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Band XIV (1998)Spalten 273-278 Autor: Adolf Lumpe

XENOPHANES von Kolophon, griech. Dichter und Philosoph, * um 580 v. Chr. in Kolophon in Kleinasien, + nach 478 v. Chr. - Über die Einzelheiten seiner Biographie herrschen unter den Forschern verschiedene Meinungen. Am wahrscheinlichsten dürfte sein, daß X. um 540, als Kolophon unter persische Herrschaft gekommen war, nach Elea in Unteritalien auswanderte und von dort aus als Rhapsode umherzog, wobei er im Unterschied zu den meisten anderen Vertretern dieses Standes nicht Abschnitte aus den frühgriechischen Epen, sondern seine eigenen Dichtungen vortrug. Diese waren teils Elegien, teils sogenannte Silloi, d.h. polemische Verssatiren in Hexametern mit eigestreuten Jamben, eine Dichtungsgattung, die er selbst erfunden haben soll. Von diesen Dichtungen sind uns nur Bruchstücke durch spätere Autoren überliefert. Auch wird ihm ein Lehrgedicht mit dem Titel Per<< jusewV (über die Natur) zugeschrieben, bei dem es sich wohl auch um einen später mit dieser Überschrift versehenen Sillos mit Polemik gegen mythologische Erklärungen von meteorologischen und astronomischen Erscheinungen handelt. In seinen Dichtungen erweist sich X. als Kritiker traditioneller Sitten und Vorstellungen. So tritt er dafür ein, daß vernünftige Männer beim Symposium nicht mythologische Dichtungen anhören oder politische Kampflieder singen, sondern die Gottheit preisen sollen (Frgm. 1). Berühmt ist seine Kritik an der nach seiner Meinung übertriebenen Verherrlichung der siegreichen Wettkämpfer in den athletischen Spielen, über deren Leistungen er das geistige Wissen stellt, das allein für die gute Ordnung im Staate nützlich sei (Frgm. 2). Scharfe Kritik übt X. an der anthropomorphistischen Mythologie der frühgriechischen Epen (Frgm. 11: »Alles haben den Göttern Homer und Hesiod angehängt, was bei den Menschen schimpflich und tadelnswert ist: Stehlen, Ehebrechen und einander Betrügen«). Im Gegensatz hierzu erklärt X., daß ein einziger Gott unter Göttern und Menschen am größten sei, der weder an Gestalt noch an Gedanken den Sterblichen ähnlich sei (Frgm. 23). Dieser benötige zum Erkennen und Handeln keine Organe wie die Menschen, sondern bewege alles mittels der Denkkraft seines Geistes (Frgm. 24-25); auch bewege er sich nicht im Raum hin und her (Frgm. 26). Einen reinen Monotheismus hat X. somit nicht gelehrt, da er neben diesem obersten Gott noch untergeordnete Einzelgötter annahm, die er sich aber auch nicht anthropomorph, sondern als mit göttlicher Kraft beseelte Naturkörper vorstellte; er dürfte dabei wohl vor allem an das Meer und die Erde gedacht haben, aus denen er alle Naturgebilde entstanden sein läßt, wobei er meteorologische und astronomische Erscheinungen auf den Verdunstungsprozeß des Wassers und die Entstehung der Lebewesen auf die Verbindung von Erde und Wassser zurückführte (Frgm. 29-33; vgl. auch Frgm. 27); auch hierbei ging es ihm weniger um die Aufstellung einer naturphilosophischen Urstofflehre, als vielmehr um Kritik an der mythologischen Naturdeutung, die er dabei freilich selbst nicht ganz überwand. Seine Äußerung, daß sich das untere Ende der Erde ins Unermeßliche erstrecke (Frgm. 28), ist wohl nicht so zu verstehen, daß die Erde nach unten unendlich sei, sondern daß sie dort an eine unendliche Leere grenze; damit stellt er sich in Gegensatz zu den Ansichten der jonischen Naturphilosophen Thales und Anaximenes. Die orphisch-pythagoreische Seelenwanderungslehre hat X. abgelehnt (Frgm. 7). Auch die mythologische Vorstellung von kulturbringenden Göttern und Heroen wies er zurück und schrieb statt dessen das Finden neuer Erkenntnisse und Kulturgüter dem Suchen und Streben der Menschen selbst zu (Frgm. 18). In Frgm. 34 erklärt er, daß die Menschen das Genaue über die Götter und das All nicht erkennen können, sondern ihnen hierüber nur Meinung möglich sei. Wenn spätere Skeptiker ihn daher als ihren Vorläufer ansahen, so war dies unberechtigt; X. hat noch keine eigentliche Erkenntnistheorie betrieben, sondern wollte nur ganz einfach die Begrenztheit des menschlichen Erkenntnisvermögens zum Ausdruck bringen. Nach alter Überlieferung hat X. die eleatische Schule begründet, deren Hauptvertreter Parmenides sein Schüler gewesen sein soll. Daran dürfte richtig sein, daß Parmenides den X. gehört und von ihm Anstöße zur Ausbildung seiner Lehre empfangen hat. Damit hängt die Frage zusammen, ob sich X. die Beziehung zwischen dem obersten Gott und dem Kosmos mehr in einem dualistisch-theistischen oder in einem monistisch-pantheistischen Sinne gedacht hat. Hierzu hat schon Aristoteles (Metaph. I 5 p. 986 b 21-24) richtig bemerkt, daß sich X. über das Wesen des von ihm angenommenen Einen nicht deutlich geäußert habe, sondern nur im Hinblick auf den ganzen Himmel (d.h. das All) gesagt habe, das Eine, dessen er sich dabei bewußt werde, sei Gott. Eine spätere, fälschlich unter dem Namen des Aristoteles überlieferte Schrift »De Melisso Xenophane Gorgia« schreibt dem X. ein recht ausgebildetes dialektisches Gedankengebäude im eleatischen Sinne zu; dazu hat schon Eduard Zeller erklärt, daß ein solches System bei einem so frühen Denker nicht erwartet werden könne und auch zu dem Charakter seiner wörtlich erhaltenen Fragmente im Widerspruch stehe. Dagegen wiesen andere darauf hin, daß die von Melissos und Gorgias handelnden Teile dieser Schrift anerkanntermaßen als historisch zuverlässig erwiesen seien, weshalb man den über X. berichtenden Teil nicht einfach als unsinnige Erfindung zurückweisen könne. Karl Reinhardt ging so weit, die herkömmliche Ansicht von der Lehrer-Schüler-Beziehung zwischen X. und Parmenides umzudrehen und zu behaupten, X. habe in späteren Jahren die Philosophie des Parmenides kennengelernt und daraufhin in dessen Geist einen Traktat verfaßt, welcher der genannten Schrift zugrunde liege. Richtig ist aber wohl die an Zeller anknüpfende Erklärung von Peter Steinmetz, nach welcher der unbekannte Verfasser von »De Melisso Xenophane Gorgia« ein doxographisches Werk (wahrscheinlich die »Physicorum opiniones« Theophrasts) benutzt hat, in welchem Aussagen aus verschiedenen Gedichten des X. zusammengetragen und ein vermeintlich hinter diesen stehendes Gedankengebäude rekonstruiert worden war. Daß die Darstellung der Lehren des Melissos und Gorgias in der genannten Schrift zuverlässiger ist, erklärt sich leicht daraus, daß diese Philosophen Prosaschriften hinterlassen haben, aus denen ihre Ansichten deutlicher erkannt werden konnten. Die Mythenkritik des X. hat das Interesse der Kirchenschriftsteller, besonders des Klemens von Alexandrien, gefunden; letzterer hat uns in seinen »Stromateis« einige der von X. erhaltenen Fragmente überliefert. Im Ausgang des 6. Jahrhunderts unterzog der Homererklärer Theagenes von Rhegion die dem Homer zugeschriebenen Epen einer allegorischen Deutung, durch welche er wahrscheinlich die Angriffe des X. auf jene zu entkräften suchte; diese Erklärungsmethode wurde später durch die stoischen Philosophen, die pergamenischen Grammatiker und die Neuplatoniker wieder aufgenommen und hat auch auf die allegorische Bibelauslegung des Philon von Alexandrien und der Kirchenväter eingewirkt. Zusammenfassend kann man sagen, daß die Bedeutung des X. hauptsächlich in seiner Kritik überlieferter Vorstellungen und Gewohnheiten liegt, während seine positiven Aussagen noch recht unbestimmt sind und daher zu unterschiedlichen Auslegungen Anlaß geben konnten.

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Adolf Lumpe

Letzte Änderung: 29.11.1998