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Band XIII (1998) Spalten 1286-1288 Autor: Georgios Fatouros

WILHELM von Tyrus, Geschichtsschreiber (1130 - 29.9. 1186). - Hauptquelle zu seinem curriculum vitae ist sein Geschichtswerk, insbesondere das Anfang der sechziger Jahre im cod. Vatic. lat. 2002 entdeckte autobiographische Kapitel XIX 12 seiner Historia; vgl.R.B.C. Huygens, Guillaume de Tyr étudiant: Un chapitre (XIX 12) de son »Histoire« retrouvé,in: Latomus 21 (1962) 811-829. - Geboren in Jerusalem als Sproß einer am Anfang des 12. Jahrhunderts aus Italien oder Frankreich nach Palästina ausgewanderten, wohlhabenden Familie, begab sich W. um das Jahr 1145 in den Westen, um dort fast 20 Jahre lang zu studieren. Er kam zunächst nach Paris, wo er mit dem Studium der freien Künste (Artes) anfing und wo er auf dem berühmten Genoveva-Berg die Professoren Bernard von Moelan, Ivo von Chartres und Petrus Helie hörte. Im Jahr 1155 wechselte er zum Studium der Theologie, die er bei Petrus Lombardus (vgl. BBKL V 197 f.) und Mauritius von Sully studierte. Nach dem Tode des Lombardus (20.7. 1160) begab sich W. nach Orléans, wo er unter Hilarius und Wilhelm von Soissons sein Studium fortsetzte. Von dort kam er 1161 oder 1162 nach Bologna, um bei den berühmten Juristen Martinus, Hugo, Bulgarus und Jacobus Rechtswissenschaft zu studieren. W. ist der einzige namentlich bekannte Palästinenser, der im 12. Jahrhundert im Abendland studiert hat. 1165 nach Palästina zurückgekehrt, wurde er mit der Funktion eines Kanonikus an der Bischofskirche von Akkon betraut. Am 1.9. 1167 erhielt W. vom Erzbischof Friedrich von Tyrus die Weihe eines Archidiakons. Im Frühjahr 1168 wurde er vom König Amalrich von Jerusalem mit einer diplomatischen Mission beauftragt. Zugleich ermutigte ihn der König, die Geschichte der Kreuzfahrerstaaten zu schreiben. In der Folgezeit fungierte er als Erzieher des Königssohnes, des späteren Königs Balduin IV., nach dessen Thronbesteigung (15.7. 1174) W. zum Kanzler des Königreichs Jerusalem ernannt wurde. Am 8.6. 1175 erhielt W. in der Kirche des Heiligen Grabes durch den Patriarchen Amalrich die Weihe zum Erzbischof von Tyrus. 1179 nahm W. an dem 3. Laterankonzil teil und redigierte die Konzilakten, die aber später verloren gingen. Auf dem Weg nach Jerusalem zurück weilte er sieben Monate am Hofe des Kaisers Manuel I. Komnenos, mit welchem er sich befreundete. Er wurde von Manuel mit einer Botschaft an den Fürsten von Antiochia beauftragt. Im Jahr 1180 war W. Kandidat für das Patriarchat von Jerusalem, wurde aber nicht gewählt. 1184 trat er von seinem Amt des Kanzlers zurück. Er ist in Jerusalem gestorben. - W. gilt als einer der besten Geschichtsschreiber des Mittelalters. Sein Geschichtswerk ist nicht nur wichtigste Quelle für die Geschichte der Kreuzfahrerstaaten des Orients im 12. Jahrhundert, sondern gilt zugleich als vorbildlich abgefaßte Chronik sowohl was Gliederung des Stoffes und Feinheit des Stils als auch was Vorurteilslosigkeit und kritische Haltung anbelangt.

Werke: Hauptwerk W.'s ist seine Chronik, überliefert z.T. unter dem Titel: Historia rerum in partibus transmarinis gestarum. Sie zerfällt in 23 Bücher und umfaßt die Zeit von der Regierung des Kalifen Omar bis zum Jahr 1184. Für die Jahre 1127 bis 1184 stellt das Werk die Hauptquelle jeder späteren Schilderung dar, mit Buch XII fängt die Geschichte der Kreuzzüge an. Entstehung der Chronik: Buch I-XI: Ende 1169 - Sommer 1173; Buch XIV: nach 1175; Buch XVII: 1181; Buch XIX: 1182; Buch XXIII. und Prolog: 1184. - Editionen: Belli Sancti Historia, libris XXIII comprehensa, de Hierosolyma ac Terra Promissionis &c., ed. N. Brylingerus & I. Oporinus, Basel 1549, Nachdruck ebenda 1564 durch H. Pantaléon; Historia rerum in partibus transmarinis gestarum, ed. J. Bongars, 1611, nachgedruckt in: Migne, PL 121, 209-892, Paris 1855; Historia rerum &c., ed. A.A. Graf de Beugnot & Le Prévost, in: Recueil des Historiens des Croisades, Historiens Occidentaux I, 1-2, Paris 1844; Willelmi Tyrensis Archiepiscopi Chronicon, ed. R.B.C. Huygens, Bd. I-II (Corpus Christianorum, Continuatio Mediaevalis 63), Turnhout 1986. - Übersetzungen. Deutsch: E. u. R. Kausler, Geschichte der Kreuzzüge und des Königreiches Jerusalem aus dem Lateinischen des Erzbischofs Wilhelm von Tyrus, Stuttgart 1840; Englisch: E. A. Babcock u. A.C. Krey, A History of Deeds done beyond the Sea by William Archbishop of Tyre, Bd. I-II (Columbia University Records of Civilization, Sources and Studies 35), New York 1943. - W. hat außerdem eine Geschichte des islamischen Orients unter dem Titel Historia de gestis orientalium principum oder De orientalibus principibus et eorum actibus abgefaßt, die verloren gegangen ist.

Lit.: P. Paris, Guillaume de Tyr et ses continuateurs, Paris 1879; - H. Prutz, Studien über Wilhelm von Tyrus, in: Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde 8 (1883) 93 f.; - R. Röhricht, Geschichte des Königreiches Jerusalem 1100-1291, Innsbruck 1898 (Nachdr. Amsterdam 1966); - F. Ost, Die altfranzösische Übersetzung der Geschichte der Kreuzzüge Wilhelms von Tyrus, Diss. Halle 1899; - F. Lundgreen, Das Jerusalem des Wilhelms von Tyrus und die Gegenwart, Neue Kirchliche Zeitschrift 20 (1909) 973 f.; - Ders., Wilhelm von Tyrus und der Templerorden (Historische Studien 97), Berlin 1911; - H. Probst, Die geographischen Verhältnisse Syriens und Palästinas nach Wilhelm von Tyrus, Leipzig 1927; - M. Manitius, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters, III. (Handbuch der Altertumswissenschaft 9, 2, 3), München 1931, 430 f.; - A. C. Krey, William of Tyre: The making of a Historian in the Middle Ages, Speculum 16 (1941) 149 f.; - J. Prawer, The Settlement of the Latins in Jerusalem, Speculum 27 (1952) 490 f.; - Ders., Histoire du royaume Latin de Jerusalen, Bd. I-II, Paris 1969-1970; - R. W. Crawford, Willian of Tyre and the Maronites, Speculum 30 (1955) 222 f.; - H. E. Mayer, Zum Tode Wilhelms von Tyrus, Archiv für Diplomatik 5/6 (1959-1960) 182 f.; - R.B.C. Huygens, La tradition manuscrite de Guillaume de Tyr, Studi Medievali 5 (1964) 281 f.; - Ders., Pontigny et l'Histoire de Guillaume de Tyr, Latomus 25 (1966) 139 f.; - Ders., Editing William of Tyre, Sacris Erudiri 27 (1984) 461 f.; - M.R. Morgan, The Chronicle of Ernoul and the Continuations of William of Tyre, Oxford 1973; - R.C. Schwinges, Kreuzzugsideologie und Toleranz im Denken Wilhelms von Tyrus, Saeculum 25 (1974) 367 f.; - Ders., Kreuzzugsideologie und Toleranz: Studien zu Wilhelm von Tyrus (Monographien zur Geschichte des Mittelalters 15), Stuttgart 1977; - R.H.C. Davis, William of Tyre, in: Relations between East and West in the Middle Ages, Edinburgh 1973, 64 f.; - R. Hiestand, Zum Leben und zur Laufbahn Wilhelms von Tyrus, in: Deutsches Archiv 34 (1978) 345 f.; - H. Möhring, Zu der Geschichte der orientalischen Herrscher des Wilhelm von Tyrus: Die Frage der Quellenabhängigkeiten, in: Mittellateinisches Jahrbuch 19 (1984) 170 f.

Georgios Fatouros

Literaturergänzung:

1999

Andrea B. Schmidt ; Peter Halfter, Der Brief Papst Innozenz' II. an d. armen. Katholikos Gregor III. Ein wenig beachtetes Dokument zur Geschichte d. Synode von Jerusalem (Ostern 1141), in: AHC 31.1999, S. 50-71; -

2007

Peter W. Edbury, The old French W. of T. and the origins of the Templars, in: Knighthoods of Christ. Aldershot 2007, S. 151-164; - Peter W. Edbury, The old French William of Tyre, the Templars and the Assassin envoy, in: The Hospitallers, the Mediterranean and Europe. Aldershot [u.a.] 2007, S. 25-37; - Peter W. Edbury, The French translation of W. of Tyre's "Historia". The manuscript tradition, in: Crus 6.2007, S. 69-105; -

2009

Jonathan Rubin, The debate on twelfth-century Frankish feudalism. Additional evidence from W. of T.'s "Chronicon", in: Crus 8.2009, S. 53-62.

Letzte Änderung: 22.12.2009