|
Verlag Traugott Bautz
|
![]() |
|
|
||||
|
|
||||
|
|
||||
|
|
ZELLER, Christian Heinrich (1779-1860) * 29. März 1779 auf Schloß Hohenentringen bei Tübingen und † 28.5. 1860 in Beuggen bei Rheinfelden, von Hause aus Jurist, wurde zu einem der bedeutendsten Pädagogen des 18. Jhd. Nachdem der geschäftstüchtige Vater, der mehrere Jahre Kostgänger zur Erziehung bei Flattich war, den Hof nach »dreizehn Jahren zum doppelten Preis an den Herzog Karl Eugen verkauft hatte«, zog die Familie in die neue herzogliche Residenz nach Ludwigsburg. Der streng erzogene Z., dem, »wenn er seinen Platz in der Schule verlor, und einen niedrigeren erhielt, zu Hause noch von seinem Vater eine Strafe zugemessen« wurde, entstammte der Familie der alt-württembergischen Ehrbarkeit und studierte standesgemäß in Tübingen von 1796-1800 Jura. Dort gehörte er zu einem »Kränzchen« pietistischer Studenten. Friedrich Bahnmaier war »Präsident« und Christian Gottlieb Blumhardt sowie Johann G. Handel waren aktive Mitglieder. Durch seinen Bruder Karl August, der im Stift Theologie studierte, wurde er Essensgast im Stift und bekommt so den Zugang zur Theologie. Nach bestandenem juristischen Examen wurde Z. 1801 Kanzleiadvokat in Ludwigsbug und ab Juli 1801 Hauslehrer in Augsburg. Damit begann seine pädagogische Berufstätigkeit, die sein weiteres Leben bestimmte. Die Lehr- und Wanderjahre als Hauslehrer von 1801-1819 führten Z. nach Augsburg und St. Gallen, wo er die Reform des Zofinger Schulwesens unternahm und schließlich zu seiner wichtigsten Aufgabe: der Gründung und Leitung der »Armenschullehreranstalt Beuggen«. Durch intensives Studium arbeitete er sich in diesen Jahren in die neue Pädagogik »zum Heil der Nation, zum Heil der Menschheit« ein. In seiner Zofinger Schulreform forderte er, daß durch die Schulbildung aller Kinder »die von Gott in das Kind gelegten Kräfte angeregt, die angeregten Kräfte entwickelt, die entwickelten Kräfte gestärkt und die Kinder zu allem Guten gerichtet und gewöhnt werden.« Da arme Kinder die Schule nicht regelmäßig besuchen konnten, mußten Armen- und Arbeiterschulen eingerichtet werden. In St. Gallen war Z. im Hause Schlatter mit einem Kreis von Menschen in Verbindung gekommen, die sich um den 1801 verstorbenen Lavater und dessen Schwiegersohn, den Zürcher Pfarrer Georg Gessner und Pestalozzianhänger Heinrich Jung-Stilling gesammelt hatten. Zu den Freunden des Schlatterhauses gehörten auch die Katholiken Johann Michael Sailer, der spätere katholische Bischof von Regensburg, und Johannes Evangelista Gossner, der spätere Gründer der Gossner-Mission. Die Begegnung mit C. F. Spittler im Jahre 1816 »unter den Bäumen des Münsterkirchhofs zu Basel«, während eines Besuchs seines alten Freundes C.G. Blumhardt in Basel, führte schließlich zur Gründung der »Armenschullehreranstalt « verbunden mit einer »Rettungsherberge für arme verwahrloste Kinder« in dem oberhalb von Basel gelegenen ehemaligen Deutschordensitz Schloß Beuggen, das dem Land Baden gehörte, aber sehr heruntergekommen war. Ziel der Anstalt war, Theorie und Praxis zu verbinden und die Ideale Pestalozzis zu verwirklichen: »das Elend des Volkes zu mindern.« Am »festlichen Tag der dreihundertjährigen Feier der heilbringenden Reformation« 1817 entstand der Armenschullehrerverein, dessen Mitglieder »vier Theologen, ein Lehrer, ein Gerichtsherr, zwei Handelsherren und Spittler« waren. Die Ausbildung begann im April 1820. Sie wurde ununterbrochen bis 1860 nach dem von Z. entworfenen Konzept weitergeführt und blieb bis 1937 in der dritten Generation unter Zellerscher Leitung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nur noch das Kinderheim bis 1981 weitergeführt, nachdem die Basler Mission 1954 das Anwesen Beuggen der Evangelischen Landeskirche Baden geschenkt hatte. Als Lebensgrundsatz formulierte Z.: »Dem Erzieher muß man abspüren, daß er selbst täglich ein von Christus Erzogener ist«. Z. schuf ein Gegenmodell zu den damals bestehenden Seminaren. Nicht die bürgerliche Bildung, sondern »Christenbildung« wurde zur Hauptsache. Pestalozzi faßte nach einem Besuch in Beuggen 1826 sein Lob so zusammen: »Das war's, was ich wollte«. Unter dem Eindruck der Persönlichkeit Zs. entstanden bis 1845 weitere 22 Rettungshäuser in Württemberg. Bis heute bestehende Einrichtungen sind: 1829 die Paulinenpflege Stuttgart; 1823 Paulinenpflege Winnenden; 1823 Korntal; 1825 Tuttlingen; 1826 Paulinenpflege Kirchheim/Teck; 1826 Stammheim; 1835 Mathildenstift Ludwigsburg; 1836 Freiwillige Armenschullehrer- und Kinderrettungsanstalt Liechtenstein; 1836 Herbrechtingen; 1843 Kinderrettungs-und Schullehrbildungsanstalt Tempelhof. - Z. ist einer der großen Pioniere der Inneren Mission.
Werke: Die Jahres- Feier der freywilligen Armen- Schullehrer-Anstalt zu Beuggen (ab 1821-1844); Jahresbericht der freiwilligen Armen- Schullehrer-Anstalt in Beuggen. Von Inspektor Zeller, Basel 1824; Lehren der Erfahrung für christliche Land-und Armen-Schullehrer: eine Anleitung zunächst für die Zöglinge und Lehrschüler oder freiwilligen Armen- Schullehrer- Anstalt in Beuggen. Basel 1827/ 28 Bde 1-3; Lois und Eunike. 2. Tim 1, 5. Die Erziehung der Kinder für Zeit und Ewigkeit. Mit einem Vorwort von Reinhard Zeller. Basel o.J; Bericht über die gegenwärtige Einrichtung und Verfassung der freiwilligen Armen- Schullehrer-Anstalt in Beuggen, Basel 1833; Über Kleinkinder-Pflege. Ein kurze Anleitung für Mütter, Kinderwärterinnen und Kleinkinder- Erzieher. Zweite hie und da verbesserte Auflage, Basel 1841, neue verbesserte Auflage 1883; Weihnachtsbetrachtung. Straßburg 1844; Kurze Seelenlehre gegründet auf Schrift und Erfahrung für Eltern, Erzieher und Lehrer. Zum häuslichen und Schul-Gebrauche, Stuttgart 1846; Echo. Stimmen aus dem Volke und der Erfahrung für Errichtung kleiner Erziehungsanstalten zur Bildung christlicher Dienstmägde. Bevorwortet von Herrn Inspektor Zeller in Beuggen, Basel 1845; Göttliche Antworten auf menschliche Fragen. Ein biblisches Spruch- und Lehrbüchlein, Basel 18754; Die Wahlsünden. Eine Betrachtung, Basel 1882; Weisheit von oben. Aus Gottes Wort geschöpft. Mit einem Vorwort von W. Arnold, Basel 1889; Die Erziehung der Kinder für Zeit und Ewigkeit. Mit einem Vorwort von Reinhard Zeller. Zweite durchgesehene Aufl., Basel 1893; Jenseits. Gedanken nach der Heiligen Schrift, Basel 18933; Heinrich Wallers Jugendjahre erzählt von Christian Heinrich Zeller, Basel 1889.
Lit.: Heinrich Tiersch: Christian Heinrich Zellers Leben, 2 Bde., 1876; - Karl Ruth: Die Pädagogik der süddeutschen Rettungshausbewegung. Chr. H. Zeller und der schwäbische Pietismus, Berlin 1927; - Johannes Schnell: Zeller und Beuggen (aus: »Christlicher Volksbote von Basel« Jg. 1877, Nr. 12-17, Basel 1878; - Traugott Schölly, Christian Heinrich Zeller: Inspektor der Anstalt in Beuggen. Ein Lebensbild, Basel 1901; - Gottfried Dehlinger: Christian Heinrich Zeller. Pädagoge des schwäbischen Pietismus, Stuttgart 1982; - Karl Rennstich: ... nicht jammern, Hand anlegen! Christian Friedrich Spittler. Sein Werk und Leben. Metzingen (Franz), 1987.
Karl Rennstich
Literaturergänzung
Hauss, Gisela: Retten, Erziehen, Ausbilden, Zu den Anfängen der Sozialpädagogik als Beruf, Bern, 1995; - Thomas K. Kuhn, Religion und neuzeitliche Gesellschaft. Studien zum sozialen und diakonischen Handeln in Pietismus, Aufklärung und Erweckungsbwegung, Tübingen 2003.
Letzte Änderung: 08.01.2006