WOLF, Friedrich August Christian Wilhelm, Altphilologe (15.2. 1759
- 8.8. 1824). - Geboren in Hainrode bei Nordhausen als Sohn des
Schulmeisters und Kantors Johann Gotthold Wolf, wurde er bereits in
kindlichem Alter von seinem Vater in die griechische und die lateinische
Sprache eingeführt, so daß er bei seiner Einschulung beträchtliche
Kenntnisse der klassischen Sprachen besaß. 1771 wurde er in das Gymnasium
von Nordhausen aufgenommen, das er 1776 absolvierte. Im April 1777
ließ er sich als »studiosus philologiae« an die Universität zu Göttingen
einschreiben, obgleich dort kein Fach für Philologie vorhanden war,
so daß das Datum seiner Immatrikulation als Meilenstein in der Geschichte
der Philologie gilt. In Göttingen besuchte W. die Vorlesungen des
Altphilologen Christian Gottlieb Heyne (1729-1812), der von den Fähigkeiten
W.'s unbeeindruckt geblieben ist. Nach dem Abschluß seines Studiums
wurde er auf Empfehlung Heynes an das Pädagogikum zu Ilfeld als Lehrer
angestellt. In Ilfeld heiratete er und gleichzeitig mit seinem Lehreramt
arbeitete an seiner Ausgabe des platonischen Symposions. 1781 ging
er als Rektor nach Osterode. 1783 kam W. auf die Empfehlung des preußischen
Ministers von Zedlitz als Ordinarius für Philosophie und Pädagogik
an die Universität zu Halle. Dort hatte er die Gelegenheit, die Altphilologie
aus der engen Bindung mit der Theologie zu befreien und als unabhängige
Wissenschaft zu betreiben. Durch die Gründung des Seminarium philologicum
am 15. Oktober 1787 in Halle wurde die Trennung von der Theologie
offiziell vollzogen. Das Hauptinteresse W.'s galt Homer, hielt er
aber außerdem Vorlesungen über die Tragiker, Aristophanes, Hesiod,
Platon, Demosthenes und Lukian. Dabei wollte er nicht nur Kenntnisse
über das Altertum seinen Studenten übermitteln, sondern vor allem
ihr Interesse für die Altphilologie erwecken, welches Ziel ihm auch
gelungen war, wenn man von der späteren Wirkung seiner Schüler beurteilen
kann. 1795 veröffentlichte W. seine »Prolegomena ad Homerum«, welche
die damaligen Ansichten über den Dichter Homer über den Haufen warfen
und einen neuen Anfang in der Homerforschung bedeuteten. Im selben
Jahr machte W. die Bekanntschaft von Goethe, der ein starkes Interesse
für die »Prolegomena« zeigte. Nach der Besetzung der Stadt Halle durch
den französischen General Bernadotte im Jahr 1806 und der Schließung
der Universität kam W. nach Berlin, wo er seine wissenschaftliche
Untersuchungen fortsetzte. In Berlin hielt er sich bis zum Jahre seines
Todes auf. Nach 1820 konnte er wegen der Verschlechterung seiner Gesundheit
nicht mehr arbeiten. Im Jahr 1824 unternahm er eine Reise nach Marseille,
von welcher er sich eine Verbesserung seiner Gesundheit versprach.
Dort verschlechterte sich aber plötzlich der Gesamtzustand seines
Organismus und er verstarb im Spätsommer dieses Jahres. Er wurde auf
dem protestantischen Friedhof der Stadt beigesetzt. Am 4.10. 1984
wurde vor seinem Geburtshaus in Hainrode sein Porträt an einem Steinsockel
errichtet. - W.'s Verdienst liegt nicht in seinen Schriften, sondern
in seiner Lehre: Durch die systematische Darlegung des griechisch-römischen
Altertums hat er eine neue Generation von Altphilologen erzogen, die
dann eine streng kritische Methode in der Forschung der Altertumswissenschaften
durchgesetzt haben.
Werke: W. hat eine lange Reihe von Schriften hinterlassen.
1) Sein bekanntestes Werk sind die homerischen Prolegomena, erschienen
unter dem Titel: Prolegomena, sive de operum Homericorum prisca et
genuina forma variisque mutationibus et probabili ratione emendandi.
Halle 1795. Weitere Auflagen: Halle 21859; 31884 (Nachdruck
Hildesheim 1963). Das Werk ist auch mit den Anmerkungen Im. Bekkers
1872 und 1876 in Berlin erschienen. Deutsche Übersetzung von H. Muchau,
Leipzig 1908. 2) Encyclopädie der Philologie: Nach seinen Vorlesungen
im Winterhalbjahre 1798-1799 herausgegeben von S.M. Stockmann, Leipzig
1831; Zweite Auflage: Leipzig 1845. 3) Vorlesungen über die vier ersten
Gesänge von Homer's Ilias, herausgegeben und mit Bemerkungen und Zusätzen
begleitet von L. Usteri, Bd. 1-2. Bern 1830-1831. 4) F. Aug. Wolf's
Vorlesungen über die Altertumswissenschaft, herausgegeben von J.D.
Gürtler, Bd. 1-5. Leipzig 1831-1835. 5) Darstellung der Altertumswissenschaft
nebst einer Auswahl seiner kleinen Schriften. Leipzig 1833 (Nachdr.
Berlin 1985). 6) Kleine Schriften in lateinischer und deutscher Sprache,
herausgegeben durch G. Bernhardy, Bd. 1-2. Halle 1869. 7) Museum antiquitatis
studiorum (mit P.C. Buttmann). Berlin 1808. - W. hat auch viele
Textausgaben erstellt: 8) Platon, Symposion. 1782. 9) Theogonia Hesiodea.
Halle 1783. 10) Homeri Odyssea. Halle 1784. 11) Homeri Ilias. Halle
1785. 12) Tetralogia dramatum Graecorum: Aeschyli Agamemnon, Sophoclis
Oedipus Rex, Euripidis Phoenissae, Aristophanis Concionatrices. Halle
1787. 13) Demosthenis oratio adversus Leptinem. Halle 1789. 14) Homeri
Ilias &c. Halle 1794. 15) Homeri Odyssea et Batrachomyomachia. Halle
1794. 16) M.T. Ciceronis... orationes quatuor: i. Post reditum in
senatu; ii. Ad Quirites post reditum; iii. Pro domo sua; iv. De Haruspicum
responsis. Halle 1801. 17) M.T. Ciceronis ...Oratio pro M. Marcello.
Halle 1802. 18) C.Suetonii Tranquilli Opera &c. Halle 1802. 19) OMHROU
EPH &c. Halle 1804. - W. hat viele Briefe hinterlassen; sie
sind in einer monumentalen Ausgabe erst in unserem Jahrhundert erschienen:
S. Reiter, Friedrich August Wolf: Ein Leben in Briefen. Die Sammlung
besorgt und erläutert &c., Bd. 1-3. Stuttgart 1935. Seine Briefe an
C.G. Heyne sind bereits zu seinen Lebzeiten veröffentlicht worden:
Briefe an Christian Gottlieb Heyne &c.: Eine Beilage zu den neuesten
Untersuchungen über den Homer. Berlin 1797. Seine Briefe an Goethe
sind herausgegeben von S. Reiter, Wolfs Briefe an Goethe. Goethe-Jahrbücher
27 (1906) 3-96.
Lit.: J.F.J. Arnoldt, Fr.Aug. Wolf in seinem Verhältnisse
zum Schulwesen und zur Pädagogik, Bd. 1-2. Braunschweig 1861-1862;
- V. Bérard, Un mensonge de la science allemande: Les »Prolégomènes
à Homère« de Frédéric-Auguste Wolf. Paris 1917; - M. Bernays,
Goethes Briefe an Friedrich August Wolf. Berlin 1868; - J. Bolter,
Friedrich August Wolf and the Scientific Study of Antiquity. Greek,
Roman & Byzantine Studies 21 (1980) 83-99; - J. Ebert, Erinnerung
an den Altertumswissenschaftler und Homerforscher Friedrich August
Wolf aus Hainrode. Beiträge zur Heimatkunde aus Stadt und Kreis Nordhausen
12 (1987) 38-45; - B. Erdmann, M. Knutzen und seine Zeit: Ein
Beitrag zur Geschichte der Wolfischen Schule &c. 1876; - L. Friedländer,
Die homerische Kritik von Wolf bis Grote. Berlin 1853; - M. Fuhrmann,
Friedrich August Wolf: Zur 200. Wiederkehr seines Geburtstages am
15. Februar 1959. Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft
und Geistesgeschichte 33 (1959) 187-236; - J. Irmscher, Friedrich
August Wolf. Wissenschaftliche Beiträge der Universität Halle 8 (1975-1976)
39-47; - W. Kaiser - A. Völker, Orientalisten und Altertumsforscher
des Nordhäuser Raumes an der Universität Halle. Beiträge zur Heimatkunde
aus Stadt und Kreis Nordhausen 10 (1985) 65-69; - O. Kern, Friedrich
August Wolf: Rede zum Gedächtnis seines hundertsten Todestages &c.
(Hallische Universitätsreden 25); Halle 1924; - Ders., Die klassische
Altertumswissenschaft in Halle seit Friedrich August Wolf. Halle 1928;
- Ders., Friedrich August Wolf als Hallischer Professor. Thüringisch-sächsische
Zeitschrift für Geschichte und Kunst 24 (1936) 87-108; - H. Koch,
Aus der Geschichte des Robertinums, in: 250 Jahre Universität Halle.
Halle 1944, 248-250; - Konferenz zur 200. Wiederkehr der Gründung
des Seminarium philologicum Halense durch Friedrich August Wolf am
15.10. 1787. Beiträge herausgegeben von J. Ebert und H.-D. Zimmermann.
Halle 1989; - W. Körte, Leben und Studien Friedr.Aug. Wolf's,
des Philologen. Essen 1833; - S. Reiter, in: Neue Jahrbücher für
das klassische Altertum 7 (1904) 89 f.; - J.E. Sandys, A History
of Classical Scholarship, III. Cambridge 31920 (Nachdr.
New York 1958), 51-60; - W. Schrader, Geschichte der Friedrichs-Universität
zu Halle, I. Halle 1894, 434 f.; - R. Sellheim, Friedrich August
Wolf als Begründer der Altertumswissenschaft, in: 450 Jahre Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg, II. Halle 1952, 159-168; - H. Stoeckius, Zur
Feier des vierhundertjährigen Bestehens des Gymnasiums zu Nordhausen,
1924, 92 f.; - R. Volkmann, Geschichte und Kritik der Wolfschen
Prolegomena zu Homer &c. Leipzig 1874; - U. von Wilamowitz-Möllendorff,
Homerische Untersuchungen. Berlin 1884, 400 f.; - Ders., Die Ilias
und Homer. Berlin 1916, 14 f.; - Ders., Geschichte der Philologie
(Einleitung in die Altertumswissenschaft, I). Berlin 31927,
48; - Ders. in: `Der Tag' vom 8. August 1924 (Nr. 190).