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Band XIX (2001)Spalten 1545-1550Heiko Bockstiegel

WERNER, Fritz, dt. Chorleiter, evang. Kirchenmusikdirektor, Dirigent, Organist und Komponist, * 15. Dezember 1898 in Berlin, † 22. Dezember 1977 in Heilbronn. 1920-35 Studium an der Berliner Akademie für Kirchen- und Schulmusik, an der Berliner Universität und an der Preußischen Akademie der Künste bei Wolfgang Reimann, Arthur Egidi, Fritz Heitmann (Tonsatz, Orgel), Richard Münnich (Harmonielehre, Kontrapunkt), Kurt Schubert (Klavier), Max Seiffert, Johannes Wolf (Stilkunde, Musikgeschichte), Richard Hagel (Orchesterleitung), Carl Stumpf (Tonpsychologie) und Georg Schumann (Komposition), 1935 Organist und Schulmusiker in Potsdam-Babelsberg (Bethlehemskirche), 1935 Mendelssohn-Preis, 1936-38 Organist und Kantor an der St. Nikolaikirche Potsdam, 1938 Kirchenmusikdirektor, 1939 Organist an der Garnisonskirche Potsdam, ab 1939 Musikdirektor bei Radio Paris, 1946-64 Organist und Chorleiter an der Kilianskirche Heilbronn, 1947-73 Gründer und Leiter des Heinrich-Schütz-Chores Heilbronn, 1964 Professor, 1974 »Chevalier de l'Ordre des Arts et des Lettres«. - W. gehörte zu jenen Kirchenmusikern, die, wie Rudolf Mauersberger, Günther Ramin oder Johann Nepomuk David, Wesentliches zur Erneuerung und Belebung der Kirchenmusik in unserer Zeit beitrugen. Der Lebensweg dieser Generation wurde entscheidend geprägt durch die Erschütterungen, welche die beiden Weltkriege mit sich brachten. Ihr musikalischer Gestaltungswille ist grundlegend bestimmt durch die Erfahrungen dieser leidvollen Geschichte. Es galt, einen Neuanfang zu wagen und mit bescheidenen Mitteln in die Not der Zeit hineinzusprechen und ihr Ermutigung zu singen. Auch mußte nach dem gefragt werden, was sich für die Gemeinschaft im Wandel als beständig und tragfähig erwies. So erneuerte sich die Kirchenmusik im Rückbezug auf die durch die Reformation der Kirchenmusik zugewiesenen Funktionen als Mittel der Wortverkündigung und als Weise der Bekundung kirchlicher Gemeinschaft und des Gotteslobes. Dabei waren wie in der Reformationszeit Gemeindechoral und Bibelwort-Motette die maßgeblichen Gestaltungs-elemente, während Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach als Orientierungsgestalten galten. Spätromantischer Subjektivismus trat zurück, nun war das Gemeinschaft schaffende und bindende Wort gefragt. - In Potsdam wurde W. als der damals jüngste Träger des Titels in Deutschland zum »Kirchenmusikdirektor« ernannt - eine Auszeichnung, die er für seine organistischen Leistungen und für die vorbildliche Arbeit mit dem aus Knaben- und Männerstimmen bestehenden »Liturgischen Chor von St. Nikolai«, aber auch aus der kompositorischen Tätigkeit des Meisterschülers für Komposition an der Preußischen Akademie der Künste resultierte. Jahrelang waren die Weihnachtsmusiken des Knabenchores von St. Nikolai das kirchenmusikalische Ereignis für Potsdam und für die weitere Umgebung. In seinem Amt an der Garnisonkirche gründete W. einen leistungsfähigen Kirchenchor und veranstaltete bis zu seiner Einberufung zum Heeresdienst viele Orgel- und Chorkonzerte. Als Armee-Organist in Nancy spielte er in jedem Gottesdienst die Orgel und gab dann Orgelabende vor deutschen und französischen Zuhörern in den berühmten Kathedralen Frankreichs. Bei Radio Paris machte die von ihm eingerichtete und geleitete Sendereihe »Musica sacra« insofern viel von sich reden, als dadurch die Werke von Heinrich Schütz den Franzosen, für die diese Musik Neuland war, nahegebracht wurden. Hauptanliegen W.s war es, die Kulturorchester Frankreichs zu erhalten, indem er die jungen französischen Instrumentalisten vom Arbeitseinsatz in Deutschland freistellte. In seiner amerikanischen Kriegsgefangenschaft (Kansas, Colorado) gründete W. einen Lagerchor, der gleichzeitig Kirchenchor war. Er spielte in den Gottesdiensten das Harmonium und veranstaltete auch Chorkonzerte, für die er die Sätze komponierte, die Notenlinien rastrierte und selbst die Stimmen kopierte. - Nach dem Kriege war der Anfang in Heilbronn nicht leicht. Vorerst stand W. nur die kleine Südkirchen-Orgel zur Verfügung. Auch begann er aus der Not heraus, keine große bedeutende Orgel spielen zu können, mit seiner Chorarbeit. Heinrich Schütz gab dabei Orientierung. In Heilbronn hat W. aus den einfachsten Verhältnissen heraus musikalisches Leben in kirchlicher und bürgerlicher Gemeinde entfaltet, welches nicht nur in der Region, sondern bald auch weit hinaus in der kulturellen Welt Beachtung fand. Für das Heilbronner Musikleben erlangten fortwirkende Bedeutung die gemeinsam von W. und seinem Chor begründeten »Heilbronner Kirchenmusiktage« mit der Aufführung der Großwerke der Kirchenmusik in hervorragender Qualität und die regelmäßigen »Stunden der Kirchenmusik« in der Kilianskirche. W. und sein Chor machten die Heilbronner erst wirklich mit der umfassenden Größe des Komponisten Heinrich Schütz bekannt. Die »Kilianskantorei« wurde zusammen mit dem Instrumentalkreis des »Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn« tragender gottesdienstlicher Faktor der Kiliansliturgie. W. schrieb dafür nicht nur einen Großteil der Chorsätze und Choralvorspiele selbst, sondern führte auch feststehende liturgische Stücke ein - den »Chorspruch de tempore« (Introitus), das »Gloria Patri«, ein altkirchliches »Halleluja«, das »Da pacem« (Verleih uns Frieden gnädiglich) und nicht zuletzt die lebendige Form des »Alternatim-Singens«, also des Wechselgesangs des Hauptliedes vor der Predigt zwischen Chor und Gemeinde. Diese sozusagen »neue alte« gottesdienstliche Liturgie ist dann auch von den Teilgemeinden Heilbronns in verbindlicher Form übernommen worden. - Nach dem Bau der großen, viermanualigen Walcker-Orgel der Kilianskirche konnte die Orgelliteratur noch mehr in den Mittelpunkt der Kirchenmusiktage gestellt werden. International bekannte Interpreten wie Marie-Claire Alain, Piet Kee, Michael Schneider und L. F. Tagliavini kamen zu einer »Internationalen Orgelwoche« nach Heilbronn und boten klassische und moderne Orgelmusik als interessante Ergänzung und Abrundung alles dessen, was W. jahrelang seiner Hörergemeinde an großer Orgelkunst vermittelt hatte. - W.s großen Oratorienaufführungen prägten das Musikleben der Stadt. Neben Bach und Schütz kamen auch große Werke anderer Meister zur Aufführung, so Händels »Messias«, Mozarts C-Moll-Messe und »Requiem«, Mendelssohns »Elias« und das »Deutsche Requiem« von Brahms. Den internationalen Durchbruch erlebte der Heinrich-Schütz-Chor bei der ersten Konzertreise nach Frankreich 1956. Dieser Einsatz, besonders für die großen Werke Bachs, ist vorbildlich für eine authentische Bach-Pflege geworden. Allein die auf dem Schallplattensektor einzig dastehende Serie von über 60 Bach-Kantaten hat W. und seinem Chor nicht weniger als sechs internationale Schallplattenpreise eingebracht. - W.s außerordentliche Wirkungskraft lag wohl vor allem in Tugenden, die in unserer heutigen Zeit weniger beachtet werden: Treue im kirchenmusikalischen Alltagsdienst und der Wille, sich in der musikalischen Mitteilung und Verkündigung klar, verständlich und »erbaulich« der gegebenen Gemeinschaft auszudrücken. Mit äußerster Gewissenhaftigkeit und oft sehr energisch betreute W. die Gottesdienste und förderte auch die einfachen Chöre im Umkreis Heilbronns. Er bemühte sich um liturgische Erneuerung und war bestrebt, der Choralkantate, der Bibelwort-Motette einen festen Platz im Gottesdienst zu schaffen. - Musikhistorisch hervorragend fundiert, gelang ihm ein intuitives und vitales Musizieren insbesondere der Werke Johann Sebastian Bachs, in welchem nicht nur musikhistorische Richtigkeit reproduziert, sondern Inhalte farbig, plastisch und packend erzählt wurden. Bachs Schaffen stellte er für unsere Zeit packend und doch werkgetreu dar. Seinen Interpretationsstil kennzeichnete ein ausgewogenes Verhältnis zwischen formbewußter, gattungsgemäßer, geschlossener Grundkonzeption und plastischem, dramatisch gespanntem, wie lyrisch differenziertem, sanglich auch in den instrumentalen Partien empfundenem Ausdruck. Äußerliche Wirkungen, bloßes Virtuosentum, Selbstdarstellung und gekünstelte interpretatorische Originalität wurden gemieden. - Nachdem er die Leitung des Heinrich-Schütz-Chores abgegeben hatte, wandte sich W. mit gesteigerter Intensität seinem kompositorischen Schaffen zu, das nahezu 50 Opuszahlen umfaßte. Viele Orgelintonationen, Motetten, Choralsätze, -kantaten und -vorspiele entstanden, eben Musik zu kirchlichem Gebrauch. Liturgischer Erneuerung und der Einführung des neuen Gesangbuchs galt seine besondere Aufmerksamkeit. Sein »Mittagslied« auf Worte Jochen Kleppers wurde in das evangelische Gesangbuch übernommen. Ohne die Sprache der Tradition aufzugeben, jedoch in Erweiterung der Ausdrucksmittel, wie sie sich etwa auch bei Hindemith findet, schuf W. neben Werken der Kirchenmusik zahlreiche Kammermusik- und Orchesterwerke. Sein kompositorisches Werk vermachte er testamentarisch der Stadt Heilbronn und ihrem Archiv als zeitgenössische Fortsetzung des altehrwürdigen »Heilbronner Musikschatzes«.

Werke: Kantate »Trauermusik« (1935), Apfelkantate (1939), Symphonie in d (1954), Pfingstoratorium »Veni, sancte spiritus« (1964), Suite Concertante (1969), Psalmen-Triptychon (1972), Motettensammlung »Die Botschaft« (1973), Konzerte für Trompete, Horn, Klavier und Violine.

Lit.: 25 Jahre Heinrich-Schütz-Chor Heilbronn (1972); - Fritz Werner 75 Jahre (1973); - Intervalle 4 (Mitteilungen des Heinrich-Schütz-Chores Heilbronn, Sonderheft Februar 1978); - KMD Professor Fritz Werner †, in: Württembergische Blätter für Kirchenmusik, 45. Jahrgang, Nr. 1 (Januar/Februar 1978); - Alain Pâris: Klassische Musik im 20. Jahrhundert (1997), 842-43; - Heiko Bockstiegel: Meine Herren, kennen Sie das Stück? Erinnerungen an deutschsprachige Chordirigenten des 20. Jahrhunderts (1999), 277-85

Heiko Bockstiegel

Letzte Änderung: 11.11.2001