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Band XIV (1998) 377-380 Autor: Josef Johannes Schmid

ZELENKA, Jan Dismas (eigentl.: Lucas Ignatius), böhmisch-sächsischer Komponist und Capellmeister, * 16. Oktober 1679 Louîovice + 22. Dezember 1745 Dresden. Vater: Jiòi Z. (1655-1724), Organist in Louîovice, Mutter: Maria Magdalena Z., geb. Hajek. - Seine erste musikalische und allgemeine Ausbildung erhielt Z. durch den Vater, konnte dann aber, als man auf die Begabung des Knaben aufmerksam geworden war, zum studium generale auf die Jesuitenuniverstät nach Prag wechseln. 1709 erst finden wir ihn wieder als Kontrabassist im Hausorchester des Grafen Hartig, ein Jahr später wechselt Z. in gleicher Funktion an den Dresdner Hof, wo er nun - mit kurzen Unterbrechungen - den Rest seines Lebens verbringen sollte. Wegen seiner - nun auch schon als Komponist - herausragenden Begabungen wird er 1715 der Begleitung des Kurprinzen Friedrich August für dessen Cavalierstour nach Italien zugewiesen, kommt aber nur bis Wien, wo er bei Johann J. Fux Unterricht in Tonsatz und Musiktheorie nimmt. 1716 wandert er dann ohne fürstliche Begleitung nach Venedig, um dort Schüler Antonio Lottis zu werden, eine weitere Studienreise zu Alessandro Scarlatti nach Neapel ist nicht sicher belegt. In diesen Jahren entsteht auch die riesige, von ihm selbst hschr. angelegte Sammlung von Abschriften italienischer Musik seiner und älterer Zeit (Frescobaldi, Palestrina etc.). 1719 nach Dresden zurückgekehrt, muß er nun, ohne offizielle Benennung und Besoldung, auch die Aufgaben des erkrankten Capellmeisters Johann D. Heinichen mitübernehmen. Doch seine Bekanntheit ist im Steigen begriffen: einen ersten Höhepunkt erreicht sie durch den Kompositionsauftrag für das Oratorium »Sub oleo pacis et palma virtutis« anläßlich der Krönungsfeierlichkeiten Carls VI. zum König von Böhmen 1723, wobei in Prag bei Hofe auch seine bis dahin komponierten großen Orchsterwerke (Suite F-Dur, Ouverture Hypocondria) unter Leitung des Autors zur Aufführung gelangen. In Dresden jedoch steht die Kirchenmusik immer mehr im Vordergrund seines Schaffens. 1729 stirbt Heinichen, doch bleibt für Z. weiterhin nur dessen Arbeit, ohne Vergütung: 1734 wird der auf der Höhe seines Ruhmes stehende Johann A. Hasse, dessen Werke dem galanten Geschmack des Churfürst-Königs mehr entgegenkommen, zum leitenden Capellmeister ernannt, Z. erhält, ähnlich wie Johann S. Bach, 1735 lediglich den Ehrentitel eines `Cathedral=Compositeurs'. Immer mehr beginnt Z. nun, sich auf sich selbst zurückzuziehen und den »alten Styl« zu verteidigen, obwohl vor allem in den Chorwerken der 1730er Jahre (z.B. Calvaria, Die Büßer am Grabe) eine Auseinandersetzung mit dem neuen italienischen Stil nicht zu verkennen ist. Zu Z.s musikalischem Vermächtnis werden seine »Six Missae Ultimae«, von denen allerdings nur vier vollendet werden und deren Namen bezeichnend sind: »Missa Dei Patris, Missa Dei Filii, Missa Sanctissimae Trinitatis, Missa Sanctorum Apostolorum«. Z. stirbt am 22. Dezember 1745 in Dresden. - Ähnlich wie J.S. Bach oder A. Vivaldi stand Z. am Ende seines Lebens als Vertreter einer als veraltert angesehenen, strengen Musikrichtung einer ganz anderen Formidealen huldigenden Generation junger Musiker und Komponisten gegenüber. Hinzu kam bei Z. eine schwierige, in sich gekehrte Natur: so ist z.B. die durch ihn selbst vorgenommene Änderung seiner Taufnamen Lucas Ignatius in jene des Jüngers unter dem Kreuz und des (guten) Schächers bis heute ungeklärt und läßt auf ein prägendes Erlebnis in seiner Prager Jugend schließen. Trotz dieser persönlichen Eigenheiten gehört Z. durch seine expressivistische, oftmals krasse und ungewöhnliche Tonsprache, sowie auch durch sein unerschütterliches Selbstverständnis, einer der letzten Vertreter einer sterbenden, aber überlegenen Musikkultur zu sein, zu den überragenden Gestalten des musikalischen Barock und ist ohne Zweifel dem in der Persönlichkeit sehr ähnlichen J.S. Bach gleichberechtigt an die Seite zu stellen. Nach seinem Tode fiel Z. der Vergessenheit anheim, doch im Zuge des tschechischen Nationalbewußtseins des 19. Jhds. wurden seine Instrumentalwerke wiederentdeckt (1863 erste Wiederaufführung der F-Dur Suite in Prag unter Bedrich Smetana). Trotz der Verluste durch die Bombenangriffe begann nach 1945 auch in Dresden ein neues Interesse an Z. einzusetzen, doch sind die Mehrzahl seiner erhaltenen - meist kirchenmusikalischen - Werke noch nicht edierte Mss. Daher erscheint eine abschließende Beurteilung des Gesamtwerkes des »katholischen Bach« selbst zum heutigen Zeitpunkt noch verfrüht.

Werke: (aus den genannten Gründen kann eine Gesamtauflistung der nach den Kriegsverlusten erhaltenen Werke noch nicht geschehen.) R. Eitner (s.u. Lit.) nannte 1904 allein an kirchenmusikalischen Werken: 21 Messen (darunter die genannten 4 »Missae Ultimae), 7 Kyrie; 4 Gloria, 2 Credo, 6 Sanctus, 7 Agnus Dei, 4 Offertorien, 3 Requien (alle erhalten: D-Dur, c-Moll, d-Moll), 2 Te Deum, 108 (!) Psalmen, »Officium Hebdornadae Sanctae« (kompl. erhalten mit allen Lektionen und Respons.), weiterhin schon damals ungezählte Litaneien (darunter die kuriose »Litania Omnium Sanctorum«), Antiphone, Motetten; 3 Oratorien, 3 geistl. Cantaten. - Instrumentalwerke: Sei Sonate (2 ob, b. c.) (1715); Symphonia à 8 (1723); Hypocondria à 7 (1723); Concerto per orchestra à 8 (1723); Ouverture (Suite) in F-Dur (1723); Cinque Capricci (1729); Reiterfanfaren (4 tp, timp) (?). - Werkverzeichnis (der bislang erschlossenen Werke): Wolfgang Reich, J. D. Z. -thematisch-systematisches Verzeichnis seiner musikalischen Werke, 2 vols., 1985 (ZWV). - Schrifttumsverzeichnis (bis 1980): Z-Bibliographie, in SMZ 120/V (1980), 302-340.

Lit.: M(?) Fürstenau, Beyträge zur Geschichte der Könglich sächsischen musicalischen Capelle, 1849; - Otto Schmid, Musik am sächsischen Hofe, 1904; - ders., J.D.Z., in: Der Auftakt III (1923), 229ff.; - Vladimir Novßk, K poÚßtkùm drammtické tvorby Jana Dismase Zelenky, in: Hudebni vÞda (HV) IV (1967), 662ff.; - DÞjiny Úeského divadla, pars 1, 1968; - Jaroslav Buþga, Dokumenty o pùsobení i.D. Zelenky v saské dvorní kapele v Drßþd'anech', in: HV XII (1975), 83ff.; - ders., Skladatelský odkaz Jana Dismase Zelenky', in: HV XVI (1979), 305ff.; - ders., Pñispéky k þivotopisu J.D. Zelenky, in: HV XXI (1984), 137ff.; - Petr Vít, J.D.Z. ve svÞtle rodící se Úeské hudebni historiografie (= Muzikologické dny/ Zßbòeh na Moravé), 1979; - NB: die ganze Nummer der Schweizerischen Musikzeitung (SMZ) 120/V (1980) ist J.D.Z. gewidmet: Jürg Stenzl, J.D.Z.?, ebd., 265-286; - Andreas Holzschneider, Zur Rezeption der barocken Instrumentalmusik, ebd., 268-173; - V(?) Ravizza, J.D.Z. et sa musique instrumentale, ebd., 274-283; - Thomas Kohlhase, Ad majorem Dei gloriam: Anmerkungen zu Z.s Kirchenmusik, ebd., 284-297; - Hans-J. Irmen, Gesu al Calvario. Un oratorio de la passione de J.D.Z., ebd., 297-302; - Andres Briner, Zwei Meisterwerke von Z., in: NZZ 96 (1984), 39f.; - Susanne Oschmann, J.D.Z.: seine geistlichen italienischen Oratorien, 1986; - Wolfgang Horn/Thomas Kohlhase, Z-Dokumentation, 2 vols., 1989; - Robert Eitner, Biographisch-bibliographisches Lexikon X (1904); - Hubert Unverricht, J.D.Z., in MGG 14 (1968), coll. 1192-1198; - Camillo Schœnbaum, J.D.Z., in: Grove XX (1980), 659-661; - Brockhaus/Riemann IV (1989), 365.

Josef Johannes Schmid

Letzte Änderung: 06.03.2003