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Band XVII (2000)Spalten 1536-1540 Autor: Franz Mauelshagen

WICK, Johann Jakob, ev.-ref. Prediger und Chronist, * 1522 in Zürich, † 14. August 1588 in Zürich. W. wirkte im engsten Umkreis des Zwingli-Nachfolgers Heinrich Bullinger (1504-1575). Bekannt wurde er durch die 24-bändige Chronik, die er hinterließ. - W.s Leben folgt den für den Dienst in der Zürcher Kirche prädestinierten Bahnen. Der Knabe gehört zu den vier Auserwählten, die 1534 nach der Niederlage von Kappel in die dort wieder aufgerichtete Klosterschule geschickt werden. Nach der Fortsetzung der Schulausbildung ab 1538 am Zürcher Fraumünster beginnt er im März 1540 in Tübingen das Studium. Gemeinsam mit den Studienkollegen Rudolf Gwalter (1519-1585), Johannes Haller (1523-1575) und Johannes Wolf (1521-1571) zieht er bald darauf weiter nach Marburg. Die Zürcher Studenten scheinen hier nahezu ausschließlich mit dem Humanisten Eoban Hesse (1488-1540) verkehrt zu haben. Als dieser stirbt, verlassen sie Marburg Richtung Leipzig. Wie seine Studienfreunde verzichtet W. auf Geheiß des Zürcher Studentenamtes auf einen Magisterabschluß oder die Promotion. Er tritt 1542 den Pfarrdienst in Witikon an und wirkt gleichzeitig als Provisor an der Fraumünsterschule. 1545 wird er Pfarrer in Egg, 1552 an der Predigerkirche in Zürich. 1557 beruft man ihn ins Herz der Zürcher Kirche. Er wird zweiter Archidiakon am Großmünster und wirkt fortan in unmittelbarer Nähe seines Mentors Heinrich Bullinger. Nach dem Tod Bullingers 1575 gehört W. zu den Anwärtern auf die Antistesposition. Als Ludwig Lavater (1527-1586), Nachfolger von Rudolf Gwalter, 1586 stirbt, steht W. für einen Augenblick sogar an erster Stelle. Das hohe Alter spricht jedoch gegen ihn, und die Wahl fällt auf Hans Rudolf Stumpf (1530-1592), den Sohn des Schweizer Chronisten Johannes Stumpf (1500-1577/8). W. stirbt 1588, ohne seinen Namen in der Liste der Antistites eingeschrieben zu haben. - W. hinterließ eine umfangreiche Nachrichtenchronik, seit dem 18. Jh. als »Wickiana« (neutr. pl.) bezeichnet. Von 1560 bis zu seinem Tod stellte er 24 farbenreich illustrierte Bände zusammen, ab 1572 jährlich einen, den letzten 1587. Am Zustandekommen der Bücher hat praktisch das gesamte Umfeld des Zürcher Chorherrenstifts mitgewirkt. Druckschriften und handschriftliche Mitteilungen aus Gelehrten-Briefwechseln erhielt W. u.a. von Konrad Geßner (1516-1565), Rudolf Gwalter, Ludwig Lavater und Josias Simler (1530-1576). Vor allem aber profitierte er vom europaweiten Briefwechsel Heinrich Bullingers. Die Entstehung der Wickiana steht geistesgeschichtlich in engem Zusammenhang mit dem Aufkommen der deutschen Prodigiensammlungen um die Mitte des 16. Jh.s. - Die Chronikbände wurden nach W.s Tod auf Erlaß des Zürcher Rates in die Obhut der Bibliothek des Chorherrenstifts gegeben. Sie befinden sich heute in der Zentralbibliothek Zürich. Die Einzelbände umfassen durchschnittlich gut 600 Seiten. Das Besondere liegt in der Kombination von handschriftlichen Aufzeichnungen mit einer großen Zahl von Druckschriften. 499 Flugschriften und mehr als 430 Einblattdrucke bilden im 16. Jh. im deutschen Sprachraum eine herausragende, vielleicht einzigartige Sammlung. - W. bezeichnete seine Annalen als »Wunderbücher«. Als »Sammelsurium von allerhand Merkwürdigkeiten, Unglücksfällen, Mord-, Hexen- und Ketzergeschichten« (Bruno Weber), als Kompendium des Aberglaubens sind sie immer wieder charakterisiert worden. Darin liegt jedoch schon thematisch eine Verkürzung. Die Wickiana sind ein Spiegel der europäischen Geschichte in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s. Wie das Zeitalter so steht auch die Sammlung im Zeichen des religiösen Konflikts im nachreformatorischen Europa. Vorzüglich sind die Religionskriege in Frankreich dokumentiert. Hier kamen Bullingers Verbindungen zu Beza in Genf und zu Calvin zum Tragen. Die Nachrichten über die »Pariser Bluthochzeit« in der Bartholomäusnacht 1572 füllen nahezu einen Band. Sehr umfangreich sind auch die Aufzeichnungen W.s zum spanisch-niederländischen Konflikt. Das Konzil von Trient wird ebenso aus reformierter Sicht betrachtet wie der Streit um die Einführung des Gregorianischen Kalenders 1582 (»Kalenderstreit«) und die politischen Auseinandersetzungen zwischen den evangelischen und den katholischen Orten der Eidgenossenschaft im Zeitalter der Gegenreformation. Die Verhältnisse der Kirche in England werden regelmäßig beleuchtet. Ebenfalls im Zeichen der Religion steht im 16. Jh. die Auseinandersetzung mit Moskowitern und Türken, die das christliche Europa im Osten bedrängen. Die Schlacht bei Lepanto 1571 wird umfassend mit Nachrichten dokumentiert und illustriert. Ebenso die Greueltaten Iwans »des Schrecklichen«. Besonders zahlreich sind die Nachrichten über außergewöhnliche Naturerscheinungen: Kometen, Nordlichter, Mißgeburten, Halos usw. W. verstand sie zeitgemäß als warnende, an den Jüngsten Tag gemahnende »Zeichen und Wunder« Gottes. Für W. sind sie Teil eines wundersamen, von Gott durchwirkten, letztlich heilsgeschichtlichen Zeitgeschehens. - Die Rezeptionsgeschichte der Wickiana steht bis Ende des 18. Jh.s im Zeichen von Chronistik und historischer Sammlung. Hans Haller (1573-1621) schrieb für seine Fortsetzung von Bullingers Reformations- und Tigurinerchronik das meiste aus der Chronik W.s ab. Der Kirchenhistoriker und Orientalist Johann Heinrich Hottinger (1620-1667) nutzte sie ebenso wie Johann Jakob Simler (1716-1788) als Quelle für seine kirchengeschichtlichen Sammlungen. Der Naturforscher und Polyhistor Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733) griff auf die Wickiana als Fundgrube für die Naturgeschichte zurück. Im 19. Jh. verlagerte sich das Interesse auf die Druckschriften, die zuerst von dem Bibliographen Emil Ottokar Weller (1823-1886) erschlossen wurden. Dabei stand bis in die Gegenwart hinein das illustrierte Flugblatt des 16. Jh.s im Vordergrund des Interesses. Als Ganzes kamen W. und die Wickiana erstmals mit einem Beitrag in den Blick, den die junge Ricarda Huch (1864-1947) 1895 im Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Zürich veröffentlichte. Sie steht damit am Anfang der modernen historischen Erforschung von Verfasser und Werk.

Werke: W. hat keine gedruckten Werke hinterlassen. Die Wickiana werden in der Zentralbibliothek Zürich unter den Signaturen Mss. F 12-19, 21-29, 29a, 30-35 aufbewahrt. Daneben sind einige wenige Predigthandschriften erhalten: Mss. D 8 (Predigten über Jesaja, Kap. 30-48); D 140 (Predigttexte über die ersten acht Kapitel der Apostelgeschichte, insgesamt 57 »Conciones«); D 156 (Skizzen zu 58 Predigten über Matthäus 5-12). - Vgl. Katalog der Handschriften der Zentralbibliothek Zürich. II. Neuere Handschriften seit 1500. Von Ernst Gagliardi und Ludwig Forrer. Einleitung und Register von Jean-Pierre Bodmer. Zürich 1982.

Lit.: Ricarda Huch, Die Wicksche Sammlung von Flugblättern und Zeitungsnachrichten aus dem 16. Jahrhundert in der Stadtbibliothek Zürich. Zürich 1895 (Neujahrsblatt herausgegeben von der Stadtbibliothek Zürich auf das Jahr 1895); - Hans Fehr, Massenkunst im 16. Jahrhundert. Flugblätter aus der Sammlung Wickiana, Berlin 1924; - Albert, Sonderegger, Missgeburten und Wundergestalten in Einblattdrucken und Handzeichnungen des 16. Jahrhunderts. Mit 67 Abbildungen. Aus der Wickiana der Zürcher Zentralbibliothek. Zürich, Leipzig, Berlin 1927 (Zürcher Medizingeschichtliche Abhandlungen, hrsg. v. G. A. Wehrli, 12); - Rudolf Schenda, Die deutschen Prodigiensammlungen des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 77a vom 28. September 1961, 1635-1671; - Bruno Weber, Wunderzeichen und Winkeldrucker 1543-1586. Einblattdrucke aus der Sammlung Wickiana in der Zentralbibliothek Zürich. Dietikon / Zürich 1972; - - Matthias Senn, Johann Jakob Wick (1522-1588) und seine Sammlung von Nachrichten zur Zeitgeschichte. (Diss.) Zürich 1974; Matthias Senn, Die Wickiana. Johann Jakob Wicks Nachrichtensammlung aus dem 16. Jahrhundert. Zürich 1975; - Jan Pirozynski, Studia ad nuntiorum litterarumque circuitum in Europa saeculi XVI pertinenta. De rebus novis e Polonia ab Ioanne Jacobo Wickio turici annis 1560-1587 collectis. Krakow 1995 (Schedae Historicae, Fasciculus CXV); - Wolfgang Harms (Hrsg.), Deutsche illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts. Kommentierte Ausgabe. Band 7: Die Sammlung der Zentralbibliothek Zürich, Teil 2: Die Wickiana II (1570-1588). Hrsg. von Wolfgang Harms und Michael Schilling. Tübingen 1997.

Franz Mauelshagen

Letzte Änderung: 19.05.2000