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Verlag Traugott Bautz
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WITTGENSTEIN, Ludwig Josef Johann, gilt weltweit als einer der bedeutendsten Philosophen des 20.Jh. Sein Werk, das nahezu ausschließlich postum erschienen ist, wird konträr diskutiert; der Umstand, daß sich führende Vertreter so unterschiedlicher Strömungen, wie die der analytischen, postmodernen oder dekonstruktivistischen Philosophie gleichermaßen auf ihn als entscheidenden Wegbereiter und Vordenker berufen, gibt ein Zeugnis davon ab. Frappierende Parallelen und Einflüsse lassen sich in vielen der Philosophie verwandten Disziplinen nachweisen, wie beispielsweise in der Systemtheorie oder der Kybernetik. W. * 26.4. 1889 in Wien, † 29.4. 1951 in Cambridge (GB), wuchs als das jüngste von acht Kindern in einem sehr wohlhabenden, großbürgerlichen Ambiente auf. Der Reichtum der Familie Wittgenstein geht auf W.s Großvater Hermann Christian Wittgenstein (1803-78) zurück, der 1851 als Wollkaufmann von Leipzig nach Österreich übersiedelte und dort große Ländereien billig ankaufte, um sie dann entweder gewinnbringend zu verpachten oder selbst zu bewirtschaften. Der Vater Karl, protestantisch wie sein Elternhaus, begann seine an Erfolg, im Österreich seiner Zeit, fast beispiellose Karriere in der Stahlbranche. Nachdem er 17jährig kurz vor der Erlangung des Abiturs das Gymnasium verlassen mußte, da er vom Unterricht suspendiert worden war, und bald darauf spurlos verschwand, kehrte er zwei Jahre später aus New York zurück, wo er sich in ärmlichen Verhältnissen mit den unterschiedlichsten Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen hatte. Reumütig und geläutert folgte er dem Rat seiner Mutter und studierte Maschinenbau. Ihm wurde bereits im mittleren Alter als Zentraldirektor der Prager Eisenindustrie-Gesellschaft der Ruhm zuteil, als Begründer und wichtigste Persönlichkeit der modernen Eisen- und Stahlindustrie der Donau-Monarchie zu gelten. Bereits in Karls Elternhaus spielte die Musik eine herausragende Rolle. Er hat das Spiel mit der Violine nie vernachlässigt und nachhaltig Musiker und Künstler gefördert. Im Palais Wittgenstein, dem Wiener Familiensitz, in der Alleegasse 16, gingen u.a. Johannes Brahms, Gustav Mahler und Pablo Casals ein und aus. Genauso eng war das Verhältnis der Familie W.s zu den Mitgliedern der sich dem Jugendstil verpflichteten Künstlergruppe der »Wiener Sezession«, denen Karl zu einem großen Teil das Sezessionsgebäude finanzierte. Überhaupt galt die Familie W.s als ein Zentrum der Wiener Elite, so war die jüngste von W.s Schwestern mit Sigmund Freud befreundet - sie ist in dem nach ihr benannten Bild »Margarete Stonborough-Wittgenstein« (1905) von Gustav Klimt porträtiert worden und damit in die Geschichte der Malerei eingegangen. - Karl ließ seinen Kindern Privatunterricht geben, wobei der von ihm festgelegte Lehrplan sehr praxisnah war, so daß es W. unmöglich gewesen wäre, ein Gymnasium zu besuchen, da er sehr wenig Kenntnisse der klassischen Sprachen und keine von Geographie besaß. Die Kinder wurden nach dem Glauben ihrer Mutter, Leopoldine geb. Kalmus, römisch-katholisch erzogen. 1902, W. war 13 Jahre alt, beging sein ältester Bruder Hans Selbstmord, kaum zwei Jahre später sein zweitältester Bruder Rudolf. Die Umstände, die zu diesen Entscheidungen führten, sind unklar. Ab dem 14. Lebensjahr besuchte W. drei Jahre die Realschule in Linz, wo er sehr viele Stunden versäumte, so sollen es im dritten und vierten Semester 425 gewesen sein. Seine Noten waren mittelmäßig. Als Kind und Jugendlicher stand W. im Schatten seiner begabten älteren Geschwister, zeigte jedoch ein recht ausgeprägtes Interesse für technische Entwürfe, die er zuweilen in die Realität umsetzte. Genauso wie seine Geschwister war W. sehr musikalisch, wenngleich er erst 30jährig ein Instrument (Klarinette) erlernte. Sein nächstälterer Bruder Paul ist als Konzertpianist berühmt geworden und selbst nach dem Verlust seines rechten Armes im 1.Weltkrieg konnte er sich als solcher behaupten; Richard Strauss, Franz Schmidt, Maurice Ravel und Sergej Prokofjew schrieben für ihn Klavierkonzerte für eine Hand. - Ab 1906 studierte W. vier Semester Maschinenbau an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg, um dann 1908 nach England zu ziehen. Hier kam er zum ersten Mal mit der akademischen Philosophie in Berührung. Die philosophische Stimmung der kleinen aristokratischen Universitätsstadt Cambridge war stark von der Grundlagendiskussion von Bertrand Russell, Alfred North Whitehead und George Edward Moore geprägt. Zunächst aber widmete sich W. in Manchester weiterhin dem Ingenieurstudium, befaßte sich mit Antriebsmotoren für Flugzeuge, entwickelte und baute Ballons und Drachen. Dann wandte er sich verstärkt der Mathematik zu, die ihn sehr schnell zu Fragen ihrer Grundlagen führte und damit zur Logik und zur Cambridger Philosophie. W. schrieb sich im Herbst 1911 am Trinity College ein, nachdem der Mathematiker und Philosoph Gottlob Frege ihm geraten hatte, bei Russell zu studieren. W.s innere Zerrissenheit kam wahrscheinlich in dieser Zeit erstmals zum Vorschein. Seine Schwester Hermine hat hierüber gesagt: »Zu dieser Zeit [...] ergriff ihn plötzlich die Philosophie [...] so stark und so völlig gegen seinen Willen, daß er schwer unter der doppelten und widerstreitenden inneren Berufung litt und sich wie zerspalten vorkam. Es war eine von den Wandlungen, deren er noch mehrere in seinem Leben durchmachen sollte, über ihn gekommen und durchschüttelte sein ganzes Wesen.« Zwischen dem 17 Jahre älteren Russell und W. entwickelte sich schnell eine freundschaftliche, auf die Philosophie bezogen ebenbürtige Beziehung. Russell bestimmte die Cambridger Philosophie, die eine antiidealistische Haltung vertrat und die Strenge von empirisch gewonnenen Daten und deren logische Analysen in den Mittelpunkt stellte. In dieser ersten Phase der analytischen Philosophie bündelte sich das Bestreben der Anhänger einerseits in der Widerlegung idealistischer Standpunkte, sowie andererseits in der Entwicklung einer idealen Sprache, die vollständig logisch ableitbar und entsprechend präzise sein sollte, um somit klassische Probleme der Philosophie klar formulieren und logisch gesicherte Antworten finden zu können. W. stürzte sich in diese Grundlagendebatte und teilte in den ersten Jahren sehr viele Gemeinsamkeiten mit seinem Lehrer Russell. W. faßte 1913 es in den an Russell diktierten »Aufzeichnungen über Logik« (1957) so zusammen: »Mißtrauen gegen die Grammatik ist die erste Voraussetzung des Philosophierens. Philosophie ist die Lehre von der logischen Form wissenschaftlicher Sätze.« - Jedoch ergaben sich in der Folgezeit für W. immer deutlichere Abweichungen von der Lehre Russells. Russell nahm W.s Einwände sehr ernst und sah sich nicht selten gezwungen, eigene Aussagen zu revidieren und neu zu fassen. Aufgrund der Divergenzen ließ Russell sogar ein druckreifes Buch über die Logik unveröffentlicht. Auch wenn sich 1914 die freundschaftliche Beziehung als unmöglich herausstellte, hat sich der Kontakt bis 1922 gehalten. - Die Gründe für die Unmöglichkeit einer freundschaftlichen Beziehung zu Russell lassen die Befindlichkeit W.s klar zum Vorschein kommen - so in einem Brief an Russell: »In jeder freien Minute lese ich z.Zt. in James' `Die religiöse Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit'. Dieses Buch tut mir gut. Ich will damit nicht sagen, daß ich bald ein Heiliger sein werde, aber ich bin nicht sicher, daß es mich nicht ein klein wenig auf eine Art verbessert, wie ich es sehr gerne hätte: Ich glaube nämlich, daß es mir dabei hilft, mich von der Sorge (in dem Sinne, in dem Goethe das Wort in Faust II verwendet) befreit.« Im Vorwort der »Philosophische[n] Bemerkungen« (1984) schreibt W., das Buch sei »zur Ehre Gottes geschrieben«. Freundschaften hielten sich dort am längsten wo die ethische und religiöse Grundhaltung eine ähnliche war. W. muß in allen Lebenslagen gegenüber sich selbst und daraus folgend an alle anderen einen erbitterten Wahrheitsanspruch gehabt haben. Auf die Frage: »Was ist mit Ihnen, wollen Sie vollkommen sein?« entgegnete er: »Natürlich will ich vollkommen sein.« Es ist immer wieder von Gesprächen berichtet worden, in denen W. seine Gesprächspartner bis zur physischen Erschöpfung getrieben hat, stets bestrebt, nichts im Dunkeln zu lassen, keine Halbwahrheiten und Ungereimtheiten hinzunehmen. Die Härte, mit der er seine bloße Daseinsberechtigung immer wieder in Frage stellte, die in seinen ethischen und religiösen Vorstellungen eine Entsprechung fand bzw. aus ihnen hervorging, hat ihm wohl zeitlebens, spätestens aber seit seinem ersten Aufenthalt in Cambridge, keine Ruhe gelassen. Sowohl die zwischenmenschlichen Probleme, wie auch seine innere Zerrissenheit, aber nicht zuletzt auch die Größe seines philosophischen Vermächtnisses, die an Akribie, Penetranz und Scharfsinn in Auseinandersetzung mit dem Gegenstand seinesgleichen sucht, und die Tatsache, außer dem »Tractatus Logico-Philosophicus« (1921), »Some Remarks on Logical Form« (1929), dem philosophisch völlig irrelevanten »Wörterbuch für Volksschulen« (1926) und zwei weiteren sehr kurzen, 1913 erschienenen, Abhandlungen trotz aller Bemühungen von Freunden und Philosophen nichts zu Lebzeiten publiziert zu haben, lassen sich daraus ableiten. 1913 schrieb er an Russell: »Ich glaube oft, daß ich verrückt werde. - Mein Tag vergeht zwischen Logik, Pfeifen, Spazierengehen und Niedergeschlagensein. Ich wollte zu Gott, ich hätte mehr Verstand und es würde mir nun endlich alles klar; oder ich müßte nicht mehr lange leben!« Sowohl Tagebucheintragungen, wie Berichten von Freunden W.s zufolge, dachte er sehr oft an Selbstmord, wenngleich er, soweit bekannt ist, nie einen Selbstmordversuch unternommen hat. - Es ist von Zeitzeugen immer wieder berichtet worden, daß es nicht leicht war, mit W. umzugehen. Er war sehr empfindlich, und es bedurfte einer gehörigen Portion Taktes und viel Geduld, um mit ihm auszukommen. Mit Moore zerbrach die Beziehung sehr schnell im Jahre 1914, als Moore Bedenken äußerte, W.s Ausführungen trotz der Mißachtung jeglicher Standards hinsichtlich der Form oder der Quellenangaben als Arbeit zur Erlangung des Bachelor-Grades anzunehmen. In der Tat erhielt W. erst 15 Jahre später seinen ersten akademischen Titel der Philosophie, wenngleich ohne Befolgung der Vorschriften und mit der Zustimmung Moores. - 1913 starb W.s Vater an Zungenkrebs. Er hinterließ ein großes Erbe, das von seinem Bruder Ludwig Wittgenstein senior verwaltet wurde und der es sowohl über den 1. Weltkrieg, wie auch über die Inflation hinwegretten konnte. Die von W. 1914 erhaltene Summe von 300.000 Goldkronen spendete er zu einem Drittel mittellosen Künstlern. 1914 brach der Krieg aus, und W. meldete sich als Freiwilliger. Dazu aus einem Brief an Paul Engelmann: »Zum Arbeiten komme ich jetzt nicht, aber vielleicht zum Krepieren. - Das Leben der Erkenntnis ist das Leben, welches glücklich ist, der Not der Welt zum Trotz.« Aus Tagebucheintragungen, die hauptsächlich aus den Jahren 1914-16 erhalten sind, wird ersichtlich, daß W. trotz allem philosophierte. Der 1921 erschienene »Tractatus Logico-Philosophicus« setzte sich zum größten Teil aus während des Krieges angefertigten Notizen zusammen. Die Gründe, weshalb sich W. als Freiwilliger meldete, lagen wohl einerseits in einem unpolitischen Patriotismus, andererseits in der Möglichkeit der Flucht vor seiner als ausweglos empfundenen Zerrissenheit, sowie in der Hoffnung, mit Hilfe der neuen Erfahrung »mit sich ins Reine zu kommen«. In seinem letzten Brief an Russell vor Ausbruch des Krieges schrieb er: »Und ich hoffe immer noch es werde endlich einmal ein endgültiger Ausbruch erfolgen, und ich kann ein anderer Mensch werden. [...] Vielleicht glaubst Du daß es Zeitverschwendung ist über mich selbst zu denken; aber wie kann ich Logiker sein, wenn ich noch nicht Mensch bin! Vor allem muß ich mit mir selbst in's Reine kommen!« - 1918 beging sein patriotisch gesinnter Bruder Kurt an der Front Selbstmord, da die ihm unterstehende ungarische Truppe desertiert war. Kurz zuvor ist der Druck des »Traktats« von den Verlegern Karl Kraus', Jahoda und Siegel, abgelehnt worden. Ab November 1918 verbrachte W. neun Monate in italienischer Gefangenschaft in Monte Cassino. Hier faßte er den Entschluß, ein einfaches Leben als Dorfschullehrer zu beginnen. Mit dem »Traktat« glaubte er, alles, was sich über die Philosophie sagen ließe, endgültig niedergeschrieben zu haben. Geradezu paradigmatisch ein Satz zu diesem Entschluß: »Ich will bei kärglichem Lohne anständige Arbeit verrichten und einmal als anständiger Mensch krepieren.« Die Konsequenz, mit der Philosophie zu brechen, entsprang seiner ethischen Haltung, er hatte in diesem Bereich, so glaubte er, alles getan, was er zu tun imstande war - jedes Wort mehr darüber wäre müßig gewesen. In dieser Zeit überlegte er sich auch Priester zu werden. Daß er sich dagegen entschied, hing wohl hauptsächlich mit seiner Auffassung von Religiösität zusammen: Ihr Wesen ist Vollzug. 1937 schrieb er: »Denn die `Erkenntnis der Sünde' ist ein tatsächlicher Vorgang, und die Verzweiflung desgleichen und die Erlösung durch den Glauben desgleichen. [...] Das Christentum gründet sich nicht auf eine historische Wahrheit, sondern es gibt uns eine (historische) Nachricht und sagt: jetzt glaube! Aber nicht glaube diese Nachricht mit dem Glauben, der zu einer geschichtlichen Nachricht gehört, - sondern: glaube, durch dick und dünn und das kannst Du nur als Resultat eines Lebens.« Oder 1938: »Angenommen, jemand fragte mich: `Was glaubst du, Wittgenstein? Bist du ein Skeptiker? Weißt du, ob du den Tod überleben wirst?' Ich würde dann - ganz bestimmt - sagen: `Ich kann es nicht sagen. Ich weiß es nicht.' Weil ich keine klare Vorstellung von dem habe, was ich sage, wenn ich sage `ich höre jetzt auf zu existieren' usw.« In seinem 1929 gehaltenen »Vortrag über Ethik« (1965), dem einzigen öffentlichen Vortrag, den W. je gehalten hat, versuchte er darzulegen, daß es sinnlos ist, wissenschaftlich über Ethik zu sprechen. Darüber hinaus war W. entweder homo- oder bisexuell. Er hat nur wenige und nicht lang andauernde Beziehungen gehabt und es ist anzunehmen, daß sie in seinem Leben keine große Rolle gespielt haben. Als W. aus der italienischen Gefangenschaft nach Wien zurückkam, verzichtete er auf sein vollständiges Vermögen, welches daraufhin unter den Geschwistern aufgeteilt worden ist. Aufschlußreich diese Erklärung: »Ich mußte mein Geld weggeben; denn so lange ich das Geld besaß, habe ich mich wie ein unaufgeblasener Schlauch gefühlt.« Oder: »Die Lösung des Problems, das Du im Leben siehst, ist eine Art zu leben, die das Problemhafte zum Verschwinden bringt. Daß das Leben problematisch ist, heißt, daß Dein Leben nicht in die Form des Lebens paßt. Du mußt dann Dein Leben verändern, und paßt es in die Form, dann verschwindet das Problematische.« Von 1919 bis 1920 arbeitete W. in Wien als Gärtnergehilfe und besuchte die Lehrbildungsanstalt, mit der er das »Zeugnis der Reife für Volksschulen« erlangte. Er bewarb sich für eine Stelle an einer Dorfschule eines möglichst entlegenen und jeglichem Luxus baren Dorfes. Er lehrte von 1920 bis 1926 in drei Dorfschulen - nicht zuletzt weil es mit den Eltern der Kinder aufgrund seiner Unterrichtsmethoden immer wieder zu Konflikten kam. Es lag nicht, so die weit verbreitete Meinung, an der Strenge der körperlichen Züchtigungen, mit denen er die Schüler bestrafte, vielmehr war es sein Eifer und sein recht eigensinnig selbst entworfener Lehrplan, der die Eltern befremdete. Er unternahm mit den Kindern sehr viel, überzog oft den Unterricht und widmete sich mit wahrscheinlich zuviel Ernst seinem Beruf. Berichten ehemaliger Schüler zufolge war W. nicht selten überreizt, bekam Schweißausbrüche während des Unterrichts oder biß in ein zerknülltes Taschentuch. Nichts desto trotz läßt sich seiner Korrespondenz entnehmen, daß er in diesen sechs Jahren die wohl insgesamt glücklichste Zeit verbracht hat. - 1926 kehrte W. mit der Überzeugung, für den Lehrerberuf alles in allem doch untauglich zu sein, nach Wien zurück. Er hatte keinerlei Zukunftspläne und in der ersten Zeit ging es ihm wieder sehr schlecht. Seine Schwester Margarete, inzwischen eine Stonborough, plante zu dieser Zeit, ein Haus bauen zu lassen und ermutigte W., sich um die Architektur des Baus zu kümmern. Dieser nahm das Unternehmen immer stärker in die Hand, so daß v.a. die Innenarchitektur des `Palais Stonborough' als das Ergebnis seiner architektonischen Leistung angesehen werden kann. Mit welcher Akribie er auch dieser Arbeit nachging, läßt sich der Tatsache entnehmen, daß er kurz vor Bauende einen seinen Plänen entsprechend um nur 3 cm zu niedrig liegenden Boden um eben diesen Betrag erhöhen ließ. Im Laufe der Jahre 1927-28 kam es zu mehreren Treffen mit dem Wiener Kreis, der sich um Moritz Schlick gebildet hatte. In dem von Friedrich Waismann verfaßten Band »Wittgenstein und der Wiener Kreis« (1984) sind Niederschriften einiger der damals geführten Gespräche zu finden. - 1929 reiste W. nach Cambridge, um Urlaub zu machen. Es dauerte jedoch nicht lange, um ihn davon zu überzeugen, in Cambridge zu bleiben und an der philosophischen Arbeit aktiv teilzunehmen. Nachdem er im Juni 1929 den Doktortitel aufgrund des »Tractatus Logico-Philosophicus«, der mittlerweile als Meilenstein der Logik allgemein anerkannt war, erlangte, erhielt er 1930 die Lehrerlaubnis am Trinity College. 1939 wurde er zum Nachfolger von Moores Lehrstuhl berufen. Vor der Berufung hatte W. meist mit einem kleinen Kreis von `auserwählten' Studenten bereits die Konzepte ausgearbeitet, die als seine zweite philosophische Schaffensphase in die »Philosophische[n] Untersuchungen« (1984) als deren Hauptwerk münden. Aus Niederschriften seiner Studenten entstand das »Blaue Buch« (1984), in dem die Schnittstellen zwischen dem jungen und dem späten W. nachzulesen sind. 1936 reiste er für neun Monate zu dem auf seine Veranlaßung hin 1921 gebauten Blockhaus am Sognefjord bei Skjolden in Norwegen, das er seitdem immer wieder als Refugium aufsuchte, und verfaßte die wichtigsten Teile der »Philosophische[n] Untersuchungen«. Als 1938 Österreich von Deutschland annektiert wurde, nahm W. die englische Staatsbürgerschaft an. Mit Ausbruch des 2.Weltkrieges war es für W. selbstverständlich, der Lehrtätigkeit vorläufig nicht nachzugehen, und er arbeitete zunächst als Laborant in der Spitalapotheke in Londoner Guys Hospital und seit 1943 im medizinischen Laboratorium des Spitals in Newcastle. Ab 1945 nahm er wieder bis Frühjahr 1947 am Lehrbetrieb des Trinity Colleges teil. Bereits im Herbst 1945 äußerte W. erste Bedenken hinsichtlich der Ausübung des Professorenamtes. 1947 legte er die Professur nieder und verbrachte ein Jahr in Irland an verschiedenen Orten. Während dieser Zeit machten sich wahrscheinlich die ersten Symptome seines Prostatakrebses bemerkbar. Er wurde krank und konnte sich schlecht konzentrieren. Aufgrund seines Gesundheitszustandes kehrte er nach Cambridge zurück, fuhr jedoch im Juli 1949 nach Amerika, um Norman Malcolm zu besuchen. Hier erlitt er seinen ersten schweren Zusammenbruch. Nach seiner Rückkehr wurde der Prostatakrebs prognostiziert: »Ich war keineswegs erschrocken, als ich erfuhr, daß ich Krebs habe, aber ich war's, als ich erfuhr, daß man dagegen etwas unternehmen könne, denn ich hatte nicht den Wunsch weiterzuleben.« W. widersetzte sich einem operativen Eingriffs und verlebte seine letzten 2 Jahre im Hause des Cambridger Arztes Dr. Edward Bevan. W. soll am 27.April 1951 auf die zutreffende Aussage von Dr. Bevan hin, er habe jetzt nur noch wenige Tage zu leben, bloß ein »Gut.« vorgebracht haben. Am 29. April 1951 starb W. Der Nachlaß befindet sich im »Forschungsinstitut Brenner-Archiv« in Innsbruck. - W. Philosophie ist aus unterschiedlichen Gründen in zwei Phasen geteilt worden. Die erste Phase läßt sich im Bereich des Neupositivismus verorten, wohingegen die zweite als Beitrag zur Philosophie der »Normalen Sprache« aufgefaßt wird. In beiden besticht sein Werk durch zwei wesentliche Merkmale. Erstens ist in ihm als integrativer Bestandteil eine implizite Methodenreflexion enthalten, die das, was die Theorie sagt, einschränkt und in ihre von ihr nicht aussprechbaren Grenzen verweist, ohne es explizit zu sagen, weil es explizit nicht gesagt werden kann. Durch das, was die Theorie sagt, und wie sie es sagt, kommt ihre Grenze zum Vorschein, womit jene vervollkommnet wird. Zweitens führt er den bis dato in der analytischen Philosophie ausgeblendeten Bereich des Ethischen, Mystischen, Unaussprechlichen ein. Seine zweite Phase führt mit anderen Mitteln fort, was im »Traktat« von der Entwicklung einer idealen Sprache ausgehend versucht worden ist zu leisten. Auch hier gilt es, die Grenze des Sag- und Unsagbaren sichtbar werden zu lassen, klassische Probleme der Philosophie als durch die Sprache bedingte zu entlarven: »Eine ganze Wolke von Philosophie kondensiert zu einem Tröpfchen Sprachlehre.«
Werke: [1913]: On Logic And How Not To Do It. Cambridge Rev. [Repr. in: Homberger, E; et al. (Hrsg.): The Cambridge Mind; Boston. 1970. S. 127-129]; [1913]: Rev. of: Peter Coffey: The Science of Logic. Cambridge Rev. (34), H. 6.3.1913. S. 351 [Repr. in: Homberger et al. (Hrsg.): The Cambridge Mind; London. 1970]; [1921]: Logisch-philosophische Abhandlung. Annalen der Naturphilosophie (14), H. 3/4. S. 185-262; [1922]: Tractatus Logico-Philosophicus. With an Introduction by Bertrand Russell. London; New York. 189 S.; [1926]: Wörterbuch für Volksschulen. Wien. [Repr.: Hübner, A.; Leinfellner, W. (Hrsg.); Wien, 1977]; [1929]: Some Remarks on Logical Form. Proceeding of the Aristotelian Society, Suppl. Vol. (9); London. S. 162-171 [Repr. in: Copi/Beard (Hrsg.), 1966]; [1933]: Letter to the Editor. Mind. Quarterly Review of Philosophy (42); Oxford. S. 415-416; [1957]: Notes on Logic. The Journal of Philosophy (54), H. 9; New York. S. 231-245; [1961]: Notebooks 1914-1916. Hrsg. Oxford.; [1961]: Notes Dictated to Moore in Norway (April 1914). In: Wittgenstein, L.: Notebooks 1914-16. Oxford.; [1965]: A Lecture on Ethics. The Philosophical Revue (74); Ithaca (NY). S. 3-12; [1966]: Lectures and Conversations on Aesthetics, Psychology and Religious Belief. Oxford.; [1967]: Bemerkungen über Frazers »The Golden Bough«. Hrsg. v. R. Rhees. Synthese. An International Journal for Epistemology, Methodology and Philosophy of Science (17); Dordrecht. S. 233-253; [1968]: Notes for Lectures on »Private Experience« and »Sense Data«. The Philosophical Revue (77); Ithaca (NY). S. 275-320; [1969]: Briefe an Ludwig von Ficker. Hrsg. von G. H. v. Wright. Salzburg.; [1969]: Tagebücher 1914-16. In: Wittgenstein L.: Schriften. Bd. 1. Frankfurt a. M.; [1971]: Auszüge aus einer Vorlesung, die zu einer; Vorlesungsreihe über das Beschreiben gehörte. In: Barrett, C. (Hrsg.): Wittgenstein, L.: Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychologie und Religion. Göttingen. S. 67-72; [1971]: Gespräche über Freud. In: Barrett, C. (Hrsg.): Wittgenstein, L.: Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychologie und Religion. Göttingen. S. 73-86; [1971]: ProtoTractatus. An Early Version of Tractatus Logico-Philosophicus. Hrsg. von B. F. McGuinness; T. Nyberg, T. und G. H. v. Wright. London.; [1971]: Vorlesungen über Ästhetik. In: Barrett, C. (Hrsg.): Wittgenstein, L.: Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychologie und Religion. Göttingen. S. 19-66; [1971]: Vorlesungen über den religiösen Glauben. In: Barrett, C. (Hrsg.): Wittgenstein, L.: Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychologie und Religion. Göttingen. S. 87-110; [1971]: Vorlesungen und Gespräche über Ästhetik, Psychologie und Religion. Hrsg. von C. Barrett. Göttingen. 111 S.; [1972]: Schriften. Beiheft 1. Frankfurt a. M.; [1972]: Schriften. Beiheft 2: Wittgenstein-Übungsbuch von Ch. Coope, P. Geach, T. Potts und R. White. Frankfurt a. M.; [1973]: Letters to C. K. Ogden. Hrsg. von G. H. v. Wright. Boston.; [1974]: Letters to Russell, Keynes, and Moore. Hr. Ithaca (NY); London.; [1974]: Philosophical Grammar. Hrsg. von R. Rhees. Oxford.; [1976]: Ursache und Wirkung intuitiven Erfassens. Philosophia. Philosophical Quarterly of Israel (6); Ramat-Gan. S. 427-445; [1976]: Wittgenstein's Lectures on the Foundations of Mathematics. Hrsg. von C. Diamond. Hassocks; Ithaca (NY).; [1979]: Schriften. Beiheft 3: Wittgensteins geistige Erscheinung. Hr. Frankfurt a. M. 116 S.; [1980]: Briefwechsel mit B. Russell, G. E. Moore, J.M. Keynes, F. P. Ramsey, W. Eccles, P. Engelmann, L. v. Ficker. Hrsg. von B. F. McGuinness und G. H. v. Wright. Frankfurt a. M.; [1980]: Culture and Value. Oxford: Blackwell Wittgenstein, L. [1980]: Wittgensteins Lectures, Cambridge 1930-32: From the Notes of John King and Desmond Lee. Hrsg. von D. Lee. Oxford.; [1980]: Wittgensteins Lectures, Cambridge 1932-35. From the Notes of A. Ambrose and M. Macdonald. Hrsg. von A. Ambrose. Oxford.; [1982-1992]: Last Writings on the Philosophy of Psychology / Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie. 2 Bände. Hrsg. von G. H. v. Wright und H. Nyman. Oxford. [Deutsch mit englischer Übersetzung von C.G. Luckhardt und M. A. E. Aue. Deutsche Ausgabe in Band 7 der Werkausgabe bei Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1984.]; [1983]: Some Hithero Unpublished Letters from Ludwig Wittgenstein to G. H. v. Wright. Cambridge Rev. H. (28.2.); [1984]: Bemerkungen über die Farben. Über Gewißheit. Zettel. Vermischte Bemerkungen. (Werke, Bd.8). Hrsg. von G. E. M. Anscombe, und G. H. v. Wright. Frankfurt a.M. 575 S.; [1984]: Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik (Werke, Bd. 6). Hrsg. von G. E. M. Anscombe; R. Rhees und G. H. v. Wright. Frankfurt a.M. 446 S.; [1984]: Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie. Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie. (Werke, Bd. 7). Hrsg. von G. E. M. Anscombe; G. H. v. Wright und H. Nyman. Frankfurt a.M. 500 S.; [1984]: Das Blaue Buch. Eine Philosophische Betrachtung (Das Braune Buch). (Werke, Bd. 5). Hrsg. von R. Rhees. Frankfurt a.M. 282 S.; [1984]: Philosophische Bemerkungen (Werke, Bd.2). Hrsg. von R. Rhees. Frankfurt a.M. 319 S.; [1984]: Philosophische Grammatik (Werke, Bd. 4). Hrsg. von R. Rhees. Frankfurt a.M.; [1984]: Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen. (Werke, Bd. 1). Frankfurt a.M. 621 S.; [1984]: Vorlesungen 1930-1935. Cambridge 1930-1932: Aus den Aufzeichnungen von John King und Desmond Lee. Cambridge 1932-1935: Aus den Aufzeichnungen von Alice Ambrose und Margaret Macdonald. Hrsg. von D. Lee und A. Ambrose. Frankfurt a.M. 452 S.; [1984]: Wittgenstein und der Wiener Kreis. Gespräche, aufgezeichnet von Friedrich Waismann. (Werke, Bd. 3). Hrsg. von B. F. McGuinness. Frankfurt a.M. 266 S.; [1989]: `Philosophie'. __ 86-93 (S. 405-435) aus dem sogenannten »Big Typescript« (Katalognummer 213). Revue Internationale de Philosophie (43), H. 2; Bruessel. S. 175-203; [1989]: A Lecture on Freedom of the Will (Notes by Yorick Smythies). Philosophical Investigations (12), H. 2; Oxford. S. 85-100; [1989]: Aufzeichnungen für Vorlesungen über »privates Erlebnis« und »Sinnesdaten«. In: Schulte, J. (Hrsg.): Wittgenstein, L.: Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften. Frankfurt a.M. S. 47-100; [1989]: Bemerkungen über Frazers »Golden Bough«. In: Schulte, J. (Hrsg.): Wittgenstein, L.: Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften. Frankfurt a.M. S. 29-46; [1989]: Bemerkungen über logische Form. In: Schulte, J. (Hrsg.): Wittgenstein, L.: Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften. Frankfurt a.M. S. 20-28; [1989]: Logisch-philosophische Abhandlung. Tractatus logico-philosophicus. Hrsg. von B. F. McGuinness und J. Schulte. Frankfurt a.M.; [1989]: Ursache und Wirkung. Intuitives Erfassen. In: Schulte, J. (Hrsg.): Wittgenstein, L.: Vortrag über Ethik und andere kleine Schrften. Frankfurt a.M. S. 101-139; [1989]: Vortrag über Ethik. In: Schulte, J. (Hrsg.): Wittgenstein, L.: Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften. Frankfurt a.M. S. 9-19; [1989]: Vortrag über Ethik und andere kleine Schriften. Hrsg. von J. Schulte. Frankfurt a.M. 142 S.; [1990]: Tractatus logico-philosophicus. Philosophische Untersuchungen. Hrsg. von P. Philipp. Leipzig. 487 S.; [1991]: Vorlesungen über die Philosophie der Psychologie 1946/47. Aufzeichnungen von P. T. Geach, K. J. Shah und A. C. Jackson. Hrsg. von P. T. Geach. Frankfurt a.M. 566 S.; [1994]: Wittgenstein: Wiener Ausgabe/Vienna Edition. Band 1: Philosophische Bemerkungen. Hrsg. von M. Nedo. New York.; [1994]: Wittgenstein: Wiener Ausgabe/Vienna Edition. Band 2: Philosophische Betrachtungen, Philosophische Bemerkungen. Hrsg. von M. Nedo. New York.
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Diego Compagna
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Letzte Änderung: 06.02.2010