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Band XV. (1999) Spalten 1545-1548 Autor: Hildegard Ernst

WOLFRADT (Wolfrath), Franz Anton von, OCist/OSB, Abt von Kremsmünster, Fürstbischof von Wien, kaiserlicher Geheimer Rat, * 9.7. 1581 in Köln, + 1.4. 1639 in Wien. Der Sohn eines Schneiders war Jesuitenschüler und studierte 1599-1601 Philosophie am Collegium Germanicum in Rom. 1601 trat er in den Zisterzienserorden ein, war Novize in Clairvaux und legte 1604 die feierliche Profeß in Heiligenkreuz bei Wien ab. Danach studierte er in Rom und wurde dort als Doktor der Theologie am 21.10. 1607 zum Priester geweiht. 1608 betätigte sich W. als theologischer Lehrer im Zisterzienserstift Rein bei Graz und versah seit 1609 gleichzeitig das Stiftspfarramt Gratwein. 1609 nahm W. am Generalkapitel in Citeaux teil. Auf Empfehlung von Kardinal Klesl wurde er 1612 Abt des Zisterzienserstifts von Wilhering in Oberösterreich. 1613 setzte Kaiser Matthias W. als Administrator des Benediktinerstifts Kremsmünster ein. Zum dortigen Abt wurde er am 15.12. 1613, nachdem Papst Paul V. und der Generalabt von Citeaux ihre Zustimmung zum Übertritt W.'s in den Benediktinerorden gegeben hatten. - W. bemühte sich sehr um eine Reform in Kremsmünster und anderen Stiften und betrieb, allerdings ohne Erfolg, die Gründung einer eigenen österreichischen Benediktinerkongregation. Als Verordneter der obderennsischen Stände zeigte sich W.'s Begabung in Finanz- und Verwaltungsangelegenheiten, so daß ihn Kaiser Ferdinand II. 1620 zu seinem Rat und 1623 zum Präsidenten der Hofkammer berief. 1624 wurde W. Hofrat und 1626 Wirklicher Geheimer Rat. - W. hatte die schwierige Aufgabe, Ordnung in die kaiserlichen Finanzen zu bringen, um die enormen Schulden Ferdinands II. allmählich abzutragen. Er plante deshalb die Errichtung einer "Hauptcasse", in der die Einnahmen der einzelnen Kammern erfaßt werden sollten. W. scheiterte jedoch mit seinem Vorhaben und gab 1630 sein Amt als Präsident der Hofkammer auf. Daß ihm kein Erfolg beschieden war, lag u. a. daran, daß W. häufig mit diplomatischen Aufträgen beschäftigt war, die seine Zeit in Anspruch nahmen und ihn von Wien fernhielten. So verhandelte er 1626 mit den aufständischen Bauern in Oberösterreich und wurde vom Kaiser immer wieder zu den Mitgliedern der Katholischen Liga gesandt. - 1630 schlug Kardinal Klesl W. als Koadjutor an seinem Bischofssitz in Wien vor und bestimmte ihn zu seinem Testamentsvollstrecker. Nach Klesls Tod nominierte Kaiser Ferdinand II. den Abt am 15.2. 1631 zum Bischof von Wien (päpstliche Verleihung am 26.5. 1631). Geweiht wurde W. am 3.8. 1631 durch Kardinal Franz von Dietrichstein im Stephansdom zu Wien. Am Tag zuvor hatte ihn der Kaiser in den Reichsfürstenstand erhoben. Ferdinand II. hatte seit 1629 mehrmals versucht, für W. die Kardinalswürde zu erlangen. Auch seinem Sohn und Nachfolger, Kaiser Ferdinand III., war in dieser Hinsicht kein Erfolg beschieden. - W. hatte einen großen Einfluß auf Kaiser Ferdinand II. 1628 war der Abt in seiner Eigenschaft als Hofkammerpräsident ein Befürworter der Translation der beiden Mecklenburgischen Herzogtümer an den kaiserlichen General Wallenstein, weil dadurch die Finanzierung der kaiserlichen Armee gesichert werden konnte. 1633/34 gehörte W. mit Johann Ulrich Fürst von Eggenberg und Maximilian Graf Trauttmansdorff zu dem kleinen Kreis von Vertrauten des Kaisers, die zur Gefangennahme Wallensteins rieten, weil sie inzwischen von dessen verschwörerischen Absichten überzeugt waren. W. handelte damit im Sinne des spanischen Botschafters Oñate, der bereits vorher die Auszahlung der spanischen Subsidien an Wallenstein eingestellt hatte. Ganz auf der spanischen Linie lag der Fürstbischof von Wien, wenn er dem Kaiser zu einem Ausgleich mit den evangelischen Ständen im Reich riet und den Prager Frieden von 1635 befördern half. Nach dem Tode des spanienfreundlichen Fürsten Eggenberg (18.10. 1634) wurde W. die Korrespondenz mit Johann Karl Graf von Schönburg übertragen, der kurz zuvor als kaiserlicher Botschafter nach Madrid gesandt worden war, um bei Philipp IV. eine weitere finanzielle Unterstützung der Armee Ferdinands II. zu erwirken. Hier erwies sich der Fürstbischof jedoch als wenig hilfreich, indem er den Gesandten oft monatelang ohne Nachrichten ließ und so verhinderte, daß die kaiserlichen Interessen in Madrid wirksam vertreten wurden. Ob dies aus Nachlässigkeit, Zeitmangel oder Absicht geschah, ist schwer zu sagen. Die spanischen Gesandten in Wien jedenfalls sahen in W. einen ausgemachten Parteigänger Frankreichs und des Papstes und damit einen Gegner Spaniens in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers. - Auch Ferdinand III. schätzte W. und machte ihn zum Direktor seines Geheimen Rates. Der Fürstbischof starb am 1.4. 1639 in Wien und wurde im Stephansdom beigesetzt.

Lit.: Bustum tristissimum piis manibus Antonii, Episcopi Viennensis, S. R. Imperii Principis, Abbatis Cremiphanensis ... postum a filiis Cremiphanensibus, 1639; - Alexander Hopf, Anton Wolfradt, Fürstbischof von Wien und Abt des Benedictinerstiftes Kremsmünster, Geheimer Rat und Minister Kaiser Ferdinands II., 3 Bde. 1891-1894; - Henry Frederick Schwarz, The Imperial Privy Council in the Senventeenth Century, 1943; - Benedikt Pitschmann, Kaiserliche Bemühungen um den Purpur für Abt Anton Wolfradt von Kremsmünster, in: Röm. Histor. Mitt. 11 (1969), 79-109; - Golo Mann, Wallenstein, 1988; - Hildegard Ernst, Madrid und Wien 1632-1637. Politik und Finanzen in den Beziehungen zwischen Philipp IV. und Ferdinand II., 1991; - Christoph Kampmann, Reichsrebellion und kaiserliche Acht. Politische Strafjustiz im Dreißigjährigen Krieg und das Verfahren gegen Wallenstein 1634, 1993; - Die Bischöfe des Heiligen Römischen Reiches 1448 bis 1648. Ein biographisches Lexikon, herausgegeben von Erwin Gatz unter Mitarbeit von Clemens Brodkorb, 1996.

Hildegard Ernst

Verlag Traugott Bautz,

Letzte Änderung: 08.03.1999