesbrief:
ZNW 22 (1923), 57-79; Zum zweiten u. dritten Johannesbrief: ZNW 23
(1924), 18-27; Die Hauptqu. der Apg: ZNW 24 (1925), 293-305; Die Augsburgische
Konfession im dt. u. lat. Text mit Erl. des Inhalts u. Beifügung der
Hauptqu., Halle 1927; Zur Gewissensethik, 1929;. Qu./Nachl.: Universitätsarch.
Heidelberg, Personalakte A 219; Catalogus Professorum Gottingensium
1734-1962. Bearb. u. hrsg. v. Wilhelm Ebel, Göttingen 1962, 41.
Lit.: Erich Haupt, W.s Stellung zur johanneischen Frage:
ThStKr 66 (1893), 217-250; - Adolf Hilgenfeld, Jesus u. Paulus:
ZWTh 37 (1894), 481-541; - Ders., Papias v. Hierapolis u. die
neueste Evangelienforsch.: ZWTh 29 (1886), 257-291; - Albin van
Hoonacker, L 'hypothèse de M. W. sur la composition du IVe Évangile:
RHE 2 (1901), 747-770; - Samuel Eck, Zu W.s System der christlichen
Lehre [Thesen u. Antithesen]: ZThK 17 (1907), 451-454; - Arthur
Titius, Zur Dogmatik der Ggw.: ThR 10 (1907), 365-379. 399-417. 447-469;
- Franz Hermann Reinhold v. Frank, Gesch. u. Kritik der neueren
Theol., insbes. der systematischen, seit Schleiermacher. 4. Aufl.,
bearb. u. bis auf die Ggw. fortgeführt v. Richard H[einrich] Grützmacher
(Smlg. Theol. Lehrbb.), Leipzig 1908, 394ff.; - Otto Kirn, Aus
der dogmatischen Arbeit der Ggw. Ein krit. Ber. über die neuesten
Darstt. v. Häring u. W.: ZThK 18 (1908), 337-388; - Die Johannesbriefe
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u. Werk v. H. H. W.: ThStKr 101 (1929), 421-446; - Karl Heussi,
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1972), 237-255; - H. v. Hintzenstern, 50 J. Thüringer Kirche,
in: Aus zwölf Jhh. Thüringer kirchliche Stud. II (Berlin 1972), 257-272;
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Gelehrtenlexikon 1803-1932, Berlin/Heidelberg/New York/Tokyo 1986,
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