ZÜRN, Jörg, Bildhauer, ältester Sohn des Bildhauers Hans Z. d. Ä., * zw. 1583 und 1584 Waldsee (Schwaben), † zw. 1635 und 1638 Überlingen. - Im Anschluß an eine mindestens vierjährige Lehre bei seinem Vater in Waldsee und eine zweijährige Wanderzeit arbeitete J.Z. entweder seit 1601 oder 1603 als Geselle des Überlinger Bildhauers Virgilius Moll. 1607 heiratete er dessen Witwe, übernahm als Meister seine Werkstatt und erhielt das Bürgerrecht. Das erste große Werk stellt der Marienaltar in der Betz'schen Kapelle des Überlinger Münsters zwischen 1607 und 1610 dar, an dem der Meister die Steinreliefs und Sebastiansfigur selbst ausgeführt hat. Obwohl J.Z.s Ausbildung durch die gotischen Stilelemente im Werk seines Vaters und V. Molls geprägt war, entspricht der Betz-Altar im Aufbau dem Schema der Spätrenaissance. Die Darstellung des Marientods spiegelt in ihrer Formensprache am deutlichsten den Einfluß des Konstanzer Bildhauers Hans Morincks wider, der im Stil der niederländisch-italienisierenden Spätrenaissance gearbeitet hatte. Als zwei weitere gesicherte Frühwerke gelten der Reischach-Grabstein von 1610 und das Sakramentshaus für das Überlinger Münster von 1611. Das Hauptwerk des Meisters bildet der fünfgeschossige Hochaltar des Münsters St. Nikolaus in Überlingen (1613-1619), der gleichzeitig eine zentrale Stellung im Œuvre der Bildhauerfamilie Z. einnimmt, da seine Ausführung noch Hans Z. d. Ä. sowie den Brüdern Martin und Michael zugeschrieben wird. Die Gesamtkonzeption schuf der Meister selbst. Das Hauptfeld mit der bühnenartig angeordneten »Anbetung der Hirten« zeigt zwar plastisch ausgeprägte Einzelfiguren, die jedoch aufgrund ihrer dichten Anordnung sowie ihrer Beziehungslosigkeit zum Raum und Vereinzelung innerhalb der figuralen Motive immer noch eher in der mittelalterlichen Tradition verhaftet bleiben als eine bühnenmäßige barocke Wirkung ausüben. Der Kruzifix von Orsingen, um 1620/25, bildet den Abschluß seiner Hauptwerke. Ein Spätwerk hat J.Z. nicht hinterlassen. -
Aufgrund der durch Renaissance-Elemente abgewandelten Spätgotik ist von dem Bildhauer J.Z. eine künstlerische Bewegung ausgegangen, die den Barockstil in der süddeutschen Plastik vorbereitete und durch seine Brüder Martin und Michael ins bayerisch-österreichische Innviertel gebracht wurde.
Werke: Werkverz., in: Claus Zoege von Manteuffel, Die Bildhauerfamilie Z. Bd. 2, 320-358; 362-384. -
Marienaltar, Überlingen, Münster St. Nikolaus, Betz-Kapelle, 1607-1610; Grabstein des Junkers Hans Werner von Reischach (1566-1623), ursprgl. Kloster Petershausen bei Konstanz, Kapelle der Freiherren von Reischach, jetzt Schlatt unter Krähen, Kreis Konstanz, Schloß des Freiherren von Reischach, vollendet 1610; Sakramentshaus, Überlingen, Münster St. Nikolaus, um 1611; Kruzifixus, Heiligenberg, Schloß, Gruftkapelle, um 1613; Entwurfsriß für den Hochaltar im Münster St. Nikolaus zu Überlingen, Überlingen, Städt. Museum, 1613/14; Hochaltar, Überlingen, Münster St. Nikolaus: Predella »Verkündigung an Maria« und Hauptfeld »Anbetung der Hirten«, seitl. die hll. Sylvester und Michael, zw. 1613-1616; Kruzifixus von Orsingen/ Kreis Stockach, Pfk. St. Peter und Paul, um 1620-1625; Kröung Mariae (Relief), Karlsruhe, Badisches Landesmuseum, 1622; Grabstein des Balthasar von Hornstein (1540-1620); Weiterdingen, Pfk. St. Mauritius, um 1626; Grabstein des Hans Erhard von Hornstein (1582-1625), Weiterdingen, Pfk. St. Mauritius, um 1625-1628.
Lit.: Otto Homburger, Eine Kreuzigungsgruppe aus der Werkstatt J.Z.s, in: Fstschr. f. Adolph Goldschmidt, 1923, 91-98; - Ders., Über eine Krönung J.Z.s und verwandte Werke, in: Oberrheinische Kunst 1, 1925/26, 136 ff.; - Emilie Charlotte Wieluner, J.Z., der Meister des Hochaltars im Überlinger Münster (Diss. Frankfurt a. M.), 1926; - Hans Möhle, J.Z. und seine Werkstatt in Überlingen. Ein Beitrag zur Geschichte der dt. Plastik im Zeitalter des werdenden Barock, in: JPKS 51, 1930, 61 ff.; - Wilhelm Boeck, Zur Tätigkeit der Familie Z. in Oberschwaben, in: Z D V f Kw 10, 1943, 81-98; - J.P. Hoppenstedt, J.Z., ein Meister des Frühbarock, in: KSH 49/12, 1951, 455-459; - Adolf Layer, Z. contra Bendel. Urkunden zur Geschichte der oberschwäb. Bildhauer des Frühbarock, in: ZK 6, 1952, 181-186; - Barock am Bodensee-Plastik. Kat. Ausst. Bregenz 1964, 50-60; 63; Nr. 170-198; - Alfons Kasper, Über die Waldseer Bildhauer-Werkstätten der Z., Bendel, Grassender und Reusch, in: Heilige Kunst 1968/69, 5-67; - Claus Zoege von Manteuffel, Die Bildhauerfamilie Z. 1606-1666, 1969, 2 Bde; - Bespr. dazu: Wilhelm Boeck, in: KChr 23, 1970, 255-259; - Ders., Der Überlinger Altar, o.J. (1983); - Die Bildhauerfamilie Z. 1585-1724. Kat. Ausst. Braunau am Inn, 1979; - Johannes Goldner-Wilfried Bahnmüller, Die Familie Z., 1979; - Rudolf W. Litschel, Die Bildhauerfamilie Z. 1585-1724, in: KSH 91, 1979, 245-248; - Franz Mader, Die Bildhauerfamilie Z. 1585-1724. Ausstellung des Landes Oberösterreich in Braunau am Inn, in: Ob Gr 21, 1979, 239; - Reinhard Müller-Mehlis, Die Bildhauerfamilie Z. Ausst. bis 28.10.1979 ehem. Kapuzinerkirche Braunau am Inn, in: WK 49, 1979, 1972 ff.; - TB XXXVI, 587 f.; - LThK X, 1419; - Lex. d. Kunst V, 744.
Harriet Brinkmöller-Gandlau
Letzte Änderung: 09.04.2011