Der Stellenwert von Privatoffenbarungen

Thomas Lintner

Thomas Lintner

Der Stellenwert von Privatoffenbarungen
am Beispiel der "Gospa" von Medjugorje

Rezension

Psychotrip, Teufelsspuk oder Werk des Heiligen Geistes?
Die Ereignisse von Medjugorje in neueren Veröffentlichungen

Während die vorgenannte italienische Publikation eine Fülle von Daten zusammenträgt, ohne diese hinreichend kritisch zu sichten, zeichnet sich das kurzgefaßte, aber inhaltsreiche Werk von Thomas Lintner durch größtmögliche Genauigkeit in der Rekonstruktion der Fakten aus. Der Verfasser, gelernter Jurist, war ursprünglich (nach einer Phase der religiösen Abständigkeit) ein Anhänger von Medjugorje, hat sich dann aber davon distanziert, ohne den Rahmen des katholischen Glaubens zu verlassen (Lintner, S. 7f). Die grundsätzlichen Bemerkungen zu Privatoffenbarungen (S. 8-23) nehmen Abstand von den Auffassungen Rahners und von "parapsychologischen" Erklärungen, die dem Phänomen der gesamtlich rezipierten Marienerscheinungen nicht gerecht werden (S. 9, 11). Hilfreich wäre es gewesen, hätte der Verfasser (wie u. a. schon Thomas von Aquin) die Kategorie des Prophetischen ins Spiel gebracht, das auch über die allgemeine Offenbarung hinaus in der Kirche wirksam ist. Wichtig ist der Hinweis auf die 1978 erstellten Normen der Glaubenskongregation zur Beurteilung zur Privatoffenbarungen (S. 18f), die leider nicht in den Acta Apostolicae Sedis publiziert wurden, in ihrem vollständigen Text schwer zugänglich sind, aber demnächst voraussichtlich in einer Neufassung veröffentlicht werden (vgl. S. 19f) (Der Text, den Lintner nicht zur Gänze erreichen konnte, ist vollständig verfügbar in J. BOUFLET - P. BOUTRY, Un signe dans le ciel. Les apparitions de la Vierge, Grasset: Paris 1997, 396-399. Auszüge u. a. bei S. DE FIORES, Maria Madre di Gesù. Sintesi storico-salvifica, Ed. Dehoniane: Bologna 1992, 351f.) . Problematisch scheinen die von Lintner behaupteten Parallelen zwischen den Ereignissen von Medjugorje und dem Streit um Maria Agreda (S. 16-18), der übrigens bis in gegenwärtige Zeit hineinreicht (bezüglich der Seligsprechung der Visionärin). Hier hätte unbedingt die einschlägige spanische Literatur zumindest erwähnt werden müssen und nicht nur ein deutsches Werk aus dem Jahre 1941, das den Spuren von Eusebius Amort folgt (17. Jh.) (Vgl. etwa E. LLAMAS, La Madre Ágreda y la Mariología del Vaticano II, Kamos: Salamanca 2003, rezensiert in Immaculata Mediatrix 4 (2/2004) 300-303.) . Die Vorzüge der Übersicht von Lintner zeigen sich in der akribischen und um Objektivität bemühten Darstellung der Ereignisse von Medjugorje (S. 23-41). Dabei werden manche Spannungen und Widersprüche deutlich sowohl in den zugänglichen Primärquellen als auch in der einschlägigen Sekundärliteratur. Als Beispiel sei der Weihwassertest am 3. Erscheinungstag erwähnt (26. Juni 1981): nach der gewöhnlichen Darstellung hat die "Gospa" gelächelt, als sie mit geweihtem Wasser besprengt wurde, aber nach einer anderen Version, die auf Befragungen durch einen französischen Forscher zurückgeht, verschwand die "Gospa" und mehrere Seher fühlten sich krank (S. 28). Angesichts der Erfahrung der Kirche mit den Sakramentalien beim Exorzismus ist ein solches Detail in seinem Gewicht nicht zu unterschätzen. Hier bräuchte es eine im guten Sinne historisch-kritische Dokumentation zumindest der ersten 10 Erscheinungstage, die alle verfügbaren Quellen zusammenfaßt und kritisch kommentiert. Eine solche historische Untersuchung fehlt bislang, obwohl die einschlägigen Berichte von Zeljko und Lintner eine gute Vorarbeit leisten. Die gründliche Recherche von Lintner macht betroffen. Hingewiesen wird, ohne unnötige Polemik, auf eine Fülle von problematischen Ereignissen und Aussagen, die selbst Phänomene umfassen, die an Okkultismus und Spiritismus erinnern (S. 58, 90f). Der Verfasser betont zu Recht: "Die Prüfung der Ereignisse muß der Prüfung der Früchte vorangehen" (S. 115). Zu den Ereignissen stellen sich jedenfalls zahlreiche kritische Fragen. Sind aber nicht die Früchte von Medjugorje so großartig, dass die übernatürliche Quelle evident scheint? Lintner behandelt ausführlich das Thema der "Früchte" (S. 109-119) und listet dabei auch eine Reihe von negativen Folgen auf, die hierzulande wenig bekannt sind (S. 116-119). Dem Autor ist leider recht zu geben, wenn er eine "Schweigespirale" im deutschen Sprachraum diagnostiziert (zur Rezeption der Ereignisse bis 2003: S. 100-109): "Die tendenzielle Uninformiertheit der Katholiken über die Wahrheit und die Hintergründe zu Medjugorje ist auch ein Versagen der Theologen des deutschen Sprachraums" (S. 106). Nachdenklich machen die Mahnungen an die Verantwortlichen der Kirche, die oft unangenehme Wahrheit nicht zugunsten pastoraler Erwägungen einzuklammern (S. 121-128).

Einladung zum Erkenntniszuwachs

Das Werk von Lintner ist eine empfehlenswerte Handreichung für alle, die sich zum Thema "Medjugorje" nicht mit frommen Emotionen begnügen wollen, sondern nach der Wahrheit der Ereignisse fragen (Eine Zusammenfassung des Werkes ist soeben erschienen: T. LINTNER, Privatoffenbarungen und die Ereignisse von Medjugorje, in Theologisches 35 (2/2005) 109-122.) . Die neu erschienenen Untersuchungen von Zeljko und Lintner ergänzen sich gegenseitig und bilden einen hervorragenden Anlaß, die Diskussion um die Echtheit der Marienerscheinungen auf ein wissenschaftliches Niveau zu stellen. Um zu allen Punkten historisch und systematisch Stellung zu nehmen, bräuchte es ein eigenes Buch. Deutlich wird auf jeden Fall, dass die gegenwärtige Haltung der Kirche gut begründet ist: "non constat de supernaturalitate". Sollten sich in den "Erscheinungen" selbst eindeutig Elemente finden, die nicht auf der Subjektivität der Seher beruhen und gegen die Ordnung der Kirche verstoßen (dies wäre ein "constat de non supernaturalitate"), so müßte die kirchliche Autorität einschreiten und auch die "privaten" Pilgerfahrten nachdrücklich untersagen (Eine vergleichbare Intervention erfolgte bereits 1995 durch die Glaubenskongregation gegen die spiritistischen "Offenbarungen" der Vassula Ryden, deren seltsame Botschaften unter anderem den Beifall René Laurentins und höchster kirchlicher Würdenträger fanden. Vgl. dazu die Notifikation vom 6.10.1995: AAS 88 (1996) 956f; BOUFLET (2001) (Anm. 6) 555f; F.-M. DERMINE, Vassula Ryden. Indagine critica, Leumann (Torino) 1995. Nach der persönlichen Auffassung von Bischof Peric wäre das Urteil angemessen "constat de non supernaturalitate": vgl. DAVIES (2004) (Anm. 4) 115f.) . Eine Anerkennung der Erscheinungen als Werk des Heiligen Geistes wiederum würde mehr voraussetzen: nicht nur die überzeugende Widerlegung der Bedenken, sondern auch die Beglaubigung durch echte Prophezeiungen und Wunder (insbesondere die Erfüllung des seit 1981 vorausgesagten "großen Zeichens") sowie die Überprüfung der mittlerweile schätzungsweise über 33.000 Erscheinungen (Diese Zahl nach PERIC (2004) (Anm. 5) 192) . In der Kirche sollte es möglich sein, ein solches Thema sachbezogen zu erörtern nach den klassischen Regeln der "Unterscheidung der Geister" (Vgl. dazu im Blick auf Privatoffenbarungen L. VOLKEN, Die Offenbarungen in der Kirche, Innsbruck 1965, 112-208; ZIEGENAUS (Anm. 7); F.-M. DERMINE, Mistici, veggenti e medium. Esperienze dell'aldilà a confronto, Città del Vaticano 2002, 60-83) . Aus der Erkenntnis der Wahrheit sind dann auch die notwendigen Folgen zu ziehen für die Pastoral.

Manfred Hauke, Lugano

in: Sedes Sapientiae, Mariologisches Jahrbuch". April 2005


Copyright © 2005 by Verlag Traugott Bautz